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Neue Horizonte

Im Jahre 1988 erschien im Leipziger Reclam-Verlag ein Buch von Thomas Rietzschel mit dem Titel »Theodor Däubler«. Es habe eine Lebensbeschreibung versucht, betont der Autor. Diese gelang ohne Zweifel. Rietzschel kombinierte historische Fakten mit Auszügen aus Texten Däublers, wie auch von Freunden des Dichters und von Zeitzeugen. Wichtige Abbildungen machten das Leben dieses Dichters, der 1876 in der österreichischen Hafenstadt Triest geboren wurde und am 13. Juni im Schwarzwald verstarb, sinnlich fassbar.

Der Leser wurde in den letzten Jahrzehnten mit Däubler-Neuausgaben nicht verwöhnt. 1980 war ein kleines, liebevoll ausgestattetes Bändchen von Theodor Däubler im Leipzig/Weimarer Kiepenheuer-Verlag erschienen: »Der neue Standpunkt. Zur Kunst des Expressionismus.« Der erste Satz des eigenwilligen Bohemien Däubler, dem die Grandezza eines Fürsten nachgesagt wurde, lautet: »Stil ist Schicksal: wir können unseren Stil nicht selber wählen«.

In diesem Jahr veröffentlichte der Aisthesis-Verlag in Bielefeld eine Studie mit dem Titel »‹Nordlichter›. Theodor Däubler im Werk Arno Schmidts« von Ulrich Klappstein (Jahrgang 1952).

In der Einleitung konstatiert Klappstein, dass sich Arno Schmidt nahezu sein Leben lang mit dem vergessenen Werk Däublers beschäftigte. Aber anders als im Falle Karl May, vermochten die Schmidtʼschen Bemühungen für Däubler keinen Impuls für eine Neurezeption auszulösen.

In einem ersten Teil versucht der Autor dem Leser wichtige Lebensstationen Däublers nahe zu bringen. Namen von Däublers Freunden tauchen auf. 1921/22 erschien eine zweibändige Ausgabe von Däublers Hauptwerk »Nordlicht« im renommierten Leipziger Insel-Verlag. Ein Aufruf zur Gründung einer Däubler-Gesellschaft wird von Ernst Barlach, Gerhart Hauptmann, Oskar Kokoschka, Thomas Mann, Richard Strauß und Carl Schmitt unterzeichnet. Däubler wurde 1927 zum Mitglied der Preußischen Akademie der Künste berufen, tritt in den deutschen PEN ein und wird sogleich zum Vizepräsidenten gewählt. 1934 stirbt er im Alter von nur 57 Jahren.

Ulrich Klappstein lässt Erläuterungen zum »Nordlichtmythos« und zu wichtigen Quellen Däublers (Görres, Fourier, Proudhon, Bachofen, Gross) folgen, ehe er minutiös und mit umfangreichen Fußnoten die Däubler-Rezeption Arno Schmidts lesbar macht. Das Kapitel endet etwas abrupt. Wir sind verstört. Mit dem Einblick in das Leben und Werk Däublers eröffnete uns der Autor einen Blick in eine fremde Welt, die schon 1918 und noch viel mehr 1945 dem Publikum kaum noch verstehbar war. Doch allein die Namen befreundeter und rezipierter Autoren, die heute in gegensätzliche »Schubladen« eingeordnet werden zeigen, dass es vor dem Ersten Weltkrieg Intellektuelle mit einer kulturell geprägten Europa-Bildung gab. In den 1920er Jahren versuchte diese Strömung den Schaden, den die europäischen Machteliten mit dem Weltkrieg angerichtet hatten, zu beheben. Aber schon stand die nächste Katastrophe an, die die Machteliten in ihrem Streben nach Weltherrschaft, Rohstoffvorkommen und der Reduktion des Lebenssinnes auf maximale Gewinne hervorbrachten.

Insofern ist das Bemühen von Arno Schmidt um eine Aktivierung des Däublerschen Erbes kaum zu überschätzen. Dem Autor und dem Verlag ist zu danken.

