Essay

Humanität und Humanität

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Der ehemalige Kulturstaatssekretär und Philosophie-Professor Julian Nida-Rümelin veröffentlichte am 24.11.2015 im Berliner »Tagesspiegel« einen Beitrag mit dem Titel »Redet über Humanismus und nicht vom christlichen Abendland!« Im Untertitel wird zusammengefasst: »Die Rhetorik des christlichen Abendlandes folgt dem Muster islamistischer Propaganda. Doch der Krieg gegen den Terror darf nicht in eine Selbstaufgabe der säkularen Gesellschaft münden.«
Anlass für Nida-Rümelins Wortmeldung war also dem Anschein nach der so genannte »Krieg gegen den Terror«. Seine Argumentation mündet in den Satz: »Es darf nicht die christliche, katholische oder protestantische, auch nicht die jüdische Identität sein, die dem religiösen Fanatismus entgegen gestellt wird.« Eine solche Rhetorik folge dem selben Muster politischer Propaganda, wie die islamistische Kritik an dem westlichen Lebensstil und individueller Freiheit.
Nida-Rümelin stellt seine Auffassung dagegen: »Es ist die Leitkultur des Humanismus, die in dieser unübersichtlichen Lage Orientierung bietet. Die Demokratie ist nicht nur Staats-, sondern auch Lebensform, sie beruht auf einer Kultur gleicher Anerkennung, gleichen Respekts, gleicher Freiheit und zugleich schränkt sie kulturelle und religiöse Praktiken auf ihre Kulturverträglichkeit ein. Dies bedeutet in den westlichen Gesellschaften eine Bildungs- und Sozialstaatlichkeit, die die kulturell-religiösen Identitäten überbrückt, eine Gemeinsamkeit überwölbender Normen und Werte schafft und damit Zivilität sichert … Wir leben nicht in einer post-säkularen Gesellschaft, sondern, wie seit der europäischen Aufklärung, in einer Kultur der Trennung religiöser und politischer Identität. Nur so ließen sich die religiösen Identitäten zivilisieren, das heißt demokratieverträglich machen.«
»Normen und Werte« hatte Nida-Rümelin weiter oben als das bezeichnet, was die demokratische Verfassung des Westens ausmache.

http://www.tagesspiegel.de/politik/europa-und-der-terror-redet-ueber-humanismus-und-nicht-vom-christlichen-abendland/12624824.html

 

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Am 4.12.2015 veröffentlichte der Feuilleton-Redakteur Edo Reents in der FAZ eine kritische Antwort auf Nida-Rümelin. »Westliche Werte. Freiheit als Problem betrachtet.« Im Untertitel heißt es. »Selbstzufrieden blickt der Westen auf seine Werte. Das bekommt ihnen nicht und macht das Menschenbild immer flacher. Woher könnte heute Tiefe kommen? Von den Pessimisten und Tragikern!«
Reents formulierte gegen Nida-Rümelins Argumentation: »Ein Menschenbild und ganz allgemein Humanität gibt es offensichtlich nur noch in Form eines aseptischen Gebildes, das von allen religiösen, philosophischen und kulturellen Partikeln, die ja immer ein Amalgam erben, bereinigt ist, eigenschaftsloses, aller weltanschaulicher, inhaltlich gerichteter Überzeugung weitgehend verlustig gegangenes und höchstens noch aufs Grundgesetz festzunagelndes, rein formales Etwas, das man nicht mehr zu fassen kriegt – deswegen muss ja die ganze Zeit im Modus der Wertebeschwörung davon geredet werden.«
Aber, so Reents, »weltanschauliche und religiöse Neutralität des Staates« sei etwas anderes als »Keimfreiheit«. Gegen »Aufklärung« habe niemand etwas. Was heute aber nottäte, sei eine Aufklärung über unsere geistige Situation. Denn der »Nihilismus« stehe vor der Tür und lege nicht den geringsten Wert auf Freiheit. Reents versucht bei Nietzsche, Turgenijew, Dostojewski u.a. Erklärung zu finden. (Ausführlich zu diesem Thema: Pankaj Mishra im Winter-Heft von »Lettre International«)
Reents vermisst Transzendenz und Spiritualität, Friedfertigkeit, Barmherzigkeit, Nächstenliebe, Nüchternheit, Wachsamkeit, Bescheidenheit. Auf der Suche nach Sinn verirrten sich die Menschen heute nur noch in ein übertriebenes Gesundheitsbewusstsein, Yoga, Wellness und Hedonismus. Schließlich findet er bei Gottfried Benn die Beschreibung des westlichen Durchschnitts-Konsumenten: »der materialistisch organisierte Gebrauchstyp, der Montagetyp, optimistisch und flachsichtig, jeder Vorstellung einer menschlichen Schicksalhaftigkeit cynisch entwachsen, möglichst wenig Leid für den Einzelnen und möglichst viel Behaglichkeit für alle.«
Reents Fazit: »Fortschritt als Zynismus, der von Leiden und Tod nichts mehr wissen will, beides aber als Kolateralschäden, laufend verursacht – damit hätten wir eine für die westliche Gesellschaft vielleicht brauchbare Formel.«

