Reportagen

Unromantische Worte

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Für den 18. September war eine Veranstaltung im Dresdener Romantik-Museum angekündigt. Es ist ein regnerischer Herbsttag. Auf der Autobahn reiht sich LKW an LKW. Glücklicherweise stellt sich keiner dieser Monster quer. Aber immer wieder gibt es Stockungen, die durch hektische Überholmanöver hervorgerufen werden. Endlich treffen wir im Dresdener Romantiker-Museum, dem ehemaligen Wohnhaus der Familie von Kügelgen, ein. Die Veranstaltung hat schon begonnen. Frau Hausding, die Direktorin des Museums, schafft schnell noch zwei Stühle herbei, so dass auch wir im voll besetzten Saal dem Vortrag lauschen können.

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Museumsdirektorin Michaela Hausding bei der Eröffnung der Veranstaltung

Auf der Einladung stand, dass Andreas Eichler über »Herder und die Romantik« sprechen wollte. Er war bei unserem Eintreffen gerade dabei, sein Thema zu relativieren. Der Titel sei für die Einladung kurz gefasst worden, damit aber auch etwas abstrakt geraten.
Was kann man in diesem Zusammenhang unter »Romantik« verstehen?
Herder habe das Geistesleben in der benachbarten Universitätsstadt Jena, d.h. auch Veröffentlichungen der Gebrüder Schlegel, Novalis, Schleiermachers, Tiecks u.a., in Zeitschriften zur Kenntnis genommen. Zudem interessierte er sich für die Wirkung der Wissenschaftslehre-Vorlesungen von Johann Gottlieb Fichte, der von dieser Gruppe vereinnahmt wurde.
Herder habe sich also in seinen Äußerungen über »die« Romantik auf das Denken einer kleinen, wenn auch einflussreichen Gruppe der jungen Generation (zum großen Teil um 1770 Geborene) in Jena um 1800 bezogen. Eine Sicht auf die Gesamtheit dessen, was wir heute »Romantik« nennen, sei Herder damals nicht möglich gewesen.
Von Ricarda Huch, so Eichler, stamme eine unerreichte Darstellung der Romantik in Deutschland als eine Art Jugend-Emanzipationsbewegung (»Die Romantik. Blütezeit – Ausbreitung – Verfall« 1898/1902). Die jungen Leute wollten den Geisterhimmel stürmen, ein Leben in Einklang mit der Natur führen, den abstrakten Rationalismus kritisieren, starre Disziplingrenzen im etablierten Wissenschaftsbetrieb überwinden, außereuropäische Kulturen anerkennen und imperialer Kriege verhindern. Alle diese Aspekte hätten sich in dem Wunsch nach einer neuen Stufe der Individualität geäußert.
Ricarda Huch habe für die Darstellung ein Bündel von Biographien gewählt.
Dadurch konnte sie die Individualität, die Besonderheit der Teilnehmer dieser heterogenen Strömung darstellen.
Aber der Ansatz dieser Generation scheiterte bald. Hier zitierte Eichler aus einem Brief von Gotthilf Heinrich Schubert an Emil Herder vom 9.3.1810: »Ritters Tod hat mich ungemein erschüttert. Seit Deines und später meines Vaters Tod, weiß ich keinen Moment, der so entschieden auf mich gewirkt hätte. Der Zeitgeist geht strenge mit uns um. Die anscheinend so vielsprechende, rüstige Jugend, die vor 6 Jahren noch den Geisterhimmel stürmen wollte … wo sind sie hin? Was ist aus Tieck, den beiden Schlegels, Steffens, Görres, und wie sie sonst heißen, geworden? Glaube mir, Ritter hat unter uns allen noch die honetteste Auskunft gefunden!«

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Im Romantiker Museum sind auch die Besucher aus Jena dokumentiert

