Reportagen

Der Unvollendete. 20 Jahre Sächsischer Schriftstellerverein

Der Sächsische Schriftstellerverein e.V. beging am 10. Mai 2011 in Zwönitz sein 20. Gründungsjubiläum. Bereits am Vorabend lasen Dr. Klaus Walther und Uwe Schneider in der Stadtbibliothek. Die Lesungen wurden am 10. Mai in der Hennig-Schule (Regina Röhner), in der Goethe-Schule (Günter Saalmann), im Matthes-Enderlein-Gymnasium (Utz Rachowski/ Dr. Andreas Eichler) und in der Stadtbibliothek (Wolfgang Eckert) fortgesetzt. Um 15.30 hatte der Verein zu einer Festveranstaltung in das Park-Cafe Austel-Villa eingeladen. Höhepunkt der Feierstunde war die Verleihung des diesjährigen Förderpreises für Literatur von Sparklasse Erzgebirge und Sächsischem Schriftstellerverein an Jörg Seifert aus Annaberg. Matthias Zwarg (Foto) hielt die Laudatio auf den Preisträger.


Aber der Reihe nach. Gegen 15.15 Uhr trafen die ersten Gäste ein. Frau Schettler, die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Erzgebirge und Herr Schmidt, der Marketing-Chef der Sparkasse Erzgebirge,  Herr Meyer, der Sekretär des Kulturraumes Erzgebirge-Mittelsachsen, Frau Beer, die Leiterin der Chemnitzer Stadtbibliothek (hier bei der Begrüßung durch Dr. Klaus Walther) und der Zwönitzer Bürgermeister  Triebert. Der Bürgermeister führte zur Begrüßung in die Geschichte der alten Bergstadt Zwönitz und die der Austel-Villa ein.


Der Vizepräsidenten des Vereins, Dr. Klaus Walther, dankte dem Bürgermeister für seinen historischen Exkurs. Im Anschluss antworteten Dr. Klaus Walther und Rainer Klis auf Fragen nach der Vereinsgründung vor 20 Jahren. Der Sächsische Schriftstellerverein e.V. sei aus dem Schriftstellerverband der DDR hervorgegangen. Die Verbände der Bezirke Leipzig, Dresden und Karl-Marx-Stadt hatten beschlossen einen gemeinsamen Verein in Chemnitz zu gründe: den Sächsischen Schriftstellerverein. Die Verbände in Leipzig und Dresden lösten sich aber nach inneren Querelen schnell auf, so dass die Vereinsgründung praktisch unvollendet blieb. Doch mittlerweile existiert der Verein eben 20 Jahre …

Matthias Zwarg, der Träger des Förderpreises von 2009, hielt im Anschluss die Laudatio auf seinen Nachfolger Jörg Seifert. Angenehme Worte, ein Hauch von Poesie. Zwarg bevorzugt das Gleichnis. Keine Pseudogermanistik. (Wir veröffentlichen die Rede im Anhang)
Dann war es endlich so weit. Sparkassen-Vorstand Frau Schettler überreichten Jörg Seifert eine Urkunde und einen Scheck. Dr. Andreas Eichler, der Vorsitzende des Schriftstellervereins, überreichte Blumen. Der Preisträger dankte  sehr erfreut.

Dr. Klaus Walther (stehend) richtete im Anschluss einige persönliche Worte an den Preisträger Jörg Seifert (2., li. von K.W.)

Mit einem geselligen Beisammensein klang dieser ereignisreiche Tag aus.
Johannes Eichenthal

Anhang: Laudatio von Matthias Zwarg

Für Jörg Seifert
Gleichnis
Die Fischer hatten eine Flasche aus der Tiefe gefischt. Sie enthielt einen Zettel mit folgender Post: »Leute, Hilfe! Ich bin hier. Der Ozean hat mich auf das menschenleere Eiland geworfen. Ich stehe am Ufer und warte auf Rettung. Beeilt euch. Ich bin hier!«
»Hm. Ohne Datum. Es ist sicher zu spät. Womöglich treibt die Flasche schon sehr lange im Meer«, sagte der erste Fischer.
»Und der Ort fehlt. Man weiß nicht einmal, welcher Ozean«, fügte der zweite Fischer hinzu.
»Weder zu spät noch zu weit. Die Insel. Hier gibt´s überall«, meinte der dritte Fischer.
Es wurde ungemütlich still …

