Reportagen

Goethe und Europa

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Der Vorstand der Chemnitzer Goethe-Gesellschaft hatte am 22. März 2014, dem Todestag des Dichters, zum »Goethe-Gedenken 2014« am Erinnerungsort eingeladen. Gleichzeitig jährte sich an diesem Tag die Gründung der Chemnitzer Goethe-Gesellschaft zum 88. Male. Dass zu Beginn der A-cappella-Chor des Goethe-Gymnasiums Chemnitz unter Leitung von Jens Delling die überraschten Gäste mit dem temperamentvollen Afro-Gospelsong »Acanamandla« aufhorchen ließen, gab dieser Gedenkveranstaltung eine ganz eigene Dynamik.

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Jens Delling, der Chorleiter in Hochform, und der »A cappella-Chor des Goethe-Gymnasiums Chemnitz«.

 

Gewiss eine ungewöhnliche, aber ebenso wirkungsvolle Art und Weise, dem »weltoffenen Denken« des Dichters aus heutiger Sicht zu entsprechen … Das betonte dann auch nach der herzlichen Begrüßung durch Frau Claudia Helmert, von der gastgebenden Seniorenresidenz »Manufaktur Bernhard«, die Geschäftsführerin der Goethe-Gesellschaft Chemnitz e.V., Frau Dr. med. Helga Bonitz, in ihrem Grußwort:

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Dr. med. Helga Bonitz, die Geschäftsführerin der Goethe-Gesellschaft Chemnitz e.V.

 

»Für uns als Mitglieder der Goethe-Gesellschaft Chemnitz e.V. kann es keine ‹Flucht in die heile Welt› des 18. Jahrhunderts geben. Was wir von Goethe lernen, ist, dass wir die Gegenwart nur meistern können, wenn wir das Erbe der Vergangenheit in seiner universellen Weite, mit dem Wissen von Heute, mit Phantasie, Kreativität und Weitblick, und vor allem mit der Verantwortung für künftige Generationen, zum lebenswerten Ziel unseres Tuns erheben. Das ist es, was uns treibt, was wir versuchen, auch mit bescheidenen Mitteln in unseren Jahresprogrammen erlebbar zu machen. Kunst und Wissenschaft – Literatur, haben bei uns ein Zuhause! Goethes Werk verkörpert es, und lehrt uns, in kausalen Zusammenhängen zu denken. Denn alles Gedachte und Erdachte, alles Gesprochene und Vermittelte , alles Ersonnene und Vollbrachte vollzieht sich nur über die Sprache der Menschen, über das gesprochene und geschriebene Wort«.
»Erinnerungsorte«, so hob Frau Dr. Bonitz hervor, »haben etwas an sich, was sie einzigartig macht. Sie sind deshalb etwas Besonderes, weil sich zu einer bestimmten Zeit ein Ereignis, welches die Menschen nachhaltig bewegte, in das öffentliche Bewusstsein eingeprägt hat.«

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Die Gedenk- und Erinnerungstafel schuf der akademische Bildhauer Volker Beier. Am 22. März 2013 wurde sie feierlich enthüllt.

 

»In unserem Fall waren es die Gebrüder Bernhard, die im ausgehenden 18. Jahrhundert im stillen Tal der Würschnitz, an eben diesem Ort an dem wir uns befinden, eine Baumwollspinnerei errichtet haben, die zu jener Zeit als ‹Technisches Wunder› bestaunt wurde. Englische ‹Muletwist-Maschinen› mit nahezu zwanzigtausend Spindeln, angetrieben vom Wasser dieses Flüsschens, haben die Wolle zum Faden gesponnen, und erregten damit die Gemüter derart, dass sogar der weitgereiste Geheimrat von Goethe sich der von ihr ausgehenden Anziehungskraft nicht entziehen konnte. Er schrieb seinen Freund und Berater Johann Heinrich Meyer: ‹… ich brenne darauf sie zu sehen›. Am 28. September 1810 war es dann soweit. Goethe kam von einem längeren Aufenthalt in den Böhmischen Bädern über Freiberg nach Chemnitz.
In seinem Werk ‹Dichtung und Wahrheit› lesen wir später: ‹Wenn man zwischen den unzähligen bewegten Spulen und Webstühlen einer großen Fabrik hingeht›, fühlt man, ‹vor lauter Schnarren und Rasseln, vor allem Aug’ und Sinne verwirrenden Mechanismus, vor lauter Unbegreiflichkeit einer auf das mannigfaltigste ineinandergreifenden Anstalt in Betrachtung dessen, was alles dazu gehört, um ein Stück Tuch zu fertigen, … selbst den eigenen Rock verleidet … den man auf dem Leibe trägt›.
Heute, meine Damen und Herren«,sagte Frau Dr. Bonitz, »leben wir im ‹Medienzeitalter›, sind Teil und Mitgestalter einer weltweit vernetzten Wirklichkeit. Wir kommunizieren in Lichtgeschwindigkeit, und werden täglich mit neuen ‹Wundern der Technik› konfrontiert. Dass, so gesehen unser Erinnerungsort, die ‹Manufaktur Bernhard›, zugleich eine ‹Goethe-Erinnerungsort› geworden ist, macht uns froh.«

