Reportagen

Jean Paul in Weimar

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Johann Paul Friedrich Richter wurde am 21. März 1763 in Wunsiedel geboren. Sein Vater, ein auch musikalisch gebildeter Pfarrer, verstarb schon mit 52 Jahren. Trotz prekärer Lebensverhältnisse ermöglichte die Mutter ihren drei Söhnen eine Gymnasialausbildung. Johann Paul Friedrich Richter, der sich aus Verehrung zu Jean Jaques Rousseau den Namen »Jean« zulegte, war von Kind an wissbegierig. Nach dem Gymnasium trat er ein Theologiestudium in Leipzig an, die einzige Studienmöglichkeit für Kinder armer Eltern, brach dieses jedoch bald ab. Aus dem universalen Wissensdrang heraus begann er frühzeitig Erzählungen zu schreiben. Nach der guten Publikums-Aufnahme seines Romanes »Hesperus«, der mit 4000 verkauften Exemplaren einen ähnlichen Erfolg wie Goethes »Die Leiden des jungen Werthers« erzielte, besuchte Richter Weimar und Berlin. Mit nahezu allen wichtigen Literaten und Philosophen seiner Zeit trat er in persönlichen Kontakt. Gleichzeitig legte Jean Paul unaufhörlich ein Textarchiv über nahezu alle Wissensgebiete an. Als er 1825 verstarb, war er in ganz Deutschland bekannt, hatte eine große Schar von Anhängern, meist gebildete Frauen.

Zu Jean Paul Friedrich Richters 250. Geburtstag gibt es eine große Zahl von Veranstaltungen. Am 28. Mai 2013 wurde zur Vorstellung der Jean-Paul-Biographie von Michael Zaremba in das Druckgraphische Museum Pavillon-Presse nach Weimar eingeladen.

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An der Stirnseite des Veranstaltungssaales stehen zwei Sessel. Nur einer ist besetzt. Harald S. Liehr, Lektor des Böhlau-Verlages, begrüßt die Gäste zur Vorstellung der Jean-Paul-Biographie von Michael Zaremba: Es wäre schön, wenn der Autor hätte heute selbst sein Buch vorstellen können. Aber der 1955 geborene Literaturwissenschaftler verstarb am 9. November 2012. Wie bei seiner Herder- und seiner Wieland-Biographie habe Zaremba auch bei der Jean-Paul-Biographie um die Diskussionsmöglichkeit mit einem Fachberater gebeten. In diesem Fall sei es der Jean-Paul Experte Norbert Miller aus Berlin gewesen. Streng genommen habe Zaremba dies nicht gebraucht. Aber er habe den Dialog geliebt und das merke man auch bei der Lektüre. Der Untertitel der Biographie »Dichter und Philosoph« sei programmatisch zu verstehen. Michael Zaremba wollte verdeutlichen, dass Jean Paul auf beiden Gebieten Außerordentliches leistete.

Im Anschluss las Liehr eine Passage, die Jean Paul Friedrich Richter im Jahre 1794 vorstellte, als er sein erstes Manuskript »Die unsichtbare Loge« (Nebentitel »Mumien«) fertigstellte. Karl Philipp Moritz bekam den Text anonym vorgelegt. Zunächst habe er geglaubt, es sei von einem der Großen in Weimar. Doch dann urteilte er: Das ist nicht Goethe, das ist etwas ganz Neues.

1795, nach dem Erscheinen des Romans »Hesperus, oder 45 Hundsposttage«, konnte sich Jean Paul vom Honorar seine abgetragenen Kleidungsstücke erneuern. Er schickte beide Bücher an Goethe. Eine Antwort blieb aus.

Harald S. Liehr kommentierte hier, dass Michael Zaremba eine interpretierende Annäherung ohne lange Zitate versucht habe. Dennoch bleibe eine solche Annäherung nicht unanstrengend, man brauche Muße, Zeit und Aufmerksamkeit. Deshalb empfehle er, Liehr, kürzere Texte Jean Pauls als Einstieg. Eine gute Biographie sei eine, die Lust darauf mache, den Autor selbst zu lesen.

