Reportagen

Auf Humboldts Spuren

Die Chemnitzer Goethe-Gesellschaft hatte für den 19. September zu einem Vortrag über die Zentralasien-Reise des Universalgelehrten Alexander von Humboldt (1769–1859) eingeladen. Der Name Humboldt wird heute noch viel genannt. Mit dem Werk des  Gelehrten setzen sich aber wenige Fachleute auseinander. Vielleicht auch, weil die transdisziplinäre Denkweise Humboldts mit dem heutigen fabrikmäßig-arbeitsteiligen Wissenschaftsbetrieb nicht mehr übereinstimmt? Der Vortrag berührte also ein zentrales Thema heutiger Wissenschaftspolitik, wenn man denn strategisch denkt.
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Im Vortragssaal haben sich viele ältere Menschen versammelt. Die Mehrheit sicher Mitglieder der Goethe-Gesellschaft. Aber auch einige Gäste. Wir sehen den weltoffenen Künstler Osmar Osten. Vertreter der Universität oder der städtischen Kulturbürokratie entdecken wir leider nicht. Oder haben wir uns versehen?

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Siegfried Arlt, der Vorsitzende der Chemnitzer Goethe-Gesellschaft begrüßt Punkt 19.00 Uhr voller Freude Herrn Prof. Dr. Dr. Friedrich Naumann, den Referenten des heutigen Abends.

Naumann stellt seinen Vortrag über die Zentralasien-Reise Alexander von Humboldts im Jahre 1829 unter das Humboldt-Zitat: »Dieses Jahr ist mir das wichtigste in meinem unruhigen Leben geworden.«
Mit wenigen Worten umreißt Naumann darauf den Werdegang Humboldts. Er kommt auf das Mineralogie und Geognosie-Studium in Freiberg zu sprechen, auf das strenge, spartanische Lebensregime des jungen Wissenschaftlers, der sein Leben lang mit täglich vier Stunden Schlaf auskam, dessen Tätigkeit als preußischer Bergbeamter, seine erste Reise nach Amerika (Humboldt wollte eigentlich nach Afrika, aber ein Krieg verhinderte diesen Plan) und seine Kosmos-Vorlesungen in Berlin in den Jahren 1825/26.

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Naumann verwies auf die rege Korrespondenz-Tätigkeit Humboldts, der mit etwa 2500 Brief-Partnern den Austausch pflegte, ob aus seinem Arbeitszimmer mit etwa 12.000 Büchern oder von seinen Reisen in ferne Welten.
Humboldt sei nicht der erste Forschungsreisende nach Zentralasien gewesen. Eine Einladung zu dieser Reise erhielt Humboldt von russischer Seite schon Jahre zuvor. Der Zar schrieb ihm eigenhändig in deutscher Sprache.
Am 12. April trat Humboldt, um 23 Uhr, die Reise an. Die Taschen voller Geld, wie Naumann sagte, in Begleitung der Professoren Ehrenberg und Rose. In Russland kamen ein Russisch/Deutsch/Französisch sprechender Bergrat. Von Berlin ging es zunächst über die Stationen Dirschau, Königsberg, Mitau, Riga, Dorpat, Narwa nach St. Petersburg.
Von dort ging es über die Stationen Nowgorod, Waldai, Twer nach Moskau.
Weiter ging es über die Stationen Wladimir, Murom, Nischni-Nowgorod, Kasan, Malmych, Selty, Debesy, Ochansk, Perm, Kungur, Atschitskaja, Katharinenburg (von hier erfolgte ein Abstecher nach Bogoslowsk), Tjumen, Tobolsk, Wikulowo, Tara, Kainsk, Kotowka, Berdsk, Barnaul, Kolywansk, Syrjanowsk, Buchtarminsk, Baty (nahe der chinesischen Grenze).
Von hier ging es zurück über die Stationen Semipalatinsk, Semijarsk, Omsk, Petropawlowsk, Troizk, Kyschtymsk, Slatoust, Werchne-Uralsk, Orsk, Ilinsk, Orenburg, Uralsk, Busuluk, Samara, Sysran, Wolsk, Saratow, Kamyschin, Dubowka, Zarizyn (von hier erfolgte ein Abstecher nach Astrachan am Kaspischen Meer). Weiter ging es über Woronesch, Tula nach Moskau. Von dort über St. Petersburg zurück nach Berlin.
Bei der Rückkehr nach Petersburg habe Humboldt 19.000 Kilometer zurückgelegt. Dazu waren 12.000 Pferdewechsel notwendig.
Humboldt sei auf der Reise nicht erkrankt. Die Expedition blieb weitgehend von Unglück verschont. Erst auf der Rückreise stürzte Humboldts Wagen auf Glatteis um.
Humboldt fungierte als Gutachter von Plänen der russischen Regierung die Silberwährung durch Platin abzulösen. Er machte Vorschläge zur Optimierung der Silber- und Goldverhüttung und erkundete Edelsteinlagerstätten. Humboldt machte auch die beiden ersten Diamant-Funde in Russland. Die Zeichner übernahmen in jener Zeit die Dokumentation der Tier-, Pflanzen- und Gesteinswelt.
Es sei vertraglich vereinbart worden keinen Reisebericht zu veröffentlichen und keine politischen Äußerungen abzugeben.
Humboldt brachte für russische Universitäten und die Berliner Universität Gesteinssammlungen mit.
Während seiner Reise habe Humboldt Russisch gelernt. Bereits auf der Reise habe er viele Ehrungen, wie Akademie-Mitgliedschaften und Orden empfangen. Für die Reise habe Russland 20.000 Rubel zur Verfügung gestellt. Diese Summe habe Humboldt nicht einmal ausgeschöpft. Die Ergebnisse seiner Reise habe Alexander von Humboldt in das Kosmos-Projekt eingearbeitet.

