Reportagen

PETER HANDKE ZUM GEBURTSTAG

Seltsame Reise durch das Landesinnere oder Literatur aus der Niemandsbucht?

Peter Handkes Roman »Die Obstdiebin«

Von Klaus Walther

Neuerdings, bei der Lektüre etlicher Romane und Erzählungen wird man recht oft an Andersens Märchen »Des Kaisers neue Kleider« erinnert, ja, der Kaiser ist nackt. Aber so recht wagen die berufsmäßigen Leser, die Literaturkritiker, nicht, diese beiden Substantive Literatur und Kritik ernst zu nehmen. Kritik sollte Literatur beurteilen, ihren Wert, ihre Lesbarkeit, ihren Platz in der Bücherwelt. Und natürlich gibt es das auch; Scharlatane müssen zum Glück oft genug draußen bleiben. Aber es gibt immer wieder Autoren, die können sich recht merkwürdige Wege und Äußerungen leisten. Peter Handke, über den wir noch reden werden, hat im Zusammenhang mit dem Nobelpreis für Bob Dylan gesagt: »Die Verhöhnung des Lesers passiert immer wieder bei diesen Preisen. Man kann es den Leuten nicht verdenken. Es gibt ja keine Weltliteratur mehr …«. Aber was Handke hier dem Nobelpreis-Trubel anlastet, kann man es nicht auch Peter Handke selbst anlasten? Etwa bei der Lektüre seines jüngsten Buches »Die Obstdiebin«, einer »Fahrt ins Landesinnere«, wie er den Text nennt, einem Sechshundert-Seiten-Roman, nach dessen Lektüre man nicht so recht weiß, was uns da erzählt wurde. Nun, wer frühere Bücher Handkes gelesen hat, der kennt diesen »Sound«, diese Bewegung im Ungefähren, dieses Erkunden des Unbekannten; er weiß, vielleicht, was ihn da erwartet. Das beginnt also damit, dass ein älterer Knabe (hinter dem wir den Autor vermuten dürfen) beschließt, sein Haus in der Nähe von Paris für eine Reise in das Innere Frankreichs zu verlassen, er will in die Picardie. Und wir erfahren, wie er Schritt für Schritt jenen Vorgarten an dem Haus in Chaville bei Paris verlässt, Domizil des Autors selbst seit den neunziger Jahren. Wie der die Vögel hört und den Briefkasten öffnet, wie die Details sich zu einem Ganzen fügen. Doch nicht der Erzähler bleibt im Zentrum, sondern die Tochter des Mannes, der da auf Reisen geht, die Obstdiebin. Und die ja auch eine Reise unternimmt. Wir begegnen ihr im Zug und auf einer abenteuerlichen Fahrt. Wir erfahren, was sie auf den drei Tagen der Reise erfährt, erlebt, entdeckt. Und damit beginnt das Problem dieses Buches oder das Problem von Handkes Schreiben überhaupt? »Die Welt ist die Welt ist die Welt«, heißt es da einmal, und das erinnert an »Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose. Gertrude Stein lässt grüßen. Ist die nicht beantwortete Frage das Geheimnis der Poesie? Wir wissen nicht, warum sie nur von den Äpfeln und Birnen am Wegrand lebt, was sich da in jener alten Kneipe abspielt, in die sie mit der Freundin aus einem schweren Gewitter flüchtet. Wir wissen vieles nicht und werden es nicht erfahren. Ist das unsere Situation in dieser Welt? Freilich, dieser Text in seiner weitgespannten, schwebenden Dimension hat tatsächlich diese Unschärferelation, die die Realität in die Unwirklichkeit verwandelt. Und es endet eben mit dem Resümee dieser Obstdiebin »Was sie doch in den drei Tagen ihrer Fahrt ins Landesinnere alles erlebt hat, und wie jede Stunde dramatisch gewesen war…« heißt es im Ende des Romans. Aber wo ist das, was uns da » auf dem Spiel gestanden hat«, wie die Obstdiebin reflektiert, Fragen, Fragen, keine Antworten. Literatur gibt keine Antworten, das mag richtig sein, aber sie bietet in ihren besten Texten ein Ziel, einen Weg. Die Leser finden ihn hier nicht. Wird da der Leser verhöhnt mit all den Irrwegen und seltsamen Ereignissen? Peter Handkes neuer Roman siedelt auf dem schmalen Drahtseil zwischen Erfindung und Wirklichkeit. Ist »seltsam« tatsächlich das letzte Wort, wie es im Buche steht oder ist es eine Ausflucht? Die Leser werden selbst entscheiden müssen.

Am 6. Dezember wird Handke 75 Jahre alt, happy birthday!

Klaus Walther

 

Information

Peter Handke: Die Obstdiebin oder einfache Fahrt ins Landesinnere. Suhrkamp. 2017. 559 Seiten. 34.00 €.

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