Welche Bedeutung hatte diese Romantik für Herder? Zunächst verwies Eichler darauf, dass Herder heute selbst Fachleuten unbekannt sei. Mit Romantik werde Herder selten in Beziehung gebracht. (Eine Ausnahme sei der britische Literaturwissenschaftler I. Berlin, der bis an sein Lebensende vor wenigen Jahren die wohl ideologisch motivierte These verkündete, dass Kant, Herder und Hamann die Verursacher der »Romantik« und des »deutschen Irrationalismus« gewesen seien.) Herder habe die wichtigsten Themen, die die jungen Romantiker für sich entdeckten, schon sein Leben lang behandelt.
Wenn man also den Romantik-Begriff an inhaltlichen Aspekten festmachen wollte, wie das manche Literaturhistoriker in Bezug auf »Stilepochen« tun, dann müsste man Herder auch als Romantiker bezeichnen. Eichler fügte an, dass man Herder aber auch als »Aufklärer«, »Empfindsamen« u.a. bezeichnen könne. Im Lichte von »Stilepochen« sei Herder alles gleichzeitig gewesen.
Hier ging Eichler kurz auf den Lebensweg Herders ein. Günter Arnold habe in einem Artikel zum 500. Luther-Geburtstag hervorgehoben, dass Herder sich sein Leben lang mit Luther beschäftigte und dass er das Theologie-Studium ausschließlich aus Interesse für die Bibel und das Gesangbuch aufnahm. Von Anfang an sei für Herder  die Bibel ein poetisches Werk und das Christentum eine Religion der Individualität. Wobei Herder Individualität in Zusammenhang mit ihrem Gegensatz, dem Allgemeinen, sah. Wir sind Individuen, aber verdanken unsere Existenz nicht uns selbst. Wir kommen aus einem Allgemeinem und gehen nach unserem Leben wieder in dieses Allgemeine ein.
In dieser Lesart habe Herder den ursprünglichen Ansatz der Reformation gesehen, d.h. in der Tradition der Bibel-Interpredation, die von dem Johannes-Tauler-Kenner Johann von Staupnitz und seinem Kreis, zu dem auch Martin Luther gehörte, begründet wurde.
Unsere Erbschaft, auch das geistige Erbe des Christentums, sei für uns eine Voraussetzung, die wir uns aneignen müssten. Aber jeder Mensch könne einen individuellen Bezug auf Gott herstellen. Es sei keine Vermittlung, erst recht keine Reglementierung des Individuums notwendig. Die Übersetzung der Bibel in die Volkssprache und die evangelischen Kirchenlieder hätten die Tradition repräsentiert, der sich Herder verpflichtet fühlte.
Eichler ließ sich an dieser Stelle sehr weitschweifig zur Genesis der Herderschen komplexen-genetischen Denkweise aus, kam auf dessen hermeneutische Methode, auf die Bibel-Kommentare, das »Stimme der Völker in Liedern«-Projekt, auf Sanskrit-Übersetzungen, auf das bis zur Gegenwart angelegt, mehrbändige Werk »Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit«, und dessen Abbruch nach 1789, wie auch dessen Weiterführung in der veränderten Form der »Briefe zur Beförderung der Humanität« zu sprechen.
In der Folge des Pariser Aufstandes von 1789 reagierte der Weimarer Herzog nervös, während sich die Jenaer Studenten radikalisierten. Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte wurde von ihnen als Vollender Kants angesehen, der ja selbst seine »Kritik der reinen Vernunft« nur als Vorarbeit einer künftigen »Metaphysik der Natur« bezeichnet hatte. Fichte trug in Jena »Grundsätze der Wissenschaftslehre« vor. Damit wollte er ein autonomes »Ich« und autonomes Handeln begründen.
Es seien vor allem die Brüder Wilhelm August und Friedrich Schlegel gewesen, die, unter geistigen Anleihen bei Friedrich Schiller, auf Fichteschen Grundsätzen das Projekt der »Kunstautonomie« begründeten. Der »Künstler« und die »Kunst« seien als Zukunftsmodell für ein autonomes »Ich« und »autonomes Handeln« proklamiert worden. Nur der Künstler sei zur Autonomie fähig. Im Roman sahen die jungen Leute einen beispielhaften Ansatz. Romanhaft, romantisch müsse man auch die Wissenschaft gestalten. Themen wie Märchen und Traum wurden in diesem Zusammenhang neu entdeckt. Schließlich proklamierten die Schlegels in einer Art Selbstermächtigung das Stichwort »Universalpoesie«, mit dem sie universelles Denken erlangt zu haben glaubten.
Die Wirkung dieser Gedanken der Jenaer Romantiker (zu denen auch einige Frauen zählten) auf junge Menschen, auch auf Theologie-Studenten, sei gewaltig gewesen. Neu war die Autorität, die junge Menschen ausstrahlten.
