Reportagen

Heinrich Melchior Mühlenberg und Häuptling Fliegender Pfeil zu Gast

Man konnte den Veranstaltungsort, den Sportsaal der Kindertagesstätte Pfiffikus, an diesem Abend auch als Ortsunkundiger nicht verfehlen. Rhythmische Trommelklänge ließen den Erdboden in Niederfrohna schwanken als Bürgermeister Klaus Kertzscher seine Gäste Prof. Eberhard Görner und Gojko Mitić durch das dichte Spalier der Zuschauer zur Bühne geleitete. Die »Djembos« trommelten mit Freude was das Zeug hielt. Etwa 180 Besucher waren im Saal.

»In Gottes eigenem Land. Heinrich Melchior Mühlenberg – der Vater des amerikanischen Luthertums.« lautet der Titel des neuen Buches von Eberhard Görner. Auf die Moderatorenfrage, warum er einen weitgehend unbekannten Pfarrer der Franckeschen Stiftungen in den Mittelpunkt des Romans gestellt habe, antwortete Görner, dass der frühere Archivar der Franckeschen Stiftungen, Herr Dr. Thomas Müller-Bahlke, ihm vor einigen Jahren den aufbewahrten Briefwechsel Mühlenbergs mit der Zentrale in Halle zeigte. Die Sprache Mühlenbergs habe ihn sofort interessiert. Er habe selbst eine Entdeckung erlebt. Mühlenberg sei von Gotthilf August Francke, dem Sohn des Stiftungs-Gründers, 1741 nach Pennsylvanien geschickt worden, um Ordnung in die deutschen und schwedischen lutherischen Gemeinden zu bringen, und um zu missionieren. Er habe beim Aktenstudium begriffen, dass die Deutschen zwischen den verfeindeten Engländern und Franzosen in Pennsylvanien eine Zwischenstellung einnahmen. Aber am Delaware-Fluss hätten eben auch Delaware-Indianer gelebt, von denen bis heute keine Rede ist. Franzosen wie Engländer hätten in der unmenschlichen Kriegführung versucht Indianer und Deutsche für sich zu instrumentalisieren.

Mühlenberg habe, auch unter dem Einfluss seines Schwiegervaters Conrad Weiser, auf Missionierung unter Indianern verzichtet, obwohl er ausdrücklich zu diesem Zweck von der streng pietistisch orientierten Franckeschen Stiftungen entsandt worden sei.

Nikolaus Graf Zinzendorf, der Begründer der Herrenhuter Gemeinde, der zu dieser Zeit bereits ein überkonfessionelles Christentum vertrat, habe dagegen versucht die Indianer zu missionieren.

Dies sei eine eigenartige Konstellation gewesen. Mühlenberg habe begriffen, dass die anarchischen Verhältnisse, in die man ihn geschickt habe, anderer Strukturen bedürfe, als er sie aus Halle und Deutschland kannte, und er hatte den Mut, seine pietistischen Traditionen zu verändern.

In bisherigen Darstellungen deutscher Auswanderer hätten die Indianer leider keine angemessene Rolle gespielt. Es sei heute jedoch an der Zeit, die Ureinwohner von Nordamerika zu respektieren. Deshalb habe er auch die Rolle des Delaware-Häuptling »Fliegender Pfeil« erfunden.

Der Moderator zitierte darauf die Beschreibung des Häuptlings aus dem Roman: »Fliegender Pfeil ist ein Mann von sechzig Jahren, aber seine ganze Gestalt strahlt jugendliche Kraft aus. Seine dunklen Augen blicken hellwach. Unter dem ledernen Hemd wölbt sich eine breite Brust. Die Füße stecken in weichen Mokassins. Trotz seiner Jahre springt er noch aus dem Stand in den Sattel des Pferdes.«

Bei diesen Worten richteten sich alle Blicke auf Gojko Mitić.

Auf die Frage, ob der Häuptling authentisch dargestellt worden sei, antwortet Mitić, dass dies der Fall sei. Professor Görner sei mit ihm auch in den Franckeschen Stiftungen gewesen. Man habe sich gemeinsam die Originalbriefe angesehen. Der Roman sei aus einer Perspektive geschrieben, die er so noch in keinem Drehbuch gefunden habe.

