Reportagen

PIRCKHEIMER & WENZEL IM GLEIMHAUS-GARTEN

Die Pirckheimer-Gesellschaft lud vom 18. bis zum 20. September und spätsommerlichem Wetter ihre Mitglieder zum Jahrestreffen nach Halberstadt, Aschersleben und Quedlinburg ein. Aufgrund der Corona-Beschränkungen war die Veranstaltung auf 60 Mitglieder limitiert. Nach einer Besichtigung des Halberstädter Doms und des Gleimhauses bildete ein exklusives Konzert von Hans-Eckardt Wenzel und Band, im Garten des Gleimhauses, den Höhepunkt des Eröffnungstages.

Das Jahrestreffen begann für die Mitglieder mit der Besichtigung des traditionsreichen Halberstädter Doms.

Pirckheimer Vorsitzender Dr. Ralph Aepler begrüßte am Eingang zum Gleimhaus, dem Museum für deutsche Aufklärung, die Gäste.

Die Leiterin des Gleimhauses, Frau Dr. Ute Pott, ließ es sich nicht nehmen, die Pirckheimer persönlich durch ihr Haus zu führen. Sie vermittelte ein lebendiges Bild von der Rolle Johann Wilhelm Ludwig Gleims (1719–1803) als Ratgeber, Vermittler und Mäzen in der Kulturszene seiner Zeit. Neben jungen Schriftstellern förderte er auch Maler, die er mit Porträts seiner Gesprächspartner beauftragte. Alles was Rang und Namen in der deutschsprachigen Literatur seiner Zeit hatte, ist auch heute noch in der einzigartigen Sammlung des Gleimhauses als Porträt zu sehen. Nach der Führung überreichte Ralph Aepler an Frau Dr. Pott ein Exemplar des ersten Bandes des literarischen Reiseführers durch Mitteldeutschland mit dem Titel »Von den Minnesängern bis Herder«.

Hans-Eckhardt Wenzel begrüßte die Gäste zum »letzten Sommerabend« des Jahres im Gleimhaus-Garten. Die rührigen Organisatoren hatten auf jeden Stuhl vorsorgliche eine Decke gelegt, wohlwissend, dass die Temperaturen eines Spätsommerabende mitunter kühl werden können. 

Wenzel ist vor allem mit Liedern zu Akkordeon-Begleitung bekannt. Er versteht es, das Instrument in der Bandbreite von maritimer Melancholie und chansonhafter Verstörung erklingen zu lassen.

Mit seinen Texten stellt Wenzel die Verbindung zum klassischen und romantischen Erbe her und führt dieses auf originäre Weise zur zeitgenössischen Humanität weiter. 

In Erinnerung blieben uns vor allem seine poetischen Bilder, wie »Mohn und Kamille«.

Wenzel und seine Band spielten mehr als zwei Stunden ohne Pause. Der Tag ging dabei langsam zur Neige und das Dunkelblau des klaren Sternenhimmels breitete sich über Halberstadt und die Bühne im Gleimhausgarten.

Den Zuschauern war, trotz der äußerlichen Kühle, warm ums Herz geworden. Man fühlte beim Blick zum Himmel eine nahezu kosmische Harmonie.

Der Vorsitzende dankte Wenzel und seinen Musikern vor den musikalische Zugaben für ihr Engagement und überreichte den ersten Band des literarischen Reiseführers durch Mitteldeutschland mit dem Titel »Von den Minnesängern bis Herder«. Durch das Mikrophon hörte man, dass Wenzel sofort den Untertitel »Sprache und Eigensinn« wahrnahm.

Am 19. September besuchten die Pirckheimer die Grafikstiftung Neo Rauch-in Aschersleben, der Stadt, in der der Künstler aufwuchs, und wurden von der Führung des Hauses, Christiane Wisniewski (re.) und Silvia Käther empfangen. Der Vorsitzende übergab eine Grafikmappe mit Grafik zum Jahrestreffen als Zeichen des Dankes.