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/freiheit-als-problem-betrachtet-wie-kann-der-westen-seinem-menschenbild-mehr-tiefe-geben-13944764.html

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Kommentar

Wir sind heute dankbar, wenn in den überregionalen Zeitungen an die alte Debattenkultur angeknüpft wird. Kritik heißt Weiterführen der Gedanken. Richtig ist, dass Nida-Rümelin die Idee der Humanität ins Spiel bringt. Reents formulierte seinen Einwand etwas zugespitzt und verwies auf die Problematik des westlichen Selbstverständnisses.

Vielleicht können wir festhalten:

1. Humanität ist keine bloß normative oder juristische Idee, kein »Durchschnittswert«, kein »kleinster gemeinsamer Nenner«.

2. Das westlichen Selbstverständnisse ist von Asepsis gekennzeichnet.

Zu Punkt 1

Nida-Rümlin kann sich auf die Tradition des Kantianismus berufen. Immanuel Kant wurde in den letzten Jahrzehnten vielfach zitiert, am häufigsten vielleicht von denen, die seine Texte nie lasen. Dabei vermochte Kant aus Hegelscher Sicht nicht einmal Begriffe zu formulieren. Kant brachte es nur zu abstrakt-allgemeinen Vorstellungen. Diese waren nie falsch, vermochten aber die konkrete Situation nicht konkret zu erfassen. Zudem sind diese abstrakt-allgemeinen Vorstellungen nicht entwicklungsfähig.

Um einen neuen Anfang zu finden, müssen wir deshalb die Grenzen dieser Denkweise überwinden.

Johann Gottfried Herder wagte einen solchen Neuanfang. In Auseinandersetzung mit seinem ehemaligen Lehrer Kant vermochte er an die tradierte Idee der Humanität anzuknüpfen und dennoch Humanität neu zu begründen.

Um aber Humanität zu definieren brauchte er mehrere hundert Seiten. 1784 erschien der erste Band der »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit«. Die französische Revolution zwang Herder zu einer Veränderung des Publikationsplanes. Einerseits musste er auf wichtige Veränderungen eingehen und andererseits unterlag auch er der sich verschärfenden Zensur. Die »Ideen« wurden unvollendet abgebrochen. Herder wählte nun die Briefform, um Humanität zu definieren. Die Fortsetzung der Bildungsgeschichte erfolgte in den »Briefe zu Beförderung der Humanität«. Aber auch diese Publikationsform musste Herder wegen der Zensurbedingungen und der Kompliziertheit der Entwicklung abbrechen. Von 1801 bis zu seinem Tode gab Herder die Zeitschrift »Adrastea« heraus. In feuilletonistischen Artikeln versuchte er die Entwicklung des 18. Jahrhunderts zusammenzufassen und einen Ausblick auf das 19. Jahrhundert zu geben. Die beiden Adrasteen (Wahrheit und Gerechtigkeit) begründeten ein Gesetz der Wiedervergeltung in der Menschheitsgeschichte. So wie man andere Menschen behandelte, so wird man wieder behandelt. Herder versuchte mit dieser Schwerpunktsetzung die französische Revolution zu verarbeiten. Einerseits war die Form des Aufstandes und ihre Folgen ein Echo auf die Behandlung des Dritten Standes durch Adel und Klerus. Andrerseits brachten die im Namen der Revolution verübten Gewalttaten wieder ein gewaltsames Echo hervor.

Streng genommen brauchte Herder diese drei umfänglichen Ansätze um den Humanitätsbegriff in seiner Zeit in einer Entwicklungsdefinition darzustellen. Dabei nähert er sich der Humanität gleichzeitig deduktiv und induktiv. Im Schwerpunkt seiner Methode stand die Hervorhebung des Momentes des Überganges von Allgemeinem in Besonderes und umgekehrt. (Hegel bezeichnete später dieses als das dialektische Moment.)

