Reportagen

Bücherleser aller Länder ..!

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Vom 14. bis zum 18. Oktober öffnete die Frankfurter Buchmesse wieder ihre Pforten. Etwa 7200 Aussteller aus aller Welt bauten ihre Messestände auf.

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Zu den Ausstellern gehörte auch der Mironde-Verlag aus Niederfrohna, einer Gemeinde zwischen Leipzig und Chemnitz.

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Die Leiterin der Chemnitzer Villa Esche, Dr. Andrea Pötzsch und ihr Mann Ralph (li.), Dieter Lehnhardt, ein Herausgeber von »Haben Sie das alles gelesen?«, und seine Gattin, gehörten zu den ersten Besuchern.

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Die österreichische Vertretung lud am Abend des 14. Oktober zu einem Empfang im Städel-Museum ein.

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Der Bundesminister für Kunst und Kultur, Verfassung und Medien, Dr. Josef Ostermayer, begrüßte die Gäste im Museum. Am folgenden Tag besuchte er die österreichischen Verlage auf der Messe und unterhielt sich ausgiebig mit den Ausstellern.

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Am folgenden Tag traf Dieter Lehnhardt am Stand des Mironde-Verlages mit dem Buchhändler Dr. Franz Klug aus München, dem Vorsitzenden der Pirckheimer-Gesellschaft e.V. Berlin Dr. Ralph Aepler und dem Vorstandsmitglied der Pirckheimer-Gesellschaft e.V. Berlin Ernst Reif zusammen.

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Auf dem »Blauen Sofa« der ARD befragte der junge Moderator René Aguigah den renommierten Verfassungsrechtler Professor Udo di Fabio zu dessen neuem Buch, mit dem Titel »Schwankender Westen. Wie sich ein Gesellschaftsmodell neu erfinden muss.« Di Fabio stellte mit beeindruckender Rhetorik und präzisester Wortwahl seine Thesen vor, um den »Westen« in einer »Rekonstruktion« wieder auf eine sichere Grundlage zu stellen. Auf die Frage des Moderators erklärte er, dass »der Westen« eine normative Idee sei, die er an den Merkmalen Marktwirtschaft, Demokratie, Rechtsstaat und freie Entfaltung der Persönlichkeit festmache. Di Fabio fügte an, dass keines der Merkmale eine Priorität in der Politik besitze. Der hartnäckige Moderator brachte die Stichworte »marktkonforme Demokratie«, Religion und Bildung ein, um di Fabio zu einer Präferenz zu bewegen. Bei der Bildung sah es fast so aus, als ob di Fabio zustimmen könnte, tat es aber dann doch nicht. Ist aber vielleicht nicht doch die Bildung der zentrale Punkt, der die gesamte »Rekonstruktion« bewegen könnte?, fragte der junge Moderator. Di Fabio räumte ein, dass ein großer Rekonstruktionsbedarf anstehe und nannte neben der Bildung die Vereinfachung des Rechts, den Umgang mit Flüchtlingen, die Handlungsfähigkeit der EU u.a. (Freilich ist unter »Bildung« hier nicht die bloße »Wissensvermittlung« gemeint, sondern die Bildung zur Humanität, wie es Johann Gottfried Herder formulierte.)

Der Moderator fragte, ob das Buch eine pessimistische Sichtweise darstellen wolle?

Di Fabio wehrte ab: nein, er sei Realist mit einem Schuss Skepsis.

Vielleicht ist es das Beharren di Fabios auf den systemtheoretischen Grundlagen Niklas Luhmanns, die sein Denken in pessimistischem Lichte erscheinen lassen. Di Fabio sprach von »der« Wirtschaft und »der« Politik. »Die« Verfassung »wolle« dieses oder jenes.

Menschliche Tätigkeit und die sozialen Kräfte der Zukunft kommen bei Luhmann nicht vor. Das »System« findet bei Luhmann seine Lösungen ohne den Menschen. Ein gewisser kontemplativer Fatalismus liegt schon auf dieser Denkweise. Vielleicht war es das, was der junge Moderator als »Pessimismus« empfand? Kann ein solcher Pessimismus in einer Welt, in der alles im Wandel ist, Grundlage für eine Erneuerung sein?

