Reportagen

Blackout in Borna

Wir wollten an diesem Abend ins Stadtkulturhaus nach Borna. Die Autobahn war gut befahrbar. Kein einziger LKW. Langsam legte sich die Dämmerung auf die Landschaft. Vor uns leuchteten die Rücklichter aus der Dunkelheit. Im hell erleuchteten Stadtkulturhaus Borna warteten die Besucher schon auf den Gast des Abends …

 

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Doch was war das? Das Licht ging plötzlich aus – Marc Elsberg trat mit einem Kerzenleuchter auf die Bühne, um sein Buch »Black out« vorzustellen.
Zunächst erläuterte er die Störanfälligkeit heutiger technischer Systeme. Zentralistische Strukturen seien mit IT-Systemen weltweit verbunden, so dass kleinste Störungen große, kaum vorhersagbare Auswirkungen haben können. Das habe ihn interessiert. Er habe deshalb recherchiert, wie sich etwa ein terroristischer Hackerangriff auf das europäische Stromnetz auswirken könnte. Zu diesem Zwecke sprach er mit vielen Verantwortlichen aus der Branche über ihre Meinung. Ergebnis: Ein lang andauernder Stromausfall sei heute kaum in die Notfallplanung aufgenommen. In der Regel gehe man von kurzzeitigen Störungen aus.
Er lasse sein Buch in Italien beginnen, weil dort die von der EU verordneten »intelligenten Stromzähler«, genannt »smart meter«, – das sind kleine fernwirkende Computer – , schon weit verbreitet seien. Diese neuen Stromzähler seien anfällig für Manipulationen, stellten ein mögliches Einfallstor z.B. für terroristische Angriffe dar.
Das Buch beginnt mit einem kleinen Stromausfall in Mailand. Die Verkehrsampeln fallen aus. Unfälle folgen. Sein Hauptheld gerät im Verkehrschaos in einen Verkehrsunfall, trägt leichte Verletzungen davon. Rettungskräfte können nicht gerufen werden, denn die Handynetze brechen zusammen, weil die Sendemasten keinen Strom mehr haben. Der Hauptheld muss zu Fuß ins Krankenhaus. Schließlich zeigt sich, dass daraufhin in ganz Europa der Strom ausfällt, denn die Netze sind gekoppelt.

 

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Als einen weiteren Akteur und Schauplatz zeigt Elsberg den Krisenstab in Berlin. Dort wird der Innenmister über die Lage aufgeklärt. Früher waren Stromerzeugung und Verteilung in einer Hand. Durch die »Liberalisierungs-Politik« der letzten Jahrzehnte sei die Branche aufgespalten in Stromerzeuger, Leitungsbetreiber, Verkäufer usw. Ziel sei nun nicht mehr die Versorgung der Bevölkerung, sondern die Gewinnmaximierung.
Zunächst ist es auch dem Krisenstab nicht möglich, die Ursache des Ausfalls zu ermitteln. Man ist sich sicher, die Versorgung kurzfristig wiederherstellen zu können, hat aber nicht die Voraussetzungen dazu. Im Krisenstab wird zudem noch die Zuständigkeit diskutiert. Wenn Terroristen die Ursache sein sollten, dann ist das Innenministerium zuständig, wenn es aber feindliche Mächte sind, dann das Verteidigungsministerium, usw.

 

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Mit dem Strom fallen Telefonleitungen, das Internet, die Wasserversorgung und die Abwasserbeseitigung aus. Die Lebensmittelversorgung bricht zusammen, ebenso die gesamte Lagerhaltung, weil logistische Absprachen nicht mehr möglich sind und außerdem die Kühlaggregate stillstehen. Tankstellen können nicht mehr arbeiten, weil alle Betankungssäulen mit ihren elektrischen Pumpen auf Stromversorgung angewiesen sind. Die Geldversorgung bricht zusammen, weil weder Automaten funktionieren noch Transfers getätigt werden können. In der industrialisierten landwirtschaftlichen Tierhaltung ereignen sich Katastrophen. Dort kann man weder Tiere füttern, Ställe belüften noch Kühe melken.
Marc Elsberg liest abschließend einige Abschnitte aus seinem Buch.

