Rezension

Es war einmal ein Land

Wir verfügen heute über Möglichkeiten nach bestimmten Büchern zu suchen, wie es sie bisher noch nie gab. dennoch erleben wir immer wieder Überraschungen. So schenkte mir ein Freund vor einigen Wochen ein mir bis dahin völlig unbekanntes Buch – Sari Nusseibeh: (mit Anthony David) »Es war einmal ein Land. Ein Leben in Palästina.« Wahrscheinlich hätte ich dieses Buch aus der heutigen Bücher-Überschwemmung niemals herausgefischt. Dieser Gedanke ist eigentlich erschreckend. Zum Glück habe ich Freunde. So eröffnete sich mir aus der Lektüre eine Welt, die ich ohne den Freund und das Buch nicht kennen gelernt hätte.

Sari Nusseibeh ist vom Jahrgang 1949. Er widmete das Buch seinem Vater. Dieser stammt aus einer alten Jerusalemer Gelehrtenfamilie und war einige Jahre jordanischer Botschafter in London. Wie sein Vater studierte Sari in Oxford, allerdings nicht Jura, sondern Philosophie. Es folgten einige Jahre in Harvard. In Oxford lernte Sari auch seine spätere Frau kennen, die Altphilologin Lucy Austin, eine Tochter des bekannten Philosophen John Austin.

Obwohl Nusseibeh in Oxford vor allem mit Hochschullehrern in Kontakt kam, die die so genannte analytischer Philosophie betrieben, d.h. sich wenig um die Historizität unseres Denkens kümmerten und Vernunft mit Mathematik identifizierten, widmete sich Nusseibeh der Geschichte des Denkens, auch der Geschichte der arabischen Philosophie und Religion. Schon im 9. Jahrhundert diskutieren arabische Philosophen die Werke Platons und Aristoteles in arabischer Sprache. Dieser Gedanke motivierte Nusseibeh. Gerade mit dem Studium der Geschichte des arabischen philosophischen Denkens eignet sich Nusseibeh die Bildung an, auf die es ankommt. Das Wissen um die historischen Übergänge der Gegensätze verleiht Nusseibeh ein Gespür für die Vermittlungen aktueller Widersprüche. Aus der Geschichte heraus begreift Nusseibeh, dass die Lösung eines Widerspruches nicht die Beseitigung der einen oder anderen Seite sein kann. Vielmehr geht es um die Findung neuer Formen, in denen sich die Interessengegensätze weiter bewegen können. Zur Lösung eines Widerspruches gehört mithin, dass die Kontakte zwischen den Seiten intensiviert werden müssen.

Aus Nusseibehs Erzählung erfahren wir die traurige Geschichte der Vertreibung des palästinensischen Volkes aus der Sicht einer traditionsreichen Familie. Trotz Terroranschlägen und Massakern versuchte Nusseibehs Vater den Kontakt zu israelischen Politikern, Juristen und Wissenschaftlern nicht abreißen zu lassen. Ebenso versuchte Sari Nusseibeh immer die starren Vorurteils-Schablonen von »Freund«  und »Feind« aufzulösen. Er hatte immer Gesprächspartner auf israelischer Seite, die mit der herrschenden Gewalt nicht einverstanden waren und sich ebenfalls für die friedliche Beilegung der Interessenkonflikte einsetzten.

Nüchtern schildert Nusseibeh auch das Versagen der palästinensischen Politiker, deren Fehleinschätzungen und populistischem Geprahle von angeblicher militärischer Stärke.

Aufgrund seiner Nüchternheit und Offenheit wird Nusseibeh bevorzugtes Ziel der staats-israelischen Behörden. Es folgen Provokationen, Einschüchterungen, Verhaftungen und Folter.

Gleichzeitig wird er aber auch das Ziel palästinensischer Betonköpfe. Es folgen Provokationen, Einschüchterungen und er wird zusammengeschlagen.

Beeindruckend ist, wie Nusseibeh unter solchen Bedingungen immer wieder sein Denken zu mobilisieren vermag und außergewöhnliche Politik-Vorschläge macht, um den Israel-Palästina-Konflikt gewaltfrei austragen zu können.

So schlägt er angesichts der realen Verquickung des israelischen und palästinensischen Lebens vor, dass alle Palästinenser Israelis werden sollten. Aber dann wären die Palästinenser die Mehrheit im Staates Israel.

Es folgt darauf der Vorschlag einer zwei-Staaten-Lösung. Wer zwei Staaten akzeptiert, der erkennt das Existenzrecht der anderen Seite an. Und umgekehrt. Ariel Sharon reagiert mit der gnadenlosen Zerstörung aller politischen Strukturen der palästinensischen Seite.

 

Sari Nusseibeh ist seit 1995 Präsident der Al-Quds-Universität, der einzigen arabischen Universität in Jerusalem. Dort unterrichtet er auch Philosophie.

Mit seinem ganzen Leben demonstrieren Sari Nusseibeh und seine Frau Lucy, die eine Basisfriedensorganisation leitet, dass es möglich ist, sich für Vernunft und Frieden zu engagieren, ohne sich von Berufspolitikern und ihren Parteien vereinnahmen zu lassen. Gerade darum ging es immer und heute erst recht. Die Intellektuellen müssen sich einmischen, zugleich aber Distanz wahren.

Amoz Oz schrieb über Saris Buch: »Ein feinsinniges, trauriges und humorvolles Erinnerungsbuch, das neues Licht auf die Tragödie des Israel-Pälestina-Konflikts wirft, zugleich ein lebendiges Bild der palästinensischen Gesellschaft.«

Mitautor Anthony David ist Autor des Buches »The Patron. A Life of Salmann Schocken, 1877–1959.« und Herausgeber der Briefe und Tagebücher von Gershom Scholem.

Johannes Eichenthal

 

Information

Sari Nusseibeh mit Anthony David: Es war einmal ein Land. Ein Leben in Palästina. Suhrkamp Verlag 2009. ISBN 978-3-518-46086-3 VP 14,00 €

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