Reportagen

Ich weiß zumindest, wo die Bücher einmal waren …

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Am 29. Januar 2015 zog es viele Besucher in die Kultur-Leseecke der Chemnitzer Stadtbibliothek. Dem Anschein nach die wahren Liebhaber der Buchkultur aus Chemnitz und Umgebung. Uwe Hastreiter von der Stadtbibliothek Chemnitz eröffnete die letzte Veranstaltung aus der, genau vor einem Jahr begonnenen, Lesereihe »Novitäten«.

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Klaus Walther, promovierter Germanist, langjähriger Lektor, Verlagschef, Journalist und Buchhändler, stellte sich an diesem Abend den Fragen zu einem neuen Buch, für das er als Autor und einer der beiden Herausgeber verantwortlich ist. In dem Buch stellen 16 Sammler ihre privaten Bibliotheken selbst vor. Die Fotos von Dieter Lehnhardt verstärken den dokumentarischen Charakter des Buches. Zudem fügt Klaus Walther acht Reportagen vom Besuch öffentlich zugänglicher Gelehrtenbibliotheken an.

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Siegfried Arlt (li.), der Vorsitzende der Chemnitzer Goethe-Gesellschaft, stellte Fragen zu dem Buch, das in seinem Titel eine Frage trägt: »Haben Sie das alles gelesen?« Dieser Titel trifft eine oft gestellte Alltagsfrage. Selbst wenn man nur wenige Bücher in seinem Regal stehen hat, muss man sich oft danach fragen lassen, ob man das alles …

Klaus Walther antwortete gut gelaunt, im Plauderton auf die Fragen. Das Publikum erfuhr, wie es war, als er Ernst Jünger in Wilflingen besuchte, welche Eindrücke er von der Bibliothek Wilhelm Ostwalds in Großbothen hatte oder was ihm Jürgen Kuczynski auf die Frage antwortete, ob er bei 70.000 Büchern überhaupt noch Platz für neue Bücher habe.

Auf die Moderatorenfrage nach den Auswahlkriterien für die Aufnahme in das Buch antwortete Klaus Walther, dass er in einem ersten Entwurf etwa 57 wichtige Sammler in Deutschland aufgelistet habe. Bei der Entscheidung für das Buch sei es ihm darum gegangen, verschiedene Größenordnungen des Sammelns vorzustellen. Es gäbe Sammler, die mit fünfstelligen Summen operieren könnten, für andere seien 400 Euro für ein Buch die oberste Grenze und wieder andere verfügten maximal über 40 Euro. Allen gemeinsam sei, in ganz unterschiedlicher Form, die Leidenschaft des Sammelns. Die Vielfalt der Stimmen hätten sein Mitherausgeber Dieter Lehnhardt und er zu Wort kommen lassen wollen.

An dieser Stelle fragte Siegfried Arlt nach: Ja, so Klaus Walther, Sammeln hat immer etwas vom Weggehen aus der Normalität.

Siegfried Arlt warf ein, dass Bücher auf unterschiedliche Weise wirkten. Man könne nur blättern oder auch intensiv lesen. Sei nicht allein die Anwesenheit von Büchern mit einer besonderen Wirkung, einer Osmose verbunden?

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Klaus Walther zitierte einen der bedeutendsten Sammler Deutschlands, Prof. Reiner Speck aus Köln, nach dem man allein durch den Aufenthalt in einer Bibliothek eine besondere Atmosphäre erleben könne. Im Grunde, so fügte Klaus Walther an, sind wir alle nur Osmotiker. Er selbst besitze etwa 25.000 Bücher. Die könne er nicht alle lesen. Dafür reiche seine Lebenszeit nicht aus. Aber allein die Anwesenheit so vieler wichtiger Bücher mache für ihn etwas Besonderes aus.

Siegfried Arlt fragte auch nach der Zukunft des Buches. Klaus Walther antwortete mit einem Hinweis auf den Nürnberger Büchersammler Godehardt Schramm. Der Sammler bewahre nicht nur, er sei auch auf der Jagd nach neuen Entdeckungen, neuen Einsichten in Zusammenhänge und noch nicht bebekannten Büchern.

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Sigfried Arlt fragte danach, wieviel Zeit in dem Buchprojekt »Haben Sie das alles gelesen?« stecke, von der erten Idee bis zum fertigen Buch. Klaus Walther antwortet, dass er das nicht genau sagen könne. Er befasse sich sehr lange mit dieser Thematik.

Frau Bauer, eine der besten Journalistinnen, die Chemnitz hervorbrachte, fragte Klaus Walther nach den Methoden der Bestandserfassung und Verwaltung seiner Büchersammlung.

