Kloster Buch
Reportagen

ZU BESUCH IN KLOSTER BUCH

Am 20. August ließ die Sonne die Feuchtigkeit des Morgens zu Wolken werden. Der Himmel blaute auf und es stieg ein warmer Spätsommertag empor. Am Nachmittag machten wir uns auf den Weg in Richtung Leisnig. Im Kloster Buch würde Superintendent i. R. Arnold Liebers einen Vortrag über die Geschichte des einstigen Zisterzienser-Klosters halten. Kloster Buch wurde 1192 durch den Burggrafen Heinrich I. von Leisnig, einem königlichen Ministerial, gegründet. Das Kloster lag vier Kilometer entfernt von seinem Dienstsitz Burg Mildenstein, flussaufwärts an der Freiberger Mulde. Die Gründung war in erster Linie als Hauskloster und Begräbnisstätte der  Reichsburggrafenfamilie vorgesehen. Gleichzeitig stand das Kloster unter königlichem Schutz. Im Zuge der Aneignung von Reichseigentum durch die Wettiner wurden die Burggrafen von Leisnig im 14. Jahrhundert verdrängt. Das Kloster wurde in die Landesherrschaft einbezogen. In der Folge der Reformation und nach dem geheimgehaltenen Tod des letzten Abtes im Jahre 1525, verhinderten kurfürstliche Beamte eine Neuwahl und leiteten die Säkularisation und Sequestration ein. (Handbuch historische Stätten Deutschlands, Band 8 – Sachsen. Hrsg. Walter Schlesinger. Stuttgart 1965, S. 40 f.)

Kloster Buch

Dr. Rudolf Lehle, der Vorsitzende des Fördervereins Kloster Buch eröffnete die Veranstaltung und hob hervor, dass der an diesem Abend neu ins Leben gerufene Gesprächskreis dazu beitragen möge, Kloster Buch wieder zu einem Ort des Glaubens und der Besinnung werden zu lassen.

Kloster Buch

Superintendent i. R. Arnold Liebers, der den meisten Gästen aus früheren Veranstaltungen bekannt war, unternahm es, die Gäste über eine historische Beschreibung des Hyronimus Emser, einem entschiedenen Gegner Luthers, die Atmosphäre des einstigen Klosters nahe zu bringen. Arnold Liebers zitierte seinen Lehrer Karl-Heinz Blaschke, um die These zu begründen, dass die Klostergründung und die Ansiedlung von Siedlern im Zuge der Ostexpansion des westfränkisch-deutschen Königreiches zu dem beitrugen, was wir heute Kulturlandschaft nennen. Ausführlich ging er auf die Rolle des Zisterzienser-Ordens im sogenannten „Landesausbau“ ein. Er verwies zunächst darauf, dass der Orden in Frankreich gegründet wurde und dass sein bekanntester Vertreter Bernhard von Clairvaux war. Die Zisterzienser hatten sich in einer Art Jugendrevolte aus dem Benediktiner-Orden herausgelöst. Der Mutterorden war ihnen nicht konsequent genug gewesen. Das Mutterkloster Buchs war Kloster Sittichenbach bei Eisleben und dessen Mutterkloster war Walkenried am Harz. Von Volkenroda in Thüringen aus wurde auf einem anderen Wege Kloster Grünhain in Erzgebirge gegründet. Etwa 100 Jahre vor der Gründung Kloster Buchs hatten die Benediktiner-Mönche von Pegau bereits das Kloster Chemnitz und den kleinen Konvent Lausick (Bad Lausick) gegründet. In Bad Lausick steht eine der ältesten romanischen Kirchen Sachsens, die das in Sachsen einmalige Patrozinium des heiligen Kilian trägt, ein Verweis auf den Patron Mittelfrankens, von dort her holte Wiprecht von Groitzsch Siedler und Mönche in unser Gebiet und gründete in der Region um Borna viele Dörfer.

