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LEIPZIGER BUCHMESSE 2020

Vom 12.–15. März 2020 sollte eigentlich in Leipzig die Buchmesse stattfinden. Etwa 2500 Aussteller aus zahlreichen Ländern hatten sich, wie jedes Jahr, vorbereitet. Am 3. März wurde die Buchmesse jedoch wegen des globalisierten Corona-Virus offiziell abgesagt. Wir befragten den Verleger Dr. Andreas Eichler über die Zielsetzungen und Erwartungen, mit denen der Mironde Verlag nach Leipzig fahren wollte.

Die Verlegerion Birgit Eichler am Stand des Mironde Verlages zur Leipziger Buchmesse 2019

Was ist die wichtigste Neuerscheinung des Verlages?
An erster Stelle ist unser »Literarische Wanderführer durch Mitteldeutschland« zu nennen. Der ersten Teil reicht von 1200 bis etwa 1800. Wir porträtieren 22 besonders wichtige Personen der Sprach- und Literaturgeschichte, führen in jeweils ein Werk ein und fragen abschließend »Was bleibt«. Wir folgen dabei dem weiten Literaturbegriff Johann Gottfried Herders (1744–1803), der auch Naturwissenschaft, Technik, Technologie, Medizin, Theologie, Philosophie u.a. einschließt. Der »rote Faden« dieser Darstellung ist die in Mitteldeutschland, der Region zwischen Braunschweig und Görlitz, durch Dialektausgleich entstandene neue mittelhochdeutsche Sprache und die damit verbundene neue Denkweise. Seither war es diese Region, die nahezu alle wesentlichen Erneuerungsbewegungen der deutschen Geschichte hervorbrachte.
Es handelt sich eigentlich um die historische Begründung unserer Verlagskonzeption. Von Anfang an versuchen wir den Zusammenhang von Bewahren und Erneuern in Mitteldeutschland zu thematisieren. Das bedingt einerseits unser breites Verlagsspektrum: von Heimatsagen, über regional bedeutsame Belletristik und Lyrik, Regionalgeschichte, Buchgeschichte, Fahrzeuggeschichte, Handbücher zu den Themen Building Information Modeling, Kleinkläranlagen, Stromgewinnung mit Klärgas bis hin zu Klärschlammveredlung mit Pyrolyse. Andererseits ist der Zusammenhang der Disziplinen und Genres nur durch den historischen Zusammenhang erfassbar. Wir mussten uns deshalb selbst auf die Wanderschaft begeben …

Was verbirgt sich denn hinter dem Ausdruck »Klärschlammveredlung mit Pyrolyse«?
Abwasserzweckverbände können faktisch den anfallenden Klärschlamm nicht mehr auf landwirtschaftliche Nutzflächen ausbringen lassen. Als Notlösung wurde der Klärschlamm, der 75 Prozent Wasser enthält, in Kohlekraftwerken mitverbrannt. Der Gesetzgeber favorisiert die Monoverbrennung des Schlammes und fordert gleichzeitig die Phosphorrückgewinnung aus dem Klärschlamm, obwohl das bei der Monoverbrennung zur Zeit nicht möglich ist. Der kleine Zweckverband Frohnbach (Stadt Limbach-Oberfrohna und Gemeinde Niederfrohna), gelegen zwischen Leipzig und Chemnitz, und einem Klärwerk mit 40.000 Einwohnerwerten, entwickelte ein zweistufiges Verfahren: 1. Trocknung des Klärschlammes und 2. Erhitzung des getrockneten Schlammes, unter Sauerstoffabschluss (= Pyrolyse), auf 600 Grad. Dadurch entsteht eine stark phosphor- und phosphathaltige Aktivkohle. Sie ist frei von Schwermetallresten, Medikamentenresten und organischen Bestandteilen. Die Aktivkohle eignet sich zur Stabilisierung der Böden der Region und zum Humusaufbau. Im Klärwerk fallen jährlich etwa 1400 Tonnen Klärschlamm an. Es sollen 210 Tonnen Aktivkohle hergestellt werden. Es wird also der anfallende Schlamm von Schadstoffen befreit und Phosphor für den regionalen Kreislauf zurückgewonnen. Bei dieser dezentralen Lösung ist kein Transportaufwand nötig.
Wir präsentieren das Buch am 11. November auf einer Fachtagung in Niederfrohna. Die Autoren werden an diesem Tag mit einer Führung die Anlage vorstellen und das Verfahren erläutern.

