Reportagen

Die Buchmesse in Wien 2011

In Wien fand in diesem Jahr bereits zum vierten Male eine Buchmesse statt, vom 10. bis zum 13. November 2011. Aussteller aus Österreich, ganz Europa und aus dem Orient reisten in die Stadt, die seit Jahrhunderten so etwas, wie die Mitte Europas repräsentiert. Hier kreuzen sich alte Handelsstraßen aus allen Himmelsrichtungen. Nach dem Ende der Spaltung Europas konnte Wien wieder an seiner historischen Verantwortung anknüpfen.

Jede Messe beginnt zunächst in nahezu leeren Hallen. Bereits am 8. und 9. November herrschte im Gelände der Wiener Messe reges Treiben. Handwerker und Messebauer schufen die Grundlage. Die Verlage arbeiten am Detail. Am 10. November öffnete die Messe ihre Pforten. Die Besucher fanden gestaltete Messestände vor, und ahnten nicht, welcher Aufwand im Hintergrund notwendig war.

Am Abend des 10. November trat der österreichische Boxer und Kabarettist Werner Schneyder im Literaturcafe auf. Er trug aphoristische Gedanken aus seinem neuen Buch vor, nicht ohne Humor, wie wir es von ihm gewohnt sind. Schneyder versucht seinen Eigensinn zu bewahren und wehrt sich gegen die Kampagnen der Massenkultur.

Am 10. und 11. November beantworteten die Herausgeber des »Kleinkläranlagenhandbuches« (1. von li. Prof. Dr. Karin Heinrich, 2. v. li. Dr.-Ing. Steffen Heinrich) und die Herausgeber des »Archicad15-Handbuches« (re. Alfred Hagenauer, Österreich-Chef der Firma A-NULL BSW) Fragen der Fachbesucher.

Am 11. November las Wolfgang E. Herbst »Silesius« (Mitte) im Literaturcafe ein Kapitel aus der von ihm kongenial illustrierten Novelle Gert Hofmanns »Die Rückkehr des verlorenen J.M.R. Lenz nach Riga«. Moderator Stefan Gmünder vom Wiener »Standard« (li.) führte in die Thematik ein. Verleger Dr. Andreas Eichler beantwortete Fragen zu Leben und Werk Gert Hofmanns. Man war sich einig, dass dieser Text Hofmanns deutsche Literatur auf höchstem Niveau repräsentiert.

Am Abend des 11. November trat der schwergewichtige Wiener Poet Franz Schuh auf der Bühne des österreichischen Rundfunks auf, las aus seinem neuen Buch »Der Krückenkaktus« und beantwortete Fragen. Als er am Ende einige Verse vortrug – der »Franzl« sitzt über sein Bierglasl gebeugt und sinniert über Friedhof und Tod – waren selbst hartgesottene Journalisten gerührt …

Am 12. November strebten wir zum angekündigten Vortrag des Philosophen und Literaten Peter Bieri »Wie wollen wir künftig leben«, doch die Veranstaltung fiel leider aus.

Um 16.30 Uhr trat der Politikwissenschafts-Professor Anton Pelinka im Forum der Wiener Zeitung »Die Presse« mit der Vorstellung seines Buches »Europa – ein Plädoyer« auf. Pelinka hob besonders hervor, dass die Bedeutung des europäischen Einigungsprozesses in der Überwindung des Nationalstaates und des Nationalismus, die Erlangung einer postnationalen Entwicklungsstufe und damit in der Sicherung des Friedens zu sehen sei. Moderator Riedl meinte darauf, dass dies ein Argument sei, was man vorbringe, wenn einem nichts mehr einfalle. Das Problem bestehe doch darin, dass breite Bevölkerungskreise heute weiterer Integration ablehnend gegenüberständen. Pelinka antwortete, dass man auf die jungen Eliten an den Universitäten setzen solle. Er erwarte von den Regierungen, dass sie notfalls auch gegen die vorherrschende Meinung handelten, so wie bei der Kampagne zum EU-Beitritt Österreichs. Der Moderator entgegnete, dass diese Kampagne nicht besonders demokratisch abgelaufen sei. Man hätte zuletzt der Bevölkerung Dinge versprochen und dies nicht eingehalten.

Wir fragten uns am Ende, was wohl das Wort »postnational« bedeuten mag. Will man hier eine Relation oder eine Stufe der Entwicklung definieren? Wie auch immer, die Beziehungen zwischen Nationen können immer nur Inter-Nationales darstellen. Beides gehört zusammen. Beziehungen zwischen Nationen ohne Nationen kann es dagegen nicht geben. Das wusste übrigens schon Johann Gottfried Herder vor 250 Jahren.

Am Abend des 12. November trat Wolfgang E. Herbst (re.) in den Räumen der Evolutionsbibliothek im Kulturprojekt »Werk«, mit einer vollständigen Lesung seines frühen Textes »Geranien« auf. Der Redakteur der alternativen Zeitschrift »Zeitzoo«, Nikolaus Scheibner, moderierte die anschließende mehrstündige Diskussion. Auch das ist Wiener Kultur.

Manches frühere Wiener Original, wie Helmut Qualtinger, lebt in den originellen Buchstützen weiter, die Berhard Siller auf der Buchmesse zeigte. Die literarischen Köpfe der halben Welt konnte man hier bewundern, wenn man sich etwas auskannte.

Höhepunkt des 13. November war der Auftritt von Reinhold Messner. Er präsentierte sein neues Buch über den unbekannten Polarforscher Hjalmar Johansen, der den Kampf um die Eroberung der Pole verloren hatte. Für Messner ist der Verlierer interessanter als die »Sieger«. Zudem verwies er darauf, dass er selbst 13 Mal eine Bergbesteigung abbrechen musste, also eine »Niederlage« erlebte. Wenn er nicht abgebrochen hätte, wäre er nicht am Leben geblieben. Es deutete sich an, dass ein Bergsteiger mitunter mehr über unser Leben zu sagen vermag als ein angestellter Philosophieprofessor.

Hier mussten wir daran denken, dass der Leipziger Reclam-Verlag 1988 Hans Mayers Buch »Goethe – eine Studie über den Erfolg« veröffentlichte. Hier konnte man Goethes Gedanken lesen, dass sich die Größe eines Menschen eher in der Stunde der Niederlage zeige, als in der des Erfolges. Dann kam 1989. Unter Politikern und angestellten Managern ist noch heute der Glaube verbreitet, dass man nur den »Erfolg« akzeptieren könne …

Aber je länger wir Reinhold Messner zuhörten, um so mehr fiel uns seine Ähnlichkeit mit Helge Schneider auf. War das vielleicht am Ende gar nicht Reinhold, sondern Helge? Reinhold – Helge? … Wir konnten das Rätsel leider nicht lösen.

Vielleicht im nächsten Jahr?

Johannes Eichenthal

 

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