 

Information

Ulrich Klappstein: Nordlichter. Theodor Däubler im Werk Arno Schmidts. Aisthesis-Verlag, Bielefeld 2012. ISBN 978-3-89528-926-2

 

Im Bielefelder Aisthesis-Verlag erschien 2012 auch das Jahrbuch der internationalen Georg-Lukács-Gesellschaft 2012/2013. Frank Benseler und Rüdiger Dannemann gehen im Vorwort auf den Geburtstag von Lukács ein, der sich 2010 zum 125. Male jährte. Die Autoren erinnern an die Festschrift zum 70. Geburtstag Lukács im Jahre 1955, die im Berliner Aufbau-Verlag erschien; an die Festschrift von 1965, die Frank Benseler herausgab; an Tagungen zum 100. Geburtstag des Jubilars im Jahre 1985, und spannen den Bogen bis zur Tagung zum 125. Geburtstag, die 2010 in Berlin veranstaltet wurde.

In knappen Worten geben beide Autoren wichtige Namen und Beiträge der Diskussion um die »Aktualität« von G.L. wieder. Im Jahrbuch finden sich dann auch einige Namen und Themen wieder: Axel Honneth, Michael J. Thompson, Konstantinos Kavoulakos, Frank Engster, Guido Oldrini. Tom Rockmore, Hans-Christoph Rauh, Frieder-Otto Wolf, Ágnes Heller, Christoph Henning, Dieter Schiller, Gábor Gángó, Volker Caysa, Udo Tietz, Denis Maier, Erich Hahn, Jürgen Meier und Stefan Bollinger.

Man kann sich darüber streiten, ob Lukács jemals »aktuell« war oder nicht doch immer »unzeitgemäß«? Auf jeden Fall eröffnet uns das Werk des Jubilars einen Zugang zu einer weiten Literaturauffassung. Lukács geht vom Zusammenhang von Literatur und Philosophie aus. Wenn wir das Werk von Ernst Bloch bedenken, dann kommt die Religiosität dazu. So eröffnen uns Lukács und Bloch einem neuen Horizont.

Streng genommen ist er nicht ganz neu. Die Philosophie hatte sich im 18. und 19. Jahrhundert mit den Ideen des »reinen Denkens«, der »reinen Vernunft«, des »absoluten Geist« selbst auf Vernunft reduziert. Doch ohne die Einbeziehung von Poesie und Religiosität ist Weisheit schlechthin nicht zu erlangen.Vernunft allein reicht nicht. Das könnte man übrigens auch bei Theodor Däubler nachlesen.

Mein Chef würde an dieser Stelle darauf verweisen, dass Lukács und Bloch zwar Johann Gottfried Herder lobten, aber nie ernsthafte Herder-Studien erkennen ließen. Doch die Richtung stimmt, die uns diese beiden 125-Jährigen weisen. Insofern muss man den rührigen Herausgebern und den Verlegern des Jahrbuches danken.

 

Information

Frank Benseler/Rüdiger Dannemann: Lukács 2012/2013. Jahrbuch der Internationalen Georg-Lukács-Gesellschaft. Aisthesis-Verlag, Bielefeld 2012. ISBN 978-3-89528-896-8

 

Ja, das Stichwort »Johann Gottfried Herder«. Eben erschien auch das neue Jahrbuch der Internationalen Herder-Gesellschaft.

Marion Heinz und Heinrich Clairmont erinnern an den 2009 verstorbenen Hans-Dietrich Irmscher, den Nestor der westdeutschen Herder-Forschung. Ausführlich gehen die Autoren auf die Lebensleistung Irmschers ein. Zudem stellen sie Verbindungen zu heutigen Forschungsfragen her. Insofern verwandeln die Autoren den Nachruf in ein Geleitwort für das vorliegende Jahrbuch.

Unter den Beiträgen fallen die der berühmten Herder-Forscher Günter Arnold und Wolfgang Pross ins Auge. Zudem finden wir Artikel von Karl J. Fink, Dirk Uhlmann, Christian Weidenfeld, Ulrike Wagner, Christoph Schmitt-Maas.

Wolfram Wojtecki zeichnet für die Herder-Bibliographie 2010/11 verantwortlich. (Hier finden wir auch die Einführung in Leben und Werk des Herder-Schülers Gotthilf Heinrich Schubert »G.H. Schubert: ein anderer Humboldt« verzeichnet.)

Dokumentationen und Rezensionen schließen den Band ab.

Johannes Eichenthal

 

Information

Rainer Godel/Karl Menges (Hrsg.): Herder Jahrbuch. Synchron Verlag, Heidelberg 2012; ISBN 978-3-939381-51-8

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