Essay

Johann Gottfried Herder zum 210. Todestag

Im Sommer 2013 erschien ein Dokumentationsband über eine Tagung zur »Metakritik zur ‹Kritik der reinen Vernunft›« die Johann Gottfried Herder im Jahre 1799 im Verlag Hartknoch in Leipzig veröffentlichte. Die Tagung hatte vom 10. bis zum 12. Juli 2009 an der Universität Siegen stattgefunden.
Johann Gottfried Herder, der am 25. August 1744 geboren wurde, verstarb am 18. Dezember 1803. Sein Todestag jährte sich also zum 210. Male, ohne dass dies in den überregionalen Feuilletons einer Erwähnung wert gewesen wäre. Dem Anschein nach ist Herder heute in seinem Heimatland nahezu vergessen. Doch Herders Werk wirkte einst weit ins 19. Jahrhundert bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein. Seine Texte waren so selbstverständliches Bildungsgut, dass die Abschreiber die Quellenangaben nicht für nötig erachteten.
Gerechterweise muss man sagen, dass Herder, der auch Bildung von »Schulen« in der Wissenschaft als hinderlich ansah, auf diese Weise wirken wollte.
Doch am Ende des 20. Jahrhunderts verbreitete sich zunehmend eine Unkenntnis von Herder-Texten in der akademischen Philosophie.

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Herder-Tagung in Siegen

Es ist Prof. Marion Heinz nicht hoch genug anzurechnen, dass sie gemeinsam mit Prof. Angelica Nuzzo Herders »Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft« im Jahre 2009 in den Mittelpunkt einer wissenschaftlichen Tagung stellte. Nun liegt 2013 dank des Frommann-Holzboog-Verlages auch die Dokumentation der Tagungsbeiträge vor.
Man kann die Beiträge zunächst in zwei Gruppen einteilen: eine Gruppe folgt dem seit mehr als 200 Jahren üblichem Duktus, der davon ausgeht, Herder habe seinen einstigen Lehrer Kant nicht verstanden und seine Kant-Kritik sei nur ein Resultat dieses Nicht-Verstehens. Zu den Verfechtern gehörten dem Anschein nach auf dieser Tagung (in der Reihenfolge der Tagungsbeiträge): Martin Bondelli, Andreas Arndt und Manfred Baum.
Die andere Gruppe versucht das tradierte Schema in Zweifel zu ziehen und einen neuen Zugang zur Herder-Kant-Kontroverse zu erschließen. Zu den Vertretern dieser Gruppe gehörten im Tagungsband dem Anschein nach: Angelica Nuzzo, Petra Lohmann, Violetta Stolz, Pierluigi Valenza, Marion Heinz, Markus Buntfuß, Rainer Wisbert und Günter Zöller.
Oswald Bayer, dessen wichtiger Artikel nachträglich in den Band aufgenommen wurde, geht leider hier ausschließlich auf Herders anderen Königsberger Lehrer Johann Georg Hamann ein. Bayer dokumentiert nüchtern, dass es für Hamann keine »reine Vernunft« geben kann, dass Vernunft den inneren Zusammenhang unserer Sinneseindrücke herstellt und immer an Sprache gebunden ist.
Die für uns anregendsten Beiträge kamen aus der zweiten Gruppe: von Petra Lohmann, einer Architektin, Oswald Bayer, einem Theologen und von Markus Buntfuß, ebenfalls ein Theologe.
Die inhaltliche Kontroverse kulminierte auf dieser Tagung in Siegen in dem Beitrag von Andreas Arndt, Professor an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Präsident der Hegel- und der Schleiermacher-Gesellschaft und in den letzten beiden Jahrzehnten als philosophie-historischer Editor hervorgetreten, und Marion Heinz, Philosophie-Professorin an der Universität Siegen und Autorin zahlreicher Publikationen zum Werk von Johann Gottfried Herder.
Die Tagungsregie hatte für den 11. Juli 2009 zunächst den Auftritt von Andreas Arndt und unmittelbar darauf von Marion Heinz vorgesehen.
Andreas Arndt stellt seinen Beitrag unter den Titel: »Herders Kritik der transzendentalen Dialektik«. Er macht aus seiner Geringschätzung der Leistung Herders keinen Hehl.
Leider setzt Arndt seine glänzenden hermeneutischen Fähigkeiten, die er als Herausgeber wohl auch haben muss, hier nur sehr sparsam ein. Die Herdersche Gleichsetzung der von Kant erfundenen Terminologie mit Sophistik verleitet Arndt dazu, Herder die Kenntnis von Dialektik abzusprechen: »Die Dialektik ist also für Herder kein Thema, weil er sie überhaupt mit sophistischer Rhetorik gleichsetzt.« (Tagungsband S.153)
Hier hätte Arndt wohl besser mindestens drei Aspekte unterschieden: Erstens war Herders Kritik an Kants Bruch mit der tradierten Terminologie und seine Erfindung einer neuen Terminologie grundsätzlicher Art, weil sie die öffentliche Diskussion erschwerte. Zweitens die Tatsache, dass Kant entgegen seiner Ankündigung die Mittel der »alten Logik« doch zur Erkenntnis neuer Zusammenhänge zu nutzen versuchte, obwohl man mit dieser Logik nur die Folgerichtigkeit der Ableitung bereits erkannter Einsichten verwenden kann. Insofern ist jedes System und jeder »Beweis« dieser Art von Logik »unvollständig«. Zudem sind die Mittel dieser »Logik« selbst Ursache für »Antinomien«, weil man damit auch die »Richtigkeit« gegensätzlicher Annahmen »beweisen« kann. Kant machte dem Leser Glauben, dass er »Wahrheit« beweise, obwohl er nur seine Annahmen folgerichtig ableitete. Eben dieses Verfahren ist für Herder »Sophistik«.
Herder hatte in seinen Abendvorträgen, die er im Frühjahr 1799 vor seinem Sohn Emil und dessen Freund Gotthilf Heinrich Schubert hielt, konstatiert, dass wir Menschen immer nach einem »Ganzen« streben, ein Ganzes »konstruieren«. Er unterscheidet das »historische Ganze« (1. Nach Zeit und Aufeinanderfolge geordnet, 2. erdichtete Ganze), das philosophische Ganze (1. Logik – welche uns die Denkweise unserer Seele nach allen ihren Gesetzen kennen lehrt. , 2. Aesthetik, 3. Moral) und das Mathematische Ganze (unfehlbar, weil sie das Ganze, ohne auf Qualität und Zeitmaß Rücksicht zu nehmen, bloß von Seiten der Quantität betrachten).
Die »Unvollständigkeit« von Systemen der mathematischen Logik war Herder bereits klar. Seine Logik-Vorstellung geht auf den Zusammenhang von Sinnen, Vernunft und Sprache in Richtung einer poetischen Logik oder Semiotik.
Und Drittens, wenn man das Herdersche Werk auch nur oberflächlich kennt, weiß man, dass Herder ein Denker der Gegensätze ist. Gerade auf diesem Punkt können ihm ja manche eng orientierte Fachwissenschaftler bis heute nicht folgen. Wenn Herder von deutscher Nationalliteratur spricht, dann ist diese für ihn immer gleichzeitig ein Moment der inter-nationalen Literatur. Herder schätzt, das Besondere und die Individualität, die aber immer zusammen mit Ihrem Gegenteil, dem Allgemeinen gedacht wird. Wir sind als Menschen Individuen, verdanken aber unsere Existenz einem Allgemeinen.
Andreas Arndt lässt sich jedoch zu einer weiteren Äußerung hinreißen: »Es ist die Konzeption des Begriffes und damit des ganzen begreifenden Denkens, die Herder und Kant trennt und ihn dazu bringt, die transzendentale Dialektik zu verwerfen.« (S. 156)
Wer Herders »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit« auch nur durchgeblättert hat, der ahnt, dass Hegel Herder in Sachen Begriff näher war als Kant. Zudem haben nach Hegelschem Maßstab Kants »Begriffe« (»Begriffe«, dass es einem kalt den Rücken herunterläuft) nur den Status allgemeiner Vorstellungen.
In den »Ideen« entwickelte Herder den Begriff der »Humanität/Kultur«, einerseits deduktiv, ausgehend von der Natur, als »vermenschlichte Natur«, und induktiv als naturalisierten Menschen. Die »Definition« des wissenschaftlichen Begriffes »Humanität/Kultur« entwickelt Herder über 800 Seiten, und die »Ideen« bleiben dabei sogar noch unvollendet. Deduktion und Induktion praktiziert Herder gleichzeitig als philosophisches Differenzieren. Vor Herder verwendete Benedikt Spinoza in seiner »Ethik« und nach Herder praktizierten u.a. Georg Friedrich Wilhelm Hegel in seiner »Wissenschaft der Logik« und Karl Marx in »Das Kapital. Zur Kritik der politischen Ökonomie.« diese Methode.
Man hat am Ende den Eindruck, dass Arndt Hegels Errungenschaften auf Kant zurückprojezieren muss, um Herders Kant-Kritik abwerten zu können.