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Das »Kontorhaus« der »Bernhardschen Baumwollspinnerei« heute

 

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Der Eingang zum »Museumszimmer«

 

Mit dem Blick auf das »stille Jubiläum« schließt die Rednerin:
»Dass diese charmante Dame nichts an Ausstrahlungskraft verloren hat, verdankt sie ihrer Gesinnung, ihrer Vitalität und Dynamik, zu der vor allem ‹weltoffenes Denken› gehört, was Goethe zu Lebzeiten zum Europäer unter den Deutschen machte und zu einem Weltbürger unter den Europäern.«
Somit erklärt sich auch, dass der heutige Festvortrag unter dem Thema »Goethe der Europäer« steht. Die sinnige Überleitung hierzu boten die Sängerinnen und Sänger mit dem Mambo von Herbert Grönemeyer, in dem es heißt: »Ich hass’ nichts mehr / als mich zu verspäten / die Sonne brennt / und im Auto ist’s heiß / ein Hupkonzert wie von tausend Trompeten / ich will zu dir / nun steh ich hier …«

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Peter Wilhelm Patt, Mitglied des Sächsischen Landtages hielt den gedankentiefen Festvortrag: »Goethe und Europa«.

 

»Welches Europa hat Goethe bei seinen vielen Reisen gesehen, welche Veränderungen in Europa schwebten ihm vor? Deutschland war seine Heimat, Frankreich war Impulsgeber. Der französische Einfluss am Weimarer Hof war groß, Weimar war das Zentrum der deutsch-französischen Beziehungen.« Und so erinnert der Festredner an die Französische Revolution, die Goethe zwischen seinem 40. und 50. Lebensjahr erlebt hat. In der Schweiz studiert er das Freiheitsthema und die Natur. Das Königreich Böhmen, Kernland der Habsburger, war in der napoleonischen Ära Schauplatz militärischer und politischer Auseinandersetzungen. Für Goethe auch Ziel reiner Kururaufenthalte mit einer entsprechend informellen Meinungsbildung zu europäischen Belangen. Und schließlich Italien als Schule des Sehens, als traditionelles Ziel der Bildungsreisenden, welches eine kultivierte Ausbildung vervollständigte. Goethes Sehnsucht nach Italien galt von Kindesbeinen an der Selbstbildung anhand von Kunstbetrachtung, Geologie, Optik und Pflanzenkunde u.v.a.m.

