In der Tageszeitung Junge Welt erschien am 16. Dezember 2025 ein Artikel von Daniel H. Rapport mit dem Titel »Einsen und Nullen. Können Large Language Models Bewusstsein entwickeln?« Mit LLMs sind Chatbots wie Chat-GPT, Gemini u.a. gemeint. Die Argumentation des Autors ist klar, stringent und erhellend: »Die Welt ist für einen Computer, auf dem eine LLM-Software läuft, weitgehend bedeutungslos. Ein ‹inneres Erleben› setzt ein bedeutungsvolles Sein in einer bedeutungsvollen Welt voraus … Für ein LLM bleiben Wörter Einsen und (vor allem) Nullen«. Soweit, so gut.
1. In der Frage, was »Bewusstsein« sei, hatte Rapoport auf den englisch-französischen Psychologen Kevin O’Reagan verwiesen, der die Entstehung von Bewusstsein nicht an »Denken«, sondern an »Tätigkeit« gebunden habe.
Rapoport hätte Erkenntnisse über die Rolle der Tätigkeit auch bei dem Psychologen Lew Semjonowitsch Wygodski (1896–1934) und seinen Schülern Alexej Nikolajewitsch Leontjew (1903–1979), Alexander Romanowitsch Luria (1902–1977) u.a. finden können, die vor Jahrzehnten bereits diesen Forschungsstand hatten.
2. Am Ende seines Artikels, im vorvorletzten Satz, bezieht sich Rapoport auf Sprache: »Ein LLM operiert zwar mit Sprache, aber Sprache ist – entgegen einem weit verbreiteten Irrtum – nicht der ursprüngliche Träger von Bedeutung. Sie macht Bedeutung nur kommunizierbar. Bedeutung entsteht durch Leben, durch aktives Tun.«
Dem Anschein nach trennt der Autor Sprache und Bedeutung/Sinn, d.h. Sprache und Vernunft.
3. Wenn aber Rapoport Wygodski gelesen hätte, dann wäre er vielleicht auch auf dessen Quelle Johann Gottfried Herder (1744–1803) gestoßen. Der hatte sich 1770 an einem Preisausschreiben der Berliner Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften zum Thema »Der Ursprung der Sprache« beteiligt, und den Preis auch gewonnen. Im Anschluss wurde der Essay veröffentlicht.
Der legendäre Literatur-Historiker Werner Krauss (1900–1976) war es, der 1958 im Berliner Akademie-Archiv die Reinschrift Herders entdeckte. Der Leipziger Germanist Claus Träger (1927–2005) besorgte die Erstveröffentlichung.
4. Herder verehrte den Begründer der Berliner Akademie Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716). Der hatte auf den Satz John Lockes »Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war«, geantwortet: »Außer dem Verstand selbst«. Leibniz wusste um die Vorleistungen Valentin Weigels (1533–1588) und Jacob Böhmes (1575–1624) für seine Position, er wagte aber angesichtzs der politischen Verhältnisse in Deutschland nicht, sie zu zitieren. Herder knüpfte hier an. Er begriff Leibnizens »Verstand« als »Logos« als »SprachVernunft«, mit dem die untrennbare Verbindung von menschlicher Sprache und Vernunft über Jahrtausende tradiert wurde. Eine „reine Vernunft“ oder eine „reine Sprache“ kann es aus dieser Sicht nicht geben.
5. Herder machte in seinem Essay klar, dass »Sprache« keine Eigenschaft des Menschen neben anderen ist, sondern dass sich der Mensch in »bezeichnender Sprache« konstituiert. Also nicht in »Bewusstsein«. Am Rande verweist Herder darauf, dass Tiere selbstverständlich denken können und über eine Gefühlssprache verfügen. In diesen Punkten ist der Unterschied zum Menschen nicht zu suchen. (Und auch nicht der Unterschied des Menschen zu Maschinen.) Mit der bezeichnenden Sprache fasst der Mensch seine Sinneseindrücke zu inneren Bildern zusammen, kann kommunizieren und verfügt über eine innere Handlungssteuerung. Menschliche Sprache ist Tätigkeit. Herder formuliert zugespitzt: Die Sprache widerspiegel nicht nur die Wirklichkeit, sondern schafft sie auch.
6. Der entscheidende Unterschied zu Maschinen ist also nicht im »Bewusstsein« zu suchen, sondern in der »bezeichnenden Sprache«, die selbstverständlich auch den »Sinn« der Rede oder selbst »das Unsagbare« (Poesie) transportieren kann.
Solche Ideen wurden vor mehr als 250 Jahren in Berlin veröffentlicht und auch begeistert gelesen!
Johannes Eichenthal
Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.
Information

Herder, Johann Gottfried: Über den Ursprung der Sprache. Erstveröffentlichung der eingereichten Reinschrift Herders. Hrsg. Claus Träger. Akademie-Verlag. Berlin 1959
Von Johannes Eichenthal erschien im Mironde-Verlag
Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Sprache und Eigensinn 2. Von Goethe bis Rathenau.
23,0 × 23,0 cm, 320 Seiten, fester Einband, zahlreiche farbige Fotos, Karten und Abbildungen
VP 29,90 € ISBN 978-3-96063-026-5
Johannes Eichenthal: Skepsis und Hoffnung.
14,0 × 20,5 cm, 60 Seiten, Broschur mit Schutzumschlag
Grafik von Rüdiger Mußbach (Materialdruck, Bleistift, Aquarell)
VP 12,50 € ISBN 978-3-96063-004-3
https://buchversand.mironde.com/p/johannes-eichenthal-skepsis-und-hoffnung


Auf die Frage „Ist die KI intelligent?“ anwortet Google-KI:
Nein, KI ist nicht wirklich intelligent im menschlichen Sinne; sie kann zwar menschenähnliche Aufgaben in bestimmten Bereichen übertreffen, indem sie Muster erkennt und Daten verarbeitet, aber sie hat kein Bewusstsein, echtes logisches Denken, Empathie oder die Fähigkeit zur originären Kreativität – sie kombiniert und rekontextualisiert lediglich vorhandene Informationen aus riesigen Trainingsdatensätzen, was oft als „Halluzination“ oder statistisch wahrscheinliche Antwort missverstanden wird, anstatt wirklich zu „verstehen“ oder „fühlen“.
Anmerkung: Mit der Armbanduhr ging uns das Zeitgefühl abhanden, mit dem Taschenrechner das Kopfrechnen. Was ist als nächstes an der Reihe?