Reportagen

Burgunder ist so rot wie Blut

Der 8. Februar 2011 ist ein milder, schneeloser Wintertag. Auch am Abend ist der Himmel klar. Das Licht des freundlichen Mondes und tausender Sterne schwebt ungehindert auf die Erde. Straßen und Fußwege sind inzwischen auch in Chemnitz von Schnee und Eis beräumt. Man konnte heute ohne Probleme eine abendliche Lesung in der Stadtbibliothek Chemnitz besuchen. Wir hatten also eine gewisse Zahl an Besuchern erwartet. Dennoch waren wir überrascht, dass sich etwa 60 Zuhörer eingefunden hatten, um der Lesung aus Klaus Walthers zweitem Kriminalroman zu lauschen.

Der Autor schien angesichts dieses Zuspruches selbst überrascht und reagierte mit einem nahezu britischen Understatement: er habe einmal eine Hermann Hesse Biographie veröffentlicht, da seien zur Premiere ähnlich viele Menschen gekommen, vermutlich weil einige geglaubt hätten, dass Hermann Hesse auch komme … Aber so war es an diesem Tag nicht. Man war gekommen, um der Lesung Klaus Walthers aus dem Kriminalroman »Burgunder ist so rot wie Blut« zu lauschen.

Klaus Walther baute mit ruhiger Stimme sogleich die Szenerie auf. Inspektor Maier muss ermitteln, weil Oberstudienrat Hannig in Niederstein-Lustthal tot aufgefunden wird. Der Pädagoge war ein Weinkenner und man findet allein in seiner Küche edlen Burgunderwein im Wert von etwa 20.000,00 Euro. Eine Spur führt also ins Burgund, zumal die französischen Kollegen von Inspektor Maier dort eine zweite Leiche finden. Schon nach wenigen Sätzen wird deutlich: hier ermittelt ein Kommissar, der in der Tradition großer Kollegen steht. Die Souveränität des Autors ermöglicht es, dass sein Held keines der heute dominierenden »Markt-Erfolgs-Klisches« durchwaten muss. Maier ist kein abgebrühter Zyniker. Ein »Ankläger« unserer »dekadenten, niedergehenden spätkapitalistischen Gesellschaft« ist der Kommissar auch nicht. Eher erinnert er uns an den Autor selbst, wenn er etwa in das Niederstein-Lustthaler »Karl-May-Gymnasium« geht, weil Oberstudienrat Hannig hier tätig war, und sich fragt, wie man ein Gymnasium nach diesem alten Schulabbrecher, Gelegenheitsdieb und vorbestraftem Schwerenöter Karl May benennen konnte. Oder wenn Maier etwa durch die Kreisstadt Kempach flaniert, fragt er sich, wie man wohl wegen einiger gesammelter Bilder auf die vieles andere ausschließende Bezeichnung »Stadt der Moderne« kommen könne. Der Autor überlässt es dem Hörer oder Leser, die Andeutungen weiterzudenken. An Möglichkeiten mangelt es nicht. Es wimmelt nur so von Hinweisen in Richtung großer Literatur, Lebensart, Wein und Kultur. Das anwesende Publikum vermochte dem Autor zu folgen. Die Reaktionen reichten vom Schmunzeln bis zum herzhaften Lachen.

Dem Publikum wurde bald klar, dass es außer der Aufklärung des Mordfalles Hannig noch weitere Rätsel zu lösen gilt. Der Leser des Buches gelangt bald zu ähnlichen Einsichten. Welche Stadt oder Gemeinde verbirgt sich hinter den Worten »Niederstein-Lustthal«, »Kempach« oder »Bergfrohna«? Welche reale Person steckt hinter dem Niederstein-Lustthaler Antiquar und Buchhändler W. K. Buchstaub? Der Autor und Buchhändler Rainer Klis kann es nicht sein, denn der tritt unter seinem wirklichen Namen auf. Oder wer steckt hinter dem neu gewählten Bürgermeister von Niederstein-Lustthal, dessen Liebe eigentlich der Musik gilt. Durch die Wahl zum Bürgermeister wurde sein schütteres Haar »noch ein wenig schütterer«, seinen Musikladen verpachtetet er einstweilen, weil er nicht ewig auf dem Amtssessel kleben bleiben will. Welche Person steckt hinter »Dr. Löser«? (jemand raunte mir zu, der grauhaarige ältere Herr am Nachbartisch sei es.) Oder welche Person steckt hinter Herrn Fabian, dem Inhaber eines »noblen Kleinverlages« in Bergfrohna, der früher einmal die »Edition Leipzig« leitete, und dem Oberstudienrat Hannig seit 20 Jahren die unmittelbar bevorstehende Fertigstellung einer umfänglichen »Robert-Schumann-Bio­graphie« versprochen habe. Es taucht gar ein Direktor der »Heim-Bank« in Bergfrohna mit dem Namen Eichler auf, der – wir ahnen es bereits – ein begeisterter Herder-Leser ist. Unglaublich. Hier übertrieb der Autor seine Freude am Fabulieren ohne Zweifel etwas. Wenn man einen heutigen Bankdirektor nach Herder fragt, dann glaubt der wahrscheinlich, es sei ein neues Rettungsprogramm für »Not leidende Banken«. Naja. Jedenfalls steckt dieses Buch voller intellektueller Rätsel.

Die Zuhörer dankten dem Autor mit ihrem Beifall für den amüsanten Abend und dem geistigen Genuss.

Wie alle wirkliche Literatur löst dieses Buch ganz unterschiedliche Assoziationen aus. Unter der leichten Oberfläche stellt der Autor zum Beispiel ganz kalt und nüchtern das Wirken der heutigen Bürokratie dar. »Strukturreform« heißt das Stichwort. Bereits am Anfang wird das Provisorische der Polizistenexistenz deutlich. Walther schafft eine Atmosphäre, die der des Inspektor Jensen nahe kommt. Olsenbanden-Film-Kenner werden sich erinnern, dass dieser meist in Hut und Regenmantel in seinem Büro sitzt, als wäre er nur noch kurz hier. Jedenfalls gehen hinter dem Rücken von Kommissar Maier Verlagerungen vor sich. Am Anfang sind sie in der Abteilung für Gewaltverbrechen nur noch zwei Kollegen. Am Ende ist Maier allein. Die ganzen Arbeitsplätze wurden nach Kempach verlagert. Die Dienststelle in Niederstein-Lustthal ist »abgewickelt«. So funktioniert bürokratische Zentralisierung. Vor Ort werden Stellen »abgebaut«, die dann aber in der Zentrale wieder »aufgebaut« werden, damit die Zentrale so lange wie möglich gehalten werden kann. Ob das wirklich eine »Reform« ist? Oder sollte der transzendente Sinn unseres Universums  gar im Bürokratieerhalt bestehen?

Johannes Eichenthal

Information

Klaus Walther: Burgunder ist so rot wie Blut. Chemnitzer Verlag 2011. 200 Seiten, brosch.

ISBN 978-3-937025-67-4

www.chemnitzer-verlag.de

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