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Marion Heinz stellt ihren Artikel unter die Überschrift »Vernunft ist nur Eine. Untersuchung zur Vernunftkonzeption in Herders Metakritik.« Sie geht auf Teile des Herderschen Gesamtwerkes und damit auf die Vorgeschichte der Herderschen Kant-Kritik von 1799 ein. Sie versucht das Philosophie-Verständnis Herders aus der Sicht heutiger akademischer Philosophie zu verdeutlichen. Aber eine konkrete Auseinandersetzung mit den Argumenten von Andreas Arndt gelingt ihr nicht. Ihr Fazit im letzten Satz ist dann auch einerseits resignativ und andererseits abstrakt: »Die Einwände Kants gegen die dogmatische Metaphysik kann der Metakritiker nicht nur nicht entkräften, die von Kant massiv kritisierte Begriffslogik von Leibniz bis Wolff bildet in Verbindung mit einem spinozistischen Substanzmonismus das Fundament von Herders in vielen Zügen auf Hegels Philosophie der absoluten Idee vorausweisenden Programmatik einer rationalistischen Lebensphilosophie.« (S. 194)
Es ist richtig, dass Hegel sich im Herderschen Werk bediente. Aber Hegel vermag das Werk Herders nur punktuell fortzusetzen. Hier wird deutlich, dass die heutige, sich auf Kant und Hegel stützende akademische Philosophie, selbst bei gutem Willen, keinen wirklichen Zugang zum philosophischen Werk Herders findet.

