Rezension

EIGENARTIGE WEGE IN PARADIES

Sehr geehrt Damen und Herren, wir freuen uns, Ihnen einen Gastbeitrag Prof. Dr. Reiner Neuberts vorstellen zu dürfen. Johannes Eichenthal

Bislang kam der slowakische Schriftsteller Michal Hvorecky (1976 geb.) über brisante Themen des gegenwärtigen Geschehens daher. Im Roman „Eskorta“ (2009) geißelte er die üblen Praktiken des „Begleitservices“, im „Tod auf der Donau“ (2012) sind es die unsäglichen Auswüchse des Massentourismus, und in „Troll“ (2018) wird die perfide Gerüchteküche angeprangert, die heute die Meinungsbildung in der Öffentlichkeit vergiftet. Diesmal ist Hvorecky historischen Geschehnissen und Persönlichkeiten auf der Spur, ohne jedoch die aktuelle Situation aus dem Blick zu verlieren.

In „Tahiti Utopia“ (2021) ist es eine imaginäre Ich-Erzählerin, die über eine Forschungsarbeit zu dem berühmten Politiker, Diplomaten, Astronomen und General Dr. Milan R. Štefánik (1880–1919) zu einer Stoffsammlung gelangt, die nur und ausschließlich in einem Roman darzustellen sei. Darin wird der mühevolle und entsagungsreiche Weg slowakischer Auswanderer nachvollziehbar, die während und nach dem Ersten Weltkrieg ihre Heimat gezwungenermaßen verlassen mussten und letztlich auf Tahiti in Französisch Polynesien strandeten. Die Slowaken waren aus ihrer Enklave in Nordungarn vertrieben worden, und auf einem beschwerlichen Weg quer durch Europa, der ihre Zahl merklich reduzierte, waren sie unter Anleitung des unermüdlichen, aber gesundheitlich bereits geschwächten Štefánik bis zu einem Hafen in Frankreich und von dort aus auf jener Insel gelandet, die den Flüchtlingen zur neuen Heimat werden sollte und die zugleich das „Utopia“ repräsentiert, das sich zudem als Sehnsuchtsort der zentralen Figur erweist.

Denn der „fliegende Diplomat und Offizier“ war vorher bereits – neben Flügen nach Brasilien, Nordamerika und Sibirien – auf Tahiti gewesen und hatte dort eine liebevolle Eingeborene im Dschungel vorgefunden und mit allen Sinnen erlebt, bevor er zu einer neuen Mission aufbrechen musste. Und jene zunächst unentschlossene Ich-Erzählerin, die 1976 geboren worden war (wie der Autor ebenfalls!), gibt sich gar als Enkelin dieser sagenhaft schönen und engelgleichen weiblichen Gestalt zu erkennen, die gleichsam den historischen Konflikten, aber auch gegenwärtigen politischen Streitigkeiten ihre Begründung zu geben scheint. Denn während einer Pressekonferenz, die 2020 in Ungarn stattfindet und auf der ihr Buch und ihre Thesen zu Neu-Slowakien auf Tahiti vorgestellt werden sollen, wird sie als „ausländische Agentin“ diffamiert und ihr Druckerzeugnis gar zur Verbrennung (!) empfohlen.

Der Text ist vielfältig interpretierbar. Er ist voller Poesie, was die gestaltete innige Liebesbeziehung zwischen Štefánik und dem einheimischen Mädchen betrifft, weswegen auch zwei Gedichte den Prosatext rahmen. Er ist detail- und bildreich in der dargestellten Odyssee der Vertriebenen, denen in einigen Ländern bei ihrer Ankunft nicht nur Hilfsbereitschaft entgegen schlägt. Hier ist der Text eine ins Auge springende Parabel für alle Flüchtlingsströme, die sich heutzutage weltweit ereignen, einschließlich der sich jeweils anschließenden angestrengten Verhandlungen, um sie wieder einzudämmen. Er ist und bleibt eine Utopie, weil einige Fakten der Realität mitunter dem hier literarisch Gestalteten widersprechen. Und er ist brennend aktuell, da die militanten Auseinandersetzungen zwischen anscheinend unvereinbaren politischen Überzeugungen, zwischen Religions- und Sprachzugehörigkeiten, zwischen territorialen und nationalistischen Ansprüchen mit einprägsamen Szenen belegt werden. Er ist aber auch historischer und Gegenwartsroman, wobei die Fotos einen dokumentarischen Gestus zu erzeugen versuchen, und exotisch ist er allemal: Tahiti und „Neu-Slowakien“ bleiben ein „Fisch“, ein „Sockel der Sonne“ (S. 246) für Štefánik, der seine Tahitianerin leider nicht wiederfand und daran zerbrach.

Reiner Neubert

Information

Michal Hvorecky: Tahiti Utopia. Stuttgart: Tropen-Verlag bei Cotta`sche Buchhandlung GmbH 2021, 251 Seiten. Preis 20 Euro.

ISBN 978-3-608-50475-0 

Übersetzt von Mirko Kraetsch.

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One thought on “EIGENARTIGE WEGE IN PARADIES

  1. Es sind genau die Gedanken von Michal Hvorecky, die er bei der Buchvorstellung am 11. 3. 2022 äußerte. An seinem Werk hat er 10 Jahre gearbeitet und seinem Helden Stefánik schenkt er noch ein paar Lebensjahre mehr, als er in Wirklichkeit hatte.
    Die Zeit ist reif, für dieses Buch. „Der Troll“ ist ebenfalls wieder ins Blickfeld geraten.

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