Rezension

MIT DEM GEIST DER ERDE LEBEN

Bereits 2018 erschien das Buch des brasilianischen Indigenen Ailton Krenak (Jg. 1953) mit dem Titel „Ideen, um das Ende der Welt zu vertagen“ in portugiesischer Sprache. 2021 folgte die deutsche Taschenbuchausgabe. „Krenak“ ist der Name des Volkes, dem der Autor angehört. „Kre“ bedeutet in seiner Muttersprache Kopf und „Nak“ Erde. Das Volk nennt sich „Kopf der Erde“. Er arbeitet mit der „Allianz der Waldvölker“ im Amazonasgebiet zusammen, ist Mitverfasser eines UNESCO-Antrages der 2005 die Gründung des Biosphärenreservates Serra do Espinhaço ermöglichte, behandelte die Fragen der Zukunft seiner Heimat und unseres Planeten auf sehr interessante und originäre Weise.

Foto: Carolyn Eichler

Der Verlag fasste für die 144-Seiten-Publikation sieben Vorträge des Autors zusammen. Der titelgebende erste Vortrag ist mit „Ideen, um das Ende der Welt zu vertagen“ überschrieben. Nach dem Einstieg stellt Krenak seinen Ausgangspunkt dar: „Die Vorstellung, weiße Europäer dürften losziehen und die übrige Welt kolonisieren, basiert auf der Annahme, es gebe eine Menschheit, die aufgeklärt ist und sich aufmachen müsste, den Teil der Menschheit, der in Dunkelheit lebt, mit diesem unglaublichen Licht zu beglücken.“ (S. 10) 

Foto: Carolyn Eichler

Trotz des Anspruches „Aufklärung und Licht zu bringen“ führte die westliche Wachstums- und Wegwerfwirtschaft in eine Sackgasse: „Wie aber lässt sich eine Menschheit rechtfertigen, die mehr als 70 Prozent ihrer Mitglieder vom Existenzminimum ausschließt? Die Modernisierung hat diese Leute vom Land und aus den Wäldern in die Elendsviertel und armen Vorstädte getrieben, sie zu Arbeitskräften in der Stadt gemacht. Die Leute wurden aus den Zusammenhängen gerissen, von ihren Ursprüngen weggeholt und in diesen riesigen Mixer namens Menschheit gestopft. Wenn die Leute nicht zutiefst verwurzelt sind in der Erinnerung an ihre Ahnen, in den Bezügen, auf die sich Identität gründet, werden sie in dieser irren Welt, in der wir leben, verrückt.“ (S. 13) 

Wenn Krenak sagt, dass Formulierungen, wie „nachhaltiger Umgang mit Ressourcen“ und „Nachhaltigkeit“ keinen wirklichen Sinn machen, weil unsere Erde keine Ressource ist, sondern eine Person, ein Lebewesen, dass „Nachhaltigkeit“ vielmehr eine „Erfindung der Konzerne“ sei, um die Ausbeutung der Welt weiter verschleiern zu können, entzaubert er einen Mode-Ausdruck der europäisch-westlichen Welt. (S. 15)

Der Autor verweist zunächst auf sein Heimatdorf Krenak in der Reservation am Fluss Watu (Rio Doce). Auf der anderen Seite des Flusses liegt das Gebirge mit dem Namen Takurak. 2015 verseuchte ein Bergbaukonzern 600 km Flusslauf mit giftigem Schlamm.

Um sich gegen solche Praktiken zu behaupten und eine Alternative zu entwickeln, greift Krenak auf die spirituelle Tradition zurück. So ist das Gebirge Takurak nach seinen Worten eine Person und die Einwohner sprechen mit ihr: „In Ecuador, in Kolumbien, in einigen dieser Andenregionen gibt es Orte, wo Berge Paare sind, es gibt Mutter, Vater, Kinder, Bergfamilien, die einander mögen, sich austauschen. Und die Leute, die in den Tälern leben, veranstalten Feste für diese Berge, geben ihnen zu essen, beschenken sie, werden beschenkt von den Bergen. Warum sind wir nicht völlig begeistert von diesen Erzählungen? Warum werden sie vergessen und ausgelöscht für eine globalisierende, oberflächliche Erzählung, die uns immer wieder dieselbe Geschichten weismachen will?“ (S. 17)

