Reportagen

Veronika, der Lenz ist da!

Mit Eberhard Görner kam am Nachmittag des 1. April der Frühling nach Niederfrohna. Morgens hatte der Winter noch einmal verzweifelt versucht seine Position zu behaupten und mobilisierte mehrere Zentimeter Schnee. Doch als  Eberhard Görner, Professor, Autor und Filmemacher, am Abend des 1. April vor das Publikum trat, war der Winter schon besiegt. »Veronika, der Lenz ist da!« lautete der Titel seiner Erinnerungen an das Leben und die Musik des Komponisten Walter Jurmann.

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Wer war Walter Jurmann? Nicht nur Laien müssen bei diesem Namen nachschlagen. Eberhard Görner skizzierte anschaulich und verständlich den Lebensweg des 1903 in Wien geborenen Walter Jurmann. Wien hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts Paris als »Hauptstadt Europas« endgültig abgelöst. Literatur, Kunst und Wissenschaft gingen in Wien eine Symbiose ein. Expressionismus, Psychoanalyse, Empiriokritizismus, Grenznutzentheorie u.a. erblühten hier. Die Tradition der Musikstadt wurde durch vielfältige Einflüsse erneuert. In dieser anregenden Atmosphäre wuchs Jurmann auf. Das Medizinstudium gab er 1925, nach einem Engagement als Barpianist im Grand-Hotel Panhans auf dem Semmering, auf. Bereits zu diesem Zeitpunkt ermunterten berühmte Kollegen wie Richard Strauß den jungen Musiker. Eine Eigenschaft Jurmanns, so Görner, sei schon damals die genaue Beobachtung des Publikums gewesen.

Schließlich zog es Jurmann 1927 nach Berlin. Seine Ankunft fiel etwa mit der Geburt des Tonfilms zusammen. Fortan widmete er dem Tonfilm sein Leben. Am Klavier komponierte er unzählige Melodien, zu denen Fritz Rotter, ebenfalls ein gebürtiger Wiener, den Text schrieb, und die von Bronislaw Kaper arrangiert wurden. 1930 entstand in Berlin der, seinerzeit freche, heute anerkannte Klassiker »Veronika, der Lenz ist da!« Auch in Berlin arbeitete Jurmann als Pianist, zum Beispiel im Hotel Eden. Hier hörten und ermutigten ihn Franz Lehár und Emmerich Kálmánn. Jurmann nahm innerhalb kurzer Zeit das Lebensgefühl der Berliner auf, den Rhythmus, den Schwung. Er arbeitete mit berühmten Kollegen zusammen. Richard Tauber, Heinz Rühmann, Hans Albers, Kurt Gerron, Willy Fritsch, Theo Lingen, Leo Slezak, Adele Sandrock, Oskar Sima u.a.

Doch die Ernennung des Reichskanzlers Adolf Hitler veränderte schlagartig die Rahmenbedingungen. Über Nacht verloren Künstler mit jüdischer Herkunft ihre Arbeit und wurden bedrängt. Walter Jurmann musste 1933 nach Paris flüchten. Dort traf er viele Kollegen aus der Berliner Musik-Film-Szene wieder. Innerhalb kurzer Zeit gelang es Jurmann die Atmosphäre, das Lebensgefühl der Pariser aufzunehmen und in eine musikalische Sprache zu übersetzen. Zum Teil komponierte er mit dem Pseudonym »Pierre Candel«, unter anderem für eine Pariser Revue und für fünf Filme. Der bekannteste Film ist vielleicht »Les Nuits Moscovite« (Moskauer Nächte) geworden.

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Auf Walter Jurmanns Pianisten-Spuren: Jochen Richter

Das Schicksal wollte es, dass der »Kopfjäger« von MGM 1934 auf ihn aufmerksam wurde. Jurmann unterzeichnete einen 7-Jahres-Vertrag und verließ Paris in Richtung Los Angeles. In den USA traf er wieder auf viele ehemalige Kollegen aus der europäischen Musik-Film-Szene. Ohne Zweifel waren es die USA und Hollywood, die von der Vertreibung europäischer Künstler am meisten profitierten. Jurmann gelang es wieder innerhalb von kurzer Zeit das Lebensgefühl, den Rhythmus, das Tempo der amerikanischen Lebensweise aufzunehmen und in eine musikalische Sprache zu übersetzen. 1935 entstand die Filmmusik zu »Meuterei auf der Bounty«, 1936 zu »San Francisco«. Die Titelmelodie des letzteren wurde zu einem Weltschlager. Wieder arbeitete er mit vielen berühmten Kollegen zusammen: Jeanette McDonald, Clark Gable, Spencer Tracy, die Marx Brothers, Judy Garland u.a.

Eberhard Görner vermochte auf einzigartige Weise über die Biographie Jurmanns die Musik-, Film- und Zeitgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts interessant und anregend zu erzählen. Er ist in der Tat ein großer »dialogischer Erzähler«. Sein Kommunikationsvermögen ermöglicht ihm Geschichte als einen »vielstimmigen Prozess« (Jakob Grimm) darzustellen. Görner vermag es Stimmen zu Wort kommen zu lassen, die Wesentliches zu erzählen haben. Görners Erzählweise ist singulär. Man hätte ihm ewig zuhören können. Doch nach etwa zwei Stunden war diese Buchvorstellung leider zu Ende.

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Das zum Teil sehr sachkundige Publikum dankte Eberhard Görner mit herzlichem Applaus. Wer die Geschichte nachlesen will, dem sei das dazu gehörige Buch empfohlen.

Dem Veranstalter, Heimatverein und Gemeinde Niederfrohna, ist zu danken. Vielleicht wäre, bei einem früheren Termin der Veranstaltung, der Frühling auch früher … Oder nicht?

Johannes Eichenthal

Information

Görner, Eberhard: Veronika, der Lenz ist da! Walter Jurmann. Sein Leben, seine Musik. Henschel-Verlag Leipzig 2014; ISBN 978-3-89487-686-9

Das Buch enthält ein Vorwort von Max Raabe, wie eine mit dem Jurmann-Lied »A Better World to Live in« besungene CD.

www.goerner-film.de

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