Reportagen

100 JAHRE DKW-RENNERFOLGE

Seit dreißig Jahren hat Deutschland einen Grund, am 3. Oktober jeden Jahres zu jubeln und zu feiern. An diesem Tag im Jahr 1990 wurden die beiden deutschen Staaten, die als Ergebnis des Zweiten Weltkrieges entstanden waren, wieder zu einer Republik vereint. Die Region Chemnitz, Zwickau, Zschopau, also Südwestsachsen hat in diesem Jahr einen weiteren Grund zum Feiern, der den meisten Bewohnern dieser Gegend gar nicht bekannt sein wird, aber einen markanten Termin in der industriellen Entwicklung Sachsens darstellt. Vor genau einhundert Jahren, am 3. Oktober 1920 wurde auf der Rennbahn in Dresden-Reick der erste Sieg bei einem Motorrad-Rennen in Deutschland erzielt, bei dem ein Rennfahrer einen Motor benutzte, der in der Zschopauer Maschinenfabrik J. S. Rasmussen hergestellt wurde. Diese Firma, einst in Chemnitz gegründet, die einige Zeit später Zschopauer Motorenwerke hieß, im allgemeinen Sprachgebrauch als DKW bekannt und 1928 die größte Motorradfabrik der Welt war, wurde ab 1932 ein Bestandteil der Auto Union, deren Firmensignet in Form von vier Ringen heute noch als Emblem jedes Audi-Fahrzeug ziert. Infolge der Auflösung der Auto Union in Sachsen nach dem Kriegsende entstand in Zschopau in den durch Reparationsleistungen an die Besatzungsmacht leeren DKW-Hallen wieder eine Motorradproduktion, die unter dem Markenzeichen MZ (Motorradwerk Zschopau) bekannt wurde. Auf der Basis der hier produzierten robusten Gebrauchsmaschinen von 125 bis 350 ccm entstanden hier Rennmaschinen und Geländemotorräder, deren Fahrer diesen Produkten auch wieder zu Weltruhm verhalfen. Schon der Firmengründer Rasmussen und seine Mitarbeiter der ersten Stunde hatten damals erkannt, welche ungeahnte Wirkung sportliche Erfolge eines Fabrikates auf den Absatz der Serienerzeugnisse haben. Auch später in der DDR, obwohl hier fast nie der Bedarf an Fahrzeugen gedeckt werden konnte, wurden sehr schöne Prospekte gedruckt, die natürlich in erster Linie für den Absatz im Ausland gedacht waren und meist nur auf der Leipziger Messe erreichbar waren. Leider fand die Motorradherstellung in Zschopau einige Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung ein unrühmliches Ende.

Max Hucke mit Siegerkranz Foto aus »DKW Motorradsport 1920–1939« St. Ottinger; HB-Verlag

Den zu feiernden ersten DKW-Sieg in Deutschland fuhr ein Fahrer aus Berlin auf diesem Zschopauer Produkt, Max Hucke. Er war nach dem Ersten Weltkrieg auf vielen Rennstrecken zu finden und benutzte auch Motorräder unterschiedlicher Hersteller. Bei dem in Dresden-Reick benutzten Fahrzeug handelte es sich um ein Fahrrad, auf das ein Motor aus der Zschopauer Fertigung hinter dem Fahrer montiert war. Aufgrund dieser Anordnung des Motors nannte der Volksmund diese Motoren »Arschwärmer«. Diese Bauweise überforderte viele der damaligen Fahrradrahmen und es gab zahlreiche Rahmenbrüche, z. T. auch mit Unfällen. Aus diesem Grund wurden die Motoren dann in das vordere Rahmendreieck des Fahrrades eingebaut. Verstärkungen des Rahmens bzw. Anfertigung spezieller Rahmen und Gabeln mit Federung führten in der Folgezeit zur Produktion kompletter Motorfahrzeuge in Zschopau. Da mit Motorrädern dieser Bauart im Jahr 1922 bei dem damals bedeutendsten Rennen in Deutschland, der ADAC-Reichsfahrt ein Sieg errungen werden konnte, hießen die ersten in Serie hergestellten Zschopauer Motorräder »Reichsfahrtmodell«.

Walter Ebstein, ein Berliner Rennfahrer und AVUS-Sieger 1922, hier auf einer der ersten DKW-motorisierten Rennmaschine, die als Besonderheit eine stromlinienförmige Heckverkleidung besaß. Eines dieser Rennmotorräder ist im Chemnitzer Fahrzeugmuseum ausgestellt. Foto: Archiv F. Bach

Die Konstruktion dieser Fahrzeuge stammte vom Reißbrett eines jungen Chemnitzer Ingenieurs, der 1921 seine Tätigkeit in der Fabrik des Dänen J. S. Rasmussen in Zschopau begonnen hatte. Sein Name war Hermann Weber. Während seines Studiums wohnte er auf dem Chemnitzer Kaßberg, in der der Ahornstraße 38. In Würdigung seines 125. Geburtstages im März folgenden Jahres wird es im Museum für Sächsische Fahrzeuge in Chemnitz im Frühjahr eine Sonderausstellung geben.

Start auf der Rennbahn 1922; ganz links ein ZetGe-Rennmotorrad mit DKW-Motor, in der Mitte zwei Fahrzeuge auf denen der DKW-Motor am Heck montiert ist, wie ihn Max Hucke verwendete, rechts ein Rennmotorrad wie 1922 auf der AVUS verwendet mit Heckverkleidung in Stromlinienform. 

Ein Fahrzeug, wie das von Max Hucke bei dem Dresdner Rennen benutzte, ein solcher Motor als Schnittmodell, eines der frühen Rennmotorräder mit »Stromlinien-Heckverkleidung«, von denen es nur eine Hand voll gab und die auf der bekannten Berliner Rennstrecke AVUS schon 1922 einen Sieg einfuhren, sowie viele weitere Maschinen aus der DKW-Rennabteilung sind in der Dauerausstellung des Chemnitzer Fahrzeugmuseums zu besichtigen. Bis zum Februar 2021 bilden etliche Rennautos aus DKW-Produktion bzw. aus DKW-Teilen von Rennfahrern selbst hergestellte Fahrzeuge einschließlich des letzten von der Auto Union 1939/40 konstruierten aber erst 2019/20 von einem DKW-Sammler gebauten Sportwagen der Auto Union die Sonderausstellung »Fix voran mit Frontantrieb – 90 Jahre DKW-Rennwagen«. In der Bücherecke des Museums sind auch zahlreiche Publikationen zu finden, die die Produktion Zschopauer Motorräder, Zwickauer DKW-Autos und die Rennerfolge der Fahrzeuge mit dem DKW-Emblem bzw. dem »Vier-Ringe-Signet« der Auto Union und die Lebensläufe ihrer Konstrukteure würdigen. 

Frieder Bach

Information

www.fahrzeugmuseum-chemnitz.de

Im Mironde Verlag erschien zuletzt von Frieder Bach: Der letzte Auto Union Sportwagen aus Chemnitz. Mit einem Geleitwort von Prof. Karl Clauss Dietel; 23,0 × 23,0 cm, Brosch., 120 Seiten, 149 z.T. farbige Fotos 

VP 14,50 Euro ISBN 978-3-96063-030-2

Beziehbar über jede Buchhandlung oder direkt beim Verlag

http://buchversand.mironde.com/epages/es919510.sf/de_DE/?ObjectPath=/Shops/es919510/Products/9783960630302

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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