Eichler fügte hier ein, dass Gotthilf Heinrich Schubert in seinen Lebenserinnerungen hervorhob, dass die jungen Professoren Johann Wilhelm Ritter und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling für ihn diese neuartige Autorität ausstrahlten, die bis dahin immer an hohes Lebensalter gebunden war.
Weil Herder auch für die Ausbildung der Theologie-Studenten mit verantwortlich war, und weil er ein Nachlassen der Studienmotivation und der Kenntnisse bemerkte, entschloss sich Herder zu einer Kritik der Grundlagen der Fichteschen Philosophie. Diese erschien 1799 unter dem Titel »Metakritik der Kritik der reinen Vernunft«.
Im Vorwort hob Herder hervor, dass diese Schrift Protestantismus sei, Protestation gegen das Satzungspapsttum in der Philosophie.
Schritt für Schritt vollzog Herder die Kritik der reinen Vernunft nach und kritisierte den Kantschen Anspruch allgemeine Regeln für das Denken gefunden zu haben, wie auch Kants Anmaßung, die tradierte philosophische Terminologie nach Art der päpstlichen Enzyklika durch eine neu erfundene ersetzen zu können. Herders Haupteinwand gegen diesen neuen »Unfehlbarkeitsanspruch« war, dass es keine »reine« Vernunft geben kann, dass Vernunft immer an Sprache gebunden ist, dass die Sprache das Kriterium unseres Denkens ist, und dass es um Klarheit und Verständlichkeit in der sozialen und wissenschaftlichen Kommunikation gehe.
Die Mehrheit der Kritiker konnte die Argumentation Herders nicht nachvollziehen. Goethe und Schiller waren empört. Allein Christoph Martin Wieland und Jean Paul standen Herder bei.
Herder reagierte schnell und spitzte seine Kritik auf die Kantsche Ästhetik zu. Bereits ein Jahr nach der Metakritik veröffentlichte er die »Kalligone«, in der er die Kantsche »Kritik der Urteilskraft« entzauberte. Gegen Kants Isolierung der poetischen Aneignung der Welt, gegen dessen Wohlgefallen ohne alles Interesse, gegen die »Begründung« der »Kunstautonomie«, formulierte Herder, dass Poesie kein abgeschlossener Lebensbereich sei, sondern dem menschlichen Leben immanent, in der Aneignung der Natur zu finden sei. Der Zusammenhang des Wahren, des Schönen und des Guten entspringe aus eben diesem Aneignungsprozess.
Die Kritik hatte Herder aber in eine Schublade gesteckt. Er konnte schreiben was er wollte, die Kritiker nahmen es nur durch ihre alten Brillen zur Kenntnis.
Eichler zitierte an dieser Stelle aus den Abendvorträgen, die Herder 1799 seinem Sohn Emil und dessen Freund Gotthilf Heinrich Schubert zur Vorbereitung auf das Studium hielt. Im ersten Satz hieß es, dass die Natur ein »aufgeschlagenes Buch« sei, dass wir studieren müssten, denn nur die Kenntnis der Natur sei Grundlage unseres Wissens.
Eichler hob hervor, dass wir nach Herders Auffassung die Natur mit allen Sinnen mit dem ganzen Körper erfassten, dass für ihn Verstand und Sprache der innere Zusammenhang der Sinneswahrnehmung seien. Aber weil wir die Wirklichkeit mit unserem gesamten Körper erfassten, stellten wir uns die Wirklichkeit auch gern als mehr oder weniger abgeschlossenes »Ganzes« vor. In der Geschichtswissenschaft stellte man deshalb die Geschichte mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende vor. In der Poesie strebe man nach dem Ganzen. Die reinste Form des Ganzen trete in der Mathematik auf. Dies sei möglich, weil man dort das Ganze ohne Rücksicht auf Qualität und Zeitmaß formuliere, weil nur Größen behandelt und nur die Regeln der Aufeinanderfolge beachtet werden müssten. (Eichler fügte ein, dass Herder hier die Grenzen formalisierter Sprachen mehr als 200 Jahre vor Fritz Gödel umrissen habe. Ludwig Wittgenstein habe wahrscheinlich nie Herder gelesen.)
Eichler verwies darauf, dass die Widerspiegelung der Wirklichkeit und die Konstruktion von Anschauungen Gegensätze darstellten, die sich bedingten. Herder habe bereits in den 1770er Jahren in seinen Entwürfen zum Plastik-Artikel diesen Aspekt benannt. Die Seele, so Herder, spiegele sich in unserem Körper wider. Zugleich sei das, was wir als Körper ansehen, eine Projektion unserer Seele.
Das Erkennen war also schon um 1770 für Herder ein aktiver Prozess.