Diesem knapp skizzierten Bild stellte der Redner alsdann die Fragen gegenüber:
»Welches Europa sehen wir heute? – Das Europa als Staatenbund von 28 Ländern, oder Europa verkürzt auf die Euroländer, auf die Eurokrise, in der sich einige europäische Länder von Europa distanzieren? Oder das Europa als Kontinent mit einem Fünftel der eurasischen Landmasse?
Europa erschöpft sich aber nicht in geografischen Definitionen, sondern umfasst historische, kulturelle, politische, wirtschaftliche, rechtliche und ideelle Aspekte.
Für uns ist Europa Mittelpunkt und Nabel der Welt. Für andere Kontinente ist es auch schon mal der alte und untergehende Kulturraum. Zu Europa gehören aber auch Kasachstan mit 5 Prozent seiner Landfläche und der Hälfte der Einwohner auf europäischen Gebiet, und Russland mit 25 Prozent der Fläche und über zwei Drittel der Bevölkerung, wenn wir den Nordkaukasus hinzunehmen, und schließlich die Türkei mit 3 Prozent der Fläche und 12 Prozent der Bevölkerung auf europäischen Gebiet, zwar Mitglied des Europarates, aber mit heftig umstrittenen Beitrittsverhandlungen zur EU. International wird die Türkei bei Sport und Kulturereignissen zu Europa gerechnet. Aber bilden diese drei Länder Europa ab?
Goethe nannte das Christentum die Muttersprache Europas. Passt das zu den drei genannten Ländern? Weiterhin gibt es Besitzungen europäischer Länder in Übersee, zumeist noch aus der Kolonialzeit, z.B. Grönland, Kanarische Inseln, die marokkanischen Exklaven, Bermudas, Teile der Falklandinseln, Guadeloupe, Martinique, Curacao – auch das ist unser Europa.
Die Grenzen des Hauses Europa stehen nicht fest. Europa ist eine Vielfalt an Kulturen in einem politischen Gebiet. Die »Vereinigten Staaten von Europa« waren zu Kanzler Kohls Zeiten noch ein Sehnsuchtswort und sind heute wieder Teil des öffentlichen Diskurses«.
Und so fragt der Redner, »was bedeutet diese Europäische Union, diese ‹Vereinigten Staaten von Europa› als Sehnsuchtswort, was erwarten wir von diesem großen Begriff, dessen Klang Sicherheit und Stabilität verspricht?«
Der Redner hebt an dieser Stelle Anmerkungen hervor:
»Erstens: Politisch gibt es Ansätze, das europäische Parlament und den Rat neben der Kommission mit Initiativrechten bei der europäischen Gesetzgebung auszustatten. Es wird nachgedacht, den Präsidenten der EU-Kommission direkt von der Bevölkerung wählen zu lassen. Wer wäre ein solcher Präsident? Für uns sollte es keine Persönlichkeit sein, die von einer potenten Teilmenge Europas durchgesetzt wird, um deren Interessen zu vertreten. Oder wäre es eine Persönlichkeit wie Goethe, ein Weltbürger mit dem Hunger auf Erfahrung zur Überprüfung der wissenschaftlichen Erkenntnisse mittels Abgleichs mit den Ländern und ihren Einwohnern. Ein Goethe demnach, den Thomas Mann als höchsten Repräsentanten der europäischen Kultur beschrieb. Oder Goethe, dessen Nationalgefühl immer Basis für eine offene Weltbürgerschaft war, und Heimat nicht abgegrenzt, sondern grundlegend vermittelte«.
Neben den politischen Ansätzen, die unsere Erwartungen an Europa formen sollen, sind es zum Zweiten aber auch wirtschaftliche Beobachtungen, die die Lage heute beschreiben: Die Finanzkrise, die Eurokrise, die Wirtschaftskrise. In nahezu allen Ländern, Deutschland bildet eine rühmliche Ausnahme, sind die Zustimmungswerte zur Europäischen Union im rasanten Sinkflug begriffen. Noch dramatischer sieht es aus, wenn man danach fragt, ob die EU der wirtschaftlichen Lage im eigenen Land zuträglich ist. Und es sind letztlich kulturelle Aspekte die eine europäische Union ausmachen. Beispiel Frankreich, welches Goethe so konstant und so tief interessiert hat. Wir erleben unter dem Triumphbogen französische Heldensagen, welche bei näherer Betrachtung nicht ausreichend valide sind und wir finden in diesem zweitgrößten Land Europas beispielsweise im großen Pariser Museum, im Louvre, keine deutschsprachigen Gästeführer, wie übrigens auch in manchen anderen Ländern nicht. Zu tief sitzen anscheinend die Wunden des Zweiten Weltkrieges.

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Das »kleine Kollegium« des Goethe-Gymnasiums verfolgt die Ausführungen mit gespannter Aufmerksamkeit und sichtbaren Wohlgefallen: v.l.n.r. Andres Richter, Fachlehrer für Mathematik und Physik, Steffen Morgner, Schulleiter und Frank Henniger, Fachlehrer für Deutsch und Geschichte.

 

