Buchholzer Schmelzhütten
Reportagen

BUCHHOLZER SCHMELZHÜTTEN IM 16. JAHRHUNDERT

Die Stadt Annaberg-Buchholz entstand nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 aus der Vereinigung zweier Städte, die beide zu etwa der gleichen Zeit gegründet wurden. Der heutige Ortsteil Buchholz erwuchs 1495/96 aus einer kleinen Silberbergbau-Ansiedlung im Sehmatal, die 1501 von Kurfürst Friedrich dem Weisen das Stadtrecht erhielt. Der Grund-und-Boden war im Besitz des Zisterzienser-Klosters Grünhain. Die entstehende Kirchgemeinde gehörte bis zur Reformation zum Erzbistum Prag. Durch die Familienstreitigkeiten der Herrscherfamilie bedingt wurde Sachsen geteilt. Die Grenze zwischen Ernestinischen und Albertinischen Sachsens verlief zwischen den beiden Städten Annaberg und Buchholz. Auf dem Buchholzer Marktplatz steht ein Denkmal des ernestinischen Landesherren Friedrich III., der Weise (1463–1525). Von Anfang an war die entstehende Stadt durch Bergbau in der Ortslage geprägt. Die Bürgerinitiative „Pro Buchholz“ lud am späten Nachmittag des 28. Dezember des zu Ende gehenden Jahres zu einer Laternenwanderung zu ehemaligen Hüttenstandorten in Buchholz ein. Erstaunlich viele interessierte Menschen, auch aus anderen Städten, folgten der Einladung.

Buchholzer Schmelzhütten

Langsam sammelten sich Wanderfreunde aller Altersgruppen, von Vorschulkindern bis zu Bergbau-Veteranen, auf dem Buchholzer Rathausplatz, und viele brachten eine Laterne mit.

Buchholzer Schmelzhütten

Michael Schuster, der vor vielen Jahren in Freiberg Nichteisenmetallurgie studierte, begrüßte die Gäste. Er verwies darauf, dass die öffentliche Wahrnehmung in Sachen Erzgebirge auf den Bergmann gerichtet sei. Sie wird durch „Bergmänner“ zementiert, die meist im Habit des Reglements von 1830 an Bergparaden teilnehmen. Doch die Bergleute förderten Erz, kein Metall. Das gewonnene Erz musste erst verarbeitet, um zu Metall zu werden. Der Ort der Erzverarbeitung wurde „Hütte“ genannt. Anfang des 16. Jahrhunderts gab es etwa elf solcher Hütten im Sehmatal zwischen Cunersdorf und der Mündung in die Zschopau. Drei ehemalige Standorte solcher Schmelzhütten auf ehemaliger Buchholzer Flur wolle er bei der Wanderung vorstellen. 

Buchholzer Schmelzhütten

Bei der Errichtung dieses Hauses wurden im Jahr 1930, Fundamente einer ehemaligen kurfürstlichen Schmelzhütte gefunden. Die Einzelheiten wurden damals in der lokalen Presse publiziert. Eine gegenüberliegende Bäckerei entstand aus einer Mühle, die 1520 neben dem Hüttenstandort errichtet wurde und heute als „Stiefelmühle“ bekannt ist.  

Buchholzer Schmelzhütten

Michael Schuster erklärte, dass der Silberanteil am Erzaufkommen sehr klein war und etwa bei 0,1 % gelegen hat. Für die Befeuerung der Hüttenöfen wurden große Mengen Holzkohle benötigt. Das Erzgebirge war um diese Zeit nahezu entwaldet. Um das Silber im Schmelzprozess aus dem Erz herauszulösen wurde Blei benötigt. Blei hat die Eigenschaft edlere Metalle im geschmolzenen Zustand in sich aufzunehmen. Im 16. Jahrhundert bezog man im Erzgebirge jährlich etwa 650 Tonnen Blei aus dem Harz, aus Polen und Böhmen. Es wurde mit Pferdewagen herantransportiert, die jeweils eine Tonne laden konnten. Die Gewinnung eines Kilogramm Silbers benötigte also einen sehr großen Aufwand. Letztlich wurde dieser getätigt, weil Silber, wie Michael Schuster ergänzte, ein „Währungsmetall“ war. In Buchholz wurden in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ca. 22 Tonnen Silber ausgebracht. 

Buchholzer Schmelzhütten

An der Rückseite des ehemaligen Buchholzer Rathauses erinnerte Michael Schuster daran, dass hier einst das Gebäude der „Münze“ stand, in dem die Währung geprägt wurde und das in der Hütte hergestellte Rohsilber noch zu reinem Silber gebrannt werden musste. Hier gab es ab 1507 die Brenn- und Silberkammer und ab 1512 die Münzstätte, bis diese nach Dresden verlegt wurde.

