Reportagen

BUCHPREMIERE SÄCHSISCHE BERGBAUKUNST

Am Abend des 6. Mai, einem sonnigen Frühlingstag, erlebten etwa 40 interessierte Gäste in der engagierten Chemnitzer Buchhandlung Ebert am Brühl die Premiere des neuen Buches von Prof. Dr. Friedrich Naumann „Sächsische Bergbaukunst im 18. Jahrhundert auf dem Weg nach Russland“. Die Vorpremiere erfolgte bereits am 24. März gemeinsam mit der Chemnitzer Goethe-Gesellschaft. Damals konnte der Autor nur einen Probeband vorweisen. In der Buchhandlung Ebert präsentierte er nun mit berechtigtem Stolz das druckfrische Buch.

Günter Ebert begrüßte die Gäste mit sehr persönlichen Worten in der Buchhandlung am Brühl, die seine Frau und er gemeinsam führen. Uns fällt nicht nur die angenehme Buchauswahl ins Auge sondern auch die klassischen Holzfiguren aus dem Erzgebirge – Engel und Bergmänner in verschiedenen Formen, sowie auserwählte Weine. Das alles zusammen ergibt eine sehr interessante Atmosphäre.

Professor Naumann präsentierte den Gästen zunächst eine Einführung in die Bergbau-Kunst. Diese Wortkombination ist heute ungewöhnlich. Aber noch vor wenigen Jahrzehnten wurden auch andere Gewerke so bezeichnet, z.B. die Bau-Kunst. Die Erklärung liegt darin, dass unsere Vorfahren wussten, dass zum Beherrschen von Technologien mehr notwendig ist als abstraktes oder digitales Wissen. „Techne“ ist das altgriechische Wort für Kunst und umfasste Wissen plus Erfahrung. 

Professor Naumann bemerkte zunächst, dass das Buch in einer Zeit entstand, in der es intakte Beziehungen zwischen beiden Ländern gab. Die Zweisprachigkeit des Buches sollte die Kommunikation mit den russischen Kollegen erleichtern. Dann referiert er über  die Technologie- und die Sozialgeschichte des erzgebirgischen Bergbaues. Dazu zeigte er Abbildungen vom bergmännischen Alltag aus antiquarischen Büchern. Seine Recherchen führten bis in kleinste Details. Er bot dem Zuhörer eine unermessliche Zahl an Fakten und Zusammenhängen. Naumann nannte als Gewährsmann immer wieder den Namen des einstigen Arztes, Wissenschaftlers und Chemnitzer Bürgermeister Georgius Agricola (1494–1555). Aus seiner Feder liegt auch eine Einführung in das Leben des großen Humanisten vor. In Peking entdeckten Wissenschaftler vor einigen Jahren eine Übersetzung von Agricolas „De re metallica“ ins Chinesische, die von Jesuiten-Patres im 17. Jahrhundert angefertigt worden war. Professor Naumann wurde zur Begutachtung eingeladen. 

In einem zweiten Schwerpunkt referierte Professor Naumann über die Anbahnung der Übereinkunft zwischen Kurfürst „August dem Starken“ und Zar „Peter dem Großen“. 

Zunächst erfolgte ein Personaltransfer zum Aufbau des russischen Bergbauwesens. Naumann hob die Delegation unter Leitung des Sächsischen Oberberghauptmanns von Schönberg hervor. Mit vielen Erläuterungen demonstrierte Professor Naumann den Einfluss der sächsischen Fachleute auf die russische Entwicklung. Die Fachbegriffe im Russischen entstanden durch einfache Übersprechungen der deutschen Wörter. 

In einem weiteren Punkt ging der Professor auf russische Austauschstudenten ein. Aus der ersten Delegation ragt der Name Michail Wasiljewitsch Lomonossow (1711–1765) heraus. Zunächst studierte er in Marburg bei dem Universalwissenschaftler und Philosophen Christian Wolff (1679–1756) sprachliche und wissenschaftliche Grundlagen. Danach absolvierte er ein Fachstudium bei Bergrat Johann Friedrich Henckel (1678–1744) in Freiberg. »Geognosie« nannte einer von Henckels Nachfolgern, Bergrat Abraham Werner (1750–1812), diese in Freiberg begründete wissenschaftliche Disziplin. In der Folge zog Freiberg hochkarätige Studenten aus ganz Deutschland und Europa an.

Die Zuhörer dankten Professor Naumann für seinen Vortrag mit herzlichem Beifall und mit Blumen. Die Gäste, die das Buch noch nicht besaßen, kauften es. Einige Besucher ließen sich das Buch vom Autor signieren. Noch lange wurde an diesem Abend in der Buchhandlung Ebert über sächsisch-russischen Bergbau diskutiert, es waren auch einige russischsprachige Gäste gekommen.

Den weitesten Anreiseweg hatte Dr. Ralph Aepler, der Vorsitzende der Pirckheimer-Gesellschaft e.V., zurückgelegt Er übergab dem engagierten Buchhändlerehepaar einen Druck der Friedenauer Presse mit einem Text des bekannten Schriftstellers Ingo Schulze und die neueste Ausgabe der Pirckheimer Zeitschrift „Marginalien“. (Die Pirckheimer-Gesellschaft e.V. – für Freunde der Buchkunst und der Bibliophilie – wurde 1956 in Ostberlin gegründet.)

Der Autor vereinigt ins seiner Darstellung mehrere wissenschaftliche Disziplinen zu einer erzählerischen Einheit. Eine solche Form ist in der überspezialisierten Wissenschaftslandschaft unserer Gegenwart singulär. 

Die Veranstaltung war ohne Zweifel ein Ereignis. Dem Autor Professor Friedrich Naumann und dem Buchhändler-Ehepaar Ebert ist zu danken.