Herder versuchte also nicht »Humanität« als »Klasse gemeinsamer Merkmal« zu beschreiben. Er stellte die Genesis der Menschheit aus dem Allgemeinen zu ihrer Besonderheit dar. Aber auch die allgemeine Entwicklung der Menschheit fasste Herder in der Besonderheit der Völker. Die Besonderheit sah er in den Lebensverhältnissen begründet. Trotz Klimazonen gebe es auf der Erde keine zwei Punkte mit dem gleichen Klima. Abstrakte Vergleiche helfen nicht weiter. Das Besondere zu erfassen war für ihn das Ziel der Wissenschaft. Herder hob hervor, dass die Besonderheit der Kultur jedes noch so kleinen Volkes ein Existenzrecht besitze. Zugleich betonte er den allgemeinen, inneren Zusammenhang aller dieser Kulturen. Aber das Allgemeine hat keine separate Existenz.

Neben der historischen Methode betrieb Herder auch ein logisches Herangehen. Die »Struktur« von Humanität wird nach seiner Sicht von zwei »Säulen« bestimmt. Wissenschaft und Vernunft sind für Herder mit der praktischen und theoretischen zwecksetzenden Tätigkeit des Menschen verbunden. Im Kern ist Vernunft Skepsis, unsere Fähigkeit aus Fehlern zu lernen. Der Gegensatz von Vernunft ist der Glaube, der Versuch in einer Welt ohne Sinn einen Sinn zu stiften. Im Kern ist Glauben existenzielle Hoffnung.

Im gewissen Sinne ist Vernunft ungläubig und Glaube unvernünftig. Den Zusammenhang der Gegensätze erfassen wir in der Weisheit. Praktisch kommen die Gegensätze in der Poesie zusammen. Weisheit ist so etwas, wie der Geist von Poesie.

Zu Punkt 2

Edo Reents hatte die Asepsis, die faktische Leere des westlichen Selbstverständnisses thematisiert. Er hatte auf den Konsumismus als eine mögliche Ursache verwiesen. Paradox erscheint der Befund Reents, wenn man den universellen Anspruch der westlichen Kultur in die Überlegung einbezieht. Die westliche Kultur wird von deren Ideologen als die »Universalkultur« gepriesen. Man behauptet, dass es nur diese eine »Universalkultur« gäbe. Wer daran zweifelt, der wird als »Kulturrelativist« diskreditiert. Aber die Proklamierung einer regionalen Kultur zur Universalkultur ist schon theoretisch fehlerhaft. Das Allgemeine kann nicht durch eine besondere Kultur repräsentiert werden. In allen Kulturen gibt es allgemeine und  besondere Momente. Aber das »Allgemeine an sich« ist eine leere Abstraktion. Nichtwestlichen Völkern verbleibt nach der »Universalkultur«-Theorie nur die »nachholenden« Entwicklung zur Zivilisierung. »Zivilisierung wider Willen« hatte das Dieter Senghaas 1998 zustimmend genannt. Der »Rest der Welt« hatte dem Anschein nach keine Wahl. Es gebe nur den »Weg nach Westen«, den man mit »Fortschritt« gleich setzte.

Aber Samuel Huntington hatte 1993 schon darauf verwiesen, dass mit dem Sieg des Westens im Kalten Krieg nicht nur die Ideologie des Ostens sondern auch die des Westens verschwand. Der »Weg nach Westen« führt heute ins Nichts.

Paul Kennedy konstatierte in seinem Buch vom Aufstieg und Fall großer Mächte, dass die westliche Entwicklung Anzeichen einer klassischen Überdehnung aufweise. Dem Anschein nach unterliegt auch das westliche Selbstverständnis als »die Universalkultur« dem Prozess der Überdehnung.

Zugleich sind die Völker Asiens, Lateinamerikas und Afrikas dabei, ihr Gewicht auf die Waagschale zu bringen, dass sie bis 1492 besaßen. Auch darauf hatte Samuel Huntington 1993 bereits verwiesen. Der wissenschaftliche Diskurs hatte im deutschsprachigen Raum aber bei diesem Debattenbeitrag versagt, wie es Ulrich Menzel 1998 konstatierte.

