Reportagen

Was die Chinesen können …

Das Schicksal machte es uns an diesem Freitag schwer. Die Autobahn nach Dresden ist hoffnungslos verstopft. Kilometerlange Baustellen, Einengungen von drei auf zwei Fahrspuren. Für viele Zeitgenossen sind das nur schwer lösbare Probleme. Kampf um jeden Meter, den man im Stau vor anderen stehen kann. Wir stehen, und stehen und … Dann wieder geht ein »Ruck« durch den Stau. Man beschleunigt, hält die vorgegebenen 80 Kilometer pro Stunde nicht ein. Geschafft? Nein, nach 100 Metern leuchten die Bremslichter vor uns in dramatischem Rot auf. Da konnten sich ungeduldige Kraftfahrer dem Anschein nach wieder einmal nicht auf das Einordnen nach dem Reißverschlussprinzip einigen. Wir stehen und stehen, zum Teil hochgerüstet mit gigantischen PS-Zahlen, tauglich für schwerstes Gelände, einige Wagen sind vielleicht gar »schwimmfähig«(?) und doch herrscht der Stau. Wieso kennen Ameisen eigentlich keinen Stau? Liegt es an der Intelligenz?

Dann stehen wir, doch hoffnungslos verspätet, vor dem Dresdner Stadtmuseum. Hier wurde an diesem Abend die Ausstellung »Dresdner Porzellan. Mythos – Repräsentation – Inspiration« eröffnet. Frau Dr. Erika Eschebach, die Direktorin des Stadtmuseums, hatte zur Begrüßung gesprochen. Dr. Holger Starke, Kustos am Stadtmuseum, hatte einen langen Vortrag zur Geschichte des Dresdner Porzellans und zur Ausstellungsgestaltung gehalten. Olaf Stoy hatte im Namen der Künstler gedankt. (Seine Rede dürfen wir freundlicherweise im Anhang bringen.) Wir kommen gerade noch rechtzeitig, um zu hören, dass nur eine begrenzte Zahl an Besuchern in die Ausstellungsräume darf. Man möge sich bitte gedulden …

Aber die »Elbzigeuner« musizierten derweil munter und lustig. So hatten wir beim Warten schöne Melodien im Ohr.

Tatsächlich dauerte es geraume Zeit, ehe wir die Ausstellung betreten durften. Eine resolute Dame sorgte dafür, dass nur so viel Besucher eintreten durften, wie … doch keiner drängelt, alle sind diszipliniert. Endlich blickten wir in die heiligen Hallen.

Man konnte kleine Exponate sehen, wie originelle Medaillen …

… oder auch gigantische Vasen (wie groß müssen wohl die Blumen gewesen sein?), die selbst noch in den 1930er Jahren für traditionsbewusste Kunden gefertigt wurden.

Ein Mosaik aus Porzellanscherben (»Scherbenfeld V«) zog die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich. Ob wohl auch Vasenscherben dabei waren?

Früh übt sich … vielleicht ist der kleine Besucher ein künftiger Porzellangestalter?

Dann wird es endlich ruhig. Im Katalog findet man die Geschichte des »Dresdner Porzellans«. Am 2. Oktober 1872 gründete Carl Thieme die Sächsische Porzellan-Fabrik zu Potschappel. (Heute ist Potschappel ein Stadtteil von Freital). 1901 erwarb das Unternehmen den Markennamen »SP Dresden«. Die Geschichte der Sächsischen Porzellan-Fabrik ist mit der wechselvollen Geschichte Sachsens und Deutschlands verknüpft. 1966 wurde der Firmennamen nocheinmal geändert: »Sächsische Porzellan-Manufaktur Dresden«.

1990 geriet das Unternehmen, wie viele andere Unternehmen auch, in Turbulenzen. Einem allzu früh erloschenem »Investoren-Feuerwerk« folgte eine Rettungsaktion aus den Reihen der Mitarbeiter, die aber an mangelndem Eigenkapital scheiterte. Seit 2008 ist das »Unternehmensschiff« wieder in ruhigem Fahrwasser. Der russische Investor Armenak Agababyan übernahm die »Sächsische Porzellan-Manufaktur Dresden«, erschloss neue Märkte und sicherte damit den Erhalt des Unternehmens. Das Gründungsjubiläum der »Sächsischen Porzellan-Manufaktur Dresden«,  das sich am 2. Oktober 2012 zum 140. Male jährt, wird also Anlass für einen optimistischen Ausblick geben. Und da ist er wieder, der Grundsatz von August dem Starken: »Was die Chinesen können, das können wir schon lange.« August vermochte mit seiner absolutistischen Wirtschaftspolitik die Ressourcen Sachsens in breitestem Maße zu erkunden und, als es z.B. die Porzellan-Entwicklung betraf, diese ganz konzentriert einzusetzen. Das ging soweit, dass er persönlich sechs Freiberger Bergleute nach Meißen befahl, die sich mit Brenn- und Schmelzprozesse, Ofenbau u.a. auskannten. Erst die Kombination solchen Fachwissens mit dem Wissen von Johann Böttger und Ehrenfried Walther von Tschirnhaus ermöglichte die Serienproduktion.