Johannes Eichenthal

Information

Friedrich Naumann: Sächsische Bergbaukunst im 18. Jahrhundert auf dem Weg nach Russland. 23,0 × 23,0 cm, fester Einband., 256 Seiten, zweisprachig Deutsch/Russisch, 88 z.T. farbige Abbildungen und Fotos

VP 39,90 Euro ISBN 978-3-96063-045-6 

Das Buch ist erhältlich im Buchhandel oder direkt beim Verlag: https://buchversand.mironde.com/epages/es919510.sf/de_DE/?ObjectPath=/Shops/es919510/Products/9783960630456

Gedanken zum Buch 

Das ist ein mutiges, somit ein seltenes und in heutiger Zeit bewundernswertes Buch. Einschränkend muss ich jedoch hinzufügen: Das Buch ist ausgestattet mit einer konventionellen Simultanübersetzung »Deutsch–Russisch«. Auf der linken Buchseite steht der Text in Deutsch, auf der rechten in Russisch. Ich kann nur die eine Hälfte, das ist die linken Seiten, beurteilen und besprechen. Die rechten Seiten enthalten den auf Russisch übersetzten bzw. korrespondierenden Text und entziehen sich meinen Sprachkenntnissen. Diese sind limitiert, um nicht zu sagen minimal. Auf keinen Fall ausreichend für eine sorgfältige Analyse.

Deshalb beschränkt sich meine Stellungnahme auf das »halbe Buch«, die linken Seiten und, falls vorhanden, beidseitige Abbildungen. Sie beginnt mit dem Erscheinungsbild und formalen Aspekten des Buches, gefolgt von inhaltlichen Informationen und endet in einer persönlich gefärbten »politischen« Beurteilung.

Die formale Ausstattung des Buches entspricht der im Mironde Verlag hochwertigen Druck- und kunstvoll ausgereiften Darstellungs- und Farbqualität. Der Leser wird sowohl in eine einheitliche Stimmung versetzt als auch mit formal gleichen »Wegmarken durch die teilweise trockene Wissenschaftslandschaft« geführt. Es macht einfach Freude, das Buch in die Hand zu nehmen, gezielt oder vom Zufall geführt nach interessierenden Daten zu blättern und hieraus sein eigenes Wissen und Verstehen zu vermehren und zu gestalten.

Was ist an der sächsischen Bergwerkskunst auf dem Weg nach Russland im 18. Jahrhundert so interessant, wenn man nicht als ein »Sachse« oder als »Russe« geboren wurde?

Das Buch eröffnet mehrere Zugangswege. Der eine ist die Geschichte und Entwicklung des Bergbaus und der Montanwissenschaften. Die in den Bergbauanfängen anhand oberflächlicher Erd- und Gesteinsmerkmale durchgeführte Suche und Prospektion möglicher Erzlagerungen wird ergänzt durch technische Notwendigkeiten wie Wasser, Zugangswege, aber auch »politische« Gegebenheiten wie Interesse des Landesherrn oder Einwirkungen der Nachbarn, wie bereits Georgius Agricola (1494–1555) in seiner Schrift »De re metallica libri XII« erklärt.

Ein anderer Zugriff kann über geschichtliches Interesse erfolgen. Dieser ist sehr bildhaft und eindrucksvoll am Beispiel von zwei russischen Bergbaustudenten Dmitrij Ivanovič Vinogradov, Michail Vasil’evič Lomonosov und dem deutschstämmigen Gustav Ulrich Raiser geschildert. Wie eine intensive wissenschaftliche Zusammenarbeit unter Berücksichtigung vorgegebener Ressourcen (Bergbau) und deren finanzielle Nutzung zur Einrichtung bedeutender Bildungsstätten führen kann, zeigt die ausführliche Schilderung der Gründung der Lomonosov Universität.

Natürlich kann die für die Deutsche und die Russische Geschichte so bedeutende Zusammenarbeit im 18. Jahrhundert nur schwer in der heutigen Zeit nachvollzogen oder gar in Anbetracht des weltbeherrschenden oberflächlichen Journalismus Kerzen und Kniebeuge frei vermittelt werden. Es muss aber bei allem Mitleid mit den heute unschuldig Gemordeten und zum Mord Befohlenen bedacht und darauf hingewiesen werden, dass es in der Naturwissenschaft kein »gut« oder »böse«, sondern nur ein heute oder morgen, »ja« oder »nein« gibt.

Das so sorgfältig und ansprechend gestaltete Buch über die »sächsische Bergbaukunst im 18. Jahrhundert« kann uneingeschränkt nicht nur den »Bergbau-Interessierten« sondern allen Lesern empfohlen werden. Zum Beispiel auch denen, die in den heutigen »Kriegswirren« Richtlinien für die Zukunft suchen, ohne zu vergessen, dass unschuldig Gemordete und Mordbeauftragte mehr als Mitleid oder phantasielose Journalisten-Erklärungen benötigen.

»Alle Macht kommt aus den Gewehren« sagte einst Mao Tse Dong, bekämpfte Gewehr mit Gewehr, und gewann seine Revolution! Das ist keine Kriegserklärung an Russland, aber es öffnet die Hoffnung auf Morgen. Denn Russland ist weit mehr als ein mordender Präsident und die Ukraine kein armer Wüstenbettler. Dieses Buch ist angetreten, um beiden, den Russen und den Deutschen, den Weg in eine Vernunft gestaltete Zukunft aufzuzeigen. Nichts mehr und nichts weniger.

Prof. Dr. rer. nat, Dr. med., Dr. h.c. (mult.) Klaus Kayser (Heidelberg)

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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