Die Zuhörer waren beeindruckt.
Aber nun legte der Referent seinen eigenen Reisebericht vor. Als Absolvent der Bergakademie Freiberg nahm er auf Einladung der Moskauer Lomonossow-Universität 2001/2003 an zwei Reisen auf den Spuren von Humboldt teil.
Der Referent zeigte dokumentarische Fotos von der unendlichen Landschaft wie vom Leben der Menschen. Anders als in den Mainstream-Medien wurde den Zuschauern hier eine authentische Vorstellung vom harten Leben ohne überflüssige Dinge und von herzlicher Gastfreundschaft in den kleinsten Dörfern vermittelt.
Eine Ahnung von dem, was Alexander von Humboldt leistete, vermittelte Naumanns Fotos von der Besteigung eines namenlosen Berges ohne jeden Weg. Über Felsen und Geröllfelder, im ständigen Kampf mit Mücken, kämpfte sich die moderne Expedition voran. Nur einem Teil der heutigen Wissenschaftler gelang die Gipfelbesteigung auf 1410 Meter. Um so eindrucksvoller dann die Namensverleihung »Humboldt-Berg«.
Professor Naumann berichtete, dass man in Sachen Bergbau immer wieder auf deutsche Spuren in Russland treffe. In der Bibliothek von Swerdlowsk finde man die weltgrößte Sammlung von Bergbau-Fachbüchern.  Darunter, so Naumann, eine eindrucksvolle Liste deutscher Bergbau-Fachbücher aus dem 17. bis in das 19. Jahrhundert.
Naumann fügte an, dass mit der Anwerbung deutscher Bergleute auch deutsche Lehrer und Wissenschaftler nach Russland kamen. Mehr als 150 deutsche Worte aus der Bergmannssprache wurden unverändert ins Russische übernommen. Zar Peter der Große habe Sachsen und Freiberg besucht, ebenso habe der Wissenschaftler Michail Wassiljewitsch Lomonossow (1711–1765) in Freiberg studiert. Bis 1933 kamen Generationen russischer Studenten nach Freiberg.

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Die Zuschauer waren von diesem zweiten Reisebericht noch mehr beeindruckt. Tief bewegt dankte Siegfried Arlt dem Referenten (im Lichte des Beamers) mit einem Goetheschen-Ginko-Baum-Gruß. Ohne Zweifel, der Vortrag war ein Ereignis.
Johannes Eichenthal

Information
Alexander von Humboldt: Zentral-Asien. Das Reisewerk zur Expedition von 1929.
S. Fischer Verlag Frankfurt/Main. 924 Seiten, zahlreiche Abbildungen und Karten.
ISBN 978-3-10-029004-5
Das Buch erschien erstmals 1843 in französischer Sprache und 1844 in der einzigen deutschen Übersetzung von Wilhelm Mahlmann.

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Die Publikation über die Reise auf den Spuren Humboldts, an der Prof. Naumann teilnahm, ist 2009 in Berlin erschienen. Herausgeber ist die Deutsche Assoziation der Absolventen und Freunde der Moskauer M. W. Lomonossow-Universität e. V. (DAMU). Die Publikation ist bei der DAMU (www.damu.de) zu einer Schutzgebühr von 48,- € zu erwerben.
Das zusammenfassende Werk über alle Expeditionsreisen wird allerdings erst im kommenden Jahr erscheinen.

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