Reportagen

Die Zeit vergeht ganz unbestimmt

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Klaus Walther, ein promovierter Germanist, begrüßte am 24. September den Schriftsteller Matthias Zwarg in der Stollberger Buchhandlung »Bücher-Walther« zur zweiten Herbstveranstaltung des »Büchertisches«.
In Anspielung auf eine kleine Verspätung des Autors, meinte Walther, dass es das Vorrecht der Dichter sei, die Zeit zu bestimmen.

An die Zuhörer gewandt sagte  Walther, er kenne Matthias Zwarg seit vielen Jahren und sei der Meinung, dass dieser seine lyrischen Texte hier und heute lesen  sollte.

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Matthias Zwarg las sein erstes Gedicht aus dem Band »Die Zeit vergeht ganz unbestimmt«, das er eigentlich einmal für Tom Waits schrieb, für den am heutigen Tag verstorbenen Erzgebirgs-Bildhauer Fritz Böhme.

Der Zug

Ich kenne einen Ort
wo der Zug ganz langsam fährt
Im Wald, am Fluss, im Tal
Du hast bestimmt davon gehört.

Dort treffen wir uns alle
Es ist die letzte Station
Bring mich hin heut Nacht
Die anderen warten schon.

Die Glocke klingt, die Maschine pfeift
Der Mond scheint auf die Gleise
Der Schaffner liest die Namen vor
Auch meinen, ganz, ganz leise.

Der Zug hält nie an
einen Fahrplan gibt es nicht
Er fährt zwischen Himmel und Hölle
Zwischen dunkel und Licht.

In dem Zug sehen wir uns wieder
Hier ist für jeden Platz
Betrogene und Betrüger
Und auch für Dich mein Schatz.

(…)

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Auf Zuschauerfragen antwortete Matthias Zwarg solche Sätze, wie »Wer nicht verlieren kann muss siegen«, oder »Eigentlich sind meine Gedichte alle Liebesgedichte«, »Man sieht die dunklen Seiten der Welt am besten dort, wo es hell ist«, »Gib, was du hast, denn nur dann kommst du im Himmel gut an«.
Klaus Walther wollte wissen, warum der Dichter in einer Zeit der »Reimlosigkeit« auf Reimen bestehe.
Matthias Zwarg antwortete, dass er gerne Lieder schreiben würde: »Lieder haben mich beeinflusst, Bob Dylan, jüngere Amerikaner, Hans-Eckhart Wenzel, Gerhard Gundermann u.a. Eine Band in Jena hat einige Texte vertont.«

Ein Zuhörer wollte wissen, ob Matthias Zwarg damit leben könne, dass Klaus Walther das Wort »Dichter« benutzte.
Matthias Zwarg antwortete, dass er damit leben könne, sich aber eher als eine Art
»Gebrauchslyriker« betrachte. Die Gedichte entstünden in der Regel aus einem bestimmten Anlass, oft, um sie jemandem zu schenken.
Ein Besucher meinte, dass der Autor im Sinne von »die Worte verdichten«, schon ein Dichter sei. Aber vom Reim gehe auch ein großer Zwang aus. Das eine oder andere Gedicht müsste vielleicht noch etwas bearbeitet werden.
Matthias Zwarg antwortet, dass bei Bob Dylan oft auf eine lange Zeile nur ein Wort folge. Im Lied gehe das, im Gedicht nicht.
Eine Zuhörerin fragte, ob Matthias Zwarg selbst Lyrik lese.
Dieser antwortete ja, er lese moderne Lyrik, aber auch Baudelaire, Goethe, Schiller, Heine u.a. Diese seien oft so anregend, wie Rockmusik.
Ein Zuhörer wollte wissen, als was Matthias Zwarg seine Tätigkeit bezeichne.
Dieser antwortete, dass er sich als Autor, Schriftsteller bezeichnen würde.
Darunter falle alles, was er so schreibe: Zeitungsartikel, Kunstkritik, Essays u.a.
Er sei also nicht nur Dichter. Sein Unternehmen würde er als eine Art Fabrik bezeichnen: »So fühle ich mich, wenn ich Texte produziere.«
Eine Zuhörerin fragte, welche Art von Musik er sich für seine Texte vorstelle, langsame oder schnelle.
Matthias Zwarg antwortet, dass jene Band in Jena die Texte immer anders intonierte als er es sich dachte. Er könne sich amerikanischen Gitarrenrock vorstellen.

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Abschließend dankte Klaus Walther für das Interesse. Der Büchertisch bringe Leute zusammen, die sich Dingen widmen, die nicht im Zentrum des öffentlichen Lebens stehen. Und zu Matthias Zwarg gewandt: »Sehr schön, dass Du heute gekommen bist, auch wenn es nur ein kleines Publikum ist. In der Literatur entscheiden nicht die Massen über die Qualität. Literatur ist keine demokratische Institution.«
Die Zeit war ganz unbestimmt vergangen. Draußen senkte sich die Dunkelheit auf den Stollberger Markt herab. Werbeschriften leuchteten hell auf, wie ein Strauß von 30 Sternen am Himmel. Der 24. September 2013  war ein ganz besonderer Tag auf unserer Erde, in Stollberg, wie in Nord-Carolyna.
Johannes Eichenthal

Information
Matthias Zwarg/Bettina Haller: Lyrik Heft 10. Die Zeit vergeht ganz unbestimmt.
Handsatz, nummerierte und signierte Exemplare, Sonnenbergpresse Chemnitz

In der Lesereihe »Büchertisch« lädt die Buchhandlung Walther am Dienstag, dem 15. Oktober, um 18.30 Uhr unter dem Tirtel »Über sieben Brücken musst Du gehen«, zu einer Lesung mit Prof. Richter aus Leipzig ein.

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