Herders Protestantismus

Im Tagungsbeitrag von Markus Buntfuß wurde ein wichtiger Aspekt in den Mittelpunkt gestellt, den die beiden Hauptkontrahenten nicht berücksichtigten: Herder verstand seine Metakritik als Protestantismus, als Ablehnung eines »Satzungspapsttums« durch Kant.
Günter Arnold hatte 1983 in einem Vortrag zum Luther-Jubiläum auf die Bedeutung der Luther-Rezeption für das Herdersche Werk verwiesen. Im protestantischen Anspruch eines unmittelbaren Verhältnisses zu Gott, ohne Dazwischentreten einer Kirchenhierarchie, sah Herder ein wichtigste Moment der Reformation.
Arnold verwies in den Anmerkungen zu Bd. 10 der Frankfurter Werke-Ausgabe Herders, in dem wesentliche Teile aus dem Zeitschriftenprojekt »Adrastea« veröffentlicht sind, auf eine Denkschrift des Eisenacher Oberkonsistoriums von 1794, in dem die aufgeklärte Theologie an der Universität Jena bezichtigt wird, »neben anderen Verfassung umwälzenden Sätzen auch die Lehren christlicher Religion zu untergraben, wohl wissend, daß ein solches die erste Stütze aller Thronen und Staatsverfassung sei.« (FHA, Bd. 10, S. 974) Herder wies in einem Gutachten diesen Vorwurf dogmatischer Geistlicher zurück und machte vielmehr den Unglauben der Obrigkeit für den Verfall der Religion verantwortlich.
Tatsächlich war die Zeit der Jahrhundertwende um 1800 von tiefgreifenden Veränderungen geprägt. Zugleich kamen Hoffnungen, Befürchtungen, Ängste und Illusionen der Menschen auf. Was würde das neue Jahrhundert bringen?
Herder versuchte in seinem Zeitschriftenprojekt »Adrastea« zwischen 1801 und 1803 eine Verbindung von Retrospektive auf das 18. Jahrhundert und Perspektive auf das 19. Jahrhundert. Es lag in der Natur der Sache, dass er zu diesem Zweck auch seine eigenen Ideen zusammenfassen musste. Wir finden in der »Adrastea« also eine Art von geistigem Lebensfazit Herders, dessen Eigenheit auch darin bestand, dass er seine Texte ständig überarbeitete. Sein ganzes Denken war im Fluss. Manche Leser sind enttäuscht, weil man Herders Denken nicht bequem als »Anleitung zum Leben als Kunstwerk« oder »Anleitung zum Glück«, »schwarz-auf-weiß« erwerben kann. Ist vielleicht ein Verstehen von Herders Texten unmöglich? Nein. Günter Arnold entwickelte in seinen Arbeiten zur Edition des Briefwechsels von Johann Gottfried Herder eine spezielle Form des Kommentierens. Er vermag es, alle Schriften Herders in ihrer historischen Genese, im Zusammenhang mit allen anderen Texten und gleichzeitig unter den besonderen historischen Umstände zu betrachten, unter denen die einzelnen Schriften entstanden (Texte von Zeitgenossen, politische und soziale Entwicklung usw.). So ist es Günter Arnold möglich, über die Buchstaben hinaus den Geist des Herderschen Werke zu erschließen. Er kann konkret verstehen und erklären, welche Form die Herderschen Gedanken in konkreten Situationen annahmen.
Die »Adrastea-Aufsätze« sind nach Arnolds Einleitung in den Kommentar von Band 10 der Frankfurter Ausgabe von Herders Werken eine Art von Schlüssel für das Verstehen des inneren Baues, der »Anatomie« des Herderschen Gesamtwerkes.

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Was ist Kritik?

Ein Schwerpunktaspekt in der »Adrastea« war für Herder der inflationäre und einseitige Gebrauch des Wortes »Kritik«. Immanuel Kant hatte in seinem Beitrag zur Diskussion »Was ist Aufklärung?« geschrieben, dass man in einem Zeitalter der Kritik lebe. Alles müsse sich der Kritik »unterwerfen«. Kant erfand eine »kritische Philosophie« und titelte die Vorarbeit für eine »Metaphysik der Natur«, die allerdings nie erschien, mit »Kritik der reinen Vernunft«.
Herder führt dagegen in der »Adrastea« an, dass man am Anfang des 18. Jahrhunderts ein anderes Verständnis von »Kritik« hatte: »die Wissenschaft und Kunst, Schriften, insonderheit älterer Zeiten und fremder Sprachen genau zu verstehen und zu beurteilen: denn Kritik heißt Kunst der Beurteilung.« (FHA 10/724) In der Folge wird deutlich, dass Herder unter Kritik eine Verbindung von Hermeneutik und Weiterdenken verstand: »Eine Sagazität, Autoren und Zeiten zu unterscheiden, diese also zu kennen, im Geist eines Autors zu wohnen, seine Sprachweise sich eigen gemacht zu haben, Plan und Zweck seines  Werks aus dessen eigner Seele gleichsam unterrichtet zu sein« (10/725)

Aus der Sicht Herders war bereits der Titel »Kritik der reinen Vernunft« tautologisch. Er sah Vernunft nicht als einzelne Kraft, sondern als Gesamtheit aller Kräfte, als Richtung aller menschlichen Kräfte an. Im Kern, so Herder, ist Vernunft das Vermögen aus unseren Fehlern zu lernen. Eine »Kritik« dieser Disposition der menschlichen Natur aus Fehlern lernen zu können war für ihn unsinnig: »Ein Vermögen der menschlichen Natur kritisiert man nicht …«
Insofern war eine »Metakritik« dieser »Kritik« für Herder eigentlich eine vergebliche Mühe.
Weil aber die Jenaer Frühromantiker den Kritiker-Habitus Kants instrumentalisierten, und wie Kant einen Bruch mit der Tradition proklamierten, entschloss sich Herder gegen seine eigenen Grundsätze zu dieser »Metakritik«. Er konnte mit dem Resultat selbst nicht zufrieden sei. Die Auseinandersetzung nannte er »unselig«. Weil aber die Frühromantiker zudem das Schlagworte »Poesie« zu einem Universalschlüssel instrumentalisierten, suchte Herder die Schwächen der »Metakritik« durch eine Kritik der Kantschen »Kritik der Urteilskraft« zu beheben. Doch auch mit diesem Versuch konnte er am Ende nicht zufrieden sein. Deshalb nahm Herder das Thema in seiner umfassenden Retrospektive/Perspektive wieder auf: »Von der neuen kritischen Philosophie hatte die ganze Vorwelt nichts gewußt; dies setzte man, unbekümmert über das, was Der oder Jener Ältere denn etwa auch gewußt, gesagt oder gemeinet habe. Vielmehr setzte die neue Kritik, was er gesagt haben sollte; und zwar in ihrer eignen neuen Sprache: denn jede andre und die verständliche Sprache der Alten ward für popular, d.i. für untauglich erkläret.« (FHA 10/725)
Herder machte auf ironische Weise deutlich, dass für ihn Fichte und die Jenaer Frühromantiker bisher nur Ankündigungen eines künftigen Werkes abgegeben hatten: »Mithin sind, so verschieden sie vorgetragen wurden, alle sogenannten Ersten Grundsätze der Sittlichkeit Eins und Dasselbe. So wenig es mehrere Vernünfte im Menschengeschlecht geben kann, so wenig sind mehrere höchste Prinzipien der Sittlichkeit auch nur denkbar. Plato und Aristoteles, Demokrit und Zeno, unter den Neuen Clark und Wollaston, Smith, Ferguson, Leibniz und Spinoza sagen im Grunde Ein und Dasselbe; Jeder sagt es nach seiner Ansicht der Dinge und innerer Lebensweise. Dieser dunkler, jener klarer; bestimmter, unbestimmter, enger, weiter. Wähle man sich eine Formel und bringe die andern zu sich herüber; nur wende man auch die Formel an: denn das bloße Setzen der Henne tuts nicht.« (FHA 10/140/141 )
Doch auch vor gestandenen Männern machte der modische Neuigkeitswahn nicht halt. Arnold zitiert in seinem Nachwort zur »Adrastea« aus einem Brief Schillers an Goethe, der das »Hervorklauben früherer und abgelebter Literatur« durch Herder in der Adrastea monierte.

