Essay

Kassandra

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Vor 20 Jahren veröffentlichte der konservative US-Politikwissenschaftler, Institutsdirektor, Harvardprofessor und Sicherheitsberater mehrerer Präsidenten Samuel Huntington (Jahrgang 1927) in Nummer 3 der traditionsreichen außenpolitischen US-Zeitschrift »Foreign Affairs« einen Aufsatz mit dem Titel »The Clash of Civilizations?« Die überarbeitete Fassung des Aufsatzes erschien 1996 in Buchform unter dem Titel »The Clash of Civilizations. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert.« (ohne Fragezeichen). Rasch erfolgten Übersetzungen in alle Weltsprachen.

Huntington argumentierte gegen die Position, die Francis Fukuyama im Frühsommer 1989 in der Zeitschrift »The National Interest« unter dem Titel »The End of History« veröffentlicht hatte. Fukuyama hatte bereits den Sieg des Westens im Kalten Krieg konstatiert. Die liberale Demokratie sei das höchste Stadium der Geschichte. Es werde zwar weiter Ereignisse geben, aber keine Geschichte, keine Weiterentwicklung mehr. Damit wurde Fukuyama zur Leitfigur neokonservativer/neoliberaler Ideologie. Er nahm den Siegestaumel nach dem Ende des Kalten Krieges vorweg und rechtfertigte ungewollt bereits kommende intellektuelle Mittelmäßigkeit. In der Tat, wenn die Geschichte an ihrem Ende angekommen ist, dann bedarf es auch keiner geisteswissenschaftlicher Forschung mehr.

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Huntington kritisierte aus konservativer Sicht das neoliberale/neokonservative Konzept vom Ende der Geschichte, dass die US-Strategie des Kalten Krieges einfach fortzusetzen gedachte. Er gab zu bedenken, dass die Fortsetzung einer einmal erfolgreichen Strategie unter veränderten Bedingungen verhängnisvolle Folgen haben werde. Huntington verglich das einfache »Weiter so!« mit einer »Fata Morgana der Unsterblichkeit«, wie Arnold Toynbee solches Denken genannt hatte. In der Wirklichkeit der Geschichte hätten solche Träume für deren Träger meist schon bald abrupt geendet.

Huntington schränkt im Vorwort ein, dass er kein sozialwissenschaftliches Werk vorlege. Er unterbreite einen Vorschlag, ein Paradigma, um die Weltpolitik nüchtern zu analysieren. Er wolle nicht alles und jedes erklären, sondern eine globale Perspektive ermöglichen.

Um die Zielstellung zu erfüllen, legt Huntington seine Ausgangsthesen offen: die Welt ist multipolar und multikulturell geworden. Das globale Machtgleichgewicht verschiebt sich zu Ungunsten des Westens. Es ist eine auf kulturellen Werten basierende Weltordnung im Entstehen. Die universalistischen Ansprüche brächten den Westen zunehmend in Konflikte. Das Überleben des Westens hänge davon ab, dass man sich damit abfände, dass die westliche Kultur einzigartig, aber nicht universell sei. Und als Fazit: »Ein weltweiter Kampf der Kulturen kann nur vermieden werden, wenn die Mächtigen dieser Welt eine globale Politik akzeptieren und aufrechterhalten, die unterschiedliche kulturelle Wertvorstellungen berücksichtigt.«

Huntington formulierte sehr deutlich, dass der notwendige Paradigmenwechsel die Politik der weltweiten Verbreitung westlicher Kultur aus der Zeit des Kalten Krieges beenden müsse. Mit militärischen Mitteln sei die westliche Kultur erst recht nicht zu verbreiten. Huntington fügte an, dass der Westen auch nicht mehr das menschliche und industrielle Potential besitze, um solche Kriege zu führen. Huntington sprach sogar von einer notwendigen »kulturellen Koexistenz«. In zahlreichen Anmerkungen belegte er seine These mit Details des Krieges gegen die Republik Jugoslawien, den die Clinton-Administration ohne UNO-Mandat begann. Huntington versuchte auch mit Tageszeitungsartikeln, mindestens einer erschien in der »Süddeutschen Zeitung«, auf die verheerenden Folgen dieser Art von Politik hinzuweisen.

Wie war das wissenschaftliche Echo auf Huntingtons Vorschlag?

Ulrich Menzel konstatierte, dass bereits ein Jahr nach der Veröffentlichung Huntingtons Buch sich Autoren in mehr als 60 Büchern und Zeitschriftenartikel mit ihm auseinandersetzten. Darunter seien aber kaum differenzierende Stimmen gewesen. Vieles könne man in die Kategorie »Neid und Missgunst« verbuchen.

Aber selbst die schärfsten Kritiker stimmten mit Huntington in der politischen Analyse der Weltpolitik nahezu überein. Die Differenzen fanden sich vorwiegend auf philosophischem Gebiet. Ohne Zweifel ist der Kulturbegriff bei Huntington abstrakt und einseitig. Man sollte jedoch bedenken, dass es bis heute in der Wissenschaft keinen allgemein anerkannten Kulturbegriff gibt. Die westliche Wissenschaft hat sich »ausdifferenziert«, und den Überblick über sich selbst verloren.