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Professor Dr. Klaus Doderer, der Gründer des Institutes für Kinder- und Jugendbuchforschung an der Universität Frankfurt, besuchte den Stand des Mironde-Verlages. Der Literaturwissenschaftler ist ein ausgesprochener Kenner von Geschichte und Theorie der Fabel und veröffentlichte im Mironde-Verlag seine poetische Autobiographie.

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Am Stand der FAZ war die Autorin Jenny Erpenbeck (li.) zu Gast. Sie wurde von der Redakteurin Sandra Kegel zu ihrem neuen Buch mit dem Titel »Gehen. Ging. Gegangen.« befragt. Erpenbeck beschrieb ausführlich ihre Recherchen unter zehn afrikanischen Flüchtlingen, die auf einem öffentlichen Berliner Platz kampierten, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Auf die kritische Nachfrage, ob ihr Buch nicht eher Journalismus sei, antwortete Erpenbeck, dass Autoren, die über das 18. Jahrhundert schrieben, ja auch nur recherchierten. Sie habe eben neue Quellen erschlossen, keine alten.

In der gestellten Frage ging es aber nicht um die Recherche sondern um die Textqualität. Ein Text wird zur Literatur, in dem Maß, wie er Poesie erschließt. Das ist in einem journalistischen Text möglich oder auch nicht, wie in einem Roman ebenso.

Die erfahrene Journalistin Kegel schaffte es in der zweiten Hälfte des Gespräches, die Motivation der Autorin zu erfragen. Erpenbeck interessieren vor allem Wandlungsprozesse, die unscheinbar und unsichtbar in unserem Alltagsleben ablaufen, bis sie eines Tages zu unübersehbaren Konsequenzen führen.

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Dr. Werner Abel (Mitte) und Enrico Hilbert (li.) wurden am Stand der österreichischen Autoren von einem Redakteur des Litradios zu ihrem neuen Lexikon befragt, in dem sie die 4500 Biographien von deutschen Spanienkämpfern auf der Grundlage erstmalig zugänglichen Materials aus Moskauer Archiven darstellten. Die Autoren erschlossen zehntausende Seiten Archivmaterials neu. Neben der Anerkennung der gewaltigen Forschungsleistung schlägt den Autoren auch Kritik entgegen, die von der Position alter Standardwerke ohne empirische Kenntnisse geführt wird. Dem Anschein nach müssen Wissenschaftspioniere immer mit solchen Anachronismen leben.

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Die Mediendesignerin und Buch-Illustratorin und Mitarbeiterin am »Illustrations-Automat« Stefanie Heidler besuchte den Stand des Mironde-Verlages.

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Auch der Chemnitzer Verleger Dr. Lutz Graner kam vorbei.

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Am letzten Messetag stand traditionsgemäß die Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche auf der Tagesordnung.

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Selbst die Stehplätze sind bei diesem Ereignis für geladene Gäste reserviert.

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Der Frankfurter Oberbürgermeister und die der Vertreter des Börsenvereins des deutschen Buchhandels verliehen gemeinsam den Friedenspreis an den Schriftsteller Navid Kermani.

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Der Schriftsteller, Journalist, Theologe und Philologe Kermani hielt im Anschluss eine fast zweistündige Rede. Er begann der Erzählung vom Schicksal eines befreundeten Priesters, Pater Jacques, der durch Islamisten entführt wurde, schilderte die furchtbare Situation des Nahen und Mittleren Ostens, verwies darauf, dass der Koran ein poetisches Werk ist, und forderte die Gäste dazu auf, am Ende nicht zu applaudieren, sondern für die »Befreiung der Geiseln« und für die »Freiheit Syriens und des Irak« zu beten. Am Ende unserer Reportage geben wir einen Link zum vollständigen Redetext in der FAZ und zu einigen Berichten in großen Tageszeitungen.

Der stärkste Teil der Rede war wohl der Hinweis auf den poetischen Charakter Heiliger Schriften. Hier hätte man sich etwas mehr zu den genetischen Zusammenhängen der Religionen gewünscht. Denn das ist die Grundlage für die lange anstehende Verständigung der Religionen.

Die analytischen Passagen der Rede waren dagegen wesentlich schwächer.

