Reportagen

Buchmesse Leipzig Tag 1

Auch in diesem Jahr lud die Messestadt Leipzig wieder zur Buchmesse ein. Über Jahrhunderte kamen Buchhändler, Autoren und ein interessiertes Publikum in Leipzig zusammen, um Literatur und Gedanken auszutauschen. Seit einigen Jahren wird die Buchmesse nicht mehr in der Innenstadt, sondern im neuen Messegelände am Rande der Stadt veranstaltet. Hier waren auf »grüner Wiese« gigantische Hallen entstanden. Diese Hallen wollen aber gefüllt werden. Daher setzt jedes Jahr eine Jagd nach immer mehr Besuchern ein. Auch 2011 wurde wieder ein »Besucherrekord« aufgestellt. Wir wollen sehen, was dieser »Rekord« gebracht hat.

Gegen 9.00 Uhr sind die Hallen noch leer. Ab und zu patrouilliert ein Sicherheitsbeamter den Gang entlang. Aussteller versehen ihre Stände mit dem letzten Schliff. Schon drängen sich am Eingang die Besucher. Punkt 10.00 Uhr stürmen die ersten Gäste die Buchmessehallen, die an diesem Tag noch Fachbesuchern vorbehalten bleiben sollten.


Foto: v. li.: Bernd Lahl, Doris Berchter, Dr. Andreas Eichler, Prof. Eberhard Görner, Hartmut Schnorr von Carolsfeld

11.30 Uhr nehmen Doris Berchter (Wirtschaftsförderung der Großen Kreisstadt Aue), Hartmut Schnorr von Carolsfeld (Autor), Bernd Lahl (Autor) und Professor Eberhard Görner (Herausgeber und Autor) im Sachbuchforum Halle 5 Platz, um ihr gemeinsames Buch »Weißes Gold im Erzgebirge? Veit Hans Schnorr von Carolsfeld 1644-1715« vorzustellen. Der Moderator fragt und Doris Berchter antwortet, dass die Große Kreisstadt Aue sich der Erbschaft einer großen Bergbau- und Industriekultur bewusst sei. Formell seien die Kaolin-Gruben der Familie Schnorr von Carolsfeld schon lange nicht mehr fündig, aber der Pioniergeist der Familie sei wichtig, um heutigen Familienunternehmen in Aue eine Ausgangsbasis geben zu können.
Bernd Lahl, der Kenner des Erzgebirgsbergbaus, verwies auf das große Potenzial des Erzgebirges an Erzen, Gesteinen und seltenen Erden. Der Kurfürst und König August der Starke sei sich bewusst gewesen, was dieser Schatz bedeute und habe den Boden des Erzgebirges systematisch erkunden lassen.
Hartmut Schnorr von Carolsfeld betonte, dass er erst nach der Wiedervereinigung Deutschlands wieder einen Bezug zu den Wurzeln seiner Familie herstellen konnte. Das strategische Handeln seiner Vorfahren, dass sich auf breite Interessen, eine ansehnliche Bibliothek, die Freundschaft mit Geschäftspartnern, Gelehrten und Künstlern stützte, sei heute noch beeindruckend.
Der Herausgeber Prof. Eberhard Görner hob den Anteil der Freiberger Bergleute an der Erfindung des Porzellans hervor. Nicht nur die Kaolinfunde von Aue seien für diese europäische Pionierleistung von Bedeutung gewesen, sondern als die beiden Erfinder Johann Böttger und Ehrenfried Walther Freiherr von Tschirnhaus nicht weiterkamen, schickte Kurfürst August der Starke sechs Bergleute, die den Durchbruch in der praktischen Herstellung des Porzellans erzielten. Er freue sich, dass im Buch ein Artikel von Dr. Willi Goder vertreten sei, der in den 1970er Jahren mit einer Arbeit zum Anteil der Freiberger Bergleute an der Porzellanerfindung von Prof. Eberhard Wächtler in Freiberg promoviert wurde. An dieser Stelle überwogen die Emotionen bei Prof. Görner: Die Zerschlagung des Porzellans in Meißen, die kürzlich bekannt wurde, sei aus Sicht der sächsischen Geschichte unverzeihlich. Das Publikum applaudierte begeistert. Aber schon waren die dreißig Minuten, die in einem Forum gewährt werden, zu Ende.