Kloster Buch

Die heute noch erhaltene Bausubstanz lässt auf eine umfängliche Klosteranlage schließen

Arnold Liebers verwies darauf, dass am 17. August 1192 zwölf Mönche aus Sittichenbach in Buch eintrafen, um das Kloster zu gründen. Das Leben im Kloster war durch die Folge von acht Gebetsterminen strukturiert. Dazwischen wurde in den Anfangsjahren von allen Mönchen geistige und körperliche Arbeit geleistet. Das Kloster betrieb auch eigene Schulen und Liebers sprach in diesem Zusammenhang von einem Bildungsauftrag. Wie alle Zisterzienser-Klöster sei auch Buch ein Marienkloster gewesen, es sei zusätzlich dem Heiligen Bernhard und dem Heiligen Aegidius gewidmet. Arnold Liebers verwies auch ausführlich darauf, dass unsere Vorstellungen vom „dunklen Mittelalter“ mit der damaligen Wirklichkeit nicht viel zu tun haben. Die seelsorgerischen, geistigen und wirtschaftlichen Leistungen der Klöster machen deren wichtige Rolle im Besiedlungsprozess deutlich. 

Kloster Buch

Nach dem Ende des Vortrages kam es zu einer Diskussion. Es wurde darauf verwiesen, dass für heutige Menschen noch eine Faszination von Klöstern ausgeht. Eine evangelische Pfarrerin verwies darauf, dass es mittlerweile 50 neu gegründete evangelische Klöster in Deutschland gäbe. Ein evangelischer Pfarrer betonte, dass ihn die Haltung der Mönche beeindruckte, ihr Leben ganz Gott zu widmen. Ein katholischer Amtsbruder hob das Streben nach Ganzheit hervor.

Kloster Buch

Auf der Heimfahrt gingen uns all diese Dinge durch den Kopf. Unsere Spektakel-Kultur überschwemmt mit „Mittelaltermärkten“, Ritterkämpfen, Ritteressen, Zuberbaden und anderem Jahrmarktsgehabe die Öffentlichkeit. Filme zeigen uns die Verlegung von mutierten Ritterkriegen in den Weltraum oder in die „innere Erde“. An der Vermarktung des Themas Mittelalter besteht heute also kein Mangel. Einige Klöster sind so gute Wirtschaftsunternehmen, entwickeln eine solche Anziehung, dass immer mehr, auch zahlungskräftige Kunden, dort Ruhe suchen. Am Ende geht dabei gerade die Ruhe, die für das Klosterleben unverzichtbar ist, verloren. Von einem Kloster hörte man vor einiger Zeit, dass der Abt um eine „Auszeit“ bitten musste, weil er die Geschäftigkeit nicht mehr ertragen konnte. Dem Anschein nach passt hier etwas nicht zusammen. 

Kloster Buch

Ein Besucher hatte darauf verwiesen, dass die Klöster in der Zeit des Umbruchs von der griechisch-römischen Antike zum Feudalismus entstanden. Die antike Kultur war eine städtische Kultur. Im Übergang zur neuen Gesellschaft wurden Elemente dieser alten Kultur zerstört. Die Kinder der Oberschicht gingen auf das Land, um anders zu leben als ihre Eltern. Zunächst verzichteten sie auf äußerlichen Reichtum und folgten einem Armutsideal. Sie leisteten körperliche und geistige Arbeit und erlernten die Technik der Meditation. Mit diesem Prinzip gelang es ihnen, wichtige technische und technologische Errungenschaften der Antike in die neue Zeit zu retten, wissenschaftliche Höchstleistungen zu vollbringen und gleichzeitig Seelsorge zu betreiben. Die Zisterzienser suchten sich für ihre Klostergründungen unfruchtbare oder sehr feuchte Standort aus, auf denen bisher keine Landwirtschaft betrieben werden konnte. Sie suchten die Herausforderung. Sie verbanden die Seelsorge mit der Verbreitung antiker Kenntnisse über den Feldbau, den Obstbau, den Gartenbau, die Weinherstellung, das Bierbrauen, die Herstellung von Maschinen und Geräten. Diese Mission war für die Ernährung einer wachsenden Bevölkerung unersetzbar. Die Mönche des Kloster Grünhain hatten zudem im Erzgebirge zahlreiche Erzlagerstätten erkundet. Auch das gehörte zur Kompetenz der Zisterzienser. Im Kloster Fontenay befindet sich ein Gebäude, ebenso groß wie das Kirchenschiff, das als „Schmiede“ bezeichnet wird. Durch das gesamte Gebäude läuft eine Eichenholzwelle, die von einem oberschlächtigen Wasserrad mit acht Meter Durchmesser angetrieben wird. Besteht das Erbe der Klöster in uneingeschränkter Technologie-Entwicklung? Eher nicht.