Der Autor verweist in der Folge auf die Hintergründe der vereinheitlichenden, oberflächlichen, globalisierenden Hollywood-Soap: „Während die Menschheit sich immer weiter von ihren Orten entfremdet, bemächtigt sich ein Haufen schlauer Konzerne der Erde. Und wir, die Menschheit, werden in künstlichen Umwelten leben, die von genau den Konzernen gebaut wurden, die Wälder Berge und Flüsse verschlingen. Sie erfinden superinteressante Apparaturen, um uns dort zu halten, entfremdet von allem und mit möglichst vielen Medikamenten. Schließlich muss auch etwas mit dem geschehen, was von dem Müll, den sie produzieren, übrig bleibt, also stellen sie Medikamente her und einen Haufen Unsinn zu unserer Unterhaltung … Das Monster hat Namen, Adressen und Bankkonten. Und was für welche! Es sind die Herren des Geldes auf der Welt, und sie werden jede Minute reicher, die sie die Welt mit Einkaufspassagen pflastern. Sie verbreiten fast überall auf der Welt dasselbe Fortschrittsmodell, das man uns für Wohlstand zu halten zwingt. Die großen Zentren, die großen Metropolen der Welt, sind alle Reproduktionen der anderen. Ob man nach Tokyo, Berlin, New York, Lissabon oder Sao Paulo geht …“ (S. 18 f.)

Foto: Carolyn Eichler

An diesem Punkt geht der Autor von der Schilderung der Strukturen der westlich dominierten Welt zu den sozialen Kräften über, die die Erde noch als Lebewesen begreifen: „Die einzigen Gemeinschaften, die es noch für wichtig erachten, sich an unsere Erde zu klammern, sind die an den Rändern der Welt, an den Ufern der Flüsse, an den Küsten, in Afrika, Asien oder Lateinamerika. Es sind die CaiÇaras, Indigenen, Quilombolas, Aborigines …“ (S. 19) 

Aber die Frage ist, wie sich diese Menschen gegen eine „Zivilisation“ wehren können, die die Diversität unterdrückt, die Vielfalt der Lebensweisen, Existenzen und Gewohnheiten, die auf der Welt nur ein-und-dieselbe Speisekarte, nur ein-und-dasselbe Kostüm, wenn möglich auch nur ein-und-dieselbe Sprache hervorbringt. (S. 20) 

Der Autor konstatiert nüchtern das Fehlen jeder politischen Perspektive für diese widerständigen Völker, in einer Welt, in der es dem Anschein nach nur noch Konsumenten und keine Bürger mehr gibt. 

Hier verweist Krenak zunächst auf Ideen des portugiesischen Soziologen Boaventura de Sousa Sanos, wie auf ein Buch des Schamanen Davi Kopenawa und des französischen Anthropologen Bruce Albert mit dem Titel „La chute du ciel. Paroles dʼun chaman yanoomami“ (Der Einsturz des Himmels. Worte eines Yanomami-Schamanen): „Das Buch hat die Kraft uns mitten in dieser Art Weltuntergang aufzuzeigen, wie es einer Reihe von Kulturen und Völkern trotzdem möglich ist, sich auf diesem Planeten, den wir auf diese besonder Weise teilen und bewohnen, sich innerhalb einer Weltsicht zu bewegen, dass alles einen Sinn ergibt.“ Die Yanomami leben im Grenzland von Venezuela. Sie setzen sich mit ihrer Kultur erfolgreich gegen Goldsucher und perverse Bergbaukonzerne zur Wehr: „Den Leuten gelingt es, gemeinsam mit dem Geist des Waldes zu leben, mit dem Wald zu leben, im Wald zu sein.“ (S. 21 ff.)

Hier benennt der Autor einen wichtigen Grundsatz unserer Zukunftsfähigkeit: eine andere Art zu leben finden, mit dem Geist der Erde leben, mit der Erde leben, mit der Erde sein. 

Foto: Carolyn Eichler

Krenak hebt dagegen den Mangel an Zukunftsfähigkeit der homogenisierten Konsumenten hervor: Unsere Zeit ist darauf spezialisiert, Mangel zu schaffen: Mangel an Gemeinschaftssinn, an Gefühl für Lebenserfahrung. Das führt zu einer Intoleranz …“ 

Ein wichtiger Punkt: die kommerziell getriebene Homogenisierung der westliche Wachstums- und Wegwerfwirtschaft führt zur allgemeinen Intoleranz.

