Reportagen

Eine Fritz-Körner-Ehrung im »Wien«

Der im erzgebirgischen Waschleithe geborene Fritz Körner (1873–1930) ist einer der besten Erzähler erzgebirgischer Mundart. Die Geschichten dieses literarisch gebildeten Autors geben uns einen unverstellten Blick auf das oft schwere Leben im Erzgebirge der 1920er Jahre. Körner erzählt uns aber keinen »Roman«, vielmehr sind es kleine Episoden des Alltags, in denen er uns das Menschliche und das Allzumenschliche überliefert. Die Familie Körner mit ihren acht Kindern hatte oft nicht einmal genug zu Essen. Es verwundert daher nicht, dass Essen und Trinken zu den bevorzugten Sujets Körners gehörte.

Der Körner-Kenner Dr. Klaus Walther hatte sich eine Gaststätte ausgesucht, um an Fritz Körner zu erinnern. Am Abend des 24. Oktober trat er im »Stadt Wien« in Limbach-Oberfrohna vor das Publikum. »De gesungene Speisekart« stand auf der Einladung.

Im »Wien« finden wir eine Holztäfelung und eine komplette Einrichtung aus den 1920er Jahren. Das Wirtsehepaar Hoyer bewahrt liebevoll dieses kulturelle Denkmal. Ein elektrisches Klavier, erst kürzlich mit Hilfe von örtlichen Sponsoren wieder in Gang gesetzt, kennt die Melodien der 1920er Jahre. Man fühlte sich in die Zeit versetzt, in der Fritz Körner seine besten Geschichten schrieb.

Dr. Klaus Walther las zunächst aus dem Band »De gesungen Speisekart« die Geschichte »Wie dr Kanter Brust de Speisekart osinge mußt«. Walther vermocht uns mit seiner Sprache den armen Kantor nahezubringen. Diesen Kantor Brust, der, wie Fritz Körner selbst, gern einmal in der Gaststätte gegessen hätte, der melancholische Gesänge über Essen und Trinken anstimmte, den neidische Mitbürger eben wegen seiner Lieder beim Schulrat anschwärzten … Wir kennen das, so ist das Leben. Aber bei Walthers wortreichen Schilderungen der Speisekartengesänge seines Helden, da läuft uns selbst das Wasser im Mund zusammen …

Höhepunkt der Veranstaltung war aber vielleicht die Geschichte »Die beenden Vielasser«. Körner überzeichnet hier, wiederum nicht frei von Humor (!), in absurder Form die Essleistungen zweier Pfarrer, dass die Stühle krachten. Vielleicht eine Art Paradies-Vorstellung von Fritz Körner?

Das Publikum lauschte andächtig dem Vortrag von Dr. Klaus Walther. Um ein Haar hätte der Vortrag wie eine Predigt gewirkt. In der Tat lösen die Texte Körners einen sorgsamen Umgang mit unserem täglichen Brot aus. Wir werden an Salomos Frage nach dem Sinn unseres Lebens erinnert. Salomo, der nach dem vergeblichen Streben nach Reichtum, Macht und Weisheit, dieses als »Haschen nach Wind« bezeichnete, vermochte eine existenzielle Antwort zu finden. Sein Credo: Drum iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein … solange es dir auf dieser Erde vergönnt ist. Salomo hilft uns zu begreifen, dass es darauf ankommt, wie wir essen und trinken, ob wir begreifen, dass alles was wir zu uns nehmen Teil unserer Welt ist, wie wir selbst: drum iss dein Brot mit Freuden …

Walther erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass der Beierfelder Pfarrer Fritz Körner für die Übersetzung des Lukas-Evangeliums in die erzgebirgische Mundart ein kleines Salär zahlte. Ein Kapitel aus dieser Fassung des Evangeliums sei in der kleinen Auswahl abgedruckt. Und, so Walther, der gebildete Fritz Körner sei dem großen Text gerecht geworden, seine Übersetzung stelle eine literarische Leistung dar.

Das Publikum dankte Dr. Klaus Walther für sein Lesung.

Sigfried Hoyer, der Chefkoch von »Stadt Wien« lies es sich im Anschluss nicht nehmen eine Laudatio auf Dr. Klaus Walther zu halten.

Aus Anerkennung besonderer Leistungen für die Gaststätte »Stadt Wien« verlieh Sigfried Hoyer Dr. Klaus Walther schließlich das »Ehrenwohnrecht« in einem der ehemaligen »Fremdenzimmer« der Gaststätte.

Die gleiche Ehre erfuhr im Anschluss Dr. Steffen Heinrich. Er ist der eigentlichen Erfinder und Organisator der Lesereihe im »Wien«.

Wir freuen uns schon auf die nächste Lesung im Wien, die voraussichtlich im März 2012 stattfinden wird.

Johannes Eichenthal

 

 

Information

 

Historische Gaststätte »Stadt Wien«

Straße des Friedens 14, 09212 Limbach-Oberfrohna

www.stadtwien.de

gaststaettestadtwien@t-online.de

 

Die Mundartgeschichten von Fritz Körner sind in der Edition Kammweg des Mironde Verlages erschienen

 

Fritz Körner: De gesungene Speisekart. Seine schönsten Geschichten.

ISBN 978-3-937654-38-6

 

Weiter sind erschienen und lieferbar

 

Klaus Walther (Hrsg.): Heit is dr Heilge Ohmd ihr Maad. Die schönsten erzgebirgischen Weihnachtslieder.

ISBN 978-3-937654-25-6

 

Kurt Wieland: Tod in Vater Augusts Kerker Cornelius von Rüxleben – Jägermeister zu Zschopau.

ISBN 978-3-937654-29-4

 

Edgar Hahnewald: Sächsische Schönheit. Zwischen Kammweg und Mittelsachsen.

ISBN 978-3-937654-41-6

 

Gert Hofmann: Die Rückkehr des verlorenen J. M. R. Lenz nach Riga.

ISBN 978-3-937654-44-7

 

Uwe Schneider: Lachen macht gesund. Heitere Geschichten.

ISBN 978-3-937654-64-X

 

Pater Gabriel K. Lobendanz OCist: Kloster-Aphorismen.

ISBN 978-3-937654-39-3

 

Pater Gabriel K. Lobendanz OCist: Weihnachtsgeschichten.

ISBN 978-3-937654-43-0

 

www.mironde.com

verlag@mironde.com

 

 

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