Reportagen

Schubert in Altenburg

Die traditionsreiche Geschichts- und Altertumsforschende Gesellschaft des Osterlandes e.V. hatte am 29. Februar 2012 in den Bachsaal des Altenburger Schlosses eingeladen. Vereinsvorsitzender Gustav Wolf begrüßte Dr. Andreas Eichler, der an diesem Abend sein Buch über den, am 26. April 1780 in Hohenstein geborenen und am 1. Juli 1860 in Laufzorn bei München verstorbenen, Universalgelehrten Gotthilf Heinrich Schubert vorstellte. Schubert hatte u.a. Theologie, Medizin, Biologie, Zoologie, Chemie, Physik, Mathematik und Philosophie studiert, beherrschte mindestens sechs Sprachen fließend und schrieb auch Romane und Erzählungen.

Eichler umriss, wie wir es aus seinen Vorträgen kennen, den Lebensweg, des in einem sächsischen Pfarrhaus geborenen Gotthilf Heinrich Schubert. Trotz paternalistisch-pietistischer Familienverhältnisse nahm Schubert immer wieder selbst auf seinen Bildungsgang Einfluss. Die Zustimmung des Vaters zum Besuch des Weimarer Gymnasiums erkämpfte er sich mit Hilfe seiner Schwestern. Bereits in Weimar praktizierte Schubert ein strenges Lebensregime. Er stand täglich zwischen 4 und 5 Uhr auf, um noch vor den ersten Lehrveranstaltungen klassische Werke lesen zu können, unternahm lange Spaziergänge, lebte nach der Hufelandschen Diät und badete auch im Winter in der Ilm. Zu Ostern und Weihnachten wanderte er zu den Eltern nach Hohenstein.

Es konnte nicht ausbleiben, dass Eichler bei der Begegnung Schuberts mit Johann Gottfried Herder in Weimar länger verweilte. Herder bestärkte Schubert in seinem wissenschaftlichen Fleiß und im Beschreiten eines eigenen Lebensweges. Doch dann ging es schon weiter nach Leipzig. Schubert begann der Familientradition gemäß an der Leipziger Universität nach Ostern 1799 ein Theologie-Studium. Mit Hilfe seiner Schwestern gelang es ihm aber wieder vom Vater die Zustimmung zum Wechsel in die Medizin zu erlangen. Ebenfalls mit Hilfe der Schwestern vermochte Schubert im Jahre 1801 die Zustimmung des Vaters zum Wechsel an die Universität Jena zu erhalten. Nach Jena wollte Schubert, um bei dem jungen Professor Johann Wilhelm Ritter (1776–1810) zu hören, der galvanische Versuche unternahm und deren medizinische Anwendung erprobte. Nach einiger Gewöhnung fand Schubert auch Zugang zur eigentümlichen Terminologie des jungen Philosophen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775–1854). 1803 wurde Schubert mit einem Ritterschen Thema (»Anwendung des Galvanismus auf Taubgeborene«) zum Doktor der Medizin promoviert. Schubert wollte nach dem Studium eigentlich Schiffsarzt werden um ferne Welten kennen zu lernen. Gegen den Willen der Eltern heiratete er jedoch 1803. Er entschloss sich zur Niederlassung als praktischer Arzt  in Altenburg.

Ein Empfehlungsschreiben seines Lehrers Ritter sorgte für eine wohlwollene Aufnahme bei Minister von Thümmel in Altenburg, der Schubert nach Johann Gottfried Herder befragte.

Auch beim Vorstand des Ärztekollegiums, Hofrat Heine, erreichte Schubert schließlich eine wohlwollend Aufnahme, obwohl dieser der Jenaer Naturphilosophie ablehnend gegenüberstand, sich aber von Schubert in seiner Begeisterung für die literarischen Werke Boerhaves oder Albrecht von Hallers bestätigt sah.