Dieses Gleichnis stammt von Wislawa Szymborska, einer polnischen Schriftstellerin, und es steht aus zwei Gründen am Anfang.
Wislawa Szymborska hat nicht einmal 300 Gedichte veröffentlicht – und sie hat dafür den Nobelpreis bekommen.
Ich kenne von Jörg Seifert nicht einmal 30 Gedichte – aber schon als ich den ersten Text von ihm las – es war ein Nachruf auf den Schriftsteller Wolfgang Hilbig – wusste ich: Das ist ein Dichter.

hilbig *

lautlos sich zu tode geschrieen, geschrieben, gesoffen:
fernes schweres läuten vom rand der gebresten
– ein maientag voll krebskranken röchelns.
zwanghaft ohnmächtige sprachgewalt. zerrissen
die dünngescheuerte gute alte haut -porös plötzlich:
abgeschabt das wortfleisch von den knochen, die zerstreut
als wären sie noch nie vereint gewesen,
in den lehmen eines hassblauen herbstes klirren.
die ruhe der stürme im augenblick eines licht-lidschlages:
donner gespalten, vom scheitel bis zur sohle – enthemmte entladung.
ein punkt komma liebe oder ein fliegenschiss, raus bist du
noch lange nicht. kein rauch flieht, kein nebel der ebene.
tränenloser blick in fahles gewölk. klar, das wachstum der brände:
fortbleibender traum eines nackten tieres. unversöhnt und ausgelöscht
– einfach so und praktisch für immer.
lass uns den fasan schlachten, lass uns uns einmal spüren,
im sündsüßen blutrausch die grenzpfähle, unsre pressform vergessen,
die ohren verwachst in den wind drehen, die züge verpassen,
die sinnlosen notate verbrennen, um uns an ihren flammen zu wärmen,
leichtsinnige abschiede zu feiern -ein vorvorletztes mal oder
solange der atem uns unerkannt füllt, der gute rat reicht.
gesungen ist`s von den dächern bis in die gossen, aber gelebt?
sind wir untote im niemand gehörenden – hörenden – brachland der zeit,
nicht längst verloren im windschatten unsrer hirnhälften?

* wolfgang hilbig (1941–2007)

Das Gleichnis von Wislawa Szymborska steht auch deshalb am Anfang, weil darin dieser halbe Satz vorkommt: Hier gibt´s überall.

Auch in Annaberg. Annaberg – das ist so sehr Provinz, wie es New York, Broadway, Ecke 123. Straße auch ist. Wir können uns nicht aussuchen, von aus wir die Welt retten, und wir können uns auch oft nicht aussuchen, wenn wir retten. »Hier gibt´s überall.«

Jörg Seifert hat dies angenommen. Er ist, so denke ich, einer, der der Kunst immer noch zutraut, die Welt, wenn schon nicht retten zu können, dann aber doch sie ihrer eigenen Rettung ein wenig näher zu bringen.
Jörg Seifert ist einer, dem die Kunst etwas bedeutet – so viel, dass er ihr – das mag etwas pathetisch klingen – sein Leben gewidmet hat. Kennengelernt hab ich ihn als einen der Organisatoren des Annaberger Kunstkellers. Er hat sich für Carlfriedrich Claus eingesetzt, lange, bevor dessen Bedeutung überregional anerkannt wurde. Er hat in Annaberg eine kleine Kunstszene aufgebaut, die weit über das manchmal etwas behäbig auf dem Berg gluckende Städtchen hinausreicht. Spektakuläre Mail-Art-Aktionen gehören dazu, Ausstellungen mit Werken ziemlich berühmter Künstler, aber auch ziemlich unberühmter Künstler, wie der Altenheimbewohnerin Annerose Leiter, die eine Entdeckung für mich war mit ihren eindeutig-zweideutigen Augen und Uhren (sie hat vieles einfach doppelt gemalt, weil man zusammen weniger allein ist). Bilder, an denen viele wohl vorbeigegangen wären, die zu Anteilnahme nicht fähig sind.
Jörg Seifert kann das – teilnehmen, Anteil nehmen, so, dass dieses Nehmen eher ein Geben ist.
Oft hat er Gedichte für Künstlerkollegen und oft nach deren Tod geschrieben – eines auch für Christoph Schlingensief.