Was verbirgt sich hinter dem Ausdruck »Building Information Modeling«?
Das ist eine etwas unglückliche Bezeichnung aus dem Englischen. Die Abkürzung BIM ist auch nicht aussagefähiger. Eigentlich geht es um den Übergang vom dokumentgestützten zum digitalgestützten Planen, Bauen und Betreiben. Voraussetzung der Methode ist die Strukturierung des bisherigen Prozesses. Mit der neuen Methode kann man dann alle Lebenszyklen von komplizierten und umfänglichen Bauwerken mit einem digitalen Modell begleiten. Man reduziert damit Informationsverluste und hat einen ganz neuen Zugriff auf die Ressourcen. Da das Bauwesen mehr als 50 Prozent des Mülls hervorbringt, schließt sich hier eine weitere Bedeutung an, die im Moment noch garnicht im Blick ist. BIM wird mittelfristig auch eine Methode werden, um Ressourcen zu erfassen, zu erschließen und langfristig nutzen zu können.
Wir bringen zu diesem Thema jährlich zwischen 5 und 10 neue Ausgaben von Schulungshandbüchern der A-Null-Bausoftware GmbH in Wien heraus. Bernhard Binder und seine Kollegen führen dort in die Arbeit mit dem Programm »Archicad« ein.


Wir bieten auch eine Einführung in die BIM-Denkweise an, die vor allem bei jungen Architekten und Planern sehr beliebt ist. Die Einführung stützt sich auf die österreichischen Norm ON A6241. Der österreichische Standard wurde Grundlage der DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) und auch der EU-Richtlinie.


Warum heben Sie die Geschichte des Fahrzeugbaus so hervor?
Einerseits ist die Region Chemnitz-Zwickau eine Wiege des deutschen und europäischen Fahrzeugbaus. Frieder Bach hat von Anfang an die Entwicklung von Fahrrad, Fahrrad mit Hilfsmotor, Motorrad, Dreirad und Automobil zusammengefasst, wie sie sich historisch vollzog. In seinem neuen Buch dokumentiert er den Bau eines Langstreckensportwagens, der 1938 von der Auto Union in Chemnitz für ein 3500 Kilometer-Rennen, also extrem zuverlässig und reparaturfreundlich projektiert wurde, wegen des Krieges nicht gebaut und nach dem Krieg vergessen wurde. Frieder Bach konnte nur von einer Grobskizze ausgehen, die er zufällig im Archiv fand. Er musst sein gesamtes Wissen der Fahrzeuggeschichte aktivieren, um das Projekt zu verwirklichen. Um im Fahrzeugbau wirklich langfristige Lösungen zu finden, müsste man heute den Zusammenhang vom Fahrrad bis zum Automobil neu durchdenken, um wirklich zeitgemäße Lösungen schaffen zu können. Frieder Bach verfügt über das entsprechende Wissen und im Fahrzeugmuseum Chemnitz befinden sich die entsprechenden Exponate. Das Buch Frieder Bachs soll am 3. Mai 2020, gemeinsam mit dem Sportwagen, im Chemnitzer Fahrzeugmuseum vorgestellt werden.

Und wie passen Heimatsagen in diesen Zusammenhang?
Wir schenkten den Heimatsagen von Anfang an große Aufmerksamkeit, weil sie über Jahrhunderte die Gesprächsmöglichkeit dreier Generationen waren. Das Vorlesen durch Mutter oder Großmutter war oft ein wichtiger Impuls für die Sprach- und Denkentwicklung der Kinder. Da sich die Sagen der Völkerschaften ähneln, stellen die Heimatsagen auch den Zugang der Kinder zur Weltliteratur dar. Weil der Kern der besten Sagen ein poetischer ist, bei dem es um das Sagen des Unsagbaren, das Sichtbarmachen des Nichtsichtbaren geht, stellen diese Texte zudem auch eine Einführung in die Poesie dar.