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Fairerweise muss man auch darauf verweisen, dass in der Politikwissenschaft des Westens bis zu Huntington Kultur kaum noch eine Rolle gespielt hatte. Es herrschten die sogenannten »Analytiker« vor, die ihre Analysen in Zahlen gebracht hatten. Dies ermöglicht Politikern »objektive« Entscheidungen zu treffen, ohne die Probleme zu kennen. (Etwa so, wie die Präsidenten-Figur im Simpsons-Film.) Wenn also in der Politikwissenschaft seither wieder über Kultur nachgedacht hat, so ist das auch ein Verdienst von Huntington.

In einem wichtigen Aspekt der Kultur lag Huntington jedoch richtig: Die Kultur des Westens ist eine besondere Kultur, wie alle anderen, jedoch keine universale. Jede Kultur hat auch allgemeine Züge. Aber die »Kultur im Allgemeinen«kann es nicht geben. Im Jahre 2004 stellte der damalige Kardinal Ratzinger in einer Diskussion mit dem einstigen Star-Philosophen Jürgen Habermas diesen Punkt klar. Universalität erlangt man nicht durch Selbstermächtigung. Schon gar nicht kann eine Lebensweise universell sein. Wenn, dann  nur ein geistiges Prinzip, wie das Christentum. Von der Position der Macht her ist die Wahrscheinlichkeit universellen Denkens zudem sehr gering. »Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig« (2. Korinther, 12,9) Ohne Demut ist universelles Denken, Weisheit nicht zu erlangen. Die Demut ist der Anfang der  Weisheit, meinte Salomo. (Als Papst machte Benedikt XVI. mehrfach deutlich, dass mit Krieg keine Menschenrechte zu schützen sind.) Bedauernswert ist, dass Huntingtons Kritik solch falschen Universalitätsanspruches vielen linksliberalen Intellektuellen bis heute nur schwer erträglich ist. Keiner von ihnen kam auf die Idee bei dem Annales-Historiker Fernand Braudel nachzuschlagen, von dem Huntington offensichtlich nicht nur den Ausdruck »clash of civilizations«, den dieser als Kapitelüberschrift für das Vordringen der Europäer in Amerika um 1500 gebrauchte, übernommen hat.

In seinem Hauptanliegen scheiterte Huntington jedoch: er vermocht nicht die damalige US-Administration davon zu überzeugen, dass die Welt nach dem Ende des kalten Krieges multikulturell und multipolar geworden ist. Statt dessen folgte die US-Politik dem völlig überlebten Imperium-Konzept von Zbigniew Brzezinski. (In deutscher Übersetzung als Buch erschienen.) Brzezinski ist auch Berater des gegenwärtigen Präsidenten.

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Der konservative britische Historiker Paul Kennedy veröffentlichte wenige Jahre nach Huntingtons Auftritt eine nüchterne Untersuchung unter dem Titel »Aufstieg und Fall großer Mächte. Ökonomischer Wandel und militärischer Konflikt 1500–2000«. Er konstatierte, dass aufsteigende Mächte an einem bestimmten Punkt begannen, sich eine Armee zuzulegen. Diese werde dann in der Regel immer größer, immer teurer, verschlinge einen Großteil der Ressourcen des Landes und sei schließlich durch ihre Größe nicht mehr reformierbar und auch nicht mehr erfolgreich einsetzbar.

Den USA bescheinigte Kennedy mit dem Sieg im Kalten Krieg den Gipfel ihrer Macht erreicht zu haben. Auch in Folge der dafür notwendigen Kosten und Ressourcen für Hochrüstung habe jedoch gleichzeitig der Abstieg als Weltmacht begonnen.

Samuel Huntington hatte versucht Vorschläge für eine verantwortungsbewusste Politik seines Landes im 21. Jahrhundert zu machen und vor Gefahren zu warnen.

Er verstarb unerhört am 24. Dezember 2008.

Die trojanischen Königstochter Kassandra erhielt von Apoll die Gabe, die Zukunft vorherzusehen, jedoch mit dem Zusatz, dass ihr niemand Glauben schenken werde.

Johannes Eichenthal

 

 

 

Information

Samuel P. Huntington: The Clash of Civilizations. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. Europaverlag München-Wien 1996

Fernand Braudel, Sozialgeschichte des 15.–18. Jahrhunderts, 3 Bde., München 1985 (franz. Originaltitel: Civilisation matérielle, économie et capitalisme, 1979)

Ulrich Menzel, Globalisierung versus Fragmentierung, Frankfurt/Main 1998

Zbigniew Brzezinski: die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft. Frankfurt/Main 1999

Paul Kennedy: Aufstieg und Fall großer Mächte. Ökonomischer Wandel und militärischer Konflikt von 1500–2000. Frankfurt/Main 2000.

Anders als alle historischen Untersuchungen erlaubt Roman Polanskis Film »Der Ghostwriter« einen Vergegenwärtigung der Entscheidungsverfahren in der Humanitären-Interventions-Politik. Der Film entstand nach dem Buch von Richard Harris. Pierce Brosnan und Ewan McGregor spielen die Hauptrollen.

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