Foto: v. li.: Wolfgang E. Herbst, Steffen Meyer, Uwe Schneider, Dr. Klaus Walther, Dr. Andreas Eichler

Um 16.00 Uhr traten im Leipzig Liest-Forum der Halle 5 der Sekretär des Kulturraumes Erzgebirge-Mittelsachsen Steffen Meyer, der Edition-Kammweg-Herausgeber Dr. Klaus Walther, der Autor Uwe Schneider, der Buchkünstler Wolfgang E. Herbst und der Verleger Dr. Andreas Eichler auf das Podium. Steffen Meyer erläuterte, dass die Edition Kammweg, die gemeinsam vom Kulturraum und dem Sächsischen Schriftstellerverein herausgegeben wird, vergessene Schriftsteller oder erzgebirgische Mundart zugänglich machen will. Moderator Klaus Walther erteilte darauf dem Autor Uwe Schneider das Wort. Dieser las aus seinem neu erschienen Band »Lachen macht gesund«. Im Anschluss las Wolfgang E. Herbst einen Ausschnitt aus Gert Hofmanns Novelle »Die Rückkehr des verlorenen Jakob Michael Reinhold Lenz nach Riga«, die er für die Kammweg-Reihe mit einfühlsamen Illustrationen versehen hatte. Schon waren die dreißig Minuten verflogen. Für den kleinen Ausschnitt aus Edgar Hahnewald, von dem eine Auswahl in der Edition Kammweg unter dem Titel »Sächsische Schönheit« erschienen war, blieb leider keine Zeit mehr.