Heute, im Zeitalter der Vereinheitlichung und Produktionsverlagerung, bedürfte es wieder solcher Grundsätze. Durch den Erhalt des Standortes der »Sächsischen Porzellan-Manufaktur Dresden« wird die Kompetenz in Porzellan erhalten. Verlagerung ist wie Aufgabe. Wer verlagert, verliert die Kompetenz.

Man kann das Zustandekommen der Ausstellung nicht hoch genug schätzen. Es gilt deshalb der »Sächsischen Porzellan-Manufaktur Dresden« zu danken, ebenso dem »Verein Dresdener Porzellankunst e. V.« und dem Stadtmuseum Dresden.

Johannes Eichenthal

 

Anhang

Die Ausstellung im Dresdner Stadtmuseum ist noch bis zum 14. Oktober 2012 zu sehen.

Katalog zur Ausstellung

Eschebach, Erika/Starke, Holger (Hrsg.): Dresdner Porzellan. Mythos – Repräsentation – Inspiration. Dresden 2012. 96 S., Engl. Broschur, zahlreiche Abbildungen, VP 14,90 €

ISBN 978-3-941843-13-4

www.stmd.de

 

Olaf Stoy:  Statement zur Eröffnung der Ausstellung »Dresdner Porzellan. Mythos – Repräsentation – Inspiration«

am 6.7.2012 im Stadtmuseum Dresden

 

10 Jahre Verein Dresdner Porzellankunst:

Gegründet im Jahr 2001 aus einer Notwendigkeit heraus. Der Notwendigkeit einen in den neunziger Jahren von der Sächsischen Porzellan-Manufaktur Dresden beschrittenen Weg, mit anderen Mitteln weiter zu gehen. Das Ziel: die Erforschung der Geschichte des Dresdner Porzellans und die Förderung zeitgenössischer Porzellankunst.

 

10 Jahre Leben mit Porzellan,

10 Jahre Engagement und Hingabe,

10 Jahre Partnerschaft mit einer inzwischen 140jährigen Manufaktur,

10 Jahre Symposien, Workshops und Kurse,

10 Jahre Arbeit mit Künstlern, Gestaltern, Laien und Profis,

10 Jahre Gips, Schlicker, Glasur und hohe Temperaturen,

10 Jahre Erlebnisse, Erfahrungen, Erfolge und Misserfolge,

10 Jahre Unterstützung von Sponsoren, Freunden und Helfern,

Summa summarum

10 Jahre die gefeiert werden müssen!

 

Die heute zu eröffnende Ausstellung sehe ich als Feier, als Feier von Kreativität, Handwerk und Kunst.

Denn zur Porzellankunst gehört die Beherrschung des Handwerks, genauso wie Imagination und Inspiration.

Man muss lernen mit dem Material zu denken, seine Sensibilität zu respektieren und mitunter seine Sturheit zu überrumpeln. Porzellan kann man seinen Willen nicht aufzwingen, im Umgang mit ihm muss man Geduld und Demut lernen. Was entstehen kann, wenn man aus dieser Grundhaltung heraus handelt, wird in unserer Ausstellung gezeigt.

Im Kontext zu ausgewählten historischen Stücken, Medaillen und Schachspielen, werden fünf Künstler mit ganz unterschiedlichen künstlerischen Erfahrungen, Grundsätzen und Herangehensweisen vorgestellt. Das wird polarisieren, das wird (hoffentlich) provozieren, das wird überraschen und vielleicht eine neue Haltung zum Porzellan an sich herbeiführen. Wenn ja, dann entspräche dies der Philosophie des Vereins Dresdner Porzellankunst.

Wichtig ist es uns Möglichkeiten aufzuzeigen. Und dies fernab von kommerziellen Beweggründen und modischen Mätzchen, sondern als Abenteuer das man mit einem der interessantesten, keramischen Materialien überhaupt erleben kann. Wer schon einmal die Aufregung vorm Öffnen des Ofens gespürt hat, und wer den Moment nachfühlen kann in dem man zum ersten Mal sein eigenes Werk frisch gebrannt, hart, transluzent, glänzend und klingend in den Händen hält, der weiß von der Euphorie solcher Momente.

Auch Ihnen wünsche ich bei der Betrachtung unserer Ausstellung euphorische Momente.

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One thought on “Was die Chinesen können …

  1. »Was die Chinesen können, das können wir schon lange.« – Sicher, man muß nur drauf kommen,…..
    “ Verlagerung ist wie Aufgabe. Wer verlagert, verliert die Kompetenz.“ – ganz sicher – und dem geht es auch nicht um Kompetenz – Können(?!) – sondern um den den schnöden Mammon! Nicht um „Dresdner Porzellankunst.“!
    Danke JoE!

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