Ich hatte mir unter Poesie immer Gedichte vorgestellt?
Ja, es gibt Gedichte mit poetischen Elementen, jedoch auch solche ohne jede Spur von Poesie. Das Unsagbare können wir auf verschiedene Weise ausdrücken. Johann Gottfried Herder versuchte sein Leben lang zu zeigen, dass religiöse Schöpfungsmythen keine Tatsachenberichte sind, sondern der Versuch etwas zu sagen, was streng genommen nicht sagbar ist, jedoch für uns existenzielle Bedeutung hat. In Griechenland verstand man unter Poiesis die Kunst, etwas Verborgenes, bisher nicht Sichtbares, nicht Sagbares sichtbar und sagbar zu machen. Für Herder waren die Menschen, die der Natur wichtige Zusammenhänge ablauschen und zum Nutzen der Menschheit anwenden, die eigentlichen Menschen. Das ist auch für uns der entscheidende Punkt: wir wollen Bücher verlegen, die auf verschiedene Weise Anwendungen von Erkenntnissen dokumentieren, die sich auf den Naturkreislauf stützen, und die helfen, uns in den Naturkreislauf einzuordnen. Das ist jedoch nur möglich, wenn Technik und Technologie eine literarische Form bekommen und wenn die technisch-technologischen Verfahren allgemeinverständlich illustriert werden.

Sie wollten anfangs noch etwas zum Zusammenhang Ihres Verlagsprogramm sagen?
Ja, auch in diesem Punkt stützen wir uns auf Johann Gottfried Herder. 1784 veröffentlichte er den ersten Teil seines Lebenswerkes mit dem Titel »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit«. Die erste Überschrift lautete »Unsere Erde ist ein Stern unter Sternen«. Herder begann sein Menschheitsgeschichte mit dem Kosmos, weil unsere Erde nicht aus sich selbst entstand sondern das Resultat kosmischer Kräfte ist. Herder nannte unsere Erde bereits 1784 ein »Lebewesen«. Sobald pflanzliches Leben möglich war, entstand dieses, auch wenn es durch giftige Gase o.ä. Rückschläge gab. Sobald in den Urozeanen Leben möglich war, entstand dieses, auch wenn die Ozeane teilweise wieder austrockneten o.ä. Es wurden mindestens Voraussetzungen für weiteres Leben geschaffen. Herder zeichnet in den »Ideen« mit den Mitteln der Wissenschaft seiner Zeit ein Bild der Natur als Wirken organischer, genetischer Kräfte. Ein solches zusammenhängendes Bild von der Natur, quer durch die heutigen Wissenschaften und Disziplinen, Religionen und Kulturen hindurch, wäre Voraussetzung unserer notwendigen Einordnung in den Naturkreislauf, wie auch der humanen Nutzung neuer technischer Verfahren in diesem Prozess. Der Arbeit an diesem Zusammenhang haben wir uns verschrieben.

Beweist nicht unser heutiger Wissenschaftsbetrieb, der von beständiger Spezialisierung angetrieben wird, der immer neue Disziplinen hervorbringt, dass ein solches Bild vom Naturkreislauf nicht zu erwarten ist?
Sie haben recht. Für den Zusammenhang ist dort keiner mehr zuständig. Selbst Nachbardisziplinen verstehen sich kaum noch. Auf Allgemeinverständlichkeit und Allgemeinakzeptanz glaubt man verzichten zu können. Zudem reduziert man Vernunft auf mathematische Vernunft und Zahlen. Solche Ausdrücke wie »vor-wissenschaftlich« oder »vor-modern« verdeutlichen die mangelnde wissenschaftliche Reichweite dieses Ansatzes.
Doch die wesentlichen Innovationen werden schon immer außerhalb der Universitäten und Großforschungszentren in kleinen Unternehmen und Institutionen getätigt. Der Zweckverband Frohnbach hat z.B. nur 16 Mitarbeiter. Bei laufendem Betrieb entwickelte man dort das Verfahren zur Klärschlammveredlung und Phosphorrückgewinnung. Frieder Bach und das kleine Chemnitzer Fahrzeugmuseum ersetzen mindestens eine technische Hochschule. Dem Anschein nach ist die Suche nach der Vernunft der Natur, nach dem inneren Zusammenhang, nur außerhalb großer Strukturen erfolgreich möglich.