Zusammenfassung

Der Weg der Proklamation von Universalität auf juristisch-abstraktem Weg ist eine Sackgasse. Eine auf Weisheit basierende Humanität vermag dagegen die Kulturen und Religionen der Völker dieser Erde ernst zu nehmen. Mehr noch. Die auf Vernunft und Glauben basierte europäische Idee der Humanität könnte im 21. Jahrhundert eine Brücke der Vermittlung im Streit der Kulturen und Religionen, in einem gemeinsamen Lernprozesses sein.

Das kleine Österreich demonstriert uns, wie diese »Brückenfunktion« Europas praktisch aussehen könnte.

»Der Anfang der Weisheit«, hier zitiert Herder Salomo, »ist die Demut«.

Universalität kann man nicht durch Anmaßung erlangen, man bekommt sie geschenkt. Vielleicht reicht es nach Größe zu streben. Aber Größe, so Henry James, ist nicht »Sterben für das Vaterland« oder ähnliches, sondern Denkversessenheit und Wachheit.

Johannes Eichenthal

Hinweis auf eine weiterführende Diskussion: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/streitgespraech-sind-wir-christen-noch-bei-trost-13982147.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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One thought on “Humanität und Humanität

  1. Wovon wird das Denken der Menschen – wovon das Denken der Menschheit bestimmt? Ersteres, das ist wohl unstreitig, besteht in der Befriedigung wachsender Bedürfnisse des Einzelnen, wie solcher großer Gruppen von Menschen, unter Maßgabe der gegebenen Lebensbe-dingungen, insbesondere der Umwelt. Letzteres, das im Interesse der Menschheit begründete Denken, verdeutlichte die unlängst beendete Welt-Klima-Konferenz in Paris. Es geht um die Erhaltung des Lebens auf dieser Erde! Es geht um die Sicherung und den Erhalt der existentiellen Lebensbedingungen der Menschheit!
    Dem steht das Unvermögen gegenüber, aus Machtinteressen das Leben der Menschheit aufs Spiel zu setzen. Gehen wir davon aus, dass der Mensch das einzige uns bekannte vernuftbegabte Wesen ist, so ist es an der Zeit, aus all den Fehlern der Menschheitsgeschichte zu lernen, das drohende Unheil abzuwenden. Andererseits wird das Denken, Fühlen und Handeln der Weltbevölkerung maßgeblich vom Glauben, sprich der Zugehörigkeit zu einer Religion bestimmt. Wenn Glaube Hoffnung verheißt, dann verbindet sich diese vordergründig mit „Visionen jenseits vom Mühsal unserer Erdentage“.
    Sprechen wir von einer Annäherung, einer Angleichung beider Seiten, so postuliert Eichenthal – die Weisheit als Kern des Denkens, deren Voraussetzung die Demut ist. Die existentiellen Fragen, die das Leben des Einzelnen, wie das Leben aller betreffen, sind die Grundlage für jene von Eichenthal als Voraussetzung genannte
    Demut. Dieses hohe Ziel ist nicht im engen Kreis von postulierten Leitkulturen zu erreichen, es ist übergreifender Natur – und
    schließt alle Kulturen dieser Erde als gleichberechtigt sogar als Bedingung ein. Der Weg dorthin führt nur über den Pfad der Toleranz, einem Denken, welches auch den Andersdenkenden achtet. Ein solche Vielgestaltigkeit ist aber nur über einen längeren Zeitraum (Kulturräume schließen grundsätzlich längere Zeiträume für ihr Entstehen ein) zu erreichen, schließt sie doch ein Umdenken vieler Menschen ein, die von ihren derzeitigen „Überzeugungen“ das Rechte zu tun, möglicher- wie notwen-digerweise zu neuen Erkenntnissen finden müssten. Die rein praktische Frage ist für mich, wer löst dieses Problem? Sind es die führenden Häupter der Regierungen, die Männer und Frauen an der Spitze der Völker dieser Erde? Oder bedürfen sie des Konsens mit den geistlichen Oberhäuptern der Welt-Religionen, um einen gemein-samen Weg des guten Willens zu gehen?
    Natürlich bedeutet das einen weitgehenden
    Verzicht auf „Vorherrschaft“ – im Gegenteil
    es setzt Gleichberechtigung voraus, die auf Ausgleich der gegensätzlichen Interessen orientiert ist, um für die Fragen der Menschheit Antworten und Lösungs-wege zu fixieren.

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