Durch einen Zufall konnte Schubert auch Wohnung und Praxisräume günstig erwerben. Ein Mitstudent aus Jena, Gleitsmann, erwarb gerade die Apotheke gegenüber dem Gasthaus »Zum Hirsch«. Die junge Familie Schubert zog im Ersten Stock ein.

Die Praxis in Altenburg lief nur leidlich. Schubert musste auch Lehrgeld zahlen, mehr als ihm zur Verfügung stand.

Auf Anraten von Freunde schrieb Schubert zum Gelderwerb einen zweibändigen »Roman«. Dafür brauchte Schubert nur drei Wochen. Allerdings vermochten auch seine Freunde nicht, einen Verleger zu finden.

Gleichzeitig arbeitete Schubert an der Übersetzung des zweibändigen Naturpoems »The Botanic Garden« von Dr. Erasmus Darwin (1731–1802). Es war Johann Gottfried Herder gewesen, der Schubert dazu angeregt hatte. Trotz dieses »Gebirges« an Arbeit mangelte es dem jungen Schubert an Geld, um seine Familie ernähren zu können.

So kam im Herbst 1803 die Vermittlungstätigkeit des Altenburger Verlegers und Arztes Dr. Johann Christian Rink gerade noch zur rechten Zeit. Er fragte Schubert, ob er nicht für die »Altenburger medizinischen Annale« des Arztes Dr. Pierer, Rezensionen der wichtigsten literarischen Neuerscheinungen auf dem Gebiet der Medizin, Physiologie und den verwandten Wissenschaften schreiben wolle.

In der Altenburger Johannisgasse 46 (heute Johannisstraße) hatte Dr. Johann Christian Rink Ende des Jahres 1803 Buchhandlung und Verlag eingerichtet. (Linkes Haus, Abbildung aus: G.H. Schubert: Ein anderer Humboldt)

Der Lebensunterhalt war gesichert, die Situation der Familie blieb jedoch ernst. Schubert wurde leichtsinnig und ersteigerte eine italienische Boccaccio-Ausgabe. Das Geld dafür wurde eigentlich im Haushalt gebraucht. Doch auch hier ergab sich eine glückliche Fügung. Der Vorstand der Knabenschule Dr. Bergner, der bei der Auktion zugegen gewesen war, vermittelte eine Lehrtätigkeit für Schubert in italienischer Sprache.

Am 18. Dezember des Jahres 1803 verstarb Herder in Weimar.

»Meine Trauer war aufrichtig und tief; ich hatte vor vielen Anderen einen guten Grund und ein kindliches Recht dazu.«, schrieb Schubert im 2. Band seiner 1855 bei Palm und Enke in Erlangen erschienen Selbstbiographie.

Im Band 2 seiner Selbstbiographie schrieb Schubert, dass Karoline Herder und Johann Georg Müller ihn 1804 um die Durchsicht der Übersetzungen Herders aus dem Spanischen baten, um diese in die Werkausgabe aufnehmen zu können. (S. 103–105)

(Der Herder-Kenner Günter Arnold verwies allerdings darauf, dass die Einbeziehung Schuberts durch Karoline wohl auch aus pädagogischen Gründen erfolgte. Karoline war sich der jugendlichen Unerfahrenheit Schuberts bewusst, vertraute ihm aber dennoch.)

Karoline Herder vermittelte auch Schuberts Darwin-Übersetzung in einem Brief vom 2. April 1804 an den Herausgeber der Zeitschrift »Der Freimütige, oder Ernst und Scherz. Ein Unterhaltungsblatt« Dr. Garlieb Merkel (1769–1850). Karoline Herder bat Merkel bei der Suche nach einem Verleger für das Darwin-Manuskript zu helfen.

Einen Verleger fand Merkel nicht, druckte aber Teile der Übersetzung in seiner Zeitschrift nach.