Foto: v. li. Dr. Günter Arnold, Dr. Andreas Eichler, Dr. Klaus Walther

Nun beruhigte sich langsam die Stimmung in der Messehalle. Der Trubel verebbte. Einige Kenner zog es nun zum Sachbuchforum in Halle 5. Hier stellte um 17.30 Uhr der Herausgeber Dr. Klaus Walther gemeinsam mit dem Herder-Spezialisten Dr. Günter Arnold vom Goethe-Schiller-Archiv aus Weimar und Autor Dr. Andreas Eichler einen Band aus der Reihe Kammweg-Geschichte mit dem Titel »G. H. Schubert – ein anderer Humboldt« vor. Mehrere Künstler waren zugegen, einige Historiker und auch der »Kapitän« des »Flaggschiffes« der ostdeutschen Verlage aus Leipzig beehrte die Veranstaltung mit seinem Besuch.
Der Autor gab zunächst einen kurzen Überblick des Lebens von Gotthilf Heinrich Schubert, der am 26. April 1780 im Pfarrhaus der St.-Christopherus-Kirche von Hohenstein geboren wurde, der das Weimarer Gymnasium unter Karl August Böttiger besuchte, sich mit Emil Herder anfreundete, von Johann Gottfried Herder eine Art von Einzelunterricht erhielt, mehrere Sprachen erlernte, in Leipzig zunächst in der Familientradition Theologie, aber auch Physik, Chemie, Mathematik, Biologie und Philosophie studierte, dann mit Erlaubnis des Vaters zur Medizin wechseln durfte. Auf Drängen seiner älteren Schwestern erlaubte der Vater schließlich gar einen Wechsel nach Jena zu Wilhelm Ritter und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. nach der Promotion in Medizin mit einer Arbeit »Über die Anwendung des Galvanismus auf Taubgeborene« habe sich Schubert in Altenburg mit einer Praxis niedergelassen, aus Geldmangel veröffentlichte er anonym einen Roman im Verlag von Ferdinand Dienemann in Penig, zu dem er sich erst wenige Jahre vor seinem Lebensende bekannte. 1805 sei Schubert nach Freiberg gezogen, um bei Abraham Werner Geognosie zu hören, 1806 wechselte er nach Dresden. Hier wurde Schubert mit Vorträgen über die Nachtseiten der Naturwissenschaften sehr populär, den »Ossian der Naturwissenschaften« nannte ihn Schelling, hatte aber dennoch nicht genug Einkünfte, um seine kleine Familie ernähren zu können. Auf Vermittlung Schellings erhielt Schubert im Herbst 1808 die Stelle eines Gymnasialdirektors in Nürnberg. So verließ er Sachsen, erhielt zunächst in Erlangen eine Professur, dann in München. Schubert wurde Mitglied mehrere Akademien, erhielt den Titel eines Geheimrates und wurde in den Adelsstand erhoben.
Günter Arnold hob einige Zusammenhänge Schuberts mit der Familie Herder hervor. Er nannte die Herderschen Abendvorträge von 1799, die auf Grund der Mitschrift Schuberts von Bernhard Suphan in die Ausgabe Sämtlicher Werke Herders aufgenommen wurden, die Betreuung der Übersetzungen ins Spanische für die erste Werkausgabe Herders durch Schubert, eine auf Anregung Herders von Schubert betriebene Übersetzung von Erasmus Darwins »The Botanic Garden«, deren Manuskript bis heute leider nicht aufgefunden werden konnte.
Vom Moderator ermutigt zweifelte Günter Arnold an dieser Stelle, ob der Untertitel des Buches »ein anderer Humboldt« eine sachliche Grundlage habe. Eichler antwortete, dass Alexander von Humboldt ein Jugendideal Schuberts war. Schubert wollte als Schiffsarzt in die Fußstapfen Humboldts treten, aber daraus wurde nichts. Selbst in reifen Jahren sei Schubert, wie aus einem Brief von 1826 hervorgehe, zu ehrfürchtig gewesen, um Humboldt einmal ein Buch zu schicken. Aber Schubert habe die ersten beiden Bände von Humboldts »Kosmos« rezensiert. Nicht zuletzt habe man den unbekannten Schubert mit dem Untertitel für das Publikum bekannter machen wollen.
In der Frage nach der wissenschaftlichen Bedeutung Schuberts kam es, vom Moderator geschickt eingefädelt, zu einem weiteren Disput zwischen Arnold und Eichler. Arnold sah für Schubert kaum eine eigenständige wissenschaftliche Bedeutung. Er habe Wissen für Lehrbücher zusammengefasst, aber keine eigene Forschung betrieben.
Eichler räumte ein, dass mit Schuberts Weggang aus Dresden für Schubert die Zeit der Jugendideale und der Orientierung an Herders Forderung die Natur als ein organisches System zu begreifen beendet gewesen sei. In einem Brief an Emil Herder von 1810 habe Schubert formuliert, dass ihre Generation gescheitert sei. Dennoch könne man in der von Schubert 1814 erschienen »Symbolik des Traumes« vielleicht noch eine Quintessenz der Jugendideale finden. (Gerhard Sauder machte darauf aufmerksam, dass sich die Erstauflage der »Symbolik des Traumes« von späteren wesentlich unterscheide.)
Wie Herder habe Schubert der Sprache die Rolle der Konstituante für den Menschen zugebilligt. In der Traumsymbolik habe Schubert mit dem Geist der Romantiker versucht den Herderschen Ansatz weiterzuführen. Herder hatte in seinen Abendvorträgen an Sohn Emil und Schubert formuliert, dass der Mensch mit seiner Sprache dazu fähig ist, Sinneswahrnehmungen festzuhalten und wieder aufzurufen. Hätten wir die Sprache nicht, so Herder, zögen die Sinneseindrücke an uns vorbei wie ein Traum.
Schubert wählte die Sphäre des Traumes mit Bedacht für seine Untersuchung. Er stellte auch zutreffend fest, dass unsere Träume oft das zeigen, was unserer sprachlichen Bestimmung entgegengesetzt ist. Aber er versuchte in romantischer Weise auch sogleich »Urtraumbilder« zu erfassen. (spätere Psychoanalytiker bedienten sich hier.)
Vielleicht, so Eichler, könne man es Schubert zu gute schreiben, dass er in einer Zeit am Begriff der Seele festhielt, der die Gesamtheit der Sinneswahrnehmungen erfasste, in der die Modephilosophie sich auf reine Kopfarbeit, reine Vernunft und reines Bewusstsein warf.
An dieser Stelle ertönte der Gong und eine weibliche Stimme verkündete das Ende des Buchmessetages. Man wurde aus einer anderen Welt zurückgerufen in die Messehalle 5.
Ich muss sagen, dass man den Eichler ertragen kann, wenn ihm widersprochen wird. In dem Disput der drei Diskutanten ergaben sich Momente erhabener Größe und Schönheit, wie es Egon Ohlsen ausdrücken würde. Zugegeben, das ist selten in unserer Zeit, in der selbst die so genannte Elite eher der Massenkultur fröhnt als sich unser großes Kulturerbe anzueignen. Die Ironie bestand an diesem Abend vielleicht darin, dass Günter Arnold dem Herrn Eichler einen Rückzug auf Herder versperrte. Und so musste er Schubert verteidigen. Naja. Auch ein solcher geistiger Genuss ist auf der Leipziger Buchmesse möglich, allerdings vielleicht nur ab 17.30 Uhr?
Johannes Eichenthal

Information

Eberhard Görner (Hrsg.) Weißes Gold im Erzgebirge? Veit Hans Schnorr von Carolsfeld (1644-1715) ISBN 978-3-937654-57-7

Uwe Schneider: Lachen macht gesund. Heitere Geschichten.
Mit Illustrationen von Birgit Eichler
ISBN 978-3-937654-64-5

Edgar Hahnewald: Sächsische Schönheit. Zwischen Kammweg und Mittelsachsen.
Mit Illustrationen von Hans Weiß (Aue)
ISBN 978-3-937654-64-5

Gert Hofmann: Die Rückkehr des verlorenen Jakob Michael Reinhold Lenz nach Riga.
Mit Illustrationen von WEH Silesius
ISBN 978-3-937654-44-7

Andreas Eichler: G. H. Schubert – ein anderer Humboldt.
ISBN 978-3-937654-35-5

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