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Museumsdirektorin Michaele Hausding im Gespräch mit Siegfried Arlt, dem Vorsitzenden der Chemnitzer Goethe-Gesellschaft, der er sich nicht nehmen ließ, dem Vortrag beizuwohnen. Im Hintergrund das Gemälde Gerhard von Kügelgens mit dem Titel »Nemesis« – die strafende Gerechtigkeit.

Seine eigenen Erkenntnisse überarbeitete Herder ständig. Erreichtes stellte er immer wieder in Frage, ging zurück und begann von Neuem.
Insofern stellt sein Zeitschriftenprojekt Adrastea, das Herder in seinen letzten drei Lebensjahren herausgab, auch ein Fazit des lebenslangen Lernprozesse Herders dar.
Auf der Grundlage einer Retrospektive des vergangenen 18. Jahrhunderts wollte Herder in der Adrastea eine Perspektive für das neue Jahrhundert aufzeigen. In der Einleitung zur ersten Ausgabe schrieb Herder, dass es ihm um das Maß von Wahrheit und Gerechtigkeit gehe.
Einerseits war die Adrastea also eine Fortsetzung der »Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit« und der »Briefe zur Beförderung der Humanität«. Viele frühere Themen laufen hier in einer Art Lebensfazit Herders zusammen. Zugleich wandte sich Herder der Gegenwart und dem neuen Jahrhundert zu. Herder fraget nach dem Anderen, der Andersartigkeit der neuen Zeit.
Eichler fügte ein, dass er sich auf eine Auswahl der Adrastea stütze, die im Band 10 der Werke Johann Gottfried Herders, die 2000 im Frankfurter Deutschen Klassiker Verlag erschienen. Herausgeber des Band 10 sei der in Weimar lebende Günter Arnold, der auch die Herder-Briefe herausgebe. (Bis 2012 erschienen 16 Bände Herder-Briefe) Günter Arnold vermöge es in seinen kongenialen Kommentaren auf singuläre Weise das Lebenswerk und die konkrete Situation Herders historisch konkret darzustellen.
In Herders Adrastea-Artikeln finden wir auch, so fügte Eichler an, Einschätzungen der Jenaer Romantiker. So äußerte sich Herder 1801 zu Fichtes Grundsätzen der Wissenschaftslehre. »Wähle man sich eine Formel und bringe die andern zu sich herüber; nur wende man auch diese Formel an: denn das bloße Setzen der Henne tut’s nicht.« (Bd. 10, S. 141)
In einem weiteren Aufsatz äußerte sich Herder über »Romantische Charaktere«
Man nenne die Seltenheiten der Natur romantische Charaktere. Der romantische Charakter werde zunehmend »romanhaft«, in einem Roman« dargestellt. Besonders die Jugend und Frauen zählten zu deren Anhängerschaft. Aber Vernunft sei das einzige und letzte Kriterium, das auch über romanhafte Charaktere entscheidet. In Bezug auf die Modewelle der Mittelalter-»Romane« meinte Herder, dass der Roman aus Zeiten der Barbarei entstand, deren überspannte Unternehmungen und Tendenzen eine klügere Zeit aufnahm und zur Schau stellte. (Bd. 10, S. 167)
Herder brachte die Roman-Mode auch mit dem neuen Kult um Roman-Autoren zusammen. »Das Sektenstiften gehört zum Roman, so wie das Nachfolgen, das Halten an der Sekte. Da jeder Quixote eines Sancho … bedarf, so macht er diesen zuerst gläubig, dass sodann andre Jünger glaubend folgen.« (Bd. 10, S. 171)
»Der« Roman war in Herders nüchterner Sicht kein Wundermittel, kein Hebel zur Erlangung der »Universalpoesie«. (100 Jahre später meinte Thomas Mann, dass heute alles als »Roman« bezeichnet werde, das garantiert keiner sei.)