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Aber Herder sah im Lichte seiner Retrospektive 1802 dann bereits das Ende der Revolte: »Die Zeit dieses Despotismus scholastischer Unwissenheit ist heute vorüber; mich dünkt, wir kehren wieder zur Älteren Kritik zurück, die lehrreich den Sinn schärft, und für alles Große, Wahre, Schöne und Gute der Vor- und Mitwelt ihn unverfälscht öffnet. Ja, da die wahre Kritik nicht etwa nur aus Büchern, sondern vielmehr aus Geschäften und Erfahrungen hervorgeht und auf diese Zurückwirket; mit wie geschärftem Blick können und müssen wir jetzt Kritik üben! Ein Jahrhundert ist hinter uns und fast in Allem haben wir eine Revolution der Denkart durchlebet. Manche der Alten sehen wir jetzt, (wer darf es leugnen?) mit ganz anderem Blick an; über vielerlei Dinge sind uns die Augen geöffnet.« (FHA 10/727)
Eben das Um- und Weiterdenken unserer Erfahrungen war der Kern des Herderschen Werkes. Er nahm die Kontroverse mit den Kantianern in Jena nun positiv auf und konstatierte, dass man jetzt »manche der Alten … mit ganz anderem Blick« ansehe. Die Einleitung zum Zeitschriftenprojekt überschrieb Herder mit »Dem neuen Jahr 1801«. Den Zeitschriftentitel ließ Herder mit dem Wagen der Aurora und zwei Lenkern, eben den beiden Adrasteen, versehen. In der Erklärung bedeutet er dem Leser, dass die beiden Lenker »Wahrheit« und »Gerechtigkeit« symbolisierten. In vielen seiner Texte hatte Herder deutlich gemacht, dass die Göttin Nemesis in der bisherigen Geschichte eine Art Vergeltung im Sinne von Rache verkörperte. Er spricht direkt von einem Gesetz der Vergeltung in der Geschichte.

Was ist Vernunft?

Um diesen Kreis von Gewalt und Gegengewalt zu durchbrechen ist Vernunft notwendig: »Eurer Gedanken und Begierden Maß, die Zügel eurer Leidenschaften, der Befehlsstab der Vernunft ist in euch. In euch wohnt Recht und Wahrheit; wenn ihr sie vernehmt, und ehrt und übt, so nur wird euer Glück. Die beiden droben, die Adrasteen der Welt, lenken die wilden Mächte mit fester Hand. Diese blicken hinauf und gehen dahin, wo die Führerinnen sie zügelnd lenken. Tut das Eure und traut der ewigen Weltordnung.« (FHA 10/12)
Für Herder war also »Vernunft« kein verborgener Sinn, kein »Mechanismus« der Geschichte, sondern als Möglichkeit an menschliches Handeln gebunden: »Wir hoffen auf Zeichen und Zahlen, wir knüpften Wünsche an ein Phantom, ein kommendes Jahrhundert. Kinder des vorigen, nehmen wir es nicht in uns mit? In unserm Gemüt, in unserer Gewohnheit. In uns, in uns ist Zepter und Maß; am Vorigen lasset uns lernen. Das neue Jahrhundert schaffen Wir: denn Menschen bildet die Zeit und Menschen schaffen Zeiten.« (FHA 10/12)
Vernunft, Wahrheit und Gerechtigkeit sind an die Tätigkeit des Menschen gebunden: »Wahrheit und Gerechtigkeit, die Ordnerinnen der Welt, als sie sich ein inneres Heiligtum suchten, fanden sie es auf Erden nirgend, als im Geist, in der Brust des Menschen. Da wohnen sie noch; da tönt ihr Stimme wieder.
In tausend Farben bricht sich der Strahl und hangt an jedem Gegenstande anders. alle Farben aber gehören Einem Licht, der Wahrheit. In vielen melodischen Gängen wandelt der Ton auf und nieder; und doch ist nur Eine Harmonie, auf einer Tonleiter der Weltbegebenheiten und des Verhältnisses der Dinge möglich. Was jetzt mißklingt, löset sich auf in einem andern Zeitalter.
Diese Adrasteen in der Natur wie in der Geschichte zu kennen und zu ehren, sei unser Bestreben. In dieser, der Geschichte, ist das verfloßne Jahrhundert uns das nächste, nicht nur im Andenken, sondern auch weil wir in ihm unsere Bildung oder Mißbildung erlangt haben und eben aus ihm die Auflösung verworrener Dissonanzen erwarten.
Allenthalben aber stehen uns in dieser Zeitschrift die strengen Göttinnen vor, mit ihrem Maß, mit ihrem Befehlsstab. ‹Nichts zu viel› ist ihr schweigendes Wort. Ihr Finger am Mund gebietet Vorsicht.
Und so stehe dann auch ihr Bild dieser Zeitschrift als Schutzschild voran, böse Augen abzuwenden, dem Übermut der Zungen zu steuern. Auch im Gemüt der Leser erhalte es das Gleichmaß der Gerechtigkeit und Wahrheit.« (FHA 10/13)
Herder ist bestrebt einen Übergang von der Dominanz der Vergeltung in der bisherigen Geschichte zum Ausgleich zu befördern. Grundlage für Herders Hoffnung ist eine Erfahrung vieler Religionen: füge niemanden etwas zu, was Dir nicht angetan werden soll.
Herders »Imperativ« lautete: Mensch, sei Mensch!

