Rezension

SAGEN SIND KEINE MÄRCHEN, ODER?

Sehr geehrte Damen und Herren, wir freuen uns, einen Gastbeitrag von Prof. Dr. Reiner Neubert veröffentlichen zu dürfen.

Johannes Eichenthal


Soeben erschien im Mironde-Verlag Niederfrohna im großformatigen Paperback das Buch »Nixen, Geister und Ritter. Sagen zum Ausmalen aus Chemnitz und Umgebung« (2020). Die Texte berichten über Begebenheiten und Personen, die in unterschiedlichen Jahrhunderten im Umfeld von Oederan im Osten bis Waldenburg im Westen, von Rochlitz im Norden bis Bärenstein im Süden existierten. Sie gehen allesamt zurück auf eine Sagensammlung des verdienstvollen Lehrers Horst Strohbach (1886–1978), der die vorliegenden Texte für die Bildung und Erziehung seiner Schüler in Burgstädt und Oberfrohna aufbereitete, wie dem umfangreichen und aussagekräftigen Nachwort der Herausgeber zu entnehmen ist. Dort ist auch zu lesen, wie sich die Sagen bis heute entwickelten – als ein Element der Volkspoesie von Herder über die Brüder Grimm bis zu den Volkssagen von Leander Petzold – und noch jetzt Jung und Alt zu erfreuen vermögen. Diskutiert wird dort auch die Frage, ob die Sagen einen »wahren Kern« (S. 108) enthalten.
Helga und Hansgeorg Meyer aus Chemnitz bzw. Limbach-Oberfrohna, die in und nach den 1970er Jahren in der DDR nicht nur selbst Sagenbücher edierten, sondern sich auch theoretisch zu dieser epischen Form äußerten, verwiesen darauf, dass Sagen im Volk entstanden seien, mündlich überliefert und immer weiter erzählt worden seien sowie einen wahren Kern aufweisen würden.

Prof. Dr. Reiner Neubert

Birgit und Andreas Eichler stellen das zwar nicht gänzlich in Frage, aber vermerken, dass die Sagen und auch die übrige Volksliteratur eher das »Unsagbare, Unfassbare« (111) schildern und derart über den Sprachgebrauch zum eigenständigen Denken anregen würden.
Da wird am Taurastein in einem Teich eine wunderschöne Nixe gesichtet, die just von einem Grafen aus Rochsburg entdeckt, umworben und geehelicht wird. Überhaupt scheint es im Raum Burgstädt und im Chemnitztal mehrere Nixen gegeben zu haben. Einige Texte widmen sich dem Ritter Haubold, der oft in Kämpfe mit Vertretern seiner Zunft im Umkreis von Waldenburg geriet. Die Burg Rabenstein, das Sühnekreuz Röhrsdorf, das Wasserschloss Klaffenbach stehen ebenso im Fokus wie die Finkenburg Oberfrohna, die Berggeister in den Greifensteinen, die Schlosslinde auf Augustusburg oder die Teufelsbrücke in Hetzdorf u. v. a. Oft sind Ritter, Mönche und arme Leute im Blickpunkt der Schöpfer jener Geschichten, aber auch Teufel, böse Geister und spukende Gestalten, die bis heute ihr Unwesen zu treiben scheinen: Im Sauberg bei Rochlitz geht eine weiße Frau umher, ebenso in der Sachsenburg.
In einigen Sagen werden konkrete Jahreszahlen des jeweiligen Ereignisses genannt, um die Authentizität, also den »wahren Kern« glaubhaft zu fixieren. Da soll am 12. Juni 1623 ein Reiter ohne Kopf in den Malzteich nahe Gelenau gestürzt sein; eine Frau habe 1415 einen Ritter bei Kriebstein errettet; um 1847 habe ein Salzschenk zu Wittgensdorf versucht, einen böhmischen Händler zu betrügen; nach 892 solle man versucht haben, in Kühnhaide eine Glocke zu retten, die in einem Brunnen versteckt worden war; im Jahre 1645 wäre ein Streit um Schafe zwischen den Oederanern und den Schönburgern mit üblen Folgen eskaliert; und 1536 habe Kaspar Kürschner in einem Annaberger Silberstollen endlich das ersehnte Edelmetall gefunden und so eine zweite Blüte der Stadt bewirkt.
Einige Texte sind bereits in früheren Sammlungen enthalten. »Die silbernen Eier« (S. 38) bspw. gleichen in etwa »Daniel Knappe« in »Das schwebende Fräulein« (S.44 dort) von Helga und Hansgeorg Meyer (Chemnitzer Druckverlag, 2000), wobei dort der Text um einiges kürzer, prägnanter und weniger ausgeschmückt erscheint. Ähnliches kann man bei den »Berggeistern der Greifensteine« feststellen. Das beweist: Sagen werden durch mündliche und schriftliche Überlieferungen ständig verändert, aber der wahre Kern bleibt erhalten.
Zur Interaktion und damit zur sinnfälligen Verknüpfung von Texten mit den Bildern laden die filigranartigen Illustrationen ein, die lediglich Sachverhalte, Szenen oder Figuren eines jeden Textes maskenartig andeutend vorgeben und so zur Vervollständigung und hernach zur farblichen Aus- und Umgestaltung provozieren. Das wird sowohl kindliche als auch erwachsene Leser und Betrachter anregen, zum Malstift zu greifen, denn diese Praktiken sind über die Szene der Mandalas auch bei Älteren beliebt.
Reiner Neubert

Bestellmöglichkeit: http://buchversand.mironde.com/epages/es919510.sf/de_DE/?ObjectPath=/Shops/es919510/Products/9783960630319

Information
Birgit und Andreas Eichler (Hrsg.): Nixen, Geister und Ritter. Sagen aus Chemnitz und Umgebung. Zum Ausmalen. 20,9 × 29,7 cm, Brosch.,

112 Seiten, 77 Sagen, 1 Karte, 79 Zeichnungen von Birgit Eichler
VP 12,50 Euro
ISBN 978-3-96063-031-9
In jeder Buchhandlung oder direkt beim Verlag beziehbar www.mironde.com

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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