Rezension

Albert Camus zum 100. Ein Nachtrag.

Am 7. November 2013 jährte sich der Geburtstag Albert Camus zum 100. Male. Der ein knappes Jahr vor dem Ersten Weltkrieg in Algerien geborene Franzose verstarb 1960, im Alter von 47 Jahren, nach einem Autounfall, den sein Verleger verursachte. Camus wird vor allem mit der Denkströmung des Existenzialismus und dem so genannten Theater des Absurden in Verbindung gebracht. Noch heute ist er einer der meistgelesenen und bekanntesten französischen Autoren.

 

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In der Hamburger Wochenzeitschrift »Die Zeit« veröffentliche Iris Radisch, Autorin einer in diesem Jahr erschienen Camus-Biographie, einen umfangreichen Artikel. Sie interviewte die beiden Kinder Albert Camus an ihren Wohnorten und befragte diese nach Erinnerungen an ihrem Vater.
http://www.zeit.de/2013/43/albert-camus-100-jahre

Im »Zürcher Tagesanzeiger« überschrieb Stefan Zweifel seinen Artikel mit »Der Fremde in uns allen«. Er spielte dabei auf Camus Romantitel »Der Fremde« von 1942 an.
http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Der-Fremde-in-uns-allen/story/15693327

In der Wiener Zeitung »Der Standard« überschreibt Stefan Gmünder seinen Artikel mit »Sturm auf die Illusionsbasteien des Lebens«. Nach dem Artikel hat man den Eindruck, dass Camus keine Illusionen mehr hatte. Das dürfte wiederum eine Illusion sein.
http://derstandard.at/1381371106053/Albert-Camus-Sturm-auf-die-Illusionsbasteien-des-Lebens

 

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In der Wiener Zeitung »Die Presse« veröffentlichten Anne-Catherine Simon und Norbert Mayer einen Artikel zu Camus Revolten-Romanen. Im Untertitel zitieren sie den Meister: »Willst Du Philosoph sein, dann schreibe Romane.«
http://diepresse.com/home/kultur/literatur/1471547/Solitaire-oder-solidaire-Camus-RevoltenRomane?_vl_backlink=/home/kultur/literatur/index.do

In der Frankfurter Rundschau veröffentlichte Wilhelm von Sternburg einen Artikel unter der Überschrift »Die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt«. Von Sternburg hängt einer sehr tradierten Sichtweise an. Der Aufsatz hätte vielleicht auch vor 30 oder 40 Jahren erschienen sein können.
http://www.fr-online.de/literatur/albert-camus-die-zaertliche-gleichgueltigkeit-der-welt,1472266,24926948,view,asFirstTeaser.html

 

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Eine gegenwärtigeres Herangehen praktiziert Nils Minkmar in der FAZ. Er geht auch auf das Leben des Autors ein, denkt ihn aber weiter, und fragt, was die veraltete Machtpolitik heute noch soll: »Camus verlangt uns etwas ab: selbst unserem Todfeind die Humanität zu lassen. Das moralisch Relevante einer Position der Stärke sah er nicht in der tollen Leistung diese errungen zu haben, sondern darin, im Namen der Menschlichkeit auf ihre Ausübung verzichten zu können. Dass man mit Geheimgefängnissen, illegalem Abhören, Folter und Drohnenmord also besonders überlegen wirkt, oder auch nur auf Sicherheit hoffen kann, das glaubt man nur, bis man Camus gelesen hat.«
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/albert-camus-zum-hundertsten-der-autor-verfluchter-buecher-12651403.html

In der »Neuen Zürcher Zeitung« veröffentlichte Martin Meyer, ebenfalls Autor einer in diesem Jahr erschienen Camus-Biographie, einen Artikel mit der Überschrift »Skepsis und Freiheit«. Auch er bleibt in den Denk-Bahnen vergangener Jahrzehnte verhaftet.
http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/literatur/skepsis-und-freiheit-1.18180388