 

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Nach dem Beifall des Publikums lädt der Moderator den Autor Marc Elsberg (ganz rechts) ein, an einer Diskussion mit Wolfgang Klinger (2. v. re.), dem Beigeordneten des Landrates, Dr. Markus von Sahlig (3. v. re.), dem Leiter des Technischen Hilfswerkes, Dr. med. Andreas Klamann (4. v. re.), vom Klinikum Borna, Denis Wohlfahrt (5. v. re.), dem Leiter vom EDEKA-Großlager in Borna, und Hendrik Frank (6. v. re.), dem Geschäftsführer der Stadtwerke Borna, teilzunehmen.
Die erste Frage nach der Wahrscheinlichkeit einer Katastrophe, wie sie im Buch beschrieben wird, geht an den Autor. Er antwortet, dass die Frage eher lauten müsse. was tun wir, damit es zu einer solchen Katastrophe nicht kommt, und was müssen wir tun, wenn sie kommt.
Den Moderator interessiert: Was kann man persönlich tun?
Der Autor meint, jeder müsse zunächst selbst vorsorgen. Es gebe Broschüren mit nützlichen Hinweisen. So brauche man einen Wasservorrat von mindestens 12 Litern pro Person. Zudem sei ein batteriebetriebenes Radio nötig, zur Not gehe das Autoradio. In Deutschland und Österreich seien viele Freiwilligen-Hilfsorganisationen (FFW, THW, DRK) tätig. Darin unterscheide man sich von vielen anderen Ländern.
Der Erste Beigeordnete des Landrates sagte, dass es in Grimma ein Lagezentrum gäbe. Dorthin müsse er im Katastrophenfall. Die Kommunikation mit Polizei, FFW, THW und DRK sei über eigene Funknetze gesichert. Man habe viele Arten von Katastrophen trainiert, einen lang andauernden Stromausfall aber noch nicht. Das sei wohl auch kaum möglich.
Der Autor wirft ein, dass die Rettungskräfte zwar über ein eigenes »Blaulicht«-Funknetz erreicht werden können. Aber die Lagezentren seien untereinander letztendlich mit Telekom-Leitungen verbunden, die im genannten Fall ausfallen würden.
Der Vertreter des Klinikums sagt, dass man mindestens zwei Mal im Jahr einen Notfall trainiere, aber einen längeren Stromausfall nicht.
Der Vertreter von EDEKA meint, dass man in einem solchen Fall nicht handlungsfähig sei. Wenn die Kommunikation, die Computer, die Kassensysteme und die Lagerkühlung zusammenbrechen, könne man letztlich nichts machen.
Marc Elsberg ergänzt hier, dass man als einzelnes Unternehmen in einem solchen Fall tatsächlich machtlos sei. Überdies seien heute »Lager« gar keine Lagerhäuser mehr. Durch die just-in-time-Verfahren reduziere sich die Verweildauer von Produkten in den »Lagern« im Durchschnitt auf 6 bis höchstens 12 Stunden. Wenn dieser Kreislauf unterbrochen werde, dann breche praktisch das ganze System zusammen.
Auf die Möglichkeit manipulierter Stromzähler angesprochen, entgegnete der Geschäftsführer der Stadtwerke Borna, dass diese zum Glück ja in Deutschland erst ab 2020 vorgeschrieben seien. Aber es gäbe bereits heute gravierende Spannungsschwankungen im Stromnetz, denn alternativen Energieerzeuger sorgten für etwa 200 Tage im Jahr für kritische Situationen.
Marc Elsberg widersprach hier: Nicht die alternativen Energieerzeuger seien die Ursache, sondern die völlig veraltete Netzstruktur.
»Wäre es nicht besser, im Katastrophenfall die Stromversorgung dezentral wieder herzustellen?«, fragte der Moderator den Geschäftsführer der Bornaer Stadtwerke.
Dieser antwortet, dass dies leider nur »theoretisch« möglich sei. Man habe zwar die hinreichenden Erzeugungskapazitäten in Form von Blockheizkraftwerken und Solarpark, um durch Eigenstromgewinnung die etwa 12.000 Haushalte zu versorgen. Aber das Netz sei so aufgebaut, dass erst, wenn das Zentrum, das Kraftwerk Lippendorf, wieder Strom ans Netz gäbe, die Stadtwerke Borna Strom einspeisen könnten.
Auf die mittelbaren Folgen angesprochen, meinte der Autor, dass nach zwei Tagen Stromausfall die Situation in großen Städten nicht mehr beherrschbar sei. Aber im ländlichen Raum sei man hingegen durchaus in der Lage, mehrere Wochen ohne Strom zu überstehen. Die Menschen verhielten sich in einer solchen Situation so, wie sie es eigentlich schon immer getan haben. Die Moral ändere sich nicht plötzlich. Es gäbe immer beide Seiten, Menschlichkeit und Unmenschlichkeit.
Der Moderator fragte, ob man Menschen in einer Situation belügen könne oder müsse, um Panik zu verhindern. Der Vertreter des Klinikums antwortet, dass man den Menschen nicht zu jedem Zeitpunkt alle Hintergründe erklären könne, im Grundsatz müsse man sie aber durchweg über die wirkliche Lage informieren.
Der Vertreter des THW ergänzt, dass beim letzten Hochwasser Feuerwehrleute mit dem Fahrrad zu den Häusern fuhren, die evakuiert werden mussten. Andere Informationsmittel habe es nicht mehr gegeben. Dennoch hätten sich die Menschen zum Teil geweigert, sich evakuieren zu lassen, weil sie den Ernst der Lage nicht glaubten.
Marc Elsberg warf hier ein, dass sich im Ernstfall wirkliche (echte) soziale Netzwerke empfählen.
Der THW-Vertreter ergänzt, dass sie keine Nachwuchssorgen hätten. Gerade nach dem letzten Hochwasser habe es viel Interesse gegeben. Die Jugend sei offen für soziales Engagement und für Technik, allen Unkenrufen zum Trotz. Probleme gäbe es heute eher in praktischen Fragen, etwa der Freistellung durch Arbeitgeber während der Einsätze. Durch das Buch sei er auf einen neuen Aspekt gestoßen: Wenn die Tankstellenversorgung zusammenbreche, dann seien auch die Rettungskräfte nicht mehr handlungsfähig. Kraftstoff-Tankwagen gehörten bislang noch nicht zum Bestand des THW.
Marc Elsberg ergriff zum Schluss noch einmal das Wort, angesichts der bewegten Zuschauerreaktionen, um die Zuhörer etwas zu beruhigen. Wir müssten uns über solche Dinge Gedanken machen, weil die Infrastruktur bei uns sehr gut funktioniere. In Schwellenländern oder Teilen der USA mache man sich keine solchen Gedanken, weil Störungen alltäglich seien. Er habe bei seinen Recherchen kompetente, engagierte Menschen kennengelernt, die sich um die Funktionsfähigkeit unseres Stromnetzes bemühten. Er habe Vertrauen in unser Stromnetz.