Hier hätte man sich etwas vom nüchternen Scharfsinn eines Pankaj Mishra, dem Preisträger für europäische Verständigung der Leipziger Buchmesse von 2013 gewünscht. Mishra hatte in seinen Buch »Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens« nachvollzogen, wie sich in politischen Zirkeln des Orients die Überzeugung durchsetzte, man könne nur mit Gewalt gegen den Westen bestehen. Letztlich war es die Erfolglosigkeit aller anderen Strategien, die Ohnmacht in der Bewahrung kultureller Besonderheiten, die zur Gewaltoption führte. Menschen werden eher aus Angst brutal, denn aus Souveränität. Auch die durch den Westen vorangetriebene wirtschaftliche Vereinheitlichung von Produkten und Produzenten in der ganzen Welt ist eine Gewalt. Die freiwillige Unterwerfung der Masse westlicher Konsumenten unter diese Mächte ist kein Gegenbeweis, eher eine Bestätigung des Machtcharakters dieses monopolisierenden Prozesses.

Es bedarf daher heute einer Humanität, die den Reichtum der kulturellen Besonderheit jeder noch so kleinen Nationalität zu bewahren vermag. Ein abstrakter Kosmopolitismus, der die eigene Kultur zum alleinigen Maßstab aller Dinge macht, ist nicht tragfähig.

Die Konstruktion eines abstrakt-allgemeinen Kulturbegriffes ist auch unter theoretischem Aspekt eine Fehlleistung. In jeder Kultur gibt es auch allgemeine Züge. Aber die »Kultur im Allgemeinen« kann es nicht geben. Wir finden das Allgemeine nur im Besonderen, in den besonderen Kulturen, nirgendwo anders. Alle Kulturen haben etwas zur Menschheitsentwicklung beizutragen. Es geht um einen Wettstreit, welche Kultur am meisten für die gemeinsame Zukunft der Menschheit einbringen kann.

Anders als Kermani führte Pankaj Mishra im letzten Jahr in der Wochenzeitung »Die Zeit« unter der Überschrift »Das westliche Gejammer« die Ursachen der heutigen »brennenden Welt« auf die Illusionen der mächtigsten Staaten der Erde zurück, deren Eliten allen Ernstes glauben, die ganze Welt wolle so werden, wie »der Westen«, und die die Entwicklung der neuesten Zeit nicht mehr verstehen.

Und noch etwas. Das Gebet, so wurde es von Meister Eckhart bis Johann Gottfried Herder begründet, kann keine Projektion von Wünschen sein. Eher ist es die stille Meditation, um uns zu helfen, unsere Schicksal anzunehmen.

Wir sind dem Friedenspreisträger aber dennoch dankbar, dass er uns zu eigenen Gedanken ermunterte. Darum geht es doch. Oder?

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Die Frankfurter Buchmesse bekam 2015 ein Publikum geschenkt, dessen Sinn für traditionelle Bücher neu erwacht zu sein scheint. Die Freude und Entdeckerlust, mit der Bücher in die Hand genommen und mit der darin geblättert wurde, war beeindruckend. Man wollte sich selbst ein Bild machen, nicht nur Medien-Abziehbilder betrachten. An welchem anderen Ort kann man einen Großteil der Neuerscheinungen in konzentrierterer Weise sehen als auf der Buchmesse? Das Publikum genoss die Gastfreundschaft der Bürger einer weltoffenen Stadt, deren Nahverkehrsmitabeiter, Polizisten und Messeorganisatoren eine Glanzleistung vollbrachten. Die Frankfurter Buchmesse demonstrierte, dass die absolute Mehrzahl aller Menschen aller Nationen friedlich miteinander auskommen kann. Dafür sind wir dankbar.

Johannes Eichenthal

Information

http://www.mz-web.de/kultur/friedenspreis-rede-in-der-frankfurter-paulskirche-sote,20642198,32188434.html

http://www.tagesspiegel.de/kultur/friedenspreis-an-navid-kermani-glaube-liebe-schrecken/12466536.html

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article147749324/Darf-ein-Friedenspreistraeger-zum-Krieg-aufrufen.html

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/friedenspreis-fuer-kermani-der-westen-muss-den-krieg-in-syrien-beenden-13862016.html

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/kermanis-friedenspreis-rede-jacques-mourad-und-die-liebe-in-syrien-13863150.html

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