Die beiden Damen führten die Pirckheimer in zwei Gruppen durch das Stiftungsgebäude, die ehemalige Papierverarbeitungsfabrik der 1861 gegründeten Fa. Heinrich Christian Bestehorn, im Jahre 1911 immerhin die größte Papierverarbeitungsfabrik Europas. 1945 wurde der Eigentümer unter wahrscheinlich fingiertem Kriegsverbrechervorwurf verhaftet, der Betrieb treuhänderisch verwaltet, 1949 in aller Form enteignet und in Staatseigentum überführt. 1990 wurde das Werk von der Treuhand an inkompetente Interessenten verkauft. Nach der ruinösen »Privatisierung« ergriff die Stadt die Initiative. Teile des einstigen Firmenareals wurden gerettet, nach Plänen eines Stuttgarter Architektenbüros umgebaut und einer Nutzung als Museum zugeführt.

Aschersleben ist auch die Geburtsstadt von Adam Olearius (1603–1671). Dieser, aus einfachsten Verhältnissen stammende Adam Ölschläger, wurde weniger durch seine Tätigkeit als Professor an der Leipziger Universität als durch seine Teilnahme an einer Expeditionsreise von Schleswig Holstein über Moskau nach Persien bekannt (1633–1639). Der Fürst von Holstein-Gottorp hatte, wahrscheinlich auf kaiserliche Weisung, diesen Versuch einer Erkundung des Landweges nach Persien und Indien unternommen, weil Niederländer und Engländer den Seeweg blockierten. Olearius überstand die komplizierte Reise gemeinsam mit seinem Schüler Paul Fleming (1609–1640) und brachte wichtige Karten, Pflanzen- und Tierkenntnisse, wie auch Übersetzungen persischer Lyrik mit. So veröffentlichte er 1654 Gedichte des Persers Sadi in einem Buch unter dem Titel »Persianisches Rosental«, das noch von Herder und Goethe geschätzt wurde. Ein Fazit legte er 1647 in dem voluminösen Buch »Meine Moskowitische und Persische Reise« vor. (Zu Olearius Lebzeiten erschienen vier weitere Aufklagen des Buches.) Ein Original liegt im Ascherslebener Stadtarchiv, in welche die Pirckheimern Einblick nehmen durften. Ebenso ein Reprint des Ascherslebener Originals, welches dem legendären Leipziger Verleger Elmar Faber zu verdanken ist. (Abbildung des Reprint) Der Reprintband ist in der Grafikstiftung zu erwerben.

Weiter ging es zum Quedlinburger Wipertihof, unmittelbar hinter der Lyonell-Feininger-Galerie. Frau Dr. Gloria Köpnick, die neue Direktorin der Feininger-Galerie, begrüßte die Pirckheimer auf das herzlichste, und führte in die Ausstellung ein, die danach in drei Gruppen besichtigt wurde. Die Bewahrung des Nachlasses Lyonell Feiningers ist vor allem dessen Freund Dr. Hermann Klump zu verdanken. Als Feininger 1937 aus Deutschland flüchten musste, bat er Klump, das künstlerische Werk mit einem LKW aus Dessau abzuholen und zu verstecken. Sein Freund lagerte mehr als 40 Jahre lang die Kunstwerke sicher und sachgemäß. Als er Anfang der 1980er Jahre gegenüber den Behörden Andeutungen machte, dass er im Besitz des Nachlasses sei, wurde ihm nicht geglaubt. Erst 1988 konnte die Sammlung in öffentliche Hände übergeben werden. Der Vorsitzende überreichte als Zeichen des Dankes den ersten Band des literarischen Reiseführer durch Mitteldeutschland an Frau Dr. Köpnick.

Das Pirckheimer Mitglied Dr. Fritz Jüttner informierte im Anschluss über Leben und Werk Friedrich Gottlieb Klopstocks (1764–1803), dessen ehemaliges Wohnhaus in der unmittelbaren Nähe der Feininger-Galerie zu finden ist.

Die Plastikstuhl Gastronomie macht leider nicht einmal vor der unmittelbaren Umgebung des denkmalgeschützten Klopstock-Hauses halt.