Dr. Günter Arnold ergänzte, dass es nicht so wichtig sei, wenn man die großen Romane Jean Pauls nicht im Zusammenhang lesen könne, weil es eigentlich eine Folge von Episoden ist. Jean Paul sei es nicht gelungen einen packenden Handlungsstrang zu entwickeln. So könne man auch ohne Bedenken einzelne Episoden herausgreifen.

Harald S. Liehr antwortet, dass es sehr schöne Stellen gäbe, seelenvolle Beschreibung für das weibliche Publikum. Einzelne Stellen seien auch auf Wirkung hin geschrieben: Sonnenuntergänge, das Anschlagen der Nachtigall usw. Man werde bei Jean Paul belohnt, es werde einem aber nichts geschenkt.

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Danach las der Lektor die Passage aus der Biographie, die Jean-Pauls Besuch in Weimar darstellt. Der Held habe idealisierte Vorstellungen von Weimar als einer »glückseligen Insel, bewohnt von Halbgöttern« gehabt. Das Ideal wurde aber schnell als Trugbild entzaubert. Jean Paul habe die Spannungen in der Weimarer Oberschicht wahrgenommen, die auch durch die politische Entwicklung in Frankreich verschärft wurden.

In Briefen an einen Freund schrieb er, dass Weimar kein Olymp der Dichter sei, dass Goethe bei einem Besuch kalt, einsilbig und ohne Akzent gewesen, dass sein Charakter fürchterlich sei. Goethe sei Mitglied des »höllischen Frostklubs« von Weimar.

Schiller in Jena sei verworren in der Gestalt, aber ohne Liebe. Schiller schrieb nach Richters Besuch an Goethe: Hesperus war hier, fremd, wie aus dem Mond gefallen.

Mit der Familie Herder habe Richter dagegen häufig Umgang gepflegt, fast täglich habe er diese besucht. Ein reger Briefverkehr fand statt. In der Superintendentur wurde auf Kosten der Fürsten gescherzt und gelacht.

Dr. habil. Jochen Golz, Präsident der Internationalen Goethe-Gesellschaft, warf ein, dass das wiedergegebene Zitat über Goethe leider zu stark gekürzt worden sei. Goethe habe Richter ja auch ein Gedicht vorgetragen. So etwas sei selten vorgekommen. Jean Paul habe darauf geschrieben, dass er fühlte, wie bei Goethe das Herz durch die Eiskruste trieb, und angefügt »beim Himmel, wir wollten uns doch lieben«.

Dies so Golz, sein eine zentrale Aussage zu Goethe. Zu Schiller habe es dagegen geheißen: »ohne Liebe«.

Man müsse bei den Äußerungen Jean Pauls auch dessen Enttäuschung in Weimar bedenken. Entgegen seinem Jugendideal nahm er wahr, dass die Leute hier lebten, wie woanders auch. Zudem sei Richter gegenüber Goethe voreingenommen durch die Gespräche im Hause Herder. Das Verhältnis Richters zu Goethe sei immer positiv geblieben. Dagegen sei Jean Paul gegenüber Schiller immer kritisch geblieben, auch zu dessen Arbeiten. Schiller habe Jean Paul mit dem Roman »Hesperus« gleichgesetzt.

Zudem habe Jean Paul bemerkt, dass Schillers Höflichkeit eine diplomatische gewesen sei. Der Chefredakteur der Zeitschrift »Horen«, habe Richter als Horen-Autor gewinnen wollen. Gleichwohl habe Jean Paul im Roman »Titan« Züge Schillers und Goethes in der Gestalt des Don Gaspard de Cesara vereinigt.

Ursache vieler Missverständnisse und Gerüchte sei Karl August Böttiger gewesen, den Golz mit einem heutigen Boulevard-Zeitungs-Journalisten gleichsetzte.

Dr. Günter Arnold gab zu bedenken, dass man Böttiger nicht einfach verurteilen könne. Einerseits sei dessen reicher Nachlass Arbeitsgrundlage für einen Großteil der Forschung in Weimar. Anderseits sei Böttiger sehr indiskret gewesen, aber auch ein uneigennütziger Kommunikator wissenschaftlicher Nachrichten mit Verbindungen durch ganz Europa.

Dr. habil. Jochen Golz erwiderte, dass das Problem darin bestehe, dass man sich auf Nachrichten stützte, die Böttiger in Welt setzte, zum Beispiel dass es eine Fassung von Schillers »Jungfrau von Orleans« mit einem anderen Schluss gäbe, aber niemand wisse, woher Böttiger diese Nachricht hatte. Neulich habe ein Kollege im Goethe-Schiller-Archiv im Vortrag sogar behauptet, dass Böttiger so etwas, wie die Zentralgestalt Weimars gewesen sei. Das gehe doch zu weit.

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Harald S. Liehr leitet nun zum dritten Leseteil über. Der Leser schließe oft die Gestalten des Romans mit der Person des Autor kurz. In der Wissenschaft sei das anders. Michael Zaremba versuche den Leser jedoch zum Komplizen eines solchen »Kurzschließens« zu machen, ohne sich in psychoanalytischen Spekulationen zu ergehen. Es folgte die »Lieblingsstelle« des Lektors aus der Biographie. Jean Paul Friedrich Richter in Bayreuth im Jahre 1808. Bei der Schilderung der Eigenheiten von »Dr. Katzenberger« ging das Schmunzeln der Zuhörer zum Teil in Lachen über.

Dr. habil. Jochen Golz bemerkte im Anschluss, dass die Leserschar Richters so groß nicht gewesen sei.

Jean Paul Friedrich Richter habe ein unendliches Textmassiv hinterlassen, das unter editorischem Aspekt aber sehr gründlich bearbeitet werde.

Harald S. Liehr fügte an, dass der Böhlau Verlag zwischen 1927 und 1963 eine Ausgabe Sämtlicher Werke Jean Paul Friedrich Richters unter der Herausgeberschaft von Eduard Berend veröffentlichte. (Hier finden wir Werke und Briefe) Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften gebe eine Historisch-kritische Ausgabe von Briefen an Jean Paul heraus.

Die offene Frage sei aber, ob die Initiative über das Jubiläumsjahr hinausreichen werde?

Das Publikum dankte dem Lektor. Eine Vertreterin des gastgebenden Vereines übergab ihm einen Handpressendruck von Jean Pauls »Lob der Dummheit«.

Dem Lesenden, den rührigen Veranstaltern und den Diskutanten ist zu danken. Es war ein Ereignis, allein auf ehrenamtliches Engagement gegründet, abseits der teuren Arenen der heutigen Spektakel-Massenkultur. Für eine kurze Zeit wurde eine Ahnung von  dem Weimar in der Zeit um 1800 in den Köpfen der Zuhörer lebendig.

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Im Vortragsraum der Pavillon-Presse ist seit 27.5.2013 eine Ausstellung mit dem Titel »Augenkerker« zu sehen. Das Druckgraphische Museum zeigt 5 Grafiken prominenter Künstler, u.a. von Horst Janssen, zum Werk Jean Pauls.

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Foto von links: Dr. Günter Arnold, Harald S. Liehr, Matthias Merker (Museumsleiter)

Geduldige Gäste bekamen schließlich noch die Gelegenheit im Druckgraphischen Museum den Drucksaal im Gründungshaus des Hermann-Böhlau-Verlages zu besichtigen. Die Vereinsmitglieder halten mit hohem zeitlichen Aufwand die Maschinen funktionstüchtig.

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Das Weimarer Druckgraphische Museum in der Scherfgasse Nummer 5

 

Kommentar

Harald S. Liehr formulierte am Ende seiner Lesung die Frage, ob das Interesse am Werk Jean Paul Friedrich Richters über das Jubiläums-Jahres hinausreichen könne.

