Reportagen

Advent und Markt

Die Adventszeit ist seit Jahrzehnten die Hochzeit allen Konsums. Aber sind die Masseneinkaufszentren wirklich die Tempel unserer Zeit? Die absolute Mehrheit sieht im Massenkonsum dem Anschein nach den »Sinn« ihres Lebens. Die »Abstimmung« erfolgt schon lange nicht mehr an der Wahlurne sondern auf den Parkplätzen. Doch Konsum kann eben keinen Sinn stiften, weil mit dem Kaufakt der »Sinn« des Konsums erlischt und ein neuer, größerer, breiterer, schwererer Wunsch an diese Stelle tritt. »I can’t get no satisfaction« sangen die Stones vor mehr als 50 Jahren.

 
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Soll man im Advent deshalb alle Märkte meiden? Nein. »Der Markt« tut eh nichts. Es ist nur die Sphäre des Austausches menschlicher Klugheit oder auch Dummheit. Es gibt immer Alternativen. Ein alternativer Weihnachtsmarkt lud am 21. Dezember in das ehemalige Rittergut Mittelfrohna in die Gemeinde Niederfrohna ein. Schon am Eingang begrüßten uns Engel.

 

 

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Wenige Schritte weiter spricht uns eine Stimme von oben an …

 

 

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Das Portal des Ritterguts ist mit Engeln geschmückt.
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Unter einer uralten Kastanie in der Mitte des Hofes stehen Engel.

 

 

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Der Besucherandrang hält sich um 14.00 Uhr in Grenzen.

 

 

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Der ehemalige Kuhstall ist mit kleinen Kunstwerken geschmückt.

 

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Hier wird Kunsthandwerk angeboten.

 

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Engel, Engel, Engel …

 

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Einmal keine Engel, sondern Weihnachtsbaumskulpturen.

 

 

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Engel aus Papier.

 

 

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Wenn man aufmerksam ist, bemerkt man hin und wieder lebende Engel durch die Reihen laufen.

 

 

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Im Hof singen Engel im Chor …

 

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… klassische Weihnachtslieder.

 

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Die Zahl der Zuschauer ist um 16.00 Uhr sichtlich gestiegen.

 

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Die »Engel« wirken auch im Krippenspiel mit. Den Hirten erschien in der dunklen Nacht ein Engel, der ihnen die Geburt des Messias verkündete. Die Chefregisseurin hatte den Schauspielern eine sehr freie Adaption des Bibel-Textes gestattet.

 

 

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Die Zuschauer folgten dem Schauspiel sehr interessiert.

 

 

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Langsam brach die Dämmerung herein. Am Portal trat ein weiterer Weihnachtslieder-Chor auf.

 

 

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Um 18.00 Uhr zog Hannah Kertzscher, die Gattin des Niederfrohnaer Bürgermeisters Klaus Kertzscher (Mitte) eine Eintrittskarten-Nummer, die dem Besitzer der Karte mit einer Weihnachtsgans beschenkte.

 

 

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Um 18.11 Uhr begann an diesem 21. Dezember der astronomische Winter. In der Dunkelheit waren am Himmel erste Wintersternbilder aufgezogen. Die Wintersonnenwende wird eingeleitet. Unter freiem Himmel waren auch die Viehhirten, denen einst ein Engel erschien. Daran wurden wir an diesem ersten Winterabend des Jahres 2013 im Rittergut Mittelfrohna erinnert.
Das historische Ensemble wird seit einigen Jahren von der Familie Elsner liebevoll wieder hergerichtet. Aber es werden nicht nur die Gebäude renoviert. Bereits 2011 organisierte ein rühriger Kreis junger Leute einen Adventsmarkt. Mit der Wiederholung der Veranstaltung wird nun eine kleine Tradition begründet. Vor einigen Wochen gründete sich zudem ein Kulturverein Rittergut Mittelfrohna e.V. Das lässt auf eine Weiterführung der Veranstaltungen hoffen.
Das Rittergut Mittelfrohna ist dem im Jahre 1236 erwähnten Ritter Heinrich von Frohne zuzuordnen. Es stand damals auf einer Art Insel in einer Sumpf- und Wasserlandschaft. Ritter Heinrich war nicht der Gründer der Gemeinde und des Rittergutes. Das Gebäudeensemble dürfte noch wesentlich älter sein. Aber wenn wir uns in das 13. Jahrhundert des Heinrich von Frohne zurückversetzen, dann werden wir daran erinnert, dass um 1260 in Tambach-Dietharz, etwa 150 km westlich von Niederfrohna, der junge Ritter Eckhart von Hochheim geboren wurde. Nach seinem Eintritt in den Dominikanerorden und Studien in Köln und Paris wurde er als Magister Eckhart, als Meister Eckhart bekannt. Sein Orden war für die Inquisition verantwortlich. Aber Eckhart wurde später selbst der Häresie angeklagt. Seine Schriften wurden verurteilt. Sein Name aus den Aufzeichnungen des Ordens ausradiert. Dennoch wurden über Zufälle und Glücksumstände einige seiner Schriften überliefert. Besonders interessant sind die Predigten, die er bereits um 1300 in deutscher Sprache hielt. Die Geburt Jesu war für Eckhart auch das Zeichen dafür, dass in jedem Menschen ein göttlicher Funke geboren wird. Dieser »Funke« ist die Fähigkeit Weisheit zu suchen. Dem einen gelingt es, den Funken zu einem Feuer zu entfachen, bei dem anderen erlischt der Funke leider wieder.
Gelassenheit war für Eckhart ein Weg zur Weisheitssuche. Er meinte damit nicht Desinteresse und Menschenferne. Wer der Weisheit nahe ist, der ist es auch im Gedränge auf dem Markt. Und umgekehrt: wer ihr nicht nahe ist, der findet sie auch in der Kirche oder in der Einsamkeit nicht. Gelassenheit ist für Eckhart eher die Aufforderung, sich von allem zu trennen, das uns an innerer Ruhe und Weisheit hindert.
Der Advent in der elementaren Atmosphäre des Rittergutes Mittelfrohna erinnerte uns wieder einmal an diese Aufforderung Eckharts. Es liegt nun an uns.
Johannes Eichenthal

Information
Meister Eckhart: Deutsche Predigten. Mhd./Nhd. Eine Auswahl. Hrsg./Übers./Kom.: Uta Störmer-Caysa. 224 S.
Reclam Stuttgart UB 18117

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