Essay

Die Vernunft des Besonderen. Werner Mittenzwei (7.8.1927–14.2.2014)

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Am 14. Februar 2014 verstarb in Berlin der Literaturwissenschaftler Werner Mittenzwei. (Auf dem Foto während einer Buchvorstellung im November 2004 in der Chemnitzer Thalia-Buchhandlung, die auf Einladung des damaligen Leiters der Buchhandlung Ralph Pötzsch zustande kam.)

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Mittenzwei  war am 7. August 1927 im sächsischen Limbach, dem heutigen Limbach-Oberfrohna, zur Welt gekommen. Diese Stadt sei keine geistige Provinz gewesen und habe einen Einfluss auf ihn ausgeübt. (Immerhin wird 1931 in Limbach auch Gert Hofmann geboren und in den 1930er Jahren verbrachte Heiner Müller im nahen Bräunsdorf seine Jugend.) Mittenzwei wurde als 17jähriger zur Wehrmacht eingezogen. (»Jahrgang 1927, wer ein Jahr später geboren wurde, der hat keine Ahnung.«)
Nach dem Krieg wurde er Lehrer. Nach Schulschluss fuhr er mit dem Fahrrad 75 km nach Leipzig, um dort am Seminar von Hans Mayer teilzunehmen, ohne Student zu sein und ohne dass Mayer davon wusste. Man kann sich den Wissensdrang dieser Generation wahrscheinlich heute nicht mehr vorstellen. Literatur, Theater, Berlin, Berliner Ensemble, Promotion, Habilitation, Professur. Mittenzwei vermochte Themen wie die Diskussion zwischen den »Super-Schwergewichten« Bertolt Brecht und Georg Lukács zu verstehen. Sein nüchterner Grundsatz: wollen wir sehen, was der Diskurs gebracht hat. Gewinn oder Verlust oder beides? – war in der Geisteswissenschaft der DDR singulär.
Am Ende wurde Mittenzwei Direktor des Zentralinstitutes für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR und Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Künste. Meilensteine seines Werkes sind die Brecht Biographie »Vom Umgang mit den Welträtseln« oder seine Herausgebertätigkeit der Brecht-Werkausgabe im Suhrkamp-Verlag.
Der Zusammenbruch der DDR machte aus dem Emeritus ungewollt noch einmal einen aktiven Publizisten.

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1992 erschien im Berliner Aufbau-Verlag eine Untersuchung des Einflusses der Nationalkonservativen in der Preußischen Akademie der Künste. (Die Titelgestaltung stammt von Prof. Juergen Seuss) Mittenzwei stellt vorbildlich nüchtern die verschiedenen Literaten, Strömungen und Postionen dar.

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2001 erschien bei Faber & Faber in Leipzig »Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland. 1945–2001.« Weil die Kollegen der Neueren Literatur versagten, wie Mittenzwei schrieb, widmete er sich dem fremden Sachgebiet. Auch hier glänzt er mit der Darstellung von Besonderheiten, Differenzen und Nuancen. Die FAZ veröffentlichte eine emphatische Rezension und das Neue Deutschland zunächst einen Verriss.

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2004 folgte die Autobiographie »Zwielicht. Auf der Suche nach dem Sinn einer vergangenen Zeit.«

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2007 veröffentlichte Werner Mittenzwei  eine literarische Collage unter dem Titel »Die Brockenlegende«. Darin täuschte er das Auffinden nachgelassener Papiere eines Schweizer Gelehrten vor. Dessen Briefwechsel mit der 1990 nach Berlin entsandten Assistentin bringt die Geschichte in der Tradition des Absurden zur Sprache.

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Werner Mittenzwei (auf dem Foto beim Signieren am 4. November 2004 in Chemnitz) hinterlässt ein Werk, dessen volle Bedeutung erst von künftigen Generationen erkannt werden wird. Seine Suche nach den Details und Besonderheiten, seine Unzufriedenheit mit pauschalen oder abstrakten Antworten, die behielt er im Gespräch oder Briefwechsel bis zu seinem Tode bei. Er hatte verinnerlicht, dass eine Wissenschaft, die das Besondere nicht erklären kann, keine Wissenschaft ist. Es ging ihm um die konkrete Analyse der konkreten Situation (Georg Lukács). Konkret war für ihn selbstverständlich die Einheit der widersprüchlichen Bestimmungen. Wissenschaft muss den Widerspruch zwischen Allgemeinem und Besonderen thematisieren. Aus der Einsicht in die sich bedingenden Gegensätze kann die Begründung für Kompromiss im menschlichen Leben erwachsen. Der Sieg der Vernunft, so wiederholte auch Mittenzwei seinen großen Lehrer Brecht in der Zeit der Blockkonfrontation, kann nur der Sieg (und der Kompromiss) der Vernünftigen (auf beiden Seiten) sein.
Es ist die Ironie der Geschichte, dass die Polarisierung, die er zugleich mit dieser Vernunft-Lebenshaltung auslöste, bis in die Nachrufe hinein noch wahrnehmbar ist.
Andreas Eichler

Zur Information: Zugängliche Links auf Internet-Ausgaben großer Tageszeitungen

http://www.jungewelt.de/2014/02-18/014.php

http://www.berliner-zeitung.de/kultur/werner-mittenzwei-seine-zeit-war–und-seine-zeit-wird-kommen,10809150,26228542.html

http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Der-rote-Don-Quijote-ist-tot-/story/23923503

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