Nach der kurzen Einführung lasen Prof. Eberhard Görner und Gojko Mitić eine knappe Stunde mit verteilten Rollen aus dem Buch. Den Zuschauern boten sie ein Hörbuch-Erlebnis. Man bangte um das Auswanderer-Schiff, dass der Sturm hunderte Meilen weiter südlich endlich in einen Hafen entließ. Man spürte die knisternde Atmosphäre zwischen Nikolaus Graf von Zinzendorf und Heinrich Melchior Mühlenberg, man hörte das Gewehrschloss eines Farmers knacken, den Schnee knirschen und selbst den lautlosen Atem des Häuptlings … Mit etwas Fantasie hatte man die Bilder eines Filmes im Kopf …

Gojko Mitić trug im Anschluss einige beinahe aphoristische Weisheiten alter Indianer vor. Das Publikum lauschte gebannt. Kein Laut war zu hören. Mitić stellte christlich-konfessionelle Gewissheiten in Frage, die darauf abzielten, dass diese »Wilden« keine Religion und keinen Gott hätten, dass man ihnen erst Religion bringen müsse. Ein Häuptling fragte direkt, ob es in Wirklichkeit nicht nur einen Gott gäbe, den wir auf unsere jeweilige Art und Weise sähen?

Schließlich stellten die Zuschauer ihre Fragen. Zunächst wurde Gojko Mitić nach verschiedenen Rollen in seinen vielen Filmen gefragt. Ein Zuhörer fragte Eberhard Görner, ob er denn Christ sei, wo er doch über Christentum und Gott schreibe. Görner antwortete, dass er soetwas wie ein ökumenischer Christ sei, der über solche Themen schreibe, weil er erkannt habe, dass die europäische Kultur ohne Christentum nicht zu bewahren sei. Aber wo sind denn die Kirchenführer in unserer von der Gier der Finanzwirtschaft verkälteten Zeit, wo ist ihr Protest, wenn Kriege mit dem »Schutz der Menschenrechte« gerechtfertigt werden, wenn Waffen in Milliardenumfang exportiert werden – fragte Görner. Seine Antwort: sie haben keine Stimme, weil sie ihre Zielstellung aus den Augen verloren haben, sich in Machtfragen verrannt und sich hinter theologischen Spitzfindigkeiten verschanzt haben. Ein überkonfessionelles Christentum sei das Gebot unserer Zeit, um endlich eingreifen zu können.

Hier wurde die Diskussion lebendig. Nach und nacht tauten die Zuschauer auf. Am Ende wurde mehrfach und immer wieder die nun wirklich letzte Frage ausgerufen. So ist es wohl in einer jeden guten Veranstaltung …

Dr. Andreas Eichler, der Vorsitzende des Heimatvereins Niederfrohna e.V., dankte am Ende beiden Akteuren und den Zuschauern. Er dankte auch den Mitgliedern des Heimatvereins für die gute Organisation. Die Veranstaltung sei dem Verein aber nur möglich gewesen, weil der Bürgermeister, die Gemeindeverwaltung und der Bauhof mithalfen. Die Sparkasse Chemnitz habe eine wichtige Hilfe geleistet. Auch aus den Nachbargemeinden seien Unterstützer gekommen. Man sei dankbar, dass gemeinsam ein solches Ereignis möglich wurde.

Nach dem Ende der Diskussion stürmten die Zuschauer zu den beiden Akteuren. Bücher wurden signiert, Fragen gestellt. Die Begeisterung wollte kein Ende finden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bürgermeister Klaus Kertzscher bat Gojko Mitic und Prof. Eberhard Görner um einen Eintrag in das Ehrenbuch der Gemeinde. Dieser Bitte kamen beide gern nach.

 

Kommentar

Auf der Rückfahrt nach Chemnitz, wo ich immer im »Chemnitzer Hof« übernachte, nahm ich zwei Gäste mit. Wir ließen noch einmal die Veranstaltung Revue passieren. Es ist einmal erstaunlich, dass Gojko Mitić noch heute die Personalisierung aller Indianerfilme der DEFA zu sein scheint. (Vergessen ist dagegen heute seine Rolle als Zirkusreiter in Gert Hofmanns verfilmten Roman »Der Kinoerzähler«.) Sein Auftreten widersprach allen Regeln heutiger PR-Manager. Er kommt völlig ohne Allüren und Fernsehgehabe aus. Noch interessanter ist vielleicht, dass er die Rollen als Häuptling verinnerlichte, und dass er sich aktiv mit der indianischen Lebensweise und Religion beschäftigte. Mittlerweile nahmen ihn einige Stämme sogar als Ehrenmitglied auf.

Im Auftreten der beiden Akteure wurde deutlich, dass der Stoff das Potenzial hat, uns zum Weiterdenken anzuregen. Einen Moment lang erschien uns der Auftritt der beiden wie eine Predigt. Aber Görners und Mitićs Stil ziel eben nicht auf Moralisieren sondern auf wechselseitige Kommunikation. Das Mitreden der Zuhörer wird von ihnen gerade gewünscht. Zudem verkünden sie keine »ewigen Regeln«, sie sind selbst unterwegs und suchen selbst nach einer Orientierung in unserer Zeit.