Die unternehmungslustigsten Pirckheimer schlossen sich gegen 17 Uhr der sachkundigen Leitung eines »Nachtwächters« und Stadtführers an. Dieser musste, obwohl es noch heller Tag war, die ganze Zeit neben seiner Hellebarde auch noch eine Laterne herumtragen. 

Blick durch die seit 1972 in Restaurierung befindliche Altstadt zur Stiftskirche.

Dem Anschein nach war der Nachtwächter ein Quedlinburger Original. Er wusste selbst die bildungsgewohnten Pirckheimer mit lebendigen und faktenreichen Anekdoten zu unterhalten und vermittelte anschauliche Bilder des Lebens der Quedlinburger Bürger der letzten Jahrhunderte.

Blick zur Feininger-Galerie. Die Dämmerung ist erkennbar. Der Stadtführer wurde erst gegen 19 Uhr mit kräftigem Beifall aus seinem Dienst entlassen.

Fazit

Der Pirckheimer-Vorstand erhielt bei der abschließenden Mitgliederversammlung am 20. September verdientes Lob für das interessante und unterhaltsame Programm.

Darüber hinaus vermochte der Vorstand mit der Auswahl der Veranstaltungsorte und der Programmpunkte deutlich zu machen, wo das Zentrum der jahrhundertealten deutschsprachigen Kommunikation zu suchen ist. Auf einem Plakat war eine Landkarte aus dem literarischen Reiseführer »Von den Minnesängern bis Herder« zu sehen. Dort wird der Dialektausgleich zwischen 11. und 13. Jahrhundert, der zur Herausbildung der mittelhochdeutschen Sprache führte, im Schnittpunkt zweier wesentlich älterer Kommunikationslinien verortet: 1. von der Wesermündung über Wien in Richtung Konstantinopel und 2. von Königsberg über Basel in Richtung Südfrankreich. Das Mittelhochdeutsch wurde also mit Einflüssen aus ganz Deutschland und Europa geboren und die mittelhochdeutsche Kultur wirkte auf ganz Deutschland und Europa zurück. Kultur ist, wie alles in unserem Leben, immer als Austausch und Wechselbeziehung zu begreifen. 

Darüber hinaus wurde aber mit dem Konzert des Liedermachers Hans-Eckardt Wenzel und dem Besuch der Grafikstiftung Neo Rauch deutlich, dass Mitteldeutschland mit der neuen Sprache um 1200 auch ein Erneuerungsdenken hervorbrachte. Seither haben fast alle Erneuerungsbewegungen der deutschen Geschichte ihren Ursprung in Mitteldeutschland. In der Tat repräsentieren Wenzel und Rauch auf ganz unterschiedliche Weise künstlerische Erneuerungen. Beide machen aber auch klar, dass Kunst unsere Gegenwartsenge überschreiten und immer das Ideal der Humanität zum Ziel haben muss. Beide nehmen in unserer Zeit, in der die Instrumentalisierung von »Kunst« zum Zwecke des »Stadt- und Firmenmarketing« auch noch beklatscht wird, eine singuläre Stellung ein.

Das Jahrestreffen der Pirckheimer-Gesellschaft, die sich um eine Kooperation der Generationen bemüht, machte auf fassliche Art wieder einmal die Weisheit Marc Aurels deutlich: Jugend ist keine Frage des Alters, sondern des Geistes.

Den zuverlässigen Organisatoren und Kooperationspartnern der Pirckheimer-Gesellschaft ist für diese historische Tagung in Zeiten der Corona-Beschränkung zu danken.

Johannes Eichenthal

Information

https://www.pirckheimer-gesellschaft.org

https://www.gleimhaus.de/startseite.html

https://www.grafikstiftungneorauch.de

https://www.feininger-galerie.de

https://www.quedlinburg-info.de/sehenswert/museen/details/klopstockhaus.html

Andreas Eichler: Von den Minnesängern bis Herder. Sprache und Eigensinn. Teil 1. 

23,0 × 23,0 cm, 320 Seiten, fester Einband, 203 farbige Abbildungen, 22 Karten

Bis 31.12.2020 nur 29,34 € 

ISBN 978-3-96063-025-8 

www.mironde.com

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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