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Herders Adrastea

Im ersten Artikel des Jahres 1801 geht Herder auf den Beginn des 18. Jahrhunderts ein.
Die Überschrift lautete: »Entscheidet Krieg über Recht?« Im Text heißt es: »Beim Anfang des verflossenen Jahrhunderts verwickelte sich der größte Teil von Europa in den langen und widrigen Krieg, den man unter dem Namen des Spanischen Sukzessionskriegs kennet. Er endigte damit, daß man im Frieden gab, was man durch ihn hatte verhindern wollen; Philipp bekam die spanische Krone.
Wie? müssen einer Erbfolge wegen blutig Kriege geführt werden? Wird durch den Krieg ein Recht gegründet, das man nicht hatte? oder in ihm ein dunkles Recht klärer?« (FHA 10/17)
Der Krieg hatte nach Herders Einschätzung Meinungen Spaltungen bewirkt, Parteien gemacht, Länder gedrückt, geplagt, geängstigt, entvölkert, ungeheure Summen gekostet, vielen Tausenden Gesundheit, Ruhe, Lebenszweck und Leben geraubt, unendliche Mühe nutzlos veranlaßt, Haß und Erbitterung der Nationen gegen einander gestärkt.
»Fodert es nicht der erste Begriff eines Rechts, einer Vernunft für das Wohl der Länder, die Regierung derselben, mithin auch die Erbefolge der Regenten in Ländern und Reichen so sicher zu setzen, daß über sie nie ein Krieg entstehen müsse, entstehen dürfte? Eben weil der gewaltsame Krieg alles Recht, weil Vernunft und gemeinsam Konvenienz, wie das Wohl des Staates selbst aufhebt. Wer sein Recht nicht anders als durch die Faust beweisen kann, hat gewiss Unrecht. Wer den Ausspruch der Vernunft aus Mörsern erwartet, trägt in seinem obern Rund wenig Vernunft mit sich.«(FHA 10/19)
Der Spanische Erbfolgekrieg war mit dem Schicksal Ludwig des XIV. verbunden. Herder widmet, um den Übergang vom 17. zum 18. Jahrhundert begreifbar zu machen, diesem Herrscher in mehreren Artikeln der »Adrastea« große Aufmerksamkeit. Wir können diese Darstellung als exemplarisches Beispiel für Herders Geschichtsauffassung verstehen. Herder weiß, dass unsere Geschichtsdarstellungen Konstrukte sind. Er arbeitet mit einer poetisch-philosophischen Geschichtsschreibung. Einerseits verwendet er induktiv das Instrumentarium der skeptischen Vernunft und gleichzeitig misst er die Ergebnisse deduktiv am allgemeinmenschlichen Ideal der Humanität (Wahres, Gutes, Schönes).
Vernunft liegt also nicht im Prozess der Geschichte vor. Diese Geschichte hat keinen Sinn in sich. Vernunft wird erst durch die ordnend-denkende Betrachtung in die Geschichte gebracht: »Eine endlose Schraube, ein böser Wirrwarr ist  die Geschichte, wenn Vernunft sie nicht aufklärt, wenn Sittlichkeit sie nicht ordnet … Aus jeder gelesenen Geschichte mache jeder sich selbst Gespräche der Toten. Denn sind sie nicht tot, die gelebt haben? ist ihre Vergangenheit für uns nicht ein Traum? dennoch aber sprechen sie zu uns; liebenswürdig oder häßlich handeln sie gegen einander: beide Adrasteen also, Recht und Wahrheit, treten vor dies ungeheure Bild und beleben die Figuren. Nicht Figuren; sie wecken die Toten auf aus den Gräbern, und messen an ihrem Stabe Unvernunft und Zweck, Recht und Unrecht, mit ernstem Blick in den Busen. Je ernster sie blicken, desto tiefer regt sich das Mitgefühl der Sittlichkeit im Lesenden; so wird die Geschichte für ihn vernünftig und sittlich. – Alle große und gute Menschen haben die Geschichte so gelesen; mehrere Totengespräche, gute und schlechte, sind diesen nachgefolget. Erbarmt euch der Jugend und gebt ihr keine andre, als eine vernünftig-organisierte Geschichte. Genealogieen und Chronologieen, Kriegs-, Staats-, Eroberungs-, Pracht-, Helden- und Narrenszenen sind für sie einschläfernde-langweilige, den Verstand erdrückende, oder gar verführende, verrückende Märchen. Vom ersten griechischen Geschichtsschreiber, Herodot, an, steht die Geschichte unter keinem andern, als unter dem Namen Nemesis-Adrastea Maß und Zepter.
Mit den Fabeln des Altertums ist es nicht anders: … gewöhne man sich, das gesamte Altertum als eine lehrreich-warnende oder aufmunternde Epopee zu denken … Adrastea also ordne sie; der Sinn des Wahren und Guten bringt Licht, Haltung, Zweck und Farbe für unser Auge in diese Massen, in diese Figuren; d.i. Jeder schaffe sich, kurz oder lang, eine vernünftige Epoee selbst aus diesen Religions- und Staatseinrichtungen voller Weiser und Helden … Allein durch Hingabe seiner selbst unter das Regelmaß der höchsten Güte, Weisheit und Ordnung werden wir vom Egoismus befreiet, dem bittersten Feind unserer wahren Tätigkeit und Ruhe, unseres Genusses und unserer Pflicht.« (FHA 10/42)