Der Freitag brachte einen Artikel mit der Überschrift »Delikatessen der Popularphilosophie«. Im Untertitel heißt es dann: »Aber nicht als Denker bleibt er, sondern als Literat?«
Warum soll Denker und Literat nicht zusammenpassen?
Im Artikel wird auf Camus Arbeit »Mythos vom Sisyphos« eingegangen und etwas kurzsichtig interpretiert: »Der zwar nach Weltverbesserung strebt, sie aber nie erreichen kann.«
Der alte Schelm Sisyphos würde über solche Worte sichern schmunzeln.
http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/camus-delikatessen-der-popularphilosophie

Hans-Dieter Schütt listete im Neuen Deutschland einige Lieblingsworte Camus auf (Welt, Schmerz, Erde, Menschen, Wüste, Elend, Sommer, Meer) und denkt über das Werk nach.
http://www.neues-deutschland.de/artikel/838212.revolte-nicht-revolution.html

In der FAZ erschien auch ein Gespräch mit dem Sartre-Kenner Vincent von Wroblewski zum Verhältnis von Albert Camus und Jean-Paul Sartre. Kenntnisreich und differenzierend, vorbildlich nüchtern vermag von Wroblewski einige zählebigen Vorurteile zu diesem Verhältnis zu entzaubern.
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten/sartre-contra-camus-er-bewunderte-ihn-und-wollte-ihn-verletzen-12644399.html

In der Wiener Zeitung »Die Presse« veröffentlichte Olivier van Hove seinen Artikel unter der Überschrift : Der Sisyphos von Algier. Diese Metapher spielt aber leider im Artikel keine Rolle mehr. Van Hove liest Camus EU-kritisch, denkt über dessen Mittelmeer-Denken nach und landet dann doch wieder beim »Erzfeind« Sartre.
http://diepresse.com/home/spectrum/literatur/1471363/Der-Sisyphos-von-Algier?from=simarchiv

 

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In der Neuen Zürcher Zeitung erschien ein Artikel von Marc Zitzmann unter dem Titel »Vertrauter Fremder«. Zitzmann schreibt, dass 22 Millionen Bücher von Camus bisher verkauft wurden. Allein anlässlich des 100. Geburtstages seien 61 Publikationen erschienen. Er lobt den Stil des Jubilars. Er beschreibt auch, dass dieser oder jener Grundsatz Camus »brandaktuell« bleibe, begnügt sich dann aber auch mit Historisierung.
http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/literatur-und-kunst/vertrauter-fremder-1.18186045

Die Süddeutsch überschrieb Ihren Artikel mit »Der Visionär«. Man erwartet einige konzeptionelle Gedanken, der Inhalt des Artikel beschränkt sich dann aber auf einen lexikalischen Stil.
http://www.sueddeutsche.de/kultur/zum-geburtstag-von-albert-camus-der-visionaer-1.1812756

In der Chemnitzer Freien Presse erhielt Ulf Heise nur wenige Zeilen, um an Albert Camus zu erinnern. Er nutzt den geringen Platz aber vorbildlich. Schon in der Überschrift »Philosoph oder doch eher nur Schriftsteller« signalisiert er seine Nähe zur Camus-Biographie von Michel Onfray, der Camus als Vertreter einer unakademischen Philosophie gegen die Anhänger der »preußischen Philosophensekte« von Kant bis Hegel in Schutz nimmt. Camus habe verständlich philosophiert, während die Anhänger von Kant und Hegel die Sprache nur »verdunkelt« hätten.
Leider ermöglicht diese Zeitung keinen Link auf diesen anregenden Artikel. Schade.

