Reportagen

Die Zukunft der Bibliothek

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Der Chemnitzer Kulturdezernent Philipp Rochold (auf dem Foto re.) eröffnete am 23. April 2015, dem Welttag des Buches, in der Stadtbibliothek Chemnitz eine Diskussionsveranstaltung zur Zukunft der Bibliothek, die unter der Schirmherrschaft des Landesverbandes Sachsen des Deutschen Bibliotheks-Verbandes e.V. stand und gemeinsam von Stadt und TU Chemnitz getragen wurde. Auf dem Podium hatten hochkarätige Experten Platz genommen.

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Die Expertenrunde (von li. Christian Schramm, Präsident des Sächsischen Städte- und Gemeindetages; Dr. Achim Bonte, Stellvertretender Generaldirektor der Sächsischen Landes-, Staats- und Universitätsbibliothek Dresden; Prof. Arend Flemming, Vorsitzender des Landesverbandes Sachsen des Deutschen Bibliotheksverbandes; Prof. Christoph Fasbender, Prorektor für Lehre, Studium und Weiterbildung der TU Chemnitz; Helmut Kimmling, General Manager OCLL GmbH Deutschland).

Der Titel der Diskussion lautete »Werden Bibliotheken im Internet verschwinden?«

Moderator Flemming musste schon einige Fragekunst aufwenden um eine Diskussion zu entfachen, denn alle Diskussionsteilnehmer verneinten sofort die als Veranstaltungstitel gestellte Frage. Dennoch schaffte es die Runde zwei Stunden lang zu diskutieren. Auf die Zuhörer, zur überwiegenden Mehrheit Bibliothekarinnen und Buchhändlerinnen, ging ein wahres Feuerwerk an Fachausdrücken, statistischen Daten und Kriterien für die wissenschaftliche Fachinformation nieder. Mitunter wusste der Zuhörer nicht, in welche Richtung er der Diskussion folgen sollte, etwa wenn zugleich die arbeitsteilige Auslagerung (und Zentralisierung) bestimmter Bibliotheksaufgaben und die Formulierung von »Alleinstellungsmerkmalen« der Bibliothek gefordert wurden. Ein Schlagwort wurde sehr häufig genannt: »Ausdifferenzierung«. Immer wieder wurde von den Diskutanten betont, dass das physische Buch und die traditionelle Bibliothek nicht verschwinden werde, zugleich müsse man sich aber der Wirklichkeit des Internet stellen.

Die Zuschauer lauschten aufmerksam. Es gab auch zwei oder drei Wortmeldungen.

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Auf dem Heimweg hallten uns noch die Fachbegriffe im Ohr nach. Aber es blieben Fragen über Fragen bei uns armen Toren. Fragen, auf die wir keine Antwort bekamen.

Kann eine Bibliothek bei 140.000 Buch-Neuerscheinungen im Jahr heute überhaupt noch nach Vollständigkeit sammeln?

Kann man wissenschaftliche Zentralbibliotheken und Allgemeinbibliotheken in Städten und Gemeinden einfach vergleichen?

Hat die Digitalisierung im Bereich der wissenschaftlichen Fachinformation nicht einen ganz anderen Stellenwert als in einer Allgemeinbibliothek?

Ist die Wissenschaftsentwicklung nicht durch zunehmende Fragmentierung der steigenden Zahl an Einzeldisziplinen gekennzeichnet? (Es dürfte heute zwischen 2500 und 3000 akademische Disziplinen geben, deren Auseinandertriften durch die Forderung nach »Alleinstellungsmerkmalen« vorangetrieben wird.) Nennt man nicht unter systemwissenschaftlichem Aspekt diesen Prozess »Ausdifferenzierung«, in dessen Folge nicht einmal mehr die Vertreter der gleichen Disziplin eine gleiche Sprache sprechen?

Ist der Fatalismus der Systemtheorie in Sachen »Ausdifferenzierung« überhaupt noch akzeptabel, wenn man weiß, dass die »Höhe« des Spezialwissens von der »Breite« der Allgemeinbildung abhängt? Kann es »reines« Spezialwissen überhaupt geben? Wenn ja, wäre das sinnvoll?

Muss man angesichts der dramatischen Lage nicht von der Wissensausdifferenzierung zur Bildung umkehren?

Ist die Allgemeinbibliothek nicht für diese Umkehr der richtige Ort?

Reicht für die Bildung zur Humanität eine Orientierung an einem »Kanon« aus, wie es uns die Theorie des »kulturellen Gedächtnisses« suggeriert?

Hatte nicht Klaus Walther in seinem 2005 bei Faber & Faber in Leipzig erschienen Buch »Was soll man lesen?« auf den inneren Zusammenhang von Bildung und Individualität verwiesen?

Fragen über Fragen.

Zu Hause ziehen wir ein Buch aus dem Regal und finden sofort eine Antwort: »Echte Bildung ist nicht Bildung zu irgendwelchen Zwecken, sondern sie hat, wie jedes Streben nach Vollkommenheit, ihren Sinn in sich selbst.«

Hermann Hesse, von dem dieser Gedanke stammt, empfiehlt das Studium der Werke der Weltliteratur für den Weg unserer Bildung zur Humanität.

Ist die Allgemeinbibliothek nicht eine Säule der Bildung zur Humanität? Findet man hier nicht über die regionale Literatur- und Sprachlandschaft den Zugang zur Welt­literatur? Könnte man hier nicht lernen, dass für jeden Menschen zu verschiedenen Zeiten ein anderes Buch das wichtigste ist?

Der Umstand, dass die Mehrzahl heutiger Leser nicht mehr in der Lage ist aus der Weltliteratur Schlussfolgerungen für das eigene Leben zu ziehen, statt dessen Un­ter­hal­tungs­literatur und Ratgeber bevorzugt, macht die Notwendigkeit der Allgemeinbibliothek eher noch dringlicher.

Die Bibliotheken und die Bibliothekarinnen sind vorhanden. Es fehlt eigentlich nur ein Bekenntnis der Kulturpolitik für die langfristige Sicherung dieses Pfeilers unserer Bildung.

Johannes Eichenthal

Information

www.stadtbibliothek-chemnitz.de

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