 

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Der Moderator dankte Marc Elsberg und den anderen Teilnehmern der Podiumsdiskussion und lud alle gemeinsam noch zum Weiterdiskutieren in die Halle des Stadtkulturhauses ein. Am Verkaufsstand der Bornaer Buchhandlung signierte der Autor die Bücher für interessierte Leser.

 

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Kommentar
Man muss den Organisatoren danken, einerseits für die Einladung von Marc Elsberg und andrerseits für die Idee einer Diskussionsrunde. So zeigte sich das große Engagement und Wissen der zahlreichen Ärzte und freiwilligen Helfer. Feuerwehren, DRK und Technisches Hilfswerk decken dem Anschein heute das ab, was früher der Wehrdienst leistete.
Der Autor Marc Elsberg, der mit angenehmem Understatement auftrat, hat in seinen Recherchen dem Anschein nach mehr Kompetenz erworben als es den streng arbeitsteilig agierenden Autoren eines Bundestagsgutachtens zum gleichen Thema vergönnt war.
Es ist schon ein Unterschied, ob ein Kopf ein Problem strukturiert, oder ob sich mehrere Menschen nebeneinander Gedanken machen.
So hat der Autor wirklich etwas zu sagen: Nicht die alternativen, nachhaltigen Energieerzeugungsanlagen bringen die Netzprobleme hervor, sondern die völlig veraltete Netzstruktur.
Vor etwa 100 Jahren begannen Großkraftwerke die Stadtkraftwerke abzulösen. Zentrale Großkraftwerke brauchten Fernleitungen. Für den Krisenfall wurde schrittweise ein Fernleitungs-Verbundsystem geschaffen. Früher betraf es die Hochspannungs-, Mittelspannungs- und Niederspannungsnetze. Heute werden die neuen IT-Verfahren in gleicher Weise eingesetzt. Der Hyper-Zentralismus wurde plötzlich störanfällig. Das Risiko hat sich potenziert.
Die heutigen Steuerungssysteme machen durchaus hocheffiziente dezentrale Verfahren in den Regionen möglich. Fernverbindungen sind nicht mehr die einzige Möglichkeit des Energiebezuges. Ein Strukturwandel hat schon lange begonnen. Energie kann dort erzeugt werden, wo sie gebraucht wird. Oder: Investitionen erfolgen dort, wo alternative Energieumwandlung möglich ist.
Der ländliche Raum zeigt sich im Blick des Autors wieder einmal als die Ergänzung zur Stadt. Erst durch das sie umgebende Land wird die Stadt zur Stadt, und umgekehrt. Beide haben Vorteile von dieser gegensätzlichen Beziehung. Im Katastrophenfall kann der ländliche Raum ein Rückzugsraum für die Stadtbevölkerung sein. Dezentralisierung und Regionalisierung heißen die Gebote unserer Zeit. Die Selbstversorgungsfähigkeit der Regionen bricht den Austausch nicht ab, reduziert ihn aber auf das wirklich Wesentliche.
Man könnte die Situation mit den Benediktinischen Klöstern im Umbruch von der Antike zum Mittelalter vergleichen. Diese waren vernetzt und wirtschaftlich weitgehend autark. Es gab theologischen, wissenschaftlichen und technologischen Austausch. Wenn ein Kloster zerstört wurde, sprangen die anderen mit Hilfe ein.
Johannes Eichenthal

Information
Marc Elsberg: Blackout. Morgen ist es zu spät.

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