Reportagen

Sei dennoch unverzagt!

 

 

SEI DENNOCH UNVERZAGT

»Sei dennoch unverzagt! Gib dennoch unverloren!

Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,

vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,

hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.

 

Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren;

nimm dein Verhängnis an. Lass alles unbereut.

Tu, was getan muss sein, und eh man dir’s gebeut.

Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.

 

Was klagt, was lobt man noch? Sein Unglück und sein Glücke

ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:

dies alles ist in dir. Lass deinen eitlen Wahn,

 

und eh du fürder gehst, so geh in dich zurücke.

Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,

dem ist die weite Welt und alles untertan.«

 

Diese Worte von dem Dichter Paul Flemming, in der Kapelle auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin für die Dichterin Christa Wolf am 13. Dezember 2011 von Corinna Harfouch mit zu Herzen gehender Emotionalität gesprochen, sie erreichten uns inmitten von Hunderten von Trauergästen bei eisigem Wind und strömenden Regen, aus den Lautsprechern vor der Kapelle.

Unter einem viel zu kleinem Regenschirm standen wir eng gedrängt beieinander: Elmar Faber, langjähriger Aufbau-Verleger von Christa Wolf mit seiner Frau, der Regisseur Egon Günther und der Autor dieser Zeilen. Ein paar Meter weiter der Musiker Andrej Hermlin. Das Grab seines Vaters Stephan Hermlin, nun nahe dem frischen von Christa Wolf. Vor der Kapelle fast Unwetter, drinnen erklingt die Winterreise »Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.«

Und Christa Wolfs Enkelin Jana Simon beschreibt liebevoll die Sorgen ihrer Oma gegenüber den Enkeln, die immer in der Frage gipfelte: »Habt ihr denn auch jemand, der für euch kocht?«

Während ich mir den Mantelkragen immer höher stelle, um mich vor dem prasselnden Regen zu schützen, ging mir der 80. Geburtstag von Christa Wolf durch den Kopf. Da saßen wir am Vormittag, zusammen mit ihrem Mann Gerhard, mit Tochter und Schwiegersohn, bei Kaffee und Kuchen im Wintergarten in ihrer mit Büchern tapezierter Wohnung am Amalienpark. Sie wollte wissen, was Johanna Schall macht? Denn diese wunderbare Schauspielerin, Brechts Enkeltochter, hatte in unserem 1989 bei der DEFA gedrehten Fernsehfilm SELBSTVERSUCH nach der Erzählung von Christa Wolf, zusammen mit Henry Hübchen, die Hauptrolle gespielt.

Unsere spätere Absicht, Christa Wolfs großartiges Buch KINDHEITSMUSTER zu verfilmen, fand leider kein Interesse in der (west)deutschen Produzenten-ARD- und ZDF-Branche. Dafür konnte ich ihr eine Brücke nach Kreisau/Krzyzowa schlagen, was sie in ihrem Buch EIN TAG IM JAHR dankbar reflektiert, woraus eine tiefe Berührung mit Freya von Moltke in Norwich/Vermont (USA) erwuchs.

Nach der Wende saßen wir, zusammen mit Christa Wolf, mit vielen anderen Fragenden wie ein Fähnlein der Sieben Aufrechten in der Akademie der Künste und diskutierten unter Deck vom »Traumschiff Deutschland« die Frage, wohin die Reise wohl gehen werde: in die Zukunft oder in die Vergangenheit deutscher Geschichte? Eine Frage, die man sich beim Aufschlagen der Zeitung jeden Tag neu stellen muss!

Unvergessen Christa Wolfs Lesungen – ich weiß noch: 500 Zuhörer im Beethoven-Saal im Leipziger Gewandhaus. Kein Rankommen war möglich, nur ein Winken über die Köpfe hinweg.

Ihre Krankheiten, sie hat nicht gern darüber geredet, hat sie überspielt, beim gemeinsamen Suppe löffeln in der Wolfschen Küche.

 

Nun kommt der von Rosen umkränzte Sarg aus der Kapelle. Ihren Mann Gerhard stützen die Töchter. Auch Literaturnobelpreisträger Günter Grass wird geführt.

Und da schießt mir wie ein Blitz der Gedanke durch den Kopf: wenn morgen Grass, übermorgen Walser, Lenz, Hein und Braun, wenn die uns auch verlassen, ist Deutschland ohne literarische Elite, ohne literarischen Widerspruch.

Und während sich die Trauergäste hinter dem Sarg formieren, fällt mir auf, dass außer Thierse und Gysi, kein Politiker zugegen ist. Christa Wolf, diese deutsche Kassandra, sie war der Macht immer unbequem. Selten wird die Geistlosigkeit der Macht so deutlich, wie hier, auf der letzten Ruhestädte des deutschen Geistes.

Sei dennoch unverzagt!

Eberhard Görner

 

Weitere interessante Artikel zu Christa Wolf

 

http://www.fr-online.de/kultur/beerdigung-von-christa-wolf–nimm-alles-nicht-so-schwer-,1472786,11303988.html

 

http://www.neues-deutschland.de/artikel/213330.ein-sommerstueck-13-dezember.html

 

http://www.neues-deutschland.de/artikel/213264.christa-wolf-geleitet-von-viel-liebe.html

 

http://www.tagesspiegel.de/kultur/verfuehrung-zum-eigenen-ich/5919814.html

 

http://www.tagesspiegel.de/kultur/christa-wolf-so-weit-so-nah/5956324.html

 

www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/KULTUR/Christa-Wolf-ist-tot-artikel7834454-1.php

 

http://www.freitag.de/kultur/1150-zum-abschied-von-christa-wolf

 

http://www.zeit.de/2011/51/Volker-Braun

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One thought on “Sei dennoch unverzagt!

  1. Lieber Herr Görner, Vielen Dank für diese wunderbare, traurige Reportage über die Beisetzung der großen Christa Wolf. Hoffen wir das all diese Geschichten über Wiedergeburt doch ein Fünkchen Wahrheit besitzen und irgendwo eine kleine nächste Christa Wolf zurückgekommen ist.

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