Reportagen

JAHRESTAGUNG DER PIRCKHEIMER-GESELLSCHAFT IN MAINZ

Vom 6.–8. September kamen Mitglieder der 1956 in Berlin gegründeten Pirckheimer-Gesellschaft e.V. im Mainzer Gutenberg-Museum zum Jahrestreffen 2019 zusammen. Namensgeber der Gesellschaft ist der Humanist und Bibliophile Willibald Pirckheimer (1470–1530).

Am Abend des 6. September begrüßte Pirckheimer Vorsitzender Ralph Aepler (2. v. li.) die Mitglieder im Plenarsaal des Gutenberg Museums und im ersten Programmpunkt Florian Rötzer (li.) und Pauline Altmann (2. v. re.) vom Berliner Matthes & Seitz Verlag. Beide stellten im Gespräch mit Til Schröder (re.), dem Chefredakteur der Pirckheimer-Zeitschrift Marginalien, ihren Verlag vor.

Am Morgen des 7. September besuchte ein Teil der Mitglieder die Buchbinderei Gärtner-Fiederling in der Mainzer Innenstadt. Johannes Schneider stellte den Betrieb vor.

Der andere Teil der Mitglieder fuhr hinaus zur Gonsenheimer Straße, wo der Verlag Hermann Schmidt seinen Sitz hat.

Karin und Bertram Schmidt-Friderichs stellten den Gästen ihren Verlag vor. Karin Schmidt-Friderichs, die neu gewählte Vorsteherin des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, das Amt wird sie Ende Oktober antreten, vermochte die Vorstellung einzelner Bücher des Verlags mit amüsanten Geschichten und Anekdoten zu verbinden. Es schloss sich eine Diskussion grundsätzlicher Fragen der Buchbranche an.

Am Nachmittag standen eine Sonderführung im Gutenberg-Museum und eine Buchvorstellung auf dem Programm.

Für den Abend des 7. September hatte die Gesellschaft in den Georg-Forster-Saal des Mainzer Schlosses eingeladen. Der Vorsitzende Ralph Aepler begrüßte um 19.45 Uhr mit großer Freude die Gäste und die Diskussionspartner des Abends: die Verlegerin Karin Schmidt-Friderichs und Denis Scheck, einen der letzten Kulturjournalisten. Das Motto der Diskussion war: Die Zukunft des Buches ist schön!

Denis Scheck formulierte sehr taktvoll, dennoch zielgerichtet, in mehreren Anläufen seine wesentliche Fragestellung: Warum ist das Ansehen des Bücherlesens heute auf einem relativen Tiefstand? Warum ist das Bücherlesen nicht mehr positiv besetzt? Warum wurden in den 1970er Jahren Bibliotheken neu eröffnet, während heute viele wie Kaufhaus-Filialen kurz vor dem Konkurs aussehen? Warum mussten Politiker in den 1970er Jahren, wenn sie gewählt werden wollten, wenigstens den Anschein erwecken als ob sie etwas von Literatur und Kunst verstünden und heute nicht mehr?

Karin Schmidt-Friderichs verwies in ihrer ersten Antwort auf ein, ihrer Meinung falsches Erscheinungsbild von Büchern hin und variierte das Thema in der Folge: viele Bücher seien zu sehr mit den Themen »Schule« und »Lernen« verbunden, mit dem Kanon des Deutschunterrichts.
Denis Scheck antwortete darauf, dass Bücher für ihn immer Mittel zur Befreiung, auch der Befreiung von der Schule waren. Obwohl Karin Schmidt-Friderichs versuchte darauf einzugehen, erfolgte im Kern keine Annäherung der Positionen.
Die Kernthesen der beiden Diskutierenden waren deutlich geworden. Denis Scheck sieht die Krise des Buchlesens mehr im Zusammenhang mit der ins Stocken gekommenen sozialen Emanzipation und Karin Schmidt-Friderichs mehr in der negativen Konnotation von Büchern mit Lernen, Schule und Kanonbildung.

Die Zuschauer verfolgten gespannt den interessanten Diskurs. Erst gegen 21.12 Uhr beendete der Vorsitzende die Diskussion, dankte Aktiven und Gästen, und lud zum ausgezeichneten Pfälzer Wein ein. Das Publikum dankte mit herzlichem Applaus.

Der Vorsitzende der Pirckheimer-Gesellschaft dankte Karin Schmidt-Friderichs und Denis Scheck für ihr Engagement mit einem Buchgeschenk.

Am Sonntagmorgen kamen die Mitglieder noch einmal im Plenarsaal des Gutenberg-Museums zusammen. In der Mitgliederversammlung wurde Halberstadt als Ort des Jahrestreffens 2020 bestätigt und Hamburg für 2021 ausgewählt.

Mainzer Denkmal zu Ehren des Unternehmers, Technikers und Erfinders des neuzeitlichen Buchdrucks Johannes Gutenberg (geb. um 1400, gest. 3.2.1468). Eigentlich lautete sein Name Johann oder Henne oder Henchen oder Hengin Gensfleisch.

Kommentar
Höhepunkt des Jahrestreffens war vielleicht die Diskussion zwischen Karin Schmidt-Friderichs und Denis Scheck. Hier könnte und müsste angeknüpft und fortgesetzt werden.
Der Namensgeber Pirckheimer wird mitunter auf den Buchliebhaber reduziert. Aber er war ein humanistischer Buchliebhaber oder ein bibliophiler Humanist. Wenn man seinem Erbe gerecht werden will, dann muss man die Verbindung von Buch und Bildung zur Humanität weiterführen.
Den Organisatoren der Jahrestagung ist für die gute Vorbereitung der vielfältigen Veranstaltungen zu danken.
Johannes Eichenthal

Information
www.pirckheimer-gesellschaft.org

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