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Das Leben von Ludwig dem Vierzehnten stellt Herder in Anlehnung an eine Tragödie in fünf Akten vor: »Wenn in der Lebens- und Regierungsgeschichte Eines Königs die streng-milde Nemesis sichtbar geworden, ists in der Seinigen; er lebte und regierte lange genug, um ihr langsames Rad sich um und um kehren zu sehen, und was er mit sorglos königlicher Hand reich gesäet hatte, auch sorgenvoll königlich zu ernten.« (FHA 10/31)
Der erste Akt habe mit großen Hoffnungen, Lustbarkeiten und Tänzen begonnen. Es seien Tage des Vergnügens gewesen, zu denen Alles zusammentraf, was sich schwerlich wieder zusammen finden dürfte. So bildete sich der Wunsch des jungen Mannes, allenthalben ausgezeichnet zu sein und sich selbst auszuzeichnen.
Der zweit Akt:  Wie konnte der galante Held sich rauschend-glänzender auszeichnen, als, da ihm alles zu Gebote stand, durch Kriege? Das Glück förderte die Kriegführung Ludwigs XIV. zunächst mächtig. Gleichzeitig geriet ganz Europa in Furcht und Schrecken.
Im dritten Akt erhob sich mit Wilhelm von Oranien das fürchtende Europa gegen Ludwig XIV. Gleichzeitig war Frankreich erschöpft.
Herder fügt hier ein, dass Nemesis das Rad leise drehe. (»Rad« steht hier für das Schicksal auf der Erde. Allein durch die Rotation ist alles auf Erden in Veränderung, im Kreislauf. Der Kreis, das Rad ist das Symbol.)
Weiter fügt Herder an, dass Colbert und Ludwigs anderen sacherfahrnen Minister nicht mehr verfügbar und keine neuen vorbereitet waren, weil Ludwig seinen Ruhm darin setzte, die unerfahrensten als Minister zu wählen. Die meisten der alten Feldherren waren ebenfalls nicht mehr aktiv.
Im vierten Akt habe Nemesis Ludwig noch einmal gereizt; man rief seinen Enkel auf den Spanischen Thron, und Ludwig konnte sich des Krieges nicht entziehen. Hier folgte nun Schlag auf Schlag der Unglücksfälle, deren Ursachen offenbar in der schlechten Wahl der Königsdiener und Feldherrn, sowie in andern bekannten Verderbnisse lagen … Es folgten alle die Kränkungen, durch welche Ludwigs kleinste Eitelkeit gedemütigt wurde.
Im fünfter Akt habe Ludwig die herbste Schale noch zu leeren gehabt. Er, der sich in seinem Geschlecht für die Ewigkeit unsterblich wähnte … war ausersehen … Schlag auf Schlag Enkel und Urenkel zu verlieren. Ein einziges vierjähriges Kind blieb hinter ihm, dem er auf dem Sterbebett die bekannten Leeren erteilte … Ruhig starb er, nur sein Land war traurig verarmt, geistlicher Streitigkeiten voll, und entvölkert.« (FHA 10/36)
Herder fasst zusammen: »Er (Ludwig) erfuhr immer, daß Eitelkeit, d.i. ein leeres Nichts sei, nur nahm er es spät war, bis er es zuletzt bis zur bittersten Kränkung wahrnehmen musste: denn der großen Waage des richtenden Schicksals über den Wert und Unwert der Dinge entläuft Niemand.« (FHA 10/41)
Hier haben den Zusammenhang von Glaube und Vernunft wie im Lehrbuch dargestellt. Herder zeigt einerseits mit nüchterner, mitleidloser Skepsis Schwerpunkte der wirklichen Geschichte, der Wirklichkeit. Er zeigt, dass selbst ein Monarch wie Ludwig, dem außergewöhnliche Mittel zur Verfügung standen, zwar seine Absichten verwirklichte, dabei aber Wirkungen hervorrief, die nicht in seinen Absichten lagen, ja diesen sogar entgegengesetzt waren. Diese Wirkungen menschlichen Handelns, die nicht in ihrer Absicht lagen, meint Herder, wenn er von der Nemesis, dem richtenden Schicksal spricht.
Aber Herder belässt es nicht bei einer skeptischen, kalten, nüchternen Darstellung.
Er misst das Leben Ludwigs an allgemeinmenschlichen Idealen. Nicht zufällig gebraucht er hier den Ausdruck »Eitelkeit«. In der Tat erinnert das Leben Ludwigs an das »Haschen nach Wind«, wie es einst Salomo formulierte. Jeder Mensch kann sich in seinem Leben selbst eine Vorstellung vom Wert und Unwert der Dinge für seine Existenz machen. Am Ende geht es darum, ob unser Leben einen Sinn hatte. Nackt und bloß kommen wir auf diese Welt, ebenso gehen wir wieder, meinte Salomo.
Günter Arnold veröffentlicht in seinem Kommentar zur »Adrastea« eine erste Fassung von Herders Artikel zu Ludwig XIV. Dort geht Herder soweit, Ludwig aufgrund seiner Kriegführung, seiner Ausbeutung Frankreichs und Europas, seiner faktischen Entmachtung des Adels durch Zwang zur Prunksucht bei Hofe, seiner Diskreditierung der Geistlichkeit u.a. als einen der Gründerväter der Französischen Revolution zu bezeichnen. Ludwig bewirkte also letztlich mit seiner gewaltigen Macht eine Abschaffung der Monarchie. Um der Zensur willen wurde diese Fassung am Ende nicht verwendet.