Buchholzer Schmelzhütten

Die Laternen-Wanderung führte weiter am Stollenmundloch „Heilige Drei Könige“ zur Hutmacherstraße und dann auf die Brauhausstraße, die sich parallel zum Wasserlauf der Sehma zieht.

Buchholzer Schmelzhütten

Am Beginn der Brauhausstraße eröffnet sich der Blick auf eine ebene Fläche, heute bebaut durch eine tierärztliche Klinik. Hier befand sich ein weitere Hüttenstandort. Vor allem wurden an dieser Stelle kiesige Erze aus dem „St. Conrad“- und „Heilige Drei Könige Stolln“ verarbeitet. Michael Schuster erinnert daran, dass im 16. Jahrhundert zwar nur sieben Metalle bekannt waren, dass aber dennoch präzise Analysen der Bestandteile des Erzes vorgelegt wurden. Der zuständige Beruf hieß „Probierer“. Hier hob Schuster den in Annaberg aufgewachsenen Lazarus Ercker (1530–1594) hervor. Nach dem Besuch von Latein- und Rechenschule ging er zum Studium nach Wittenberg. Im Anschluss arbeitete er als „Probierer“ in Annaberg, Dresden, Goslar u.a. Orten. Letztlich wurde er an den Hof Kaiser Rudolf II. von Habsburg nach Prag berufen. Dort entstanden auch die wichtigsten Werke Erckers. Er konnte aufgrund seiner praktischen Arbeiten und Forschungen zum Begründer der analytischen Chemie im Montanwesen werden.

Buchholzer Schmelzhütten

Schließlich führte die Wanderung zum Standort einer ehemaligen Zinnhütte, gegenüber dem ehemaligen Buchholzer Friedhof, heute als „Große Wendeschleife“ bekannt. Erze wurden meist in der Nähe der Gruben verarbeitet und das Zinnrevier befindet sich hier nicht weit im Buchholzer Wald entfernt. Hier verwies Michael Schuster darauf, dass auch die Belastungen der Einwohner aus Bergbau und Hütten im 16. Jahrhundert groß war. Die Röstung und Verhüttung der an Schwefel und Arsen gebundenen Erze brachte giftige Dämpfe hervor, die ausnahmslos in die Atmosphäre gingen. Das nahmen die Menschen alles in Kauf, um Metall aus den begehrten Schätzen aus der Erde zu holen. Auch heute, so Michael Schuster, werden große Anstrengungen unternommen, um bestimmte Metalle zu bergen. Für alle Bildschirme von Smartphones ist zum Beispiel „Indium“ notwendig, für die Stahlveredlung Wolfram, für Batterien Lithium und Cobalt. Im Erzgebirge werden zurzeit Vorhaben zum Abbau von verschiedenen Ressourcen vorangetrieben. Der Mensch stehe immer vor der Abwägung. Einerseits sind bestimmte Rohstoffe für die Wirtschaft notwendig, andererseits wird beim Abbau großer Aufwand notwendig und es entstehen zum Teil irreversible, nicht beabsichtigte Veränderungen der Landschaft. 

Buchholzer Schmelzhütten

Die Wanderung endete am Eingang zum Besucherbergwerk „Dorothea-Stolln“, hier konnten sich die Wanderer an einem Stand der Buchholzer Traditionsfleischerei Petzold stärken. 

Buchholzer Schmelzhütten

Die Gäste konnten den Zugang zum Besucherbergwerk betreten, aber der Besuch des Bergwerkes ist mit so viel neuen Informationen verbunden, dass wir uns vornahmen wiederzukommen.

Der Bürgerinitiative „Pro Buchholz“, Michael Schuster und den vielen Interessierten ist zu danken. Es war ein Ereignis.

Clara Schwarzenwald

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

Information

Bürgerinitiative „Pro Buchholz“: https://pro-buchholz.de

Besucherbergwerk Dorothea-Stolln: https://www.dorotheastollen.de

Traditionsfleischerei Petzold: https://www.fleischereipetzold.de

Von Michael Schuster erschienen im Mironde-Verlag

Buchholzer Schmelzhütten

Der Zwerg aus dem Berg. Eine Zeitreise in die Montanregion Erzgebirge/ Krušnohoří.

Fester Einband, runder Rücken, 23,0 × 3,0 cm, 96 Seiten, zahlreiche farbige Abbildungen und Fotos

VP 17,95 Euro; ISBN 978-3-96063-048-7 

https://buchversand.mironde.com/p/michael-schuster-der-zwerg-aus-dem-berg

Der Zwerg aus dem Berg. Bildergeschichte einer Zeitreise in die Montanregion Erzgebirge/ Krušnohoří. Für Kinder ab 3 Jahre. Klammerheftung, 14,8 × 14,8 cm, 16 Seiten, Illustration von Birgit Eichler

VP 3,95 Euro; ISBN 978-3-96063-058-6 

https://buchversand.mironde.com/p/michael-schuster-der-zwerg-aus-dem-berg-bildergeschichte-einer-zeitreise

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