In dieser Zeit vermochte es Schubert auch, den Altenburger Verleger Dr. Rink für die Herausgabe einer auf Herderschen Ideen basierenden Bibliothek mit Übersetzungen von Liedern und Gedichten aus dem Portugiesischen, Spanischen und Provenzalischen herauszugeben. Immerhin erschienen zwei Bändchen in dieser Reihe. (In seiner Selbstbiographie gestand Schubert, dass er für diese Aufgabe eigentlich noch nicht vorbereitet war.)

Aufgrund seiner Arbeit für die wissenschaftliche Zeitschrift Dr. Pierers wurde Schubert auch in den Freundeskreis dieses Arztes aufgenommen.

Neben einigen Gymnasiallehrern lernte Schubert hier den Sekretär von Waitz kennen.

Beide Pflanzenliebhaber begegneten sich oft im herzoglichen Schlossgarten. Schließlich vertraute von Waitz ihm an, dass er sich als Student einst in die Dichterin Sophie Schubart verliebte. Allerdings habe auch sein damaliger alter Lehrer Professor Mereau aus Jena die junge Frau auf einem Ball in Altenburg kennen gelernt und diese schließlich durch hartnäckiges Werben zur Heirat gebracht. (Selbstbio­graphie Bd. 2, S. 93; Sophie Mereau erlangte bis zu ihrem frühen Tod 1806 großen Ruhm als Romantiker-Autorin und veröffentlichte 1804 im gleichen Verlag, wie Schubert.)

Nach einigen vergeblichen Versuchen der Schubert-Freunde war es wieder Ritter, der dessen Roman im Verlag von Ferdinand Dienemann in Penig unterbrachte. 1804 erschien das Buch unter dem Titel »Die Kirche und die Götter«, allerdings ohne Nennung des Verfassernamens.

 

(Abbildung aus: G.H. Schubert: Ein anderer Humboldt)

Ritter behielt zunächst das Honorar ein, weil er selbst in Nöten war. Aber Schubert, der das Geld auch gebraucht hätte, nahm es ihm nicht übel: »So wurde zweien geholfen«, schrieb er in seiner Selbstbiographie.

Der Peniger Verlag Ferdinand Dienemann hatte um 1800 im Haus Markt 9 (re. neben dem Gasthaus »Zum Goldenen Stern«) seinen Sitz. (Abbildung aus: G.H. Schubert: Ein anderer Humboldt)

Interessant sei, so Eichler, dass Schubert im Freundeskreis von Dr. Pierer dem Anschein nach 1804 seine Verfasserschaft an dem anonym erschienen Roman zugegeben habe. Noch in der Selbstbiographie von 1855, in der er erstmals seine Verfasserschaft an »Die Kirche und die Götter« öffentlich zugab, hatte sich der redselige Schubert bei diesem Thema auffällig zurückgehalten. An gleicher Stelle habe Schubert dem Leser in geheimnisvollen Andeutungen über das Buch eines »talentvollen Mannes aus der Schule der Romantiker« weitere Rätsel aufgegeben.

 

 

(Abbildung aus: G.H. Schubert: Ein anderer Humboldt)

Hier erinnerte Eichler daran, dass Ende 1804/Anfang 1805 im Verlag von Ferdinand Dienemann ein Buch mit dem Titel »Nachtwachen« erschien. Als Verfasserangabe mit dem fingierte Name »Bonaventura« versehen.

Der kleine Peniger Verlag hatte 1804 mit  Italienischen Novellen von Sophie Mereau, in Übersetzung von Clemens Brentano, den geschäftlichen Durchbruch erzielt und sich schnell einen Namen als Romantiker-Verlag gemacht.

Die »Nachtwachen«, in einem für diese Zeit neuartigem Stil verfasst, wurden zu einer Sensation. Bis heute gelang es der Wissenschaft jedoch nicht, den Verfasser zweifelsfrei zu ermitteln. Momentan nimmt man aufgrund eines Selbstbekenntnisses an, dass Friedrich August Klingemann (1777–1831) der Verfasser gewesen sei. Vorher seien schon viele berühmte Namen genannt worden (Schelling, Jean Paul, E. T. A. Hoffmann u.a.). Franz Schulz habe um 1920 Schuberts Freund Friedrich Gottlob Wetzel (1780–1819) als Verfasser benannt. Seine Begründung lautete, dass dieser Schubert gekannt habe. Schubert aber sei der wichtigste Vermittler zu Schelling und anderen gewesen.