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Kommentar
Grundsätzlich ist es zu begrüßen, dass zum 100. Geburtstag des Literaten und Philosophen Albert Camus so viele Artikel erscheinen. Diese erfüllen ihren Sinn, wenn wir, angeregt durch die Lektüre, wieder einmal zu dem einen oder anderen Buch von Camus greifen.
Wir finden viele Gedanken in »Der Mensch in der Revolte« und »Der Mythos des Sisyphos«. Aber nicht alle Gedanken sind auf gleicher Höhe. Die moralischen Urteile sind oft abstrakt. Camus korrigierte sich selbst. Als überzeugter Pazifist ging er schließlich doch in den Widerstand gegen die deutschen Besatzer. Aber so ist das im Leben. Es geht um die konkrete Analyse der konkreten Situation. Wir müssen uns immer wieder korrigieren.
Aber warum ist er heute trotzdem interessant?
Vielleicht muss man, um das erahnen zu können, bis 1935 zurückgehen?
Camus belegte bei dem Philosophen Prof. Poirier Kurse über die »moderne Philosophie«. Besonders beschäftigte er sich mit Kirkegaard, Husserl und Heidegger, die man zwischen Phänomenologie und Existenzialismus einordnen kann.
Der Existenzialismus hatte sich herausgebildet, weil die Philosophie mit Kant kopflastig geworden war, den Mensch auf ein erkennendes Wesen reduzierte. Die Besondere Beschäftigung mit der Existenz sollte den Ausgleich bringen, schuf aber wieder neue Einseitigkeit.
Camus ging in seiner Examensschrift auf Quellen der europäischen Philosophie zurück: »Christliche Metaphysik und Neoplatonismus«. Das Urchristentum, die Gnosis, Plotin und Augustinus standen im Mittelpunkt seines Interesses.
Hier kann man die Ursache dafür finden, dass Camus mit der rein akademischen Philosophie später nichts mehr anfangen konnte. Er ging über die übliche Beschränkung von Philosophie auf Vernunft hinaus und schloss Hoffnung und Glaube mit ein. Freilich behielt er seine Distanz zur Institution Kirche. Aber Camus näherte sich dem Jahrtausende alten Konzept von Philosophie als Weisheit, Weisheit als Balance zwichen Glaube und Vernunft. In diesem Lichte muss man keine Spezialseminare an Eliteschulen besuchen, um ein Philosoph zu werden. Man muss seine eigenen Lebenserfahrungen reflektieren können. Darum geht es. Ein Konzept der individuellen Philosophie, was sich seines Platzes im Menschheitsdenkens bewusst ist.
Hier ist auch der Konfliktpunkt zu Sartre zu finden. Dieser suchte mit großem Engagement und beeindruckenden Publikationen den Weg von Hegel, Husserl und Heidegger weiterzugehen, ohne die Voraussetzungen in Frage gestellt zu haben. Auch heute wird dieser Weg von der akademischen Philosophie weiter gegangen. Es ist ein Holzweg, wie Heidegger sagen könnte.
Es ist bedauerlich, dass in Sachen Philosophie keine Verständigung zwischen Sartre und Camus erfolgen konnte, da Sartre ja auch gleichzeitig Literat blieb, die Möglichkeit der Verständigung also vorhanden war.
Heute wird aber um so deutlicher sichtbar, dass der Konzeption von Philosophie als Weisheit wieder die Zukunft gehört. Sisyphos weiß bei Camus, dass seine Steinbewegung vergeblich ist. Er macht es aber trotzdem. Auch unser Leben ist letztlich vergeblich. Nackt kommen wir zur Welt und nackt verlassen wir sie wieder, sagt Salomo. Wir nehmen das Leben aber trotzdem auf, wenn wir selbst einen Sinn zu stiften vermögen. Welt und Geschichte haben keinen Sinn in sich. Diesen müssen wir selbst stiften. Das ist der Glaube. Die Vernunft ermöglicht uns die Korrektur unserer Fehler. Die Gegensätze von Glauben und Vernunft bildete die beiden Säulen der Humanität, dass jeder Mensch ein individueller Philosoph sein kann. Hier können wir an Camus anknüpfen.
Johannes Eichenthal

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Information
Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos. Taschenbuch. Rowohlt. ISBN 978-3-499-22765-3

Albert Camus: Der Mensch in der Revolte. Taschenbuch. Rowohlt. ISBN 978-3-499-22193-4

Albert Camus: Christliche Metaphysik und Neoplatonismus. Taschenbuch. Rowohlt. ISBN 3-499-55385-6 (Zur Zeit nur antiquarisch erhältlich.)

 

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