Reportagen

BÜCHER – DENKMALE DES GEISTES

Die Buchhandlung Meerane, die seit etwa vier Wochen in einem Schaufenster den Mironde Verlag und seine Bücher präsentiert,  hatte für den Nachmittag des 25. Juni zu einer Vorstellung von Johannes Eichenthals kleinem philosophischen Buch mit dem Titel »Skepsis und Hoffnung« eingeladen. Silvia Hengmith, die Inhaberin der Buchhandlung in Meerane, begrüßte den jungen Autor, der im Mironde Verlag für die Netzzeitschrift Litterata zuständig ist, und fragte ihn, warum er das Buch geschrieben habe.

Eichenthal antwortete, dass es an der Zeit sei, die veralteten Vorstellungen vom Kosmopolitismus zu erneuern. Mit philosophischer Berufung auf Immanuel Kant werde »Kosmopolitismus« mit der Tendenz zur Metropolisierung der Welt gleichgesetzt und die künftige Welt als eine Art »Einheits-Metropole« vorgestellt. Nach dem Sieg im Kalten Krieg wurde dieser Begriff in den 1990er Jahren mit der Erwartung eines »Endes der Geschichte«, zügiger »Verwestlichung« der Welt, als »nachholende Revolution« in der »postnationalen Situation« (Jürgen Habermas), der Herausbildung supranationaler Einheiten, wie der eines Europa-Staates, und der Herausbildung eines Weltrechtes chiliastisch aufgeladen. Die Mainstream-Medien sorgten fast vollständig dafür, dass diese Vorstellung von Kosmopolitismus bis heute als »alternativlos« erscheint.

Ist sie alternativlos?

In der Wirklichkeit gibt es keine Alternativlosigkeit. 1993 hatte der Harvard-Politologe, Institutsdirektor und Ex-US-Präsidentenberater Samuel Huntington bereits darauf verwiesen, dass es keine Verwestlichung der Welt geben wird. Die anderen Kulturen und Religionen werden bestehen bleiben. Der echte Konservative Huntington empfahl gegen die seit 1990 in der Bush-Administration herrschende neokonservative Doktrin einer »Neuen Weltordnung« (erst 1999 in deutscher Sprache veröffentlich: Z. Brzezinski: Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategien der Vorherrschaft) eine Abkehr von der Politik des Kalten Krieges und eine Hinwendung zu einer Politik der »Kulturellen Koexistenz«, weil die Welt »multipolar« und »multikulturell«  geworden sei. Die Kritik, die dem Anschein nach oft nur den Titel von Huntingtons Buch gelesen hatte, bezichtige ihn des »Kulturrelativismus« und unterstellte ihm vielfach eine »rechte Gesinnung«. Ulrich Menzel stellte im Nachhinein fest, dass sachliche Kritiken die absolute Ausnahme waren, Verrisse herrschten vor, die bis dahin viel gerühmte Debattenkultur versagte.

Der indische Philosoph Pankaj Mishra, der in der nationalen Befreiungsbewegung den wichtigsten Prozess des 20. Jahrhunderts und des 21. Jahrhunderts sieht, verwies darauf, dass in Afrika, Asien und Lateinamerika der Nationalstaat das Ziel der Politik bleibe, weil diesen Völkern in der Kolonialzeit jahrhundertelang der eigene Staat verwehrt wurde. In einigen Staaten regen sich Bewegungen, die den Staat wieder auf ihre Region und Landschaft zurückführen wollen, wie vor der Bildung von Nationalstaaten.

Alle Versuche den westlichen Kosmopolitismus zu verbreiten, schlugen in den letzten drei Jahrzehnten fehl. Zerstörte Staatsstrukturen und weltweit mehr als 60 Millionen Flüchtlinge sind das Resultat. Wir erleben tagtäglich, dass diese herrschende Vorstellung von Kosmopolitismus mit der Wirklichkeit nicht mehr in Einklang zu bringen ist. Der wache Mensch findet im Mainstream keine Orientierung mehr.

Wo finden wir Ansätze eines neuen Denkens?

In der überlieferten Weisheit der Völker finden wir nicht nur die Grundlagen für die Verständigung der Kulturen und Religionen, sondern auch die des neuen Denkens. Johann Gottfried Herder machte in Weimar bereits um 1800 darauf aufmerksam. In der Wirklichkeit finden wir immer nur den Zusammenhang von Allgemeinem, Besonderen und Einzelnen. Wir sind alle Menschen, leben unter besonderen klimatischen und kulturellen Bedingungen und sind Individuen. Wir sind alle Menschen, leben aber in besonderen kulturellen Gemeinschaften. In uns ist der Gegensatz von Allgemeinem und Besonderem existent.