»Fazit: In pragmatischen Fragen, wie der Reisefreiheit, sind wir in Europa weitergekommen, nicht aber in den kulturellen Grundlagen; ja, wir fallen derzeit vielleicht sogar zurück in nationale Interessen. Wir erleben heute eine Entwicklung von Nachbarn und Freunden zu Gläubigern und Schuldnern. Die Finanzkrise und die damit verbundenen Transaktionen in Europa haben aus Nachbarn und Freunden Gläubiger und Schuldner gemacht. Wenn wir Griechenland und andere Länder Südeuropas betrachten, wissen wir Deutschen, was man in diesen Ländern anstrengen müsste, um aus dem Schlamassel herauszukommen. Wir fühlen uns berufen, diese Erkenntnisse den Menschen dort vorzugeben.
Die Ökonomie steht im Vordergrund, auch Sicherheitsfragen, aber nicht die Kultur, Musik und Kunst, die Naturkunde und anderes, was unser Leben ausmacht. Wir reduzieren Europa auf das Nützliche, statt die organische Verbindung auf die Basis unseres historischen, kulturellen und insbesondere religiösen Fundaments zu legen.
Das war nicht Goethes Blick auf Europa, das war nicht Goethes Vorstellung von Europa, und das war nicht seine Reisemotivation und Erwartung.
Goethe ließ sich nicht von Nützlichkeiten lenken, ihn interessierte die Reflexion des wissenschaftlichen Erkenntnisstandes anhand der persönlichen Anschauung. Ihm ging es nicht um Lustreisen eines Urlaubstourismus bei dem sich heute viele vor Ort die Routinen und Annehmlichkeiten aus dem eigenen Land mitbringen, um sich dann in der Fremde wohlfühlen zu können. Es ging ihm um die konkrete Anschauung, um den Wunsch nach Begegnung mit anderen Lebenswelten.
Das Auge als zentrales Wahrnehmungsorgan, welches in Millisekunden mit Blick entscheidet und 95 Prozent unserer Wahrnehmung ausmacht, mit diesen Augen wollte Goethe aufnehmen. Aber eine Anschauung ohne Reflexion war für Goethe kümmerlich. Anschauung musste ihm den Zugang zur freien Welt des Geistes öffnen, um dem Anspruch auf Synthese von Wissen und Erleben gerecht zu werden.«
Diese These des anschauenden Denkens ist es, die Frau Dr. Bonitz eingangs das Denken in kausalen Zusammenhängen nannte. »So sah er denn auch den Gewinn des Reisens. Heimat war für Goethe der Haltepunkt bei der Weltläufigkeit seiner Studien zum Zwecke der Erweiterung von Geist und Erfahrung. Seine Neugier am komplexen Bild von der Wirklichkeit Europas , nach Sinn und Geist eines Volkes, stillte er vielfältig mit Medien wie der Literatur, Sprache, Geschichtsforschung, mit Leben und Arbeiten, mit Erzählungen von Freunden und Besuchern und nicht zuletzt durch Reisen.«
Abschließend formulierte der Redner seine ganz persönlichen Ansprüche, wie wir heute wieder von Gläubigern und Schuldnern zu Nachbarn und Freunden in Europa werden können. »Wir müssen die anderen Nationen nicht gleich umarmen, in jedem Fall aber müssen wir lernen, sie zu achten und zu akzeptieren.
Erstens: Runter vom Sofa, raus in die Welt! Nicht die passive Berieselung durch ein eingeschränktes und ankettendes Fernsehen soll unsere Vorstellungen prägen.
Zweitens: Die virtuelle Welt zwischendurch mal abschalten. Mit eigenen Augen sehen lernen und nicht durch eine Google-Brille, in der uns möglichweise Dinge aus unterschiedlichen Motiven in unser Sichtfeld eingespielt werden, die es gar nicht gibt.
Drittens: Die Sinne schulen, sehen lernen! Das Champagnereis bei Giolitti in der römischen Sonne muß man eben selber erleben, das geht nicht virtuell.
Viertens: Sprachapplikationen auf unseren Smartphones ersetzen nie die Musik, die Ausdruckslage, Begriffe der Fremdsprache. Wir können uns dadurch zwar verständigen, aber nicht verstehen.
Fünftens: Schulung eines eigenen Filters, eines systematischen Standpunktes, genährt aus wissenschaftlichen Werken und klassischer Literatur. Er muss aktualisiert und ausprobiert werden und durch ständige Beobachtung und Erforschung eine Rückkopplung auf das eigene ‹Ich› erfahren, wenn wir mit ‹fremden› Augen zu sehen bemüht sind.
Deutschland ist nicht Europa. Deutschland ist in manchen Dingen Vorbild für Europa. Aber nur allein unsere ökonomische Potenz berechtigt uns nicht, Europa als zweites Deutschland zu klonen. Unsere innere Topographie ersetzt keine lebendige Begegnung mit Land und Leuten, sie muss offen sein, sie muss Unterschiede zulassen.«
Schließlich zitiert Peter Wilhelm Patt noch einmal den Dichter mit dem Blick auf Europa: »Der höchste Begriff vom Menschen kann nur durch Vielseitigkeit, durch Liberalität erlangt werden.«
Es geht also immer um den Menschen, auch in Europa.

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Abschließend bittet die »Hausherrin«, Claudia Helmert, zum gemeinsamen kleinen Imbiss.

 

Die anwesenden Goethe-Freunde und zahlreichen Gäste dankten den Rednern, den Sängerinnen und Sängern, wie allen, die an der Ausgestaltung der Gedenkstunde Anteil hatten, mit herzlichem Beifall. Geblieben sind die Denkanstöße, die auf ihre Weise nachklingen.
Siegfried Arlt

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