Eichler fügte hier ein, dass er es nicht für ausgeschlossen halte, dass der wahre Verfasser bis heute nicht bekannt sei. Er halte es für möglich, dass Ritter der Verfasser sein könnte. Dieser habe 1804 unter Geldmangel gelitten und Schubert erst an Dienemann vermittelt.

Manches spricht für die Zweifel Eichlers. Noch in keinem Vortrag hatte er bislang gesagt, dass Schubert über Details aus dem Leben der Sophie Mereau, die sich jedoch bald von Professor Mereau scheiden ließ und 1803 mit Clemens Brentano die Ehe einging, unterrichtet war. Wer die »Nachtwachen« gelesen hat, der weiß, dass es hier auch um die Affären einer jungen Frau, die mit einem alten Juristen verheiratet ist, mit einem hochstapelndem jungen (romantischen) Dichter geht.

Auch wird in den »Nachtwachen« der Anatom Dr. Gall in Wien erwähnt, der wohl eher Medizinern bekannt gewesen sein dürfte.

Schließlich fällt mir ein, dass auch in den »Nachtwachen« Dr. Darwins Theorie der Abstammung des Menschen vom Affen erwähnt wird. (Gemeint ist hier Dr. Erasmus Darwin, von dem die Hypothese stammt.) Der Freundeskreis Schuberts arbeitet an der Übersetzung von Darwins »The Botanic Garden« mit, kannte also auch die Details.

Da fällt mir ein, dass Schuberts (und Wetzels) Medizin-Professor Ernst Benjamin Gottlieb Hebestreit (1753–1803) im Jahre 1801 die Übersetzung der zweibändige Philosophie der Landwirtschaft und des Gartenbaus von Erasmus Darwin (London 1800) herausgegeben hatte.

An dieser Stelle muss ich zugeben, dass mir alle meine bisherigen Gewissheiten schwanden. Hatte ich doch bislang den Germanistik-Professoren geglaubt, die Klingemann als Nachtwachen-Autor ermittelten. Auf einmal war alles unklar. Zudem hatte ich den Faden des Vortrages verloren. Es gab auch noch eine Diskussion zwischen Autor und Publikum, aber ich kann mich an nichts mehr erinnern. Schlagartig war mir klargeworden, dass Schubert, der Ostern 1805 mit seiner jungen Frau Altenburg in Richtung Freiberg wieder verließ, in zwei Jahren hier eine gigantische Arbeit leistete, und in Freundeskreisen aufgenommen worden war, deren Verbindungen und Wirkungen zum Teil bis heute nicht erforscht sind.

Auf der Heimfahrt kam mir wieder der Gedanke, warum ist Gotthilf Heinrich Schubert aus Hohenstein-Ernstthal eigentlich nicht der Namensgeber der TU Chemnitz?

Johannes Eichenthal

 

 

Information

Andreas Eichler: G. H. Schubert: ein anderer Humboldt. 2010, 96 S., gebunden, Lesebändchen, 22,5 × 22,5 cm, zahlreiche Abbildungen, teilweise farbig, kommentierter Briefwechsel von G.H. Schubert mit Karoline und Johann Gottfried Herder, kommentierte Wiedergabe der »Hodegetische Abendvorträge, Personenregister u.a.

ISBN 978-3-937654-35-5 14,90 €

 

Gustav Wolf: Geschichte der Altenburger Buchhändler. Altenburg 2000.

 

Bonaventura (F. A. Klingemann): Nachtwachen. Stuttgart, Reclam-Verlag 2003. ISBN 978-3-15-008926-2   5,00 €

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