In einem weiteren Aufsatz stellte Herder 1802 das Verhältnis von Märchen und Roman dar: »Das gebildetste System der Geo- oder Kosmogonie bleibt Sage, mehr noch mussten es die frühen Anfänge sein, die über das Woher? und Wie? der Dinge Rechenschaft gaben, ohne dass sie ihr Dasein selbst verstanden.
Daher die ältesten, die Kosmogonischen Märchen, sie waren Erklärungen der Natur, in dem, was man täglich oder jährlich vor sich sah. Wo man nicht wusste, dichtete man und erzählte … Die älteste Naturlehre konnte also nichts anders als Märchen werden … Menschliche Begebenheiten und Charaktere sind indes das, was allenthalben, so auch im Märchen am meisten anzieht … Wenn wir uns im Spiegel anschauen und unser Leben überdenken, sind wir uns nicht selbst Märchen?« (Bd. 10, S. 255)
In einem weiteren Aufsatz ging Herder auf den Zusammenhang von Märchen und Traum ein: Das Ideal des Märchens sowohl als aller Romane ist der Traum.
Eichler fügte hier ein, dass Herder auch das Unbewusste thematisierte. Dies habe aber nicht im Mittelpunkt seines Interesses gestanden. Für Herder lieferten die Sinne alle Eindrücke. Verstand und Sprache stellen einen Zusammenhang her. Wenn die Sprache diese Sinneseindrücke festhalten und wieder aufrufen könne, dann sei dies nur mit einer Bestimmung möglich. Wenn wir aber über die Sinneseindrücke bestimmten, dann schlössen wir gleichzeitig anderes aus. Jede Bestimmung sei auch eine Negation.
Herder sei es um diese Bestimmung der Sinneseindrücke über Verstand und Sprache gegangen, nicht um das Negierte. Er habe sich gegen die Herabstufung der Sinne gewendet, wie sie sein Lehrer Immanuel Kant praktizierte. (Kant sah die Sinne als Ursache der Irrtümer an.)
Herders Schüler Gotthilf Heinrich Schubert habe 1814 in Bamberg eine »Symbolik des Traumes« veröffentlicht. Schubert habe sich auch mit dem »Negierten« befasst. Das von Sprache und Verstand »Negierte« melde sich, so Schubert, mitunter im Traum zurück.
Abschließend bat Eichler darum Herders Vorbehalte gegen das Bohemien-Gehabe der jungen Romantiker nachzusehen. Herder hatte Vorurteile gegen diese Äußerlichkeiten, aber welche Mensch habe keine Schwächen?
Um so bedenkenswerter sollte aber Herders nüchterne Einschätzung der Romantik sein.
Das poetische Verhältnis der Menschen zur Wirklichkeit, unser sinnlich-gegenständliches oder praktisch-geistiges Verhältnis zur Welt, ist für Herder das eigentlich menschliche Verhältnis. Es ist aber kein abgetrennter Bereich, keine autonome Zone, es ist dem Leben immanent. Das Konzept der »Kunstautonomie« war deshalb für Herder ein Holzweg.
An der Theaterpraxis von Goethe und Schiller, kritisierte Herder das Kleben an dem, was man antike Tradition nannte.
An der Jenaer Romantik kritisierte Herder die bloße Proklamation der Anwendung des Erbes auf eine neue Zeit und die fehlende Anwendung.
Die Leistungen als Literaturwissenschaftler, die August Wilhelm und Friedrich Schlegel zehn Jahre später erbrachten, widersprechen dieser frühen Einschätzung Herders nicht. Sie stehen aber auf einem andern Blatt.
Herder, so Eichler, habe sich also mit zwei Extremen auseinandergesetzt. Es sei ihm dabei nicht um ein Entweder-Oder, sondern um die Bestimmung eines Maßverhältnisses gegangen.