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Zusammenfassung

Lieber Leser, wir haben Sie arg strapaziert. Es war sicher anstrengend. Doch gibt es ein Vergnügen ohne Anstrengung? Vielleicht gelang es uns, einen Eindruck von Herders Weltsicht zu geben. Mit den Adrastea-Aufsätzen stellte er in den Jahren 1801 bis 1803 dem Publikum eine Art Fortsetzung seiner »Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit« und »Briefe die Humanität betreffend« vor. Wie in den frühern Werken wird hier eine weite Fassung des Literatur-Begriffes in der Tradition der humaniores, der universitas litterarum und der belles lettres als Geschichte der Bildung der Menschheit, einer Phänomenologie deutlich.
Neben Artikeln zu ausgewählten Punkten der politischen Geschichte schreibt er Artikel zum Thema Sagen, Fabeln, Märchen, Mythen, Romanze (als Erzählung in romanischen Volkssprachen), der Roman-Mode und zum Phänomen Traum und Unbewusstes: »Welch reiche Ernte von Weisheit und Lehre in den Dichtungen voriger Zeiten, in den geglaubten Märchen der verschiedensten Völker zu einer bessern Anwendung für unsre und die Nachzeit im Keim schlummre, weiß der, der die Felder der menschlichen Einbildungskraft mit forschem Blick durchreiset hat. Es ist, als ob die Vernunft Alle Völker und Zeiten der Erde habe durchwandern müssen, um nach Zeit und Ort jede mögliche Einkleidung und Darstellung zu finden. An uns ist es jetzt, aus diesem Reichtum zu wählen, in alte Märchen neuen Sinn zu legen, und die besten mit richtigem Verstande zu gebrauchen. So neugeschaffen und neugekleidet, welch herrliches Werkzeug ist ein Märchen! Zwar nur ein Traum der Wahrheit, aber ein zauberischer Traum, aus dem wir ungern erwachen und zu unserer Seele sagen: ‹träume weiter!› Nicht etwa nur von Zeit und Ort binden uns wahre Märchen los, sondern von der Sterblichkeit selbst; wir sind durch sie im Reich der Geister.
Und wie in Träumen empfinden wir auch bei ihnen, unser doppeltes Ich, den Träumenden und den Traumschauenden Geist, den Erzähler und Hörer. Streng-beurteilend horcht dieser und richtet die erscheinenden Gestalten. Wunderbares Vermögen im Menschen, diese unwillkürliche, und doch mit sich selbst bestehende Märchen- und Traumdichtung! Ein uns unbekanntes, und doch aus uns aufsteigendes Reich, in dem wir Jahre – oft Lebenslang fortleben, fortträumen, fortwandern. Und eben in ihm sind wir unsre schärfsten Richter! Das Traumreich gibt uns über uns selbst die ernstesten Winke.« (FHA 10/ 270/271)
Herder verweist auf hebräische, griechische, lateinische Bibel-Texte, englische Übersetzungen von Sanskrit-Texten, Zarathustra-Texte, die ein französischer Orientalist veröffentlichte, Edda-Texte usw.
Daneben finden wir auch Kurzbiographien einzelner Denker wie Bayle, Bacon, Kepler, Shaftesbury, Locke und Leibniz. Das sind Beispiele für Herders Kritik-Verständnis.
Zugleich ordnet Herder auch naturwissenschaftliche und medizinische Entdeckungen in seine Darstellung ein.

Aber gibt es wirklich einen Zusammenhang in all diesen Artikeln?

In den Abendvorträgen an Emil Herder und Gotthilf Heinrich Schubert umreißt Herder im Frühjahr 1799, ähnlich wie Leibniz in »Natur und Gnade«, seine Weltauffassung mit wenigen Thesen. Diese Thesen sind vielleicht die konzentrierteste Form des Zuganges zum Herderschen Werk:
»1. Die ewige Weisheit hat uns ein großes Lehrbuch aufgestellt, daraus wir uns ohne Unterlass unterrichten sollten; dieses heißt die Natur; seine einzelnen Buchstaben sind einzelne Gegenstände. Dies müssen wir zuerst genau, in allen ihren Verhältnissen kennen lernen; denn ihre Kenntnis ist der Grund von allem unseren Wissen, welches nicht aus Nebelschlüssen a priori besteht. 2. Zu dieser Erkenntnis dienen uns zuerst die Sinne. Jeder derselben macht uns zu Herren eines eigenen Reiches der Dinge, einer unterstützt, erläutert den anderen. Doch die Sinneseindrücke würden wie Wasserwellen bei uns vorübergehen, ohne Spur zurückzulassen, hätten wir nicht die Sprache um sie zu bezeichnen und festzuhalten. Auch das Tier hat eine Sprache, Ausdrücke für seine Empfindungen und Bedürfnisse. Wie aber das Gebiet unserer menschlichen Empfindungen so unendlich mehr umfasst als dass der Tiere, indem er sich über bloße Körpereindrücke so weit erhebt, so ist auch unsere Sprache über die der Tiere unendlich erhaben. Wie im Traum gehen dem Tier die äußeren Gegenstände vorüber, weil es keine Bezeichnung für sie hat. Diese Bezeichnung ist unsere Sprache; durch sie rufen wir Gegenstände wieder in uns zurück und sind nun erst fähig, Dingen durch Verbindungen mit anderem Licht zu geben, die für sich alleine in ewiger Nacht für uns verhüllt blieben.« (SWS Bd. XXX, S. 509, eine kommentierte Fassung, Textgrundlage ist eine Mitschrift Gotthilf Heinrich Schuberts, in: Eichler, Andreas: Gotthilf Heinrich Schubert – ein anderer Humboldt. S. 63–71)