Aber, so Krenak „… es gibt überall auf der Welt verstreut kleine Konstellationen von Leuten, die tanzen, singen und es regnen lassen.“

Gerade diese Reste der Vielfalt werden aber von der kommerziellen Intolerenz bedroht: „Die Zombie-Menschheit … duldet (jedoch) so viel Freude, so viel Lebensgenuss nicht. Also predigt man uns das Ende der Welt, um uns dazu zu bringen, unsere Träume aufzugeben. Und meine Provokation vom Vertagen des Weltuntergangs geht genau darum; immer noch eine Geschichte mehr erzählen. Solange uns das noch gelingt, können wir das Ende noch ein Stück weiter vertagen.“ (S. 23 f.)

Krenak fügt an, dass er unsere eigenen Erfahrungen des Unterwegsseins auf dieser Erde nicht als Metapher verstanden wissen möchte, sondern als Möglichkeit, sich aufeinander verlassen zu können. 

Der Autor versucht seine These vom Vertagen des Weltuntergangs mit dem Hinweis auf den Widerstand der ursprünglichen Völker Brasiliens gegen den kolonialen Versuch der Auslöschung zu bekräftigen: „Ich habe unterschiedliche Manöver unserer Vorfahren beobachtet und mich an der Kreativität und der Poesie, die den Widerstand dieser Völker inspirierten, bedient. Die Zivilisation hat diese Leute Barbaren (Barbar*Innen – je) genannt und ihnen einen endlosen Krieg aufgezwungen mit dem Ziel, sie zu zivilisieren und zu Mitgliedern im Klub der Menschheit zu machen.“ (S. 24 f.)

Foto: Carolyn Eichler

Hier fügt er ein, dass viele Anthropologinnen und Anthropologen trotz ihrer Bemühungen nicht begriffen hätten, dass es bei den Strategien der Völker darum ging, darum gehen musste, das Ende der Welt zu vertagen:

„Das habe ich mir nicht ausgedacht, sondern mich dafür am ständigen Widerstand dieser Völker bedient, die an einer tiefen Erinnerung an unsere Erde festhalten, was Eduardo Galeano als ERINNERUNG AN DAS FEUER bezeichnete. In diesem Buch sowie in DIE OFFENEN ADERN LATEINAMERIKAS zeigt er, wie die Völker der Karibik, Zentralamerikas, Guatemalas, der Anden und im Rest Südamerikas überzeugt davon sind, dass es sich bei der Zivilisation um einen Irrtum handelt.“ (S. 26)

Aus der Erfahrung des Widerstandes gegen die Auslöschung der indigenen Kultur formuliert Krenak hier die Frage: „Warum stört uns das Gefühl zu fallen? Wir haben doch in letzter Zeit nichts anderes getan als zu fallen, zu zerschellen. Fallen, fallen, fallen. Warum stören wir uns jetzt daran? Lasst uns doch alle unser Urteilsvermögen und unsere Kreativität darauf verwenden, bunte Fallschirme zu bauen. Stellen wir uns den Weltraum nicht als einen begrenzten Ort vor, sondern als Kosmos, durch den wir mit bunten Fallschirmen stürzen.“ (S. 26)

An dieser Stelle verweist Krenak noch einmal auf die mythischen Erzählungen der Völker, deren Erfahrungshorizont über den der heutigen Menschheit hinausgeht. In diesem Kontext sagt er: „Wir sind nicht die einzigen interessanten Personen auf der Welt, wir sind ein Teil des Ganzen.“ (S. 27) Er meint hier, dass auch Berge, Flüsse, Pflanzen, Tiere im Mythos Personenstatus haben, und die zu uns sprechen, können, wie wir mit ihnen. Hier bezieht er sich auf Eduardo Viveiroa de Castro.

