Reportagen

Liebe zur Weisheit in Schwarzenberg

Der 2. Oktober war ein kühler sonniger Herbsttag. Aber schon bei der Auffahrt auf die Bundesautobahn 72 geriet man in einen kilometerlangen Stau, der sich nach Passieren der Unfallstelle aber rasch auflöste. Unserer Erleichterung wurde aber gebremst, denn auf der Gegenfahrbahn bildete sich nach einem Unfall mit mehrere Fahrzeugen ein mindestens ebenso großer Stau. Vor Feiertagen sind die Menschen dem Anschein nach besonders nervös. Wir hatten aber Glück und kamen noch pünktlich in die Schwarzenberger Buchhandlung Bücherwelt. Dort warteten schon anderer Hörer auf Andreas Eichler, der dieses Mal in letzter Minute erschien. Fast wäre er zu spät gekommen.

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Buchhändler Michael Schneider begrüßte seine jungen Gäste. (Der Autor war nahezu der Älteste in der Runde.) Wie bei Symposien im alten Griechenland üblich, schenkte der Gastgeber seinen besten Wein aus. Im Unterschied zur Antike war es aber keine reine Männerrunde, im Gegenteil, die Männer waren hier deutlich in der Minderheit.
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Ich hatte mich auf einen langweiligen Vortrag eingestellt. Aber Andreas Eichler las aus seinem Buch mit dem etwas gewöhnungsbedürftigen Titel »Innokonservation«. Ich kenne ja den Text nun langsam, einige Zuhörer signalisierten ebenfalls, dass sie den Text auch schon kannten. Dennoch hörten alle entspannt zu, wie Eichler einen älteren Buchliebhaber, der Konservative, der Bewahrer, auf der Buchmesse in Wien mit einem jungen Computerspezialisten, dem Innovativen, dem Erneurer,  zusammentreffen lässt.

Ich zweifle zwar daran, dass in solch einem Getümmel eine philosophische Diskussion überhaupt stattfinden kann, doch wenn ich meine Einwände bringe, wiegelt Eichler immer nur ab: Es hätte so gewesen sein können sei das Thema der Literatur. Naja. Jedenfalls reden die beiden angeblich über die immer unüberschaubar werdende Zahl der jährlichen Buchneuerscheinungen, den Neuigkeitswahn unserer Zeit, das so genannte Elektronische Buch, über den Bericht des Club of Rome, über Computerprognosen, den 3-D-Drucker, das Building Information Modelling und, und, und …

Der Dialog zwischem dem Bewahrer und dem Erneuerer hat am Ende keinen Sieger. Beide, der Ältere und der Jüngere, lernten voneinander.

Eichler meinte dann auch, dass wir in der Jugend in der Regel radikale Erneuerer sind und im Alter konservative Bewahrer werden. Doch weder Erneuern noch Bewahren, weder Innovation noch Konservation könnten für sich allein stehen, wenn sie etwas beirken wollten. Um Erstarrung und Stillstand zu vermeiden bedürfe es der Durchdringung der Gegensätze in einem Dritten: der Innokonservation.