*ohne uns*
für christoph schlingensief
deine einladung
mit dir in helmuts wolfgangssee baden zu gehen
oder für 1 € pro stunde in venedig auf pfählen zu sitzen
schlugen wir aus schlag dir das aus dem kopf
wir sind vielleicht blöder als du dachtest mach uns
also keinen vorwurf für deine von uns abgelehnten vorschläge
(brecht hatte nicht recht was die angeht…)
die zeit reifte deinen tod aber uns nicht so weit
dass wir leben könnten frei verunsichert und siegesgewiss
wie du es wolltest für und gegen uns
schlag dir das aus dem kopf
ich versuchte es mehrfach: es misslang
deine misstöne in unser beschaulich buntes treiben gestreut
blieben haften wie zecken
22.08.2010

Das ist nicht nur schön, es ist auch wahr, es ist ein gelungener Balanceakt auf dem Drahtseil des Lebens zwischen Tragik und Glück.
Er kann auch, was mir ein wenig abgeht, ziemlich wütend werden – über die Blöden zum Beispiel.

die blöden
lassens sich was kosten, die blöden
zahlen die zeche ohne den wirt, die nicht zustande käme
ohne ihn. sie nehmen nix in zahlung und sind unberechenbar.
schielen ins aus, nicht nach oben, kaufen alle nachteile auf und
berechnen nichts dafür. unglaublich!
sind sie weg, fehlt ihr stuhl, man rechnet mit ihnen. ab und zu
gibt’s was auf die fresse. umsonst ist der tod -nicht einmal der.
sie zahlen für nichts und wieder nichts, ihr gesicht geballt
zu entwaffnender freundlichkeit geben sie nach. die irren
sterben nicht aus: am ende reichts nicht für blumen,
aber für erde immerhin. dicke klumpen wirft man ihnen nach,
wenn man ihnen nichts mehr vorwerfen kann.

14.09.2009

Dieser ironische Ärger über die »Blöden« ist so genau, dass er sich sogar im Datum wiederfindet – das Gedicht ist am 14. nullneunten 2009 geschrieben.

Diese Texte sprechen für sich selbst und sie sprechen dafür, dass Jörg Seifert diesen Preis des Sächsischen Schriftstellerverbandes bekommt. Man kann sich solche und andere Preise nicht verdienen – und die allermeisten schreiben nicht wegen irgendwelcher Preise – man bekommt sie, oder man bekommt sie nicht. An der Qualität der Texte ändert das gar nichts. Jörg Seiferts Gedichte sind das, was Gedichte vor allem sein sollen: dicht. Sie sind störrisch wie ein Dreitagebart, sie riechen ein bisschen nach Schweiß und dem Schnaps, den man sich nach einem harten Tag einflößt, und manchmal blitzt in ihnen ein Licht auf wie eine Kerze in einem Alptraum. Und ein gutes Gedicht ist nicht eines, das einen Preis bekommt, sondern eines, das das könnte, was Jörg Seifert in einem seiner Texte selbst geschrieben hat:

gedichte müsste man machen
die, wie alte schuppen im schnee ausharren.
die tür schief in den angeln, ein fensterauge
das einblick gewährt, während der garten ringsum winterstarr ruht.

hier riecht selbst die kälte noch nach sommer und sonne
verwegenen stunden, in denen das löchrige dach schutz bot
wir uns auf den grund gingen darunter
und aus der hütte wie aus einem palast traten.

Ich freue mich sehr über den Preis für Jörg Seifert.

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