Kloster Buch

Der verstorbene Papst Franziskus war ein entschiedener Kritiker der Wachstums- und Wegwerfgesellschaft. Er widmete eine Enzyklika seinem Vorbild Franziskus von Assisi. Papst Franziskus zitiert aus dem Sonnengesang Franz von Assisis: „Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde, die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter.“ (Papst Franziskus: Laudato Si’ – über die Sorge für das gemeinsame Haus. Bonn 2015, S. 7). Davon ausgehend entwickelt Franziskus das Programm einer ganzheitlichen Ökologie, die den Menschen helfen soll, sich wieder in den Naturkreislauf einzuordnen (Ebenda, S. 100 ff.). Er verweist darauf, dass Wirtschaft und Politik die Natur immer noch beherrschen wollen und deshalb kein Bild vom Naturkreislauf entwickeln können. Die Wissenschaft gefalle sich in ihrer Überspezialisierung und bringe mit ihren bloß quantitativen Methoden auch kein Bild des Naturkreislaufes zustande. Der Glaube ist neben der Vernunft unverzichtbar, um in Weisheit auch eine Vorstellung vom Naturkreislauf zu entwickeln. Vielleicht könnte die heutige Mission des Klosters, die eines Lehr- und Mustergutes der regenerativen Landwirtschaft sein?

Kloster Buch

Schließlich gab es neben Luther auch andere Kritiker des Klosterlebens. Bereits der Dominikaner-Mönch Meister Eckhart wies um 1300 darauf hin, dass selbstgewählte Armut sehr lobenswert sei, doch dass der Weg zu Gott ein geistiger sei, und dass es dabei wesentlich um die „Armut im Geiste“ gehe. Dieser Ausdruck ist heute nur schwer zu verstehen. Johann Gottfried Herder erklärte in dieser Frage, dass dort, wo in der Bibel von „Armut im Geiste“ die Rede sei, Demut gemeint ist.

Kloster Buch

Walther Rathenau machte 100 Jahre nach Herder, und in Anlehnung an Meister Eckhart, deutlich, dass man das mittelalterliche Kloster nicht kopieren könne. Trotz aller Ähnlichkeit in der notwendigen Stärkung unserer Seelenkräfte, so Rathenau, werde die Frage heute anders gestellt als im antiken Christentum oder im mittelalterlichen Kloster: „Wir wollen die gerechte Form des Lebens finden, die den Seelenweg der Menschheit öffnet. Dieser Weg aber verlangt organische Entfaltung, Selbstbestimmung und Selbstverantwortung“ (Walther Rathenau: Von kommenden Dingen. S. Fischer-Verlag, Berlin 1917, S. 68).

Dem Referenten, den Organisatoren und den zahlreichen Besuchern ist zu danken. Es sind weitere Gesprächsabende in Kloster Buch geplant. Der erste Abend war recht gut besucht, man darf gespannt sein, ob und wie diese neue Gesprächsreihe in Zukunft angenommen werden wird.

Johannes Eichenthal

Information

https://www.klosterbuch.de

Von Johannes Eichenthal erschien 2021 im Mironde-Verlag das Buch „Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Sprache und Eigensinn 2. Von Goethe bis Rathenau“: https://buchversand.mironde.com/p/johannes-eichenthal-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-t-2-von-goethe-bis-rathenau

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert