Reportagen

Der 25. August

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Der 25. August ist ein trüber Spätsommertag. Hin und wieder fallen Regentropfen. Auch der sonnigste Sommer geht einmal zu Ende. Bunt werden die Wälder, gelb die Stoppelfelder … Wir befinden uns auf der Fahrt nach Röcken, einem Dörfchen im Umkreis von Leipzig, zwischen Lützen und Weißenfels gelegen.

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Die Kirche von Röcken wird durch einen romanischen Turm charakterisiert.

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Vor mehr als 150 Jahren amtierte an dieser Kirche der junge Pfarrer Karl Ludwig Nietzsche.

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Am 15. Oktober 1844 wurde hier Friedrich Wilhelm Nietzsche geboren. In der Röckener Kirche wurde der spätere Philosoph getauft.

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Am 25. August 1900 starb Friedrich Nietzsche in Weimar. Hier in Röcken fand er seine letzte Ruhestätte. Die Nietzsche-Stiftung aus Naumburg hatte deshalb anlässlich des Todestages ihres Namensgebers zu einer Gedenkveranstaltung eingeladen.

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Ralf Eichberg, ein promovierter Literaturwissenschaftler und der gute Geist der Nietzsche-Stiftung, sprang für den erkrankten Klaus Goch als Vortragsredner ein.

Friedrich Nietzsche sei hier geboren und aufgewachsen und habe hier auch den frühen Tod des Vaters erlebt, in dessen Folge die Familie den Ernährer verlor und aus dem Pfarrhaus ausziehen musste. Da der 25.8.2013 auch der Tag des 200. Geburtstages Karl Ludwig Nietzsches ist, widmete der Redner ihm seinen Vortrag.

Eichberg zeichnet das Bild eines Mannes, der aus einer Generationenkette protestantischer Pfarrer stammt, dessen Großvater Superintendent war, und der sehr ehrgeizig Theologie in halle studierte, als Prinzessinnenerzieher in Altenburg wirkte und an den Hof der preußischen Könige nach Berlin vermittelt wurde.

Obwohl er ein fleißiger Theologie-Student war und das preußische Königshaus bedingungslos verehrte, versetzte man ihn ihn als Pfarrer in ein kleines Dorf in der anhaltischen Provinz.

Die soziale Ordnung sah Karl Ludwig Nietzsche als von Gott gewollt, auch seine Versetzung nach Röcken. Am 2. Januar 1842 hielt er seine Antrittspredigt. Karl Ludwig Nietzsche erfüllte alle aufgegebenen Amtspflichten. Seinen erstgeborenen Sohn nannte er nach dem verehrten König »Friedrich Wilhelm«. Der Superintendent war in seinen Inspektionsberichten mit der Amtsführung zufrieden. Dennoch wuchs dessen Unbehagen mit der Politik der Landeskirche. Er beteiligte sich an Diskussionskreisen mit gleichgesinnten Amtsbrüdern. Er distanzierte sich von seinen Hallenser Lehrern und deren »Rationalismus«.

Eichberg hob hervor, dass sich Karl Ludwig Nietzsche der so genannten »Erweckungsbewegung« anschloss.

In der Taufpredigt für den erstgeborenen Sohn sprach der junge Vater über die  strikte Trennung von Gut und Böse. Den Sohn erzog der Vater streng. Er unterrichtete ihn frühzeitig in Lesen und Schreiben. Vermeintliche und tatsächliche Verfehlungen bestrafte er mit Prügel. Eichberg sprach von »schwarzer Pädagogik«. Die Ergebnisse waren zunächst so, wie beabsichtigt. Selbst bei seinem Besuch in Schulpforta sei der junge Friedrich Wilhelm Nietzsche noch durch seine Bibelkenntnisse und seinen Hang zum predigen aufgefallen. Man nannte ihn dort den »kleinen Pfarrer«.

Eichberg führt an, dass Friedrich Wilhelm Nietzsche dennoch nie ein schlechtes Wort über seinen Vater verlor, ihn immer verehrte.

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Karl Ludwig Nietzsche vermochte die soziale Entwicklung immer weniger zu verstehen. Die Kompromisse, die das preußische Königshaus letztlich einging, waren ihm unerträglich.

Karl Ludwig Nietzsche fand bald in der 16jährigen Pfarrerstochter Franziska Oehler die Frau seines Lebens. Allerdings vermochte er nicht die weltoffenen Schwiegereltern zu akzeptieren. Oehlers hatten elf Kinder. Die große Bibliothek war von klassisch-humanistischer Literatur geprägt. Eichberg fügte an, dass der junge Friedrich Wilhelm Nietzsche in der Bibliothek seines Großvaters später die Werke von Goethe, Stifter und viele andere wichtige Schriftsteller las.

Im Januar 1846 traten bei Karl Ludwig Nietzsche erstmals Symptome einer Nervenkrankheit auf. Er konnte eine Predigt nicht zu Ende führen, verfiel in Weinkrämpfe und begann zu zittern. Alle Hoffnungen auf Besserung wurden enttäuscht. Karl Ludwig Nietzsche wurde schließlich nach Naumburg zur Behandlung gebracht. Dort verstarb er 1849. Friedrich Wilhelm Nietzsche war fünf Jahre alt.

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Zwischen einzelnen Passagen des Vortrages rezitierte Sabine Eichberg aus Briefen. Gernot Kreyßer ließ die Orgel erklingen und am Ende kam auch noch der Pfarrer, der anders als Karl Ludwig Nietzsche, heute allerdings zehn Kirchen zu betreuen hat.

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Die Kirche lehrte sich wieder. Im Pfarrgarten konnte man Kaffee und Kuchen genießen. Langsam lehrten sich auch die Parkplätze des Dörfleins von den vielen Autos, deren Nummernschilder an diesem Tag aus allen Teilen Deutschland stammten.

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Kommentar

Ohne Zweifel haben Pfarrhaus und Kirche von Röcken für das Verstehen des Nietzscheschen Werkes besondere Bedeutung.

Man muss hier gewesen sein.

Aufschlussreich waren auch die Ausführungen zur Familiengeschichte. Sicher müsste hier und da stärker differenziert werden. Die Hinwendung zur so genannten Erweckungsbewegung von Karl Ludwig Nietzsche vermag nicht alles zu erklären. Einerseits war diese Bewegung heterogen und andererseits führte sie nicht zwangsläufig zu solchen dogmatischen Anschauungen, wie sie Karl Ludwig Nietzsche entwickelte. Gotthilf Heinrich Schubert (1780–1860) wandte sich auch der Erweckungsbewegung zu. Aber er prügelte keine Kinder und vertrat ein transkonfessionelles Christentum.

An dieser Familiengeschichte kann man sicher anschaulich studieren, wie ein Pfarrer an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert scheitert. Es war kein Einzelfall. Aber die Quellenlage dürfte hier sehr gut für weitere Forschungen sein.

Die Darstellung der Lebenswelt des  Vaters ermöglicht einen anderen Blick auf Nietzsches spätere Abwendung vom Kirchenchristentum.

Man erinnert sich an Gert Hofmanns Novelle »Die Rückkehr des verlorenen Jakob Michael Reinhold Lenz nach Riga«. In einer fiktiven Geschichte erlebt der junge Lenz seinen Vater, der eben zum Superintendent ernannt worden war, wie er auf die Gemeinde »herabpredigt«. In diesem Moment kommt dem jungen Lenz der Gedanke, dass der Vater »Gott« sei.

Johannes Eichenthal

 

PS. Am 25. August 1744 wurde in Mohrungen/Ostpreußen Johann Gottfried Herder geboren. Die Werke dieses Theologen und Philosophen wurden wahrscheinlich von Karl Ludwig Nietzsche nie gelesen. Schade. Herder hätte ihn vielleicht retten können.

 

Information

 

www.nietzsche-portal.eu

www.nietzsche-gesellschaft.de

www.friedrich-nietzsche-stiftung.de

www.nietzsche-dokumentationszentrum-naumburg.de

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