Zusammenfassen erklärt Krenak: „Singen, tanzen und die magische Erfahrung den Himmel aufhalten zu können, gibt es in vielen Traditionen. Den Himmel aufhalten zu können bedeutet eine Erweiterung unsers Horizontes, nicht des sichtbaren Horizonts sondern des existenziellen. Es bedeutet eine Bereicherung unserer Subjektivität …“ (S. 28) Wir sollten unsere Subjektivität ausleben und keine farblosen, homogenisierten Konsumenten werden: „Wenn schon die Natur so unabwendbar geplündert wird, sollten wir wenigstens in der Lage sein, unsere Subjektivität zu erhalten, unsere Ansichten, unser Poetiken der Existenz.“ (S. 28) 

Foto: Carolyn Eichler

Der Text von Krenak ist nicht einfach zu verstehen. Einige Idioms sind dem Anschein nach auch nicht übersetzbar. Zudem ist der Autor vielleicht eher auf den mündlichen Vortrag trainiert. Er zitiert vor allem lateinamerikanische und portugiesische Intellektuelle, deren Namen und Ansichten für uns eine Erweiterung des Horizontes bedeuten. Er nennt aber auch die Bücher Michel Foucaults (1926–1984), James Lovelocks (1919–2022) und Thomas Lovejoys (1941–2021).

Aber es gibt seit über 200 Jahren Kritiker der machgestützten Fortschritts-Ideologie. Bereits Johann Gottfried Herder (1744–1803) stellte in seinem Buch „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ 1784 unsere Erde als ein Lebewesen dar. Zudem dachte er sich Geschichte als „Ozean“, aus dem sich Hochkulturen als eine Art von Insel erheben und nach Ablauf ihrer Zeit wieder überflutet werden. Franz Boas (1858–1942) setzte Herder fort und verteidigte in seinem Buch „The Mind of primitive Man“ von 1911 die Besonderheiten der Kulturen gegen den europäischen Allmachtsanspruch. Fernand Braudel (1902–1985) setzte Herder fort und entwickelte dessen Geschichtsauffassung in seinem Buch „Civilisation materiélle, économie et capitalisme“ weiter. Er ging von einer jahrtausendübergreifenden „civilisation materiélle“ aus, auf der sich die Hochkulturen als eine Art „Aufbau“ erheben und nach Ablauf ihrer Zeit wieder einstürzen. Walther Rathenau (1867–1922) hatte Herders Weisheits-Konzept fortgesetzt und in seinem Buch „Von kommenden Dingen“ (1917) darauf verwiesen, dass die Europäer der Wiederentdeckung ihrer Spiritualität bedürfen, um sich in die Natur einordnen und als Teil des Kosmos verhalten zu können.

Heute versuchen viele aktive Menschen sich aus der Konsum-Abhängigkeit zu befreien. Krenak erinnert uns mit seinen Äußerungen zum Mythos an unsere eigene Tradition. Auch in Europa lebte einst der Mythos und die Naturkräfte trugen Personennamen. Die christliche Scholastik glaubte aber einen Bruch zwischen Mythos und Logos erzwingen zu müssen. Die Kantische Neuscholastik folgte ihr und Hegel rechtfertigte die Intellektualphilosophie „entwicklungsgeschichtlich“: wenn der Weltgeist über eine Idee oder Kultur hinweggegangen sei, dann habe sich diese ein-für-allemal erledigt.

Theodor Wiesengrund Adorno (1903–1969) wandte dagegen ein, dass eine Philosophie, die nicht im historischen Prozess verwirklicht wurde, nicht erledigt ist, sondern wenn ihre Zeit gekommen ist verwirklicht werden kann. Das war schon die richtige Richtung. Letztlich geht in der Menschheitsgeschichte keine Idee verloren. Wenn die entsprechenden Bedingungen entstehen, dann gewinnt sie wieder an Bedeutung. 

Foto: Carolyn Eichler

Hermann Gunkel (1862–1932) war einer der Mitbegründer der Religionsgeschichtlichen Schule und fühlten sich auch als Testaments-Vollstrecker des großen Herder. Gunkel und seine Kollegen wiesen Schritt für Schritt den jahrtausendalten Überlieferungszusammenhang aller Religionen nach. Alle Religionen hängen genetisch mehr oder weniger zusammen. Auch zwischen Mythos und Weltreligionen bestehen tausende Verbindungen. 

Heute gibt es erfreulicherweise in Europa wieder Interesse an der mittelalterlichen Mystik, um diese Verbindungen aufzunehmen und unsere spirituellen Positionen auf zeitgemäße Weise zu erneuern. Das reicht aber nicht aus. Wir müssen weiter zurückgehen, um voranzukommen. Die Naturvölker dieser Welt, wie das Volk der Krenak, können uns mit ihrem Wissen und ihrer Spiritualität helfen, uns endlich wieder in den Naturkreislauf einzuordnen: mit dem Geist der Erde leben, mit der Erde leben, mit der Erde sein. 