Das sprachliche Niveau des Werkes schließt eine Vermarktung im  heutigem »Bestseller-Genre« von vornherein aus. Aber es gibt auch heute noch gebildete und anspruchsvolle Leser.

Unter gewissem Aspekt ist das Werk Jean Pauls sogar für Kenner und Liebhaber der heutigen Zeit wie geschaffen.

Auch wir leben in einer Zeit des Umbruches, der Umwertung aller Werte. Ein klassischer Roman (die abgeschlossene Darstellung einer abgeschlossenen Epoche) ist heute wie zu Jean Pauls Lebzeiten, nicht möglich.

Jean Paul konzentrierte sich auf eine besonders assoziative Sprache für seinen Prosaarbeiten. Dabei geriet ihm die einheitliche Epos-Fiktion aus dem Blick. Aber der Vorzug seines Stils besteht darin, dass jeder individuelle Leser sich die Geschichte in seinem Kopf vergegenwärtigen kann. (Ein ähnliches Verfahren, freilich ergänzt um eine Dialogstruktur, wendeten später Henry James, Thomas Mann und Gert Hofmann an.)

Man kann auch die Grundlagen der Erzählstrategie Jean Pauls in der »Vorschule der Ästhetik« nachlesen. Anders als Friedrich Schlegel, der die Ironie verkündete, aber nur anderen gegenüber praktizierte, wendete Jean Paul die Ironie auch auf sich selbst an. So tritt er in vielen Verkleidungen auf, wechselt Name und Kostüm, und trifft selbstverständlich in seinen Werken auch sich selbst.

Das ist ungefähr so, als ob ich mir zum Beispiel den Namen meines Chefs Andreas Eichler zulegen würde, um dann in der Postkutsche einen Johannes Eichenthal zu treffen …

Der Vorzug diese Verfahrens ist der Gewinn einer Distanz auch zu sich selbst. Dies ermöglichte Jean Paul auch mit unsachlichen Kritikern freundlich zu verkehren. Am Ende schätzten diese Jean Paul sogar.

Der Stil Jean Pauls erinnert auch an den unter dem fingierten Verfassernamen »Bonaventura« erschienenen Roman »Nachtwachen«. Diesem Werk eines Epigonen Jean Pauls wird seine Modernität längst bescheinigt. Das Original Jean Paul steht diesem aber nicht nach. Im Gegenteil. Für Kenner und Liebhaber ist Jean Paul Friedrich Richter ein Autor, den es für unsere Zeit zu entdecken gilt. Gerade jetzt.

Johannes Eichenthal

 

Anmerkung des Redaktors

Johannes Eichenthal ist ein junger Mann, der keine ewigen Wahrheiten verkünden, sondern zur Diskussion anregen will. Er glaubt, dass verbindliche Diskussionen um wesentliche Fragen unseres existenziellen Sinns heute fehlen. Sinnstiftung ist aber ohne Diskurs nicht möglich.

Bitte nutzen Sie die Kommentarfunktion der Litterata-Seiten. Darüber würde sich Johannes freuen. Vielen Dank!

 

Information

Michael Zaremba: Jean Paul. Dichter und Philosoph. Eine Biographie. (2. Auflage)

Böhlau Verlag Wien-Köln-Weimar. ISBN 978-3-412-21091-5

www.boehlau-verlag.com

Im gleichen Verlag erschien von Michael Zaremba:

Johann Gottfried Herder. Prediger der Humanität. ISBN 978-3-412-03402-3

Christoph Martin Wieland. Aufklärer und Poet. ISBN 978-3-412-220006-8

 

Graphik-Ausstellung »Augenkerker«

Druckgraphisches Museum Pavillon-Presse, Weimar, Scherfgasse 5

www.pavillon-presse.de

 

Alle Veranstaltungen zum Jubiläum

www.jean-paul-2013.de

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