Dieser antwortete, dass er kein System, keine Methode verwende. Alle dementsprechenden Versuche seien wieder aufgegeben worden. Es sei alles in seinem Kopf gespeichert: »Ich weiß zumindest, wo die Bücher einmal waren …«

Die Verlegerin Birgit Eichler fragte, warum das Büchersammeln derartig von Männern beherrscht werde. Selbst in der heutigen Buchvorstellung sei vergessen worden Frau von Lucius zu erwähnen, die gemeinsam mit ihrem Mann sammle.

Klaus Walther antwortete, dass ihm eine Schweizer Buchhändlerin einmal auf diese Frage antwortete. Frauen Lesen – Männer sammeln.

Ein Zuschauer wollte wissen, warum in Sachen Büchern nicht wie in der Bildenden Kunst über »Raubkunst« öffentlich debatiert werde. Siegfried Arlt antwortete, dass hier weltweit gesucht werde, jedoch ohne Medienlärm.

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Nach etwa anderthalb Stunden ging die letzte Veranstaltung der Lesereihe »Novitäten« zu Ende. Stadtbibliothek Chemnitz und Schriftstelleverein Chemnitz-Erzgebirge hatten mit Unterstützung des Stadt Chemnitz versucht das Schaffen der Schriftsteller der Region vorzustellen. Interessant ist vielleicht, dass die meisten Besucher zur letzten Veranstaltung kamen.

 

Kommentar

Die Kooperation zwischen Goethe-Gesellschaft Chemnitz und Schriftstellerverein Chemnitz-Erzgebirge e.V. war ein Erfolg. Diese Zusammenarbeit macht schon in der Überschrift deutlich, dass Bewahren und Erneuern in einem Zusammenhang stehen. Das eine ist nicht ohne das andere möglich. Doch das Bewahren unseres literarischen Erbes, ob in der privaten Bibliothek oder der Stadtbibliothek Chemnitz, ist nicht ohne Mühe und Kosten möglich. Ebenso erfordert die notwendige Erneuerung unseres literarischen Erbes den Mut, die bequemen Wege des Massengeschmacks, der Bestsellerhascherei und der »Schreibschulen« zu verlassen.

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Siegfried Arlt erinnert im Gespräch nicht zufällig daran, dass 84 Jahre vor dem Veranstaltungsdatum, am 29. Januar 1931, im nahen Limbach der Schriftsteller Gert Hofmann geboren wurde. In der Wochenzeitschrift »Die Zeit« schrieb Jens Jessen Mitte Januar: »Hofmann ist brillant, witzig und hoch raffiniert zugleich, er hat das Experiment mit der Erzählperspektive auf einen letzten Höhepunkt geführt – bevor der Absturz der deutschen Gegenwartsliteratur in eine brave Handwerkskunst begann.«

Gert Hofmann kannte die klasssische europäische Literatur, zumeist sogar in der Originalsprache. Das war die Grundlage für seine »Dramatisierung des Romans« und die Experimente mit der Erzähperspektive. Das verlief jedoch ohne Lärm. Meine Innovationen, so Hofmann einmal, sind eher leise. Der innere Zusammenhang von Bewahren und Erneuern wird in Hofmanns Schaffen exemplarisch deutlich.

Die Bibliotheken der Büchersammler und die öffentlichen Bibliothek stellen gemeinsam die Voraussetzung für die Erneuerungsfähigkeit unserer Kultur. Insofern ist das Sammeln keine Weltflucht, obgleich auch Sammler oft den Lärm nicht schätzen, eher erinnert das Sammeln an ein Zurückgehen, um wieder voranzukommen. Das war der Punkt jener anspruchsvollen Veranstaltung in Chemnitz. Es war ein Ereignis.

Johannes Eichenthal

Information

Klaus Walther/Dieter Lehnhardt: Haben Sie das alles gelesen?

Ein Buch für Leser und Sammler.

366 Seiten, 12,5 × 21,5 cm, gebunden, Schutzumschlag, Lesebändchen, zahlreiche farbige Fotos,

VP 29,90 ISBN 978-3-937654-80-5

www.mironde.com

Termine

Am Donnerstag, dem 12. März 2015, werden Autoren und Herausgeber von »Haben Sie das alles gelesen?«, im Rahmen der Buchmesse Leipzig, im Sachbuchforum Halle 3, E 211, von 11.30 bis 12.30 Uhr Fragen beantworten und ihre Vorstellungen erläutern

Am Mittwoch, dem 28. Oktober 2015, werden Autoren und Herausgeber von »Haben Sie das alles gelesen?«, in der Chemnitzer Villa Esche unter dem Titel »Bücher als Passsion« die Diskussion fortsetzen.

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