Das Bewahren der tradierten Regeln und Grundsätze sei nicht ohne Anwendung möglich. Anwendung sei aber nicht ohne Veränderung, nicht ohne Erneuerung zu haben.
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Tatsächlich gab es eine Diskussion. Man kam auf »Gott und die Welt«. Andreas Eichler erläuterte zusammenfassend seine Voraussetzungen. Die akademische Philosophie sei heute von Verfahrenszwängen bestimmt. Komplexität werde mit terminologischer und logistischer Überkompliziertheit behandelt, so dass es dem Nicht-Berufsphilosophen kalt den Rücken herunterlaufe. Dessen ungeachtet stecke in jedem Menschen ein Philosoph. Philosophie müsse man, gemäß der etymologischen Bedeutung des Wortes, als »Liebe zur Weisheit« ernst nehmen. Liebe sei aber nicht mit Besitzergreifen vereinbar. Wir können nur  das lieben, was wir nicht bsitzen. Liebe zur Weisheit könne man so als ewiges Streben verstehen. Wer glaube, Weisheit zu besitzen, der könne sicher sein, dass er sie nicht habe. Das Wort »Metaphysik« sei unglücklich gewählt, reduziere Philosophie auf  Vernunft. Weisheit schließe dagegen den Gegensatz von Vernunft und Glauben ein. Hier, wir hatten es lange befürchtet, zitierte er Johann Gottfried Herder: Glauben und Vernunft sind die beiden Säulen der Humanität.
Der Gegensatz von Glauben und Vernunft wirke, so Eichler, auch als Korrektiv. Glaube ohne Vernunft wie Vernunft ohne Glaube gerierten zur Sekten-Ideologie. (Hier brachte er nicht, wie sonst, dass Herder Zitat: Die größten Feinde der Philosophie sind die Sekten der Mathematiker und der Theologen.)
Aber, so fügte Eichler an, Weisheit könne man nicht in allgemeine Regeln fassen und auch nicht lehren. Der einzelne Mensch könne sich durch Lebenserfahrung und Aneignung der Tradition Voraussetzungen schaffen, die er unter den Bedingungen, unter denen er lebe, anwenden müsse. Insofern habe jeder verständige Mensch seine eigene, seine individuelle Weisheit, seine eigene Philosophie. Allerdings bedinge echte Weisheit auch Demut, d.h. die Einsicht, dass wir unsere Existenz nicht uns selbst verdanken. Die Demut, hier zitierte Eichler Salomo, sei der Anfang der Weisheit. Also nicht die Weisheit selbst aber der Anfang.

 

Kommentar

Ich wunderte mich die ganze Zeit, dass die jungen Leute ernsthaft solche schwierigen Themen diskutierten. Erst nach mehr als zwei Stunden löste sich der Kreis auf. Niemand bezweifelte die Ausgangsthese von Eichler, dass jeder Mensch seine eigene Philosophie habe. Wenn das so wäre, dann brauchten wir ja die ganze schöne bunte Lebenshilfe-Ratgeber-Literatur nicht mehr. Auch die »philosophischen« Edel-Ratgeber, die Anleitungen zur »Lebenskunst«, die wären dann überflüssig. Aber wer kann denn den Weg weisen zum Ausgang der Menschen aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit? Nur die richtigen Vormünder! Wo kommen wir denn hin, wenn die Menschen ohne Anleitungen von Vormündern leben wollen?
Johannes Eichenthal

 

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Der unentwegt aktive Buchhändler Michael Schneider dankte Andreas Eichler am Ende für seine Lesung in der Buchhandlung.

Gleichzeitig lud er zur nächsten Veranstaltung ein:

Die Bücherwelt Schwarzenberg lädt am 15. Oktober 2013, um 19.30 Uhr im Ring-Kino Schwarzenberg zur Lesung von Andreas Eschbach aus seinem neuen Thriller »Todesengel« ein.
www.buecherwelt-szb.de

Information

Andreas Eichler: Innokonservation – Erneuern und Bewahren
14,0 × 20,5 cm, 52 Seiten, fester Einband, Fadenbindung, Lesebändchen
10 Kalligraphien von Birgit Eichler
VP 19,00 €
ISBN 978-3-937654-46-1

Der Autor lässt seine beiden Helden im Getümmel einer Buchmesse in einen philosophischen Dialog über das Verhältnis der Gegensätze Erneuern und Bewahren treten. Dabei werden sowohl der vorherrschende Neuigkeitswahn wie auch dessen Gegenteil, der im Mantel des Konservatismus wandelnde Traditionalismus an ihrem Anspruch gemessen und für zu leicht befunden. Der Dialog, den der Autor im Herderschen und Wielandschen Sinne nicht didaktisch, sondern offen führt, vermittelt eine Ahnung davon, dass sich die Gegensätze Erneuern und Bewahren zugleich wechselseitig bedingen, dass es also nicht um ein Entweder-Oder, sondern nur um das Finden eines Maßverhältnisses gehen kann.

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