Reportagen

DIE WIEDERENTDECKUNG WERNER KLEMKES

Mit der Aufführung des Dokumentarfilmes »Treffpunkt Erasmus. Die Kriegsjahre Werner Klemkes« ging am 15. April 2018 eine Werkausstellung Werner Klemkes (12. März 1917– 26. August 1994) im Chemnitzer Schlossbergmuseum zu Ende. Mit dieser Ausstellung wurde die längst fällige Wiederentdeckung Werner Klemkes als künstlerisches Schwergewicht eingeleitet. Das Schlossbergmuseum ist im ehemaligen Chemnitzer Benediktiner-Kloster untergebracht, auf einem Hügel über dem Schlossteich, dem wahrscheinlich ältestem Bauwerk der Stadt.

Museumsleiter Uwe Fiedler (li.) begrüßte Annet Betsalel, die Regisseurin des Dokumentarfilmes »Treffpunkt Erasmus«, und fragte nach der Entstehungsgeschichte des Filmes.

Die Zuschauer verfolgten im Anschluss gebannt die Filmerzählung von Klemkes Zeit in Holland während des Zweiten Weltkrieges, und seine Zusammenarbeit mit Samuel »Sam« van Perlstein, einem holländischen Juden, der seinen »Ahnennachweis« fälschen ließ, nach seiner Anerkennung als »Arier« sein requiriertes Vermögen zurückforderte, ein Netzwerk von Gleichgesinnten aufbaute, zu dem auch deutsche Soldaten gehörten, das sich oft in der 1934 von einem deutschen Juden, Abraham Horodisch aus Berlin, gegründeten Amsterdamer Buchhandlung & Antiquariat »Erasmus« traf. Werner Klemke fälschte im Auftrag des Netzwerkes unter anderem auch Lebensmittelmarken, die für die Versorgung der etwa 500 geretteten Menschen benötigt wurden. Van Perlstein verwendete sein Vermögen, um die Lebensmittel zu bezahlen. Das Netzwerk war offen für alle Verfolgten: Juden, Wehrmachtsdesserteure, Kommunisten u.v.a.

Die Zeitzeugen berichteten, dass sie trotz aller Anspannung und aller Gefahr auch viel feierten und lachten. Es wird damit deutlich, dass man diese Zeiten, in denen korumpierte Politiker die Grenzen des Rechts und des Völkerrechts überschritten, mit kulturell begründetem Widerstand überleben konnte. Klemke schuf zu solchen Zwecken das fiktive Kriegstagebuch des Landsers Vogel. Diese Figur wurde im Film immer wieder als Trickfilmsequenz gezeigt. (Klemke war auch Trickfilmzeichner.)

Der Film »Treffpunkt Erasmus«zeigt Werner Klemke in einer Rolle, über die er später nie sprach. Wir vergessen heute oft, dass Subversion unter Kriegsbedingungen lebensgefährlich war. Aber Subversion ist eben Sub-Version. Wenn man sich offen als Kriegsgegner zu erkennen gab, dann war es schnell aus mit dem Widerstand. Man musste also eine Doppelrolle spielen, sich unter Umständen sogar als etwas ausgeben, was man nicht war. Oft wurde den Widerständlern solch doppeltes Spiel später zum Verhängnis. Als man wieder ungefährlich leben konnte verurteilten Menschen mit »weißer Weste« die Subversiven von einst als »Opportunisten«. Vielleicht wollte Klemke solchen Anwürfen aus dem Weg gehen, weil er  die frühere Situation nicht erklären konnte und wollte?

Das Chemnitzer Buchhändlerehepaar Ebert und der Augsburger Büchersammler Matthias Haberzettl (re.). Die Buchhandlung Ebert war mit einem liebevoll gestalteten Büchertisch und vielen Büchern vertreten, die Werner Klemke gestaltete. Am Vorabend hatte die Buchhandlung bereits die Buchlesung des Schwiegersohnes von Klemke, Chaim Noll, im Schlossbergmuseum ermöglicht. Günter Ebert eröffnete die Lesung mit einer Rede. (Den Text geben wir am Ende der Reportage wieder.)

