Rezension

HEIMAT IST DORT, WO ICH MICH NICHT ERKLÄREN MUSS

Sehr geehrte Damen und Herren, wir veröffentlichen als Gastbeitrag eine Rezension »Von den Minnesängern bis Herder. Sprache und Eigensinn. Teil 1« von Superintendent i. R. Arnold Liebers. Johannes Eichenthal

In Arnstadt fand Johann Sebastian Bach 1703 seine erste Anstellung als Organist


Äußerer Eindruck:
Ein gewichtiges Buch; nicht nur seines Inhalts, sondern auch seiner äußeren Gestalt wegen.
Man kann es nicht lange auf dem Schoß oder »freihändig« lesen; es braucht die solide Unterlage – z. B. eines Tisches.
Aufgrund seines Inhalts sollten gute Lexika u. a. weiterführende Literatur – möglichst zwischen Buchdeckeln – in Reichweite sein.
Google verbietet sich – eigentlich … – beim geistigen Anspruch dieses Buches, dessen äußere Gestaltung … Layout etc. ausgesprochen einnehmend und schön ist; Dank an Frau Eichler!

In der Wechselburger St.-Otto-Kirche wurde Paul Fleming Weihnachten 1631 von einem Gesandten des Kaisers die Würde eines mit dem Lorbeerkranz gekrönten Dichters (Poeta laureatus) verliehen

Innere Eindrücke:
In Eichendorffs Gedicht »Der Pilger« finden wir den wehmütig anmutenden Satz: »Wir sehnen uns nachhause und wissen nicht wohin …«
Entstanden ist das Gedicht in einer Umbruchzeit zwischen Aufbruch und Restauration – 1815; am Ende hat die Restauration gesiegt.
Wir leben heute – gefühlt … – in ständigen Umbrüchen, sie haben verschieden Namen, Globalisierung ist einer, Verlust an Identität, an guter Tradition ein anderer, dazu kommt zunehmende Unbildung.
Dabei geht – leider – mehr und mehr wertvolles geistes-, kultur- und sozialgeschichtliches Kapital verloren.
Und so empfinden … fühlen … auch heute viele Menschen – wenn auch nicht expressis verbis, weil sie es nicht mehr so schön und treffend wie Eichendorff auszudrücken vermögen … – »wir sehnen uns nachhause und wissen nicht wohin …«
Umso wichtiger ist es, dass Andreas Eichler Odo Marquardts Dictum aufnimmt, das uns daran erinnert, dass Gegenwart, dass Zukunft Herkunft braucht.
In seinem Buch nimmt Andreas Eichler den an die Hand und mit, der sich »… nach Hause …« sehnt und der zum Mitgehen, der zum Mitwandern bereit ist, auf einen schönen aber auch anspruchsvollen Weg.
Was da in den zurückliegenden reichlich 100 Jahren – angefangen bei Otto Eduard Schmidts kurzweiligen profunden »Kursächsischen Streifzügen« über Edgar Hahnewalds »Sächsische Heimatbilder« (die unbedingt wieder aufgelegt werden müssten!) mit den wunderbar anrührenden Sprachbildern bis hin zu Matthias Donaths Büchern über unsere Sächsische Kulturlandschaft (Leipziger Land, Sächsisches Elbtal) – publiziert worden ist, daran knüpft Andreas Eichler mit seiner anspruchsvoll-anschaulichen Literaturreise, gewissermaßen kreuz und quer durch Mitteldeutschland, eindrucksvoll an.

In Bad Frankenhausen, dem Ort des Massakers an den aufständischen Bauern, befindet sich das Geschichtspanorama von Professor Werner Tübke

Ich bekenne freimütig: Die deutsche Einheit vor 30 Jahren empfinde ich bis zum heutigen Tag als ein großes Geschenk. Für mich war es jedoch »nur …« die Voraussetzung für ein noch größeres und schöneres Geschenk … Aus DDR-Bezirken wurden wieder Länder.
Im Sinne der DDR Nationalhymne, deren Text wir ja nicht mehr deklamieren, nicht mehr singen durften, erstand nun wieder die jahrhundertalte geistes-, kultur- und sozialgeschichtliche identitätsstiftende Tradition Mitteldeutschlands »aus den Ruinen auf …«, nachdem sie dorthin über Jahrzehnte vergraben, verdrängt, verleugnet worden war.
»Auferstanden …« – wahrlich nicht im kleinkarierten-kleinstaatlichen-spießerischen Sinne, sondern mit ihrer großen kulturellen Tradition, mit den vielen Beziehungen und Verbindungen, die – eben – verbindend in alle Himmelsrichtungen, die – eben –- verbindend in alle Welt weisen.

