Reportagen

Diskussionsabend zur Zeitgeschichte im Neuen Kirchgemeindehaus Burgstädt

Im Namen des Fördervereines Neues Kirchgemeindehaus eröffnete Pfarrer Werner am Abend des 28. Oktober 2011 eine Veranstaltung zur Vorstellung des Dokumentationsbandes »Verlagerter Krieg. Umstellung der Industrie auf Rüstungsproduktion im Bereich des Rüstungskommandos Chemnitz während des Zweiten Weltkrieges.«

Dr. Andreas Eichler, der Moderator des Historikerarbeitskreises des Heimatvereines Niederfrohna, räumte zunächst ein, dass man daran zweifeln könnte, ob die Thematik der Rüstungsproduktion in einen Kirchgemeindesaal gehöre. Er gab aber zu bedenken, dass Wissenschaft im Kern Vernunft, d.h. Skepsis sei. Man könne mit den Mittel der Wissenschaft nüchtern untersuchen, was geschehen sei. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Allerdings vermöge Vernunft keinen Sinn zu stiften, keine Hoffnung zu spenden. Ohne Hoffnung können wir aber nicht leben. Insofern sei die Veranstaltung schon am richtigen Ort.

Der Arbeitskreis habe drei Jahre an dem vorgelegten Band gearbeitet. Diese relativ lange Arbeitszeit sei den schwierigen Umständen der Thematik geschuldet. In der Kriegszeit habe das Rüstungskommando Chemnitz die Zulieferung für Rüstungsgroßprojekte organisiert und durchgesetzt. Zunehmend seien mittelständige Betriebe mit Rüstungs-Zuliefereaufgaben beauflagt worden. Die Beteiligten seien zu größter Geheimhaltung verpflichtet worden. Statt der Firmennamen habe man Zahlen- und Buchstabencodes verwendet. Nach Kriegsende seien die mittelständigen Unternehmen nocheinmal in Bedrängnis geraten. In Zeitzeugeninterviews werden Fälle geschildert, in denen die aufgezwungene Rüstungszulieferung als Vorwand für eine Enteignung benutzt wird. Diese Enteignungen hätten den Mittelstand in der Region nach dem Krieg ein zweites Mal enorm geschwächt.

Die Thematik der Umstellung auf Rüstungsproduktion sei aus diesen Gründen unter mehreren Diskursschichten vergraben. Der Arbeitskreis habe vor einer archäologischen Aufgabe gestanden.

Johannes Eichenthal

 

Jens Hummel (2. v. li.), dem Autor des Leitbeitrages im vorliegenden Jahresband, wurde am 28.10.2011 im Alten Ständehaus vom Abteilungsleiter im Sächsischen Kultusministerium Wolfgang Ihrcke (re.) und von Werner Rellecke (li.), dem Leiter der Landeszentrale für politische Bildung, für seine Monographie »Schwere Jahre. Glauchau 1928 bis 1948« der 2. Preis im Rahmen des Sächsischen Landespreises für Heimatforschung verliehen. (je)


Information

 

Andreas Eichler (Hrsg.): Verlagerter Kriegs. Unstellung der Industrie auf Rüstungsproduktion im Bereich des Rüstungskommandos Chemnitz während des Zweiten Weltkriegs.“ VP 9,50 €

ISBN 978-3-937654-68-3

 

Einleitung

Standardwerke zum Thema, wie etwa die mehrbändige Arbeit von Dietrich Eichholz zur deutschen Kriegswirtschaft im Zweiten Weltkrieg oder die Untersuchung zur Tätigkeit der IG Farben von Otto Köhler, liegen vor.

Doch in der Geschichte gibt es nicht nur allgemeine Zusammenhänge. In der Regel läuft Geschichte ja nicht nur auf der »Hauptstraße«, sondern auf Nebenstraßen, Wanderwegen, mitunter sogar auf Trampelpfaden.

Vorliegender Band will einen Beitrag zur Erinnerung an diese Geschichte in der Region liefern. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Die Tätigkeit des Rüstungskommandos Chemnitz unterlag im Zweiten Weltkrieg strengster Geheimhaltung. Jens Hummel informiert im Themenartikel über die Tätigkeit des Rüstungskommandos Chemnitz. Man verwendete statt Adressen Zahlen- und Buchstabencodes, richtete Tarnanschriften ein und zwang die Beteiligten zum absoluten Stillschweigen. Das Kommando hatte weitgehende Befugnisse. Schrittweise wurde die zivile Industrie stillgelegt oder auf Rüstungsproduktion umgestellt. Mittelständische Betriebe erhielten entsprechende Weisungen. Folgte der Inhaber diesen Weisungen nicht, wurde er durch einen kommissarischen Leiter ersetzt. In einzelnen Fällen ging man bis zur Androhung von Haftstrafen oder gar der Todesstrafe. Jens Hummel beschreibt einerseits das System der zentralen Planung in dieser Umstellung auf Rüstungsproduktion. Andererseits zeigt er aber auch Beispiele auf, wie gerade auf Grund der zentralistischen Planung auch gravierende Fehlentscheidungen getroffen wurden.

Mittelständische Betriebe fungierten in diesem System als Zulieferer für Monopolunternehmen, in der Regel Aktiengesellschaften, deren Eigentümer aus allen wirtschaftlich bedeutsamen Staaten der Welt kamen.