Nur in der Abstraktion kann man das Allgemeine vom Besonderen trennen. Es ist daher theoretisches Unvermögen Gegensätze erfassen zu können, wenn man annimmt, dass es ein »reines« Allgemeines, ein »reines« Weltbürgertum gemäß der westlichen Kultur geben könnte. Daran ändert auch nichts, wenn man für diese westliche Vorstellung das Wort »Hyperkultur« setzt und nichtwestliche Kulturen mit dem Wort »Kulturessenzialismus« zu denunzieren versucht.

Die Habermassche Sehnsucht nach Beseitigung von Gegensätzen schlägt deshalb in eine verhängnisvolle Konfrontation zwischen Weltbürgertum und Gemeinschaft um. Habermas hält daran fest, obwohl er in der Diskussion mit dem damaligen Joseph Kardinal Ratzinger im Jahre 2004 bereits einmal belehrt wurde, dass keine besondere Kultur das Allgemeine repräsentieren kann, auch nicht die des Westens.

Es kann daher nicht um die Alternative entweder Weltbürgertum oder Gemeinschaft gehen. In der Theorie geht zunächst um das Begreifen der Einheit der Gegensätze von Allgemeinem und Besonderem. In der praktischen Politik kann kann es nicht darum gehen, einen der Gegensätze beseitigen zu wollen. Es geht um die Suche nach den Formen, in denen sich die Gegensätze der Kulturen weiter bewegen können. Dabei müssen die Besonderheiten der Kulturen anerkannt und respektiert werden. Man muss diese Gegensätze auszuhalten vermögen. So geht es letztlich um einen »Wettstreit der Kulturen«, um die Frage, wer etwas für die Zukunft der Menschheit beizutragen hat.

Die europäische Aufklärung trennte die Philosophie von der Religion. In der Geschichte der Völker sind die Gegensätze Philosophie und Religion aber in der Weisheit verbunden. Man muss im Westen auf diese Vorstellung von Weisheit zurückgehen, wenn man sich mit den anderen Kulturen und Religionen verständigen will. Man muss deshalb die enge Vorstellung von Aufklärung überwinden, die sich nach Kant durchgesetzt hat. Für Herder war Aufklärung ein die ganze Menschheitsgeschichte umfassender Emanzipationsprozess. Die Bildung zur Humanität war für Herder daher ein der gesamten Menschheitsentwicklung immanentes Streben. Deshalb gilt es, das geistige Erbe der gesamten Menschheit anzueignen. Alle Kulturen haben zur Menschheitskultur beigetragen. Moralisierende Ausdrücke wie »vormodern« oder »vorwissenschaftlich« besitzen weder eine theoretische Reichweite noch sind sie dem Verständigungsprozess förderlich. Es gibt einen allgemeinen Zusammenhang des Menschheitserbes, eine »Urerzählung«, die von den Völkern und Nationen  weitererzählt wird. Die Religion war über Jahrtausende die Hüterin der Tradition, der Wissenschaft und der Weisheit.

Kann es mit der Religion Aufklärung geben?

Grundsätzlich ja. Dem stehen natürlich die Praktiken von Kirchen gegenüber »Abweichlern« entgegen. Doch dabei ging es eher um Ideologie als um Glauben. Uns geht es hier nicht um Kirche, sondern um Religiösität, Spiritualität, Weisheit. Herder hob hervor, dass von den Völker Weisheit über Jahrtausende als die Einheit der Gegensätze von Vernunft und Glauben verstanden wurde. Allein die Vernunft, die in der europäischen Geschichte der Neuzeit so hervorgehoben wurde, reicht für unser Leben nicht aus. Wenn man Vernunft im Kern als Skepsis betrachtet, als Fähigkeit, aus unseren Fehlern zu lernen, dann kann man Glauben als existenzielle Hoffnung beschreiben, dass unser Leben einen Sinn hat. Wir bedürfen der Skepsis und der Hoffnung für ein menschliches Leben. In den überlieferten Weisheiten der Völker finden wir Weisheit in einem solchen Sinne.

Können wir Weisheit erlernen?

»Das einzige, was uns die Zeit von Denkmalen des Geistes überliefert, sind Bücher« (Johann Gottfried Herder). Für die Aneignung dieses Erbes brauchen wir echte Bücher. Das Buch ist über die Jahrtausende dafür entwickelt worden. Das Buch regt uns mit seinem Material dazu an, die sinnlichen Momente der Sprache beim Lesen zu assoziieren. Soetwas kann ein Bildschirm nicht leisten. Der Bildschirm kann eine sinnvolle Ergänzung sein, auf Reisen, oder zur Textanalyse. Wer aber nicht die Kulturtechnik des Buchlesens beherrscht, der kann auch mit Bildschirmtexten nichts anfangen.

Ist es gleichgültig was man liest?

