Reportagen

Lokal-politischer Aschermittwoch der Statt-Verwaltung

Eingeweihte wissen es schon lange: mitten im verträumten Städtchen Lunzenau gibt es eine aufstrebende »Freie- und Hanselstadt« mit dem Namen »Großmützenau«. Bürgermeister Lehmann residiert, wie über Jahrhunderte üblich, in seinem Wohnhaus, aber, seine Frau betreibt hier die Gaststätte »Zum Prellbock«. Eisenbahner in Uniform werden hier bevorzugt bedient, sagt man. Aber Familie Lehmann betreibt auch einen der bedeutendsten Drehpunkte für Kunst. Regelmäßig finden Lesungen, Ausstellungen und Gespräche statt. Am 9. März hatten die beiden einen der wenigen wahren Künstler unserer Zeit eingeladen: Steffen Heinrich.

Steffen Heinrich, ein promovierter Techniker begann ganz harmlos. Nach der Sächsischen Kleinkläranlagenverordnung vom 13. Juli 2008 müssen Betreiber von so genannten Dreikammerklärgruben in Sachsen bis zum 31. Dezember 2015 auf eine vollbiologische Anlage wechseln. Mit diesem Wechsel gehen auch die Verantwortung für Wartung und Kontrolle auf den Grundstückseigentümer über. Eine große Zahl an Entscheidungen wird dem Grundstückseigentümer abverlangt. Mit wenigen Sätzen umriss Steffen Heinrich die gigantische Aufgabe, die sich für einen Grundstückseigentümer aus der Verordnung ergibt. Das Problem bestehe darin, dass für jedes Grundstück und eine jede Familie eine anderes Klärverfahren das optimale sei. Gesetzgeber, Wissenschaft und Hersteller vertreten nur einseitige Interessen. Der Grundstückseigentümer braucht ein Bild von der Komplexität des Problems, um sein Geld, im Durchschnitt 6500 Euro, richtig ausgeben zu können. In der Regel hat der durchschnittliche Grundstückseigentümer eine solche Summe nur ein Mal zur Verfügung.

Regionale Abwasserzweckverbände haben ein objektives Interesse daran, dass die Grundstückseigentümer die richtigen Entscheidungen treffen. Eine größere Zahl von ineffektiv arbeitenden Kleinkläranlagen würde die Abwasser-Bilanz verschlechtern und eine Abwasser-Abgabe an den Freistaat mit sich bringen. Die Lage erforderte also eine aktive Rolle der Abwasserzweckverbände, um dem Grundstückseigentümer Sachkunde zu vermitteln. In der Wirklichkeit zeigen sich jedoch unterschiedliche Reaktionen der Zweckverbände. Der Zweckverband Frohnbach veröffentlichte als einzige Körperschaft ein Kleinkläranlagen-Handbuch zur Ertüchtigung der der Grundstückseigentümer. In diesem Buch, so Heinrich, werden die Grundlagen des Klärungsprozesses, die Technik, der Bau, der Betrieb und die Kosten mit Hilfe zahlreicher farbiger Funktionszeichnungen anschaulich gemacht.

Der Autor wirkte zunächst sehr schüchtern. Kein Wunder: haben wir doch alle eine natürliche Scheu, von dem zu reden, was unsere Toiletten täglich in Richtung Kläranlage … Das Wort »Schei..« kam zunächst nicht über seine Lippen. Aber wie alle großen Künstler legte er im Lauf der Performance seine Zurückhaltung ab, und sprach das Wort sogar offen aus. Mit seiner detaillierten Schilderung dessen, was mit unserer »Schei …« gemacht wird, um wieder Klarheit zu bekommen, verletzte er die letzten Tabus unserer Gesellschaft. Im Grunde, so Heinrich, gehe es in der großen Kunst immer nur um »Schei..«. Den Zuschauern verschlug es zum Teil die Sprache. Nur wenige Zyniker lachten an manchen Stellen. Der sogenannte »Kunstbetrieb« unserer Zeit ist dagegen nur kalter Kaffee (der uns übrigens auch auf natürlichem Wege wieder …). Gegenüber solchen Profis wie Heinrich wirkt der heutige »Kunstbetrieb« von Amateuren überschwemmt. Mit aufwändigen und teuren Installationen versuchen diese Anfänger nachzuahmen, was Heinrich in seiner Kläranlage täglich praktiziert. Große Kunst ist heute wahrscheinlich am ehesten in einer Kläranlage zu erwarten.

Prellbock-Chef-Lehmann schwankte zwischen Begeisterung und Erschütterung, als er dem Künstler am Ende als Anerkennung das kleine »Prellbock-Böckchen« überreichte.

Zum traditionellen Großmützenauer »Eisenbahner-Mützen-Foto« hatte sich der Bürgermeister schon fast wieder gefangen, konnte beinahe wieder lachen.

Kommentar

Auf dem Heimweg durch menschenleere Städte und Straßen, nicht einmal Hundebesitzer waren am Aschermittwoch unterwegs, wurde mir auf einmal klar, dass Heinrichs Kunst auch eine tiefe philosophische Bedeutung hat. ist nicht die »Kläranlage« eine Metapher für das »Projekt Aufklärung«. Wies nicht Immanuel Kant schon auf die transzendentale Bedeutung der Kläranlage hin? Hier, in der Anlage, ist das zu vermuten, was Kant tiefsinnig »transzendentale Apperzeption« nannte. Heute setzt man uns zunehmend Fäkalien statt Geist vor. Der politische Aschermittwoch der großen Politik machte das wieder konzentriert deutlich.  Der Witz ist, das man mit der Kläranlagenbehandlung dieser Fäkalien nicht nur Klarheit erzielen könnte, sondern auch noch Biogas und Strom. Warum wird das so wenig praktiziert?

Johannes Eichenthal

Information

Karin Heinrich/Steffen Heinrich: Das Kleinkläranlagen-Handbuch

23,4×390,5 cm, 312 Seiten, geb., zahlreiche farbige Fotos und Abbildungen VP 48,00 Euro

ISBN 978-3-937654-34-8

Erhältlich in jeder Buchhandlung oder direkt beim Verlag (verlag@mironde.com)

Die beiden Autoren stellen das Kleinkläranlagen am Freitag, dem 18. März 2011, im Sachbuchforum Halle 5 Stand A 210 der Leipziger Buchmesse zur Diskussion.

Die Autoren sind vorher am Stand des Mironde-Verlages Halle 5 Stand A 109 im Gespräch.

www.prellbock-bahnart.de

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