In den Beiträgen von Jens Hummel, Werner Ulbrich, Horst Kühnert, Christoph Ehrhardt und Gerhard Hofmann wird auf Fallbeispiele eingegangen. Dabei wird deutlich, dass die große Industrie in dieser Zeit nicht ohne den massenhaften Einsatz von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen auskam. Noch wenige Monate vor Kriegsende wurden weibliche KZ-Häftlinge aus Auschwitz in unsere Region gebracht. Deren Einsatz in Penig, Rochlitz und Mittweida wird dokumentiert. Aus den Arbeiten von Horst Junghans und Gerhard Hofmann über das Außenlager Langenleuba-Oberhain wissen wir, dass es sich zum großen Teil um jüdische Frauen aus Ungarn handelte. Unsere Autoren versuchen das Schicksal dieser Menschen vor dem Vergessen zu bewahren.

In seinem Beitrag geht Gerhard Hofmann noch einmal auf ein Zweigwerk des Pittler-Konzerns in Rochlitz ein. Der Gesellschafter der Firma saß in Cleveland/USA. Den gesamten Krieg hindurch produzierte der Konzern vor allem Teile für den Flugzeugbau.

Günter Eckardt dokumentiert in seinem Beitrag Indizien dafür, dass in der Region langfristig an der Suche und Förderung strategischer Rohstoffe gearbeitet wurde. Hier wird deutlich, dass die Einstufung eines Projektes als »wehrwirtschaftlich von Bedeutung« in der Regel die Zuteilung von Fördermitteln einbrachte. Eckardt dokumentiert auch, dass für die Errichtung entsprechender Verarbeitungsanlagen zwar die Bestimmungen des deutschen Baurechtes eingehalten wurden, dass man aber Scheinprojekte und Scheinaktenvorgänge anlegte. Letztlich verweist Eckardt auch darauf, dass zwar Mitte 1944 die Verlagerung wichtiger Produktion in unterirdische Produktionsstätten angeordnet wurde, dass dies in der Regel in noch strengerer Geheimhaltung erfolgte und oft schon vorbereitet worden war.

Die Alliierten einigten sich 1945 darauf, dass im besiegten Deutschland »Nazi- und Kriegsverbrecher« in der Wirtschaft enteignet werden müssten. Darunter zählte man auch die Hersteller von Rüstungsgütern. Die Westalliierten ließen die Sache bald im Sande verlaufen. Die UdSSR sah die Sache anders. Nun hatten gegen Kriegsende fast alle Familienunternehmen in der Industrie unserer Region in dieser oder jener Weise für Rüstungszwecke arbeiten müssen. Zum zweiten Male wurde die Kriegsproduktion zum Verhängnis für den Mittelstand. Von den KPD-Funktionären unserer Region wurden 1945 in vielen Fällen die Enteignung mittelständiger Firmen betrieben. Selbst unter marxistischem Aspekt war das politisches Sektierertum. Es ging ja 1945 um ein demokratisches Deutschland. Im Verfassungsentwurf für ein ungeteiltes Deutschland, der später als erste DDR-Verfassung diente, wurden alle Eigentumsformen anerkannt, außer Monopolen. In der praktischen Politik verstieß die KPD/SED unter Walter Ulbricht jedoch gegen die eigene Verfassung.

Herbert Wehner höhnte denn auch angesichts der simplen Weltsicht seines einstigen Vorgesetzten, dass Walter Ulbricht nicht einmal Lenin gelesen, geschweige denn verstanden habe.

Wir stellen in einem Interviews mit dem Sohn eines unter dem Vorwurf des »Nazi- und Kriegsverbrechers« enteigneten Mittelständlers die Schattenseite der großen Politik vor. Ebenso stellen wir ein Interview mit einem ehemaligen Mithäftling des Schwarzenberger Waschmaschinenproduzenten Friedrich Emil Krauß im sowjetischen Lager Buchwald vor.

Hier wird auf erschütternde Weise deutlich, dass 1945/46 im Kampf gegen Unrecht wieder neues Unrecht geschaffen wurde.

Abschließend steht eine Rezension der neuesten Arbeit von Rolf-Dieter Müller über geheime Kriegsplanungen. Hier wird deutlich, dass die Regierung unter Adolf Hitler mit Amtsantritt 1933 alle Aktivitäten auf einen Krieg gegen die UdSSR ausrichtete. Wehrmacht, Wirtschaft und Forschung wurden über staatliche Planungsprogramme auf den kommenden Krieg ausgerichtet.

Das ist wiederum der Kontext, in den die Mosaiksteinchen zu legen sind, die die regionalgeschichtliche Forschung zu liefern vermag. A. Eichler

 

Inhaltsverzeichnis

 

Jens Hummel: Das Rüstungskommando Chemnitz.

 

Jens Hummel: Betriebsstilllegungen, Betriebsverlagerungen und Untertageverlagerungen von Produktionsanlagen.

 

Werner Ulbrich: Rüstungsproduktion in Glauchau 1936 bis 1945.

 

Horst Kühnert: Ausländische Zwangsarbeiter in Mittweidaer Betrieben.

 

Christoph Ehrhardt:Grünaer Betriebe im Dienste der deutschen Wehrwirtschaft im Zweiten Weltkrieg.

 

Gerhard Hofmann: »Ein Aufblühen wird einsetzen« Über Aufstieg und Niedergang eines Rochlitzer Betriebes.

 

Günter Eckardt: Zur Verlagerung von Rüstungsproduktion im Raum der ehemaligen Amtshauptmannschaft Schwarzenberg 1933–1945. 77

 

Interview mit Herrn Reiner Schlick 101

 

Interview mit Herrn Werner Dietz 108

 

Andreas Eichler: Rezension zu Rolf-Dieter Müller: Der Feind im Osten. Hitlers geheime Pläne für einen Krieg gegen die Sowjetunion im Jahre 1939.

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