Letztlich ist die die Görnersche Darstellung nach Karl May und Lieselotte Welskopf-Henrich erstmals wieder auf eine Akzeptanz der Ureinwohner gerichtet, ohne die Indianer zu verklären. Damit spricht Görner ein Thema an, vor dem die westliche Welt heute steht. Der Ausdruck »Zusammenprall der Kulturen« wurde von dem französischen kritisch-marxistischem Historiker Fernand Braudel geprägt. Er meinte damit die Art und Weise des Vordringens der Europäer in Amerika. Die Europäer waren die einzigen, die andere Erdteile mit brutaler Gewalt eroberten.

Samuel Huntington erinnerte daran, dass man das im Westen vergessen habe, die anderen hätten es dagegen nicht vergessen. Über fünf Jahrhunderte wurden die nichteuropäischen Völker von den Zinnen des europäisch-westlichen »Fortschritts« herab belächelt. Die »Missionierung« der Ureinwohner war, ob es den beteiligten Gläubigen bewusst war oder nicht, ein Teil dieses Prozesses. Bis heute nimmt man im Westen an, dass die westliche Kultur allen anderen Kulturen überlegen sei, dass die westliche Kultur die universale sei. Ohne Zweifel handelt es sich hier um Ideologie. Der theoretische Fehler dieser Denkweise wurde im Jahre 2004 vom damaligen Kardinal Ratzinger in seiner Diskussion mit dem Philosophen Jürgen Habermas formuliert: keine Lebensweise kann die universale sein. Universell kann nur ein geistiges Prinzip sein.

Man muss vielleicht anfügen: in jeder Kultur gibt es auch allgemeine Züge. Aber die Kultur im Allgemeinen, die Universalkultur, die kann es nicht geben. Die westliche Kultur ist eine besondere, eine regionale Kultur wie alle anderen auch. Das Allgemeine erscheint immer in besonderer Form, nie »rein«.

Heute steckt die westliche Welt in einer Sackgasse. Es wird deutlich, dass »Fortschritt« eher eine beständige Spezialisierung unter Einschränkung der Ausgangsbasis ist. Eine Rettung ist nur möglich, wenn wir uns unserer Religiosität besinnen, dem Kern unserer Kultur, und zu einem einfacheren Leben zurückfinden. Die außereuropäischen Kulturen, auf die man bis heute herabblickt, können uns helfen die Grundlagen zu erneuern und die Einseitigkeiten der heutigen »modernen westlichen Gesellschaft« zu überwinden.

Am Ende waren wir uns einig: diese Veranstaltung war ein Ereignis. Die Zuschauer zeigten ein erstaunliches Niveau. Eine zeitgemäße Diskussion in einer kleinen Gemeinde von 2500 Einwohnern. Wir bedauern alle, die nicht dabei waren.

Johannes Eichenthal

© Fotos Heinz Hammer. Wir danken Heinz Hammer für seine Genehmigung zur Veröffentlichung der Fotos in der Litterata.

 

Information

Eberhard Görner: In Gottes Eigenem Land : Heinrich Melchior Mühlenberg – der Vater des amerikanischen Luthertums. Historischer Roman. Mitteldeutscher Verlag 2011. Geb. 324 S. ISBN 978-3-89812-766-0

Weitere aktuelle Publikationen von Eberhard Görner (Auswahl)

Eberhard Görner: Der Narr und sein König. Der Taschenspieler Joseph Fröhlich in Dresden. Chemnitzer Verlag 2009. ISBN 978-3-937025-49-0

Eberhard Görner: Himmel aus Stein. George Bähr und die Frauenkirche zu Dresden. Chemnitzer Verlag. 7. Auflage 2009. ISBN 978-3-937025-12-4
www.chemnitzer-verlag.de

Eberhard Görner: Am Abgrund der Utopie. Gespräche. Aufsätze. Selbstporträts. Faber und Faber. Leipzig 2007. ISBN 978-3-86730-037-7
www.faberundfaber.de

Eberhard Görner als Herausgeber
Eberhard Görner, Uwe Schneider, Klaus Walther (Hrsg.): Ortstermin. Bilder aus dem Stollberger Land. Mironde-Verlag 2008. ISBN 978-3-937654-28-7

Görner, Eberhard (Hrsg.): Weißes Gold aus dem Erzgebirge? Veit Hans Schnorr von Carolsfeld (1644-1715). ISBN 978-3-937654-57-7

Eberhard Görner (Hrsg.): Pater Gabriel K. Lobendanz OCist: Kloster-Aphorismen.Mironde-Verlag 2009. ISBN 978-3-937654-39-3

Eberhard Görner (Hrsg.): Pater Gabriel K. Lobendanz OCist: Weihnachtsgeschichten. Mironde-Verlag 2010. ISBN 978-3-937654-43-0
www.mironde.com

 

Eberhard Görner als Regisseur

Von kommenden Dingen. Walther Rathenau. (Dokumentarfilm 2011)

Ruhen in der Zeit. (Dokumentarfilm über die Zisterzienserinnen von Kloster Waldsassen). Als DVD erhältlich.
www.abtei-waldsassen.de

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