Matthias Haberzettl, der Schatzmeister der Pirckheimer-Gesellschaft, deren Mitbegründer Werner Klemke 1956 war, ist der bedeutendste Sammler von Klemkes Arbeiten. Im Film kommt er mit der Äußerung zu Wort, dass eine Dame aus Großbritannien kritisch von DDR-Zöllnern befragt wurde, wohin sie in der DDR wolle. Darauf antwortete sie, Werner Klemke besuchen zu wollen. Darauf seien die Zöllner wie umgewandelt gewesen. Welcher Bildende Künstler, so Haberzettl, hätte soetwas noch vorweisen können? Ihn begeistert die Vielseitigkeit Klemkes. Auch wenn die Ausstellung aus der Sammlung Haberzettl Klemkes Werk nur in einem einzigen Raum präsentiert werden konnte, wurde jedem Besucher auf den ersten Blick die Vielseitigkeit und breite handwerkliche Basis des Kunst-Professors deutlich. Von Henry van de Velde stammt der Satz, dass es nur angewandte Kunst geben kann. Es geht nicht darum Kunst für die Depots oder den Event zu schaffen, sondern darum, Humanität zu begründen. Klemke wandte seine handwerkliche Kunst an, um unsere Welt in kleinen Schritten besser zu machen. Etwa 800 Bücher wurden von ihm im Sinne Pirckheimers gestaltet. Die Titelgestaltungen der Zeitschrift »Das Magazin«, die ihn populär machten, waren nur die »Spitze des Eisberges« seiner Fähigkeiten. Das Filmplakat Klemkes für den Konrad-Wolf-Film »Goya« macht deutlich, dass er den Stil Goyas mühelos adaptieren und weiterführen konnte. In der Ausstellung werden die Stilwechsel Klemkes sichtbar. Dazu Holzstiche, die auf den ersten Blick in der Qualität von Radierung erscheinen. Unser Fazit: An Klemke ist alles »echt«.

Am 17. April 2014 hatte Galerist Matthias Lehmann im Lunzenauer »Prellbock« und in der Lunzenauer Kirche Matthias Haberzettl zur ersten Präsentation der Klemke-Sammlung in der Region Chemnitz-Zwickau begrüßt. Dem Chemnitzer Schlossberg-Museum, der Buchhandlung Ebert und dem Pirckheimer Matthias Haberzettl ist es zu danken, die Lunzenauer Anregung weitergeführt zu haben. Mit dem 15. April 2018 wird die Unsterblichkeit des Werkes Klemkes noch deutlicher sichtbar. Die von ihm gestalteten Bücher werden noch in Jahrhunderten Leser erfreuen.

Clara Schwarzenwald

Information

Eröffnungsrede von Günter Ebert

So spannend ist das Leben – oder wie die Klemke-Ausstellung nach Chemnitz kam?