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Der starke Einfluss von Johann Georg Hamann auf Herder wird selbst in dieser konzentrierten Form deutlich. Beide knüpften an der Platonischen Vorstellung von Philosophie als »Liebe zur Weisheit«, als Einheit der Gegensätze Vernunft und Glauben an. Praktisch bedeutet das für Hamann und Herder: keine Abstufung der Erkenntnis in Sinneseindrücke, Verstand und Vernunft, sondern Verstand/Sprache als innerer Zusammenhang aller Sinneseindrücke; kein Misstrauen gegenüber den Sinnen; konstitutive Rolle der Sprache, und damit auch der Literatur.
Hamann und Herder vereinigten unter anderem die Tradition von Spinoza, Shaftesbury, Leibniz, Berkeley und Locke – die Kant im Detail ignorierte und die Hegel später zu trennen versuchte, um sie anschließend als Stufen zu seinem System »synthetisieren« zu können.
Kant entwickelte dagegen mit der Hypertrophierung von theoretischer Kritik eine erkenntnislastige Philosophie, nach der wir uns in »Bewusstsein« konstituieren. Logik wird zum Kriterium von Denkfähigkeit erklärt, den Sinnen misstraut Kant. Hätten wir keine Sinne, gäbe es keine Irrtümer. Heinrich Heine machte sich über die Kopflastigkeit dieses Denkens lustig.
Menschlich dürften sich Immanuel Kant und Johann Gottfried Herder lange Jahre sehr nahe gewesen sein. Unterschiede in den Auffassungen waren kein Grund für Zerwürfnisse. Aber letztlich vertraten Johann Georg Hamann und Johann Gottfried Herder eine andere Vorstellung von Aufklärung. Kants Überbewertung von theoretischer Kritik und seine Definition von Aufklärung als »Ausgang der Menschen aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit« war für sie nicht nachvollziehbar.
Es geht also nicht in erster Linie um eine theoretische Kritik »der Gesellschaft«, »der Zustände« oder etwa »des Kapitalismus« sondern um ein individuelles Leben, das sich dessen bewusst ist, seine Existenz nicht sich selbst zu verdanken. Zugleich können wir uns nicht mit dem Hegelschen Trost begnügen, dass es in der Geschichte vernünftig zugehe. Weder in den Erscheinungen noch hinter all den Kriegen und Katastrophen können wir eine Vernunft entdecken.

Aber was ist nun Aufklärung?

Hamann und Herder meinten: »Unmündigkeit« ist keine »Schuld«. Dagegen sei der Anspruch geistig-blinder Vormünder, die Unmündigen zu führen, mit Schuld beladen. Aufklärung war daher für beide der lebenspraktische »Ausgang des unmündigen Menschen aus seiner allerhöchstselbst verschuldeten Vormundschaft.« Es ging ihnen um eine andere Art des individuellen Lebens. Insofern war für sie das »Satzungspaptstum« Kants, die Erfindung und Oktruierung einer Terminologie, die mit der Tradition bricht, und damit die Kommunikation fast unmöglich macht, inakzeptabel.
In seinem gesamten Schaffen als Literatur- und Kunstkritiker hatte Herder versucht, die öffentliche Diskussion allgemeiner Angelegenheiten zu befördern. Eine differenzierende Sprache mit vielen Idioms war für ihn eine Voraussetzung der Herausbildung freier Individualität. So wird auch das philosophische Credo Herders verstehbar, das eng mit seinem Reformationsverständnis verbunden ist: Es gibt keine allgemeinen Regeln in der Weisheit. Es gibt im geistigen Erbe allgemeine Grundsätze. Diese müssen wir uns aneignen. Aber jeder Mensch muss diese Grundsätze dann unter den Bedingungen anwenden, unter denen er lebt. In diesem Sinn hat jeder Mensch seine eigene Philosophie, wie er seine individuelle Weise zu leben hat.
Hier ist uns Johann Gottfried Herder, trotz der 210 Jahre Distanz, doch sehr nahe, oder?
Andreas Eichler

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PS. Georg Friedrich Wilhelm Hegel schrieb in seiner Vorrede zur »Phänomenologie des Geistes« im Jahre 1806, dass Kants Kritik die »Metaphysik« in Deutschland »mit Stumpf und Stiehl« ausgerottet habe, und dass damit das deutsche Volk orientierungslos gemacht worden sei. Hatte er Herder etwa nicht gelesen? Oder doch?

PS. Die wirkliche Ironie der Geschichte zeigte sich auch im weiteren Leben einiger Frühromantiker nach ihrem Weggang aus Jena: Johann Gottlob Fichte nahm in Berlin auch wieder Themen aus seinem Theologie-Studium auf, Friedrich Schlegel nahm in seinen Wiener-Vorlesungen zur Literaturgeschichte nach 1810 einen weiten Literatur-Begriff auf und Wilhelm August Schlegel machte sich als Kenner der indischen Religionsgeschichte und als Sanskrit-Übersetzer in Bonn einen Namen.

Information:

Marion Heinz (Hrsg.) Herders »Metakritik. Analysen und Interpretationen. Frommann-Holzboog. Stuttgart 2013. ISBN 978-3-7728-2599-6

Ein Link zur Reportage von der Tagung 2009
http://www.mironde.com/content/website.php?id=/index/litterata/reportagen/0926.htm

Johann Gottfried Herder: Adrastea (Auswahl). Herausgeber Günter Arnold. In: Johann Gottfried Herder Werke in zehn Bänden. Band 10. Frankfurt/Main 2000.

Andreas Eichler: Gotthilf Heinrich Schubert – ein anderer Humboldt. Niederfrohna 2010. ISBN 978-3-937654-35-5

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