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Kommentar
Ich war an diesem Abend tief enttäuscht, hatte mir einen schönen, runden, eben romantischen Vortrag erhofft. Statt dessen nahm mir Herr Eichler alle meinen schönen Vorstellungen. Kann er uns unsere Vorurteile nicht einfach einmal lassen? Muss man denn alles so wissenschaftlich betreiben?
Bei meinem Auto angekommen merkte ich, dass ich in der Eile vergessen hatte abzuschließen. Trotzdem war es noch da. Welch ein großes Glück! Und das in Dresden! Klingt doch irgendwie romantisch. Oder?
Johannes Eichenthal

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Information
Kügelgen-Haus. Museum der Dresdner Romantik
Hauptstraße 13 (2. OG)
01097 Dresden
michaela.hausding@museen-dresden.de
Tel. 0351/ 8044760
www.museen-dresden.de

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3 thoughts on “Unromantische Worte”

  1. Verständnis und Widerspruch zugleich!
    Mein Verständnis für den „Enttäuschten“ resultiert aus dem „Verstehen“ der zum Ausdruck gebrachten
    Sehnsucht nach einem „romantischen Erlebnis“ – nach dem erhofften „romantischen Vortrag“ – gar noch
    bei Kerzenschein und rotem Wein … ja, auch das kann reizvoll sein, aber das ist ein anderer „Film“, ein
    ganz anderer Anspruch, der dem heute umgangssprachlichen Charakter des Wortes „romantisch“ näher kommt. Einer verständlichen „Sehnsucht nach Romantik“, die als Folge eines unterkühlten, zweckorien-tierten, unter extremen Leistungsdruck stehenden Arbeitsalltag resultiert. Logisch, wenn sich Phantasie
    und Wirklichkeit diametral gegenüber stehen, sucht der Mensch nach erfahrener extremer Anspannung
    nach Entspannung, einem „Raum“ in dem er sich „öffnen kann“.
    Aber, und das ist mein Widerspruch, das hat mit der „neuen Denkungsart“ im ausgehenden 18. Jahrhundert, die wir später die Zeit der Romantik nennen, herzlich wenig zu tun. Sie ist eine neue Denkungsart die sich in den verschiedenen europäischen Ländern artikuliert und dem „Gefühl“ im Erkenntnisprozess einen völlig neuen Stellenwert beimisst. In Goethes Handexemplar der Programmschrift „Über den Begriff der Wissen-schaftslehre“ finden wir die Notiz, dass „ohne Gefühl gar keine Vorstellung (von den Dingen um uns) möglich seyn würde.“ Wolf von Engelhard folgert in „Goethes Fichtestudien“ dass, „Goethes Markierungen zeigen, dass es seiner Aufmerksamkeit nicht entging, dass sich hier in der Kritik am kantischen Ding an sich und in der Berufung auf die Instanz des Gefühls ( siehe auch: „Zu Historie und Systematik von Gefühl und Selbstge-fühl“, Frank 2003) im Zusammenhang des Erkenntnisproblems aufregend Neues ankündigte.
    Wie alles Neue, bewirkte auch dieses die heftigsten Auseinandersetzungen unter den Geistesschaffenden
    (Dichtern, Denkern, Philosophen und Philologen …) dieser Zeit. Dieses nachzuvollziehen, verlangt natürlich
    aus heutiger Sicht eine vertiefte Beschäftigung mit der „Romantik“.
    Insofern war der Vortrag von Andreas Eichler ein großer Gewinn, suchte er doch mit Herder den Blick auf
    diese Zeit und damit neue Horizonte in der Bewertung derselben zu öffnen. Bleibt zu hoffen und zu wünschen, dass der „Herder-Kenner“ Andreas Eichler Zeit findet, seine Erkenntnisse über „Herder und die Romantik“ ausführlich darzustellen. Im Hinblick auf die nächste, die 84. Hauptversammlung der Goethe-Gesellschaft in Weimar vom 27. bis 30. Mai 2015 und dem damit verbundenen internationalen Wissenschaft-lichen Kongress mit dem Thema: „Goethe im Kontext der europäischen Romantik“, wäre dieser Beitrag
    gewiß ein ganz wichtiger und notwendiger. Insofern und überhaupt war der oben dargestellte Abend ein
    echter Zugewinn für die zahlreichen Dresdner und ihre Gäste.
    Ihr ars.
    Siegfried Arlt

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