In Zschopau trat Pfarrer Valentin Weigel nach seiner Promotion am 16. November 1567 sein Amt an. Hier schrieb er seine schwergewichtigen philosophischen Traktate, die im Freundeskreis zirkulierten und erst postum veröffentlicht wurden


Nein, die glücklichste Hand bei militärischen und politischen Allianzen hatten wir Sachsen nie … da haben wir allerhand verloren, nicht nur das wunderbare Weinanbaugebiet an Saale-Unstrut …
Aber in der Geistes-, Kultur-, Kunst- und Sozialgeschichte haben wir viel behalten und dazu gewonnen (und zu friedlichen Revolutionen sind wir auch recht gut in der Lage …).
All das kommt für mich in einer schönen eindrucksvollen Weise in Andreas Eichlers Buch zum Ausdruck.
Außerordentlich gelungen finde ich die Summarien »Was bleibt?« am Ende eines jeden Kapitels und überhaupt ist die gute Lesbarkeit des Stoffes hervorzuheben; ebenso das profunde Personenlexikon sowie das Foto- und Literaturverzeichnis.

Im Köthener Schloss versuchte Wolfgang Ratke etwa 100 Jahre nach Luther dessen Bildungsreform weiterzuführen

Dankbar bin ich – als Theologe – für die sehr schöne Darstellung des »Schleiermachers des 18. Jahrhunderts« Johann Gottfried Herder. (Und es sind mitnichten alle Theologen des 20. und 21. Jahrhunderts nur »Barthianer« … – wie Sie hoffentlich merken … lieber Herr Dr. Eichler)
Herders Verdienst ist ja nicht nur die Anknüpfung an den 1. Glaubensartikel (die Schöpfung), in dem angelegt ist: religio conditio humana, sondern auch seine hermeneutischen Impulse, die bis in unsere Tage ihre Gültigkeit nicht verloren haben.
So können wir viel von Herder lernen: Z. B. wer mehr als nur Ja und Nein sagen, wer nicht nur Befehle geben, wer also mit Sprache umgehen kann, der ist wert, ein Mensch genannt zu werden.
»Die Sprache ist die Schatzkammer menschlicher Gedanken. Sie hat den Menschen menschlich gemacht ….« – dieses Bekenntnis Herders zieht sich wie ein roter Faden durch die Epochen, die dieses Buch beschreibt.
Und Herder unterstreicht das noch einmal so: »Jeder Geschichtsschreiber gehört, so wie seine Geschichte, dem Volk, der Zeit, der Sprache, den Umständen an, in und unter welchen er schreibet.« (Johann Gottfried Herder – Sämtliche Werke Suphan, Bd. XIX, S. 148)
Und da ist sie dann eben dran … die große Kunst der Hermeneutik, all das anschaulich, erkenn-, nachvollzieh- und verstehbar zu machen.
Das gelingt im Buch immer wieder in einer sehr guten Weise.
Und schließlich unterstreicht Herders schönes Dictum zum Thema Heimat – weil es ja auch so etwas wie ein Heimatbuch ist, so habe ich es jedenfalls auch gelesen – den Anspruch des Buches: »Heimat ist dort, wo ich mich nicht erklären muss.«

Die Wartburg war um 1200 eines von zwei literarischen Zentren des deutschen König- und Kaiserreichs

Fazit:
Wer sich mit Andreas Eichler auf die literarische Wanderschaft – kreuz und quer – durch Mitteldeutschland begibt, der wird – mit Matthias Claudius – zu dem Ergebnis kommen:
Wenn eine(r) eine Reise tut, dann kann er/sie was erleben [und erzählen].
Und so ist es eine höchst erfreuliche Aussicht, dass die literarische Wanderschaft durch Mitteldeutschland – in Form eines weiteren Buches – bis in die Gegenwart weitergehen soll …
Danke für das vorliegende Buch!
Ich wünsche ihm Leser und Betrachter, die es mit der gleichen Freude und dem gleichen Interesse zur Hand nehme, wie ich es immer wieder tue.


Spernsdorf im Februar 2020
Arnold Liebers,
Superintendent i. R.

Information
In allen Buchhandlungen oder direkt beim Verlag erhältlich:
Andreas Eichler: Von den Minnesängern bis Herder. Sprache und Eigensinn. Teil 1.
23,0 × 23,0 cm, 320 Seiten, fester Einband, 203 farbige Abbildungen, 22 Karten ; VP 29,90 €
ISBN 978-3-96063-025-8
Der zweite Teil soll die Zeit von Herder bis zum Ende des 20. Jahrhunderts umfassen.

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