Sehr geehrte Damen und Herren, gestatten Sie, dass ich mich kurz vorstelle: Ich heiße Günther Ebert und wurde an einem Sonntag während des Hochwassers im Juni 1954 geboren. Von 1961 bis 1969 besuchte ich die Josephinenoberschule, die zwischenzeitlich in Clara-Zetkin-Oberschule umbenannt wurde. Ab 1969 lernte ich an der Karl-Marx-Oberschule (KMO) und legte 1973 das Abitur ab. Von November 1973 bis April 1975 war ich bei der NVA. Vor und nach der Armee arbeitete ich in der Rohkonservenfabrik Spann & Sohn. Im September 1975 begann ich mit dem Studium an der TH Karl-Marx-Stadt; zwei Semester Mathematik, danach bis zum Diplom Plast- und Elasttechnik. Ich durfte nicht an der Hochschule bleiben und promovieren, weil ich meine Bereitschaft, Reserveoffizier zu werden, nicht erklärt habe. Deshalb begann ich dann 1981 im Forschungszentrum des Werkzeugmaschinenbaues meine berufliche Tätigkeit. 1983 beendete ich ein postgraduales Studium zum »Fachübersetzer Russisch-Deutsch« an der TH Karl-Marx-Stadt und meldete ein »Verfahren zum Druckanpassen plastwerkstoffbeschichteter Maschinenbauteile an Gleitführungen« zum Patent an, das 1987 bestätigt wurde. 1984 wechselte ich in den VEB Textimaforschung Malimo und begann nebenberuflich als Vertriebsmitarbeiter des Volksbuchhandels Bücher zu verkaufen. Um diese Tätigkeit weiter ausführen zu können, meldete ich 1990 ein entsprechendes Gewerbe an. Von Oktober 1987 bis Juni 1991 absolvierte ich ein theologisches Fernstudium bei der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen. Und jetzt zum eigentlichen Thema. Anfang 1992 kündigte ich beim Textilmaschinenhersteller Malimo, um als selbständiger Verlagsvertreter, vor allem für die Meisinger Verlagsgruppe, zu arbeiten. Hans Meisinger hatte schon den Postreiter Verlag von der Treuhand gekauft und im Juli 1992 kam, neben anderen Verlagen, auch der Kinderbuchverlag Berlin dazu. Insgesamt arbeiteten für Meisinger in Deutschland 20 Vertreter im Außendienst, davon vier aus dem Osten, komplett bzw. teilweise in den neuen Ländern. Und wir vier wollten nach dem Struwwelpeter von Hans-Georg Stengel so schnell wie möglich das Märchenbuch der Gebrüder Grimm mit den Klemke-Illustrationen wieder in die Buchhandlungen bringen. Doch die 16 Kollegen aus den alten Ländern waren strikt dagegen. Das Buch sei absolut unverkäuflich. Eines Tages kam Herr Meisinger zu mir und fragte: Trauen sie sich zu das Buch zum Preis von 29,80 DM zu verkaufen und zwar 20.000 Stück, weil es sich sonst überhaupt nicht rechnen würde. Ich vertraute auf mein Gefühl und auf meine drei anderen Kollegen und sagte ja. Im September 1996 kamen dann 10.000 Stück auf den Markt und im November waren diese, vorwiegend im Osten verkauft. Damit war die Grundlage für das Erscheinen aller anderen DDR-Klassiker aus dem Kinderbuchverlag gelegt. Leider verkaufte Hans Meisinger 1998 seine Verlagsgruppe, und die Nachfolgerin steuerte dann in die Pleite. Ich wechselte 2000 zum Dorling Kindersley Verlag. Der Beltz Verlag kaufte 2002 die Rechte an einigen Verlagen aus der Insolvenzmasse. Deshalb erscheinen die Klassiker aus dem Kinderbuchverlag und auch die Sammelbände davon jetzt bei Beltz. Der Buchverkauf lief parallel zur Vertretertätigkeit weiter und 1995 eröffneten wir unsere eigene Buchhandlung, die von meiner Frau geleitet wird. Am 04. Dezember 2014 erhielten wir von der Literaturagentin Evelyn Rahm ein e-mail, »dass der deutsch-israelische Schrifsteller Chaim Noll 2015 im März und Mai auf Lesereise in Deutschland sein wird«, und ob wir Interesse an einer Lesung hätten. Dieter Noll, sein Vater, legte das Abitur am heutigen Agricola-Gymnasium ab (wie auch ich und unsere Kinder) und schrieb dann »Die Abenteuer des Werner Holt«. Also sagten wir zu und erfuhren in einem weiteren e-mail am 05.12, dass Chaim Noll »auch gerne privat übernachtet«. Für uns passte alles. Am 16. März fand dann die Lesung aus »Schmuggel über die Zeitgrenze« in unserer Buchhandlung statt, allerdings ohne Buch, weil Monika Maron eine einstweilige Verfügung dagegen erwirkt hatte. Am Abend fragte mich Chaim Noll dann, was ich vorher getan hätte. Und ich erzählte die Geschichte aus den Jahren 1992 bis 2000. Nachdenklich meinte er dann: »Jetzt wird mir klar, warum wir plötzlich Tantiemen für das Märchenbuch erhielten, als wir gerade nach Israel ausgewandert sind«. Ich völlig verwundert: »Wieso?« Und er: »Meine Frau ist doch die Tochter von Werner Klemke, und ich muss sie gleich informieren«. Inzwischen war Chaim Noll schon mehrmals Gast bei uns. Nach dem Erscheinen des Andersen-Märchenbuches mit Illustrationen aus dem Nachlass von Werner Klemke im Beltz-Verlag 2017 kamen wir dann auf die Idee einer Ausstellung in Chemnitz. Chaim Noll vermittelte den Kontakt zu Matthias Haberzettl. Aus dem Museum am Theaterplatz erhielten wir dann den Hinweis zum Schlossbergmuseum. Und den Kontakt zu Uwe Fiedler vermittelte schließlich Andre Grunewald, Inhaber der Breitband-Agentur. Jetzt kennen Sie die ganze Geschichte, und Chaim Noll kann beginnen, aus den »Erinnerungen an Werner Klemke« zu lesen.

Link zur Litterata-Reportage von der Klemke-Ausstellung in Lunzenau 2014

https://www.mironde.com/litterata/3536/reportagen/werner-klemke-im-prellbock

Link zur Pirckheimer Gesellschaft https://www.pirckheimer-gesellschaft.org

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