Foto: Carolyn Eichler

Wir sollten uns jedoch keine Illusionen machen und nichts romantisieren. Die Lage dieser Völker ist ernst. Ihre Lebenswelt wird vom „Menschheitsfortschritt“ akut bedroht. Doch ist es eben gerade auch die Spiritualität dieser Völker an den Rändern der „Zivilisation“, die uns den Rückzug aus der Sackgasse der geist- und sinnlosen Hatz nach finanzieller Effizienz und die Dekonstruktion der subventionierten Monopolstrukturen ermöglichen werden. 

Dem Autor und dem Verlag ist für dieses anregende Buch zu danken.

Johannes Eichenthal

Information

Ailton Krenak: Ideen um das Ende der Welt zu vertagen. München 2021. ISBN 978-3-442-77112-7 VP 10,00 €

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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2 thoughts on “MIT DEM GEIST DER ERDE LEBEN

  1. Dies sind sehr nachdenkliche, total zu unterstützende und leider sehr realistische Feststellungen. Soviel Fleiß in dieser trostlosen Zeit, aber das hält vielleicht aufrecht, vor allem wenn die junge Generation (leider zu selten) mitmacht. Dazu die sehr schönen Fotos. Eine gelungene Gemeinschaftsarbeit.Ein Trost für meine abtretende Generation.

  2. Ailton Krenaks Büchlein „Ideen um das Ende der Welt zu vertagen“ gehört in den Schulunterricht jeder weiterführenden Schule. Es ist wundervoll geschrieben und meisterhaft übersetzt – aber keine leichte Kost. Der Autor hält dem sogenannten zivilisierten Teil der Menschheit den Spiegel vor und zeigt in seiner kristallklaren Sprache auf, was Kolonisatoren, Kreuzritter und Missionare in der Vergangenheit angerichtet haben und wie blanke Pofitgier heutzutage die Lebensräume der letzten Urvölker vernichtet. Doch er kennt eine Form der Gerechtigkeit, die vor den Verursachern des Leids nicht haltmachen wird: Der Klimawandel wird alle treffen, und am Ender aller Tage werden auch die heutigen Profiteure allen Umweltfrevels – die Eigner und Aktionäre milliardenschwerer Bergbau- und Agrarkonzerne sowie illegale Goldsucher und Holzfäller – erkennen müssen, „dass man Geld nicht essen kann“. In gewisser Weise betrachte ich das Büchlein auch als Nachhilfeunterricht und dringend notwendige Ergänzung und Korrektur westlicher Sichtweisen, in der die Eroberung fremder Länder immer noch mit einem heroisierenden Anstrich versehen ist. Dass die fortschreitende Vernichtung der Lebensräume von Ureinwohnern bis heute anhält, grenzt an Völkermord. Die brasilianische Regierung unter Präsident Jair Bolsonaro will Bergbau, Abholzung und industrielle Landwirtschaft in geschützten Territorien erlauben. Dagegen kämpft Ailton Krenak und findet immer mehr Gehör. Dennoch schwingt in seinen Texten eine große Portion Galgenhumor mit. Er meint, selbst Revolutionen würden heutzutage ins Leere laufen, weil es gar keine Regierungen mehr gäbe sondern nur noch Allianzen zwischen Profitgier und politischer Macht. Das Büchlein ist mit gut leserlicher Typografie ausgestattet. Es liegt auf meinem Nachttisch, und ich schlage es abends auf, um Inhalte zu vertiefen und zu verinnerlichen. Ob Ailton Krenaks Ideen um das Ende der Welt zu vertagen auf fruchtbaren Boden fallen werden, ist jedoch zu bezweifeln. Vielmehr hat es den Anschein, als handele es sich beim Homo Sapiens – angeblich „verstehender, verständiger“ oder „weiser, gescheiter, kluger, vernünftiger Mensch“ doch eher um ein missglücktes Experiment der Natur. „Die Natur versteht keine Späße“ schrieb schon Goethe, und nun zeigt sich, wie Recht er hatte.

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