Auf keinen Fall. Buchkenner verfügen seit je her über die Fähigkeit zur Auswahl. Diese Fähigkeit ist in der heutigen Medienwelt sogar überlebensnotwendig. Meister Eckharts Stichwort der »Gelassenheit« bedeutet, dass wir radikal alles sein lassen sollen, was nicht zu einem sinnvollen Leben gehört. Wir sollten also auch ganz genau darauf achten, was wir lesen. Unsere Lebenszeit und unsere Lesezeit ist begrenzt. Es gibt aber Menschen, die uns bei der Auswahl helfen können. Die Buchhändlerin, die Buchbranche ist, bis auf wenige Ausnahmen, in Frauenhänden, kann uns auf wichtige Bücher hinweisen.

Doch die Anwendung der angeeigneten Weisheit ist noch einmal eine eigenständige Leistung. Das Menschheitserbe ist allgemein, jeder Mensch lebt aber unter besonderen Bedingungen. In der Anwendung, so Herder, wird deshalb jeder Mensch seinen eigenen Glauben, seine eigene Philosophie haben.

Worum geht es in der Anwendung von Weisheit heute?

Hier zitierte Eichenthal endlich eine Passage aus seinem Buch: »Es gilt die Natur als ein Lebewesen anzuerkennen, unseren Platz im Naturprozess, alternative Formen der Energieumwandlung, neue Möglichkeiten der Stoffwechseltransformation und der Wiederverwendbarkeit hervorzubringen, Selbstversorgung, Selbständigkeit, Familie, Freundschaft und Nachbarschaft gewinnen an Bedeutung. Alte handwerkliche und gärtnerische Techniken, die eigentlich immer Grundlage unserer Existenz waren, werden wieder wichtig für uns. Die notwendige Vielseitigkeit selbständiger Existenz ist kein Makel, im Gegenteil: die Vielseitigkeit, die Vielfalt unserer Beziehungen zu anderen Menschen und zur Natur ist Grundlage eines reichen Lebens. Das Maß des Reichtums unseres Lebens ist, die für ernsthafte und sinnvolle Dinge frei verfügbare Zeit.« (Skepsis und Hoffnung, S. 57)

Eichenthal fügte an, dass im Jahre 2050 etwa 10 Mrd. Menschen auf der Erde leben werden. Es sei an der Zeit, dass wir mit der Erneuerung unseres Denkens Voraussetzungen für die Respektierung aller Kulturen und Religionen in ihrer Besonderheit schaffen. Das ist die Grundlage dafür, dass jeder Mensch in seiner Heimat eine menschenwürdige Existenz finden kann.

Was ist das neue Denken?

Das ist die Weisheit der Völker, eine allgemeine Vorstellung in unserem Kopf von der Menschheit, von Humanität, die zugleich den Reichtum des Besonderen der Kulturen und Religionen bewahren kann. Also einmal geht es um Weltbürgertum in unserem Kopf, nicht in einer gebauten Welt-Stadt, so dass es gleichgültig ist, wo wir wohnen, andererseits ist dieser Begriff zugleich die Grundlage für die notwendige friedliche Verständigung der Kulturen und Religionen.

Frau Hengmith dankte dem Referenten für seine Ausführungen und verwies darauf, dass seit vier Wochen ein Schaufenster der Buchhandlung dazu genutzt wird, den Mironde Verlag vorzustellen, und dass sie das Buch von Johannes Eichenthal empfehle.

Kommentar

Wir waren von den Ideen der Buchhändlerin überrascht. Die Vorstellung eines eigentümergeführten Verlages in einem Schaufenster einer eigentümergeführten Buchhandlung ist eine Seltenheit und ist im Interesse beider Seiten. Noch nie haben wir den Zusammenhang von Buchinhalt und Buchhandlung so konkret vermittelt bekommen wie an diesem Abend. Dabei ging etwas unter, dass das sensibel und prägnant von Birgit Eichler gestaltete Buch »Skepsis und Hoffnung« gleichzeitig eine Einführung in Herders Leben und Werk und der Versuch der methodischen Anwendung auf unsere Zeit ist. Die kongenialen Illustrationen von Rüdiger Mußbach machen das Büchlein auch zu einem optischen Genuss.

Clara Schwarzenwald

Information

Buchhandlung Goerke in Meerane. Inhaberin Silvia Hengmith, Markt 1, 08393 Meerane

www.buchhandlung-meerane.de

Johannes Eichenthal: Skepsis und Hoffnung. 14,0 × 20,5 cm, 60 Seiten, Broschur mit Schutzumschlag, Grafik von Rüdiger Mußbach (Materialdruck, Bleistift, Aquarell), VP 12,50 € ISBN 978-3-96063-004-3

www.mironde.com

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