Zwei Karl-May-Experten zu Gast am Stand des Mironde Verlages auf der Buchmesse 2019

In der Mehrheit der Völker geht man seit Jahrtausenden von der Suche nach Weisheit aus, nicht nur von Wissen. Allein Vernunft, unsere Fähigkeit aus Fehlern zu lernen, reicht für das Menschsein nicht aus. Wir brauchen auch die Hoffnung, dass wir die Vernunft der Natur erfassen, und uns so in den Naturkreislauf einzufügen vermögen. Die Überlieferung der Weisheit der Völker ist daher eine Verständigungsgrundlage.
Voraussetzung für einen fruchtbaren Dialog der Religionen und Kulturen ist aber, dass wir uns der eigenen Tradition von Weisheit versichern. Die Erschließung unseres Erbes ist das Anliegen der »Literarischen Wanderung durch Mitteldeutschland«. Der zweite Teil soll am 25. August 2021 erscheinen.
Vielen Dank für das Gespräch.

Johannes Eichenthal


Information
Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland Teil 1
Von den Minnesängern bis Herder
Mit einem Geleitwort von Klaus Walther
23,0 × 23,0 cm, 320 Seiten, fester Einband
zahlreiche farbige Fotografien und 21 Karten
VP 29,90 €
ISBN 978-3-96063-025-8

Karin Heinrich/Steffen Heinrich: Klärschlammveredlung mit Pyrolyse. Vom Abfall zum Gartengold.
23,4 × 30,5 cm, fester Einband, Fadenheftung, Lesebändchen, 208 Seiten, Zahlreiche, meist farbige Fotos, Abbildungen, mit eingelegter Produktionsdaten DVD.
VP 128,00 €
Erscheinungstermin 11- November 2020
ISBN 978-3-96063-017-3

Als e-book

Karin Heinrich / Steffen Heinrich: Stromgewinnung mit Klärgas. Das Stirling-Kraftwerk
58 Seiten 23 Farbfotos, 14 farbige Abbildungen, 5 Tabellen und 7 Diagramme
VP etwa 25,00 €
Erscheinungstermin 11.11.2020
ISBN 978-3-937654-98-0

Bernhard Binder: Archicad 23 BIM . Modelling und Dokumentation
Broschur, Ringbindung, 1000 s/w-Abb., 20,9 × 29,8 cm, 340 Seiten
VP (A) 39,20 € | VP (D) 38,10 €
ISBN 978-3-96063-029-6

Christoph Eichler: BIM-Leitfaden Struktur + Funktion, 2. vollständig überarbeitete Auflage, Broschur, 200 farbige Abbildungen, 23,4 × 30,5 cm, 176 Seiten
VP 29,00 €
ISBN 978-3-937654-99-7

Frieder Bach: Der letzte Auto Union Sportwagen aus Chemnitz
23 × 23 cm, 84 Seiten, Brosch., 100 z. T. farbige Fotos und Abbildungen
VP 14,50 €
Erscheinungstermin 3. Mai 2020
ISBN 978-3-96063-030-2

Nixen, Geister und Ritter. Sagen aus Chemnitz und Umgebung. Zum Ausmalen.
20,9 × 29,7 cm, Brosch., 112 Seiten, 77 Sagen, 1 Karte, 79 Zeichnungen von Birgit Eichler
VP 12,50 Euro
ISBN 978-3-96063-031-9

Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland Teil 2
Von Herder bis zum Ende des 20. Jahrhunderts
Mit einem Geleitwort von Eberhard Görner
23,0 × 23,0 cm, 320 Seiten, fester Einband, zahlreiche farbige Fotografien und 21 Karten
VP 29,90 €
Erscheinungstermin 25. August 2021
ISBN 978-3-96063-26-5

Alle Bücher sind in jeder Buchhandlung oder direkt beim Verlag beziehbar (www.mironde.com)

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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