Karin und Steffen Heinrich sind die Autoren eines 2022 erschienen Buches mit dem Titel »Vom Abfall zum Gartengold. Klärschlammveredlung mit Pyrolyse«. Im Buch wird das Pyrolyse-Verfahren dokumentiert, das seit dem Jahre 2020 in der zentralen Kläranlage Niederfrohna des ZV Frohnbach den anfallenden Klärschlamm ohne Zufuhr von Primärenergie, ohne Abfall, bei gleichzeitiger Beseitigung aller organischen Bestandteile (Medikamentenreste, Mikroplastik u.a.) und bei Erhalt der mineralischen Strukturen sowie Spurenelemente in eine stark phosphorhaltige Biokohle umwandelt. Für den 13./14. November 2025 lädt der ZV Frohnbach mit den »Sächsischen Humustagen« zu einer Fachtagung über regenerative Landwirtschaft ein. Wir sprachen deshalb mit Dr.-Ing. Steffen Heinrich über regenerative Landwirtschaft.

Am 8. Juli 2025 besuchte eine israelische Delegation die Pyrolyse-Anlage
Warum veranstaltet der Abwasserzweckverband »Zweckverband Frohnbach« eine Tagung über Humus und regenerative Landwirtschaft?
Dr. Heinrich: Weil es sich um die Rahmenbedingungen für eine vernünftige und sparsame Abwasserbehandlung in unserem Klärwerk handelt. Lange Zeit wurden menschliche Fäkalien (»Jauche«), häusliches Schmutzwasser oder Klärschlamm auf Gärten und Felder aufgebracht – in Großstädten z.B. über sogenannte »Rieselfelder«. Seit dem Jahre 2015 ist aufgrund neuer gesetzlicher Regelungen die bodenbezogene Nutzung von Klärschlamm kaum mehr möglich, und sie wird ab dem Jahre 2029 nur noch in seltenen Fällen erlaubt sein. Stattdessen wird Klärschlamm flächendeckend und in großen, zentralen Öfen als »Abfall« verbrannt. Dies hat mehrere Nachteile. Einerseits ergeben sich sehr hohe Entsorgungspreise. Zudem wird die übrigbleibende Asche zumeist deponiert und bleibt in der Regel ungenutzt. So sind selbst Reste eines Stoffkreislaufes unterbrochen. Dieser Zustand wird noch geraume Zeit anhalten. Zwar ist allen Erzeugern aufgegeben, je nach Größe ihres Klärwerkes ab dem Jahre 2029 bzw. 2032 für eine Rückgewinnung des kritischen Rohstoffs Phosphor zu sorgen – das wäre also ein Recycling bezüglich einer einzigen wertvollen Komponente. Jedoch wird es bis zu den festgesetzten Terminen an dafür geeigneten und praxistauglichen Technologien fehlen bzw. an ausreichend großen Kapazitäten, die anfallenden Aschemassen zu verarbeiten. Der Großteil wird zwischengelagert werden müssen bis er irgendwann an der Reihe ist. Wann dies der Fall sein wird, ist ebenso offen, wie der Gesamtpreis für die Reise ins Ungewisse. Der Zweckverband wollte sich von den ständig steigenden Entsorgungskosten und den in der Zukunft liegenden Risiken befreien sowie den regionalen Stoffkreislauf wiederherstellen. So suchten wir nach einer Alternative und entwickelten ein Verfahren zur dezentralen Veredlung des Klärschlammes. Die im eigenen Klärwerk entstehende Biokohle kann als Aufbereitungshilfsmittel z.B. für Wirtschaftsdünger wie Kompost, Mist oder Gülle eingesetzt und dann damit auf die Felder der Region ausgebracht werden. Auf diese Art und Weise läßt sich der aus verschiedenen Stoffwechselkreislaufsystemen im Garten und auf dem Feld, in Tieren und im Menschen sowie letztlich im Klärwerk bestehende regionale Stoffkreislauf wieder schließen. Darin besteht der Zusammenhang zwischen der Wasser- und z.B. der Landwirtschaft.

Am 26. August 2025 besuchte eine Delegation aus Italien den ZVF
Wenn ich das richtig verstehe, sehen Sie sich mit Ihrem Klärwerk als ein »Stoffumwandler«, der den Gartenbau- und Landwirtschaftsbetrieben der Region bei der Schließung des Stoffwechselkreislaufes behilflich sein will?
Dr. Heinrich: In der Tat, das ist unser Anliegen. Es geht um Zirkularökonomie. Der Extrakt aus den kommunalen Abwässern (Klärschlamm) ist zu wertvoll, um einfach verbrannt und vernichtet zu werden. Wir entwickelten unser Verfahren in engem Kontakt zu Landwirtschafts- und Gartenbaubetrieben. Unsere Biokohle wurde unter wissenschaftlicher Begleitung durch die Universität Rostock in einem dreijährigen Feldversuch getestet. Sie hat sich als ertragssteigernd erwiesen, und es konnte eine gute P-Düngewirkung nachgewiesen werden. Einige Landwirte und Gärtner brachten ihre Sichtweise auch im ersten Teil unseres Buches ein.

Am 3. September 2025 besuchte eine Delegation aus Tschechien das Klärwerk
Der französische Historiker Fernand Braudel meinte, dass der Bauernhof die Urform des Familienbetriebes und die Schicht der Familienbetriebe die Grundlage aller Wirtschaft seien.
Dr. Heinrich: Genau so sehen wir das auch. Deshalb wählten wir zu unseren Humustagen den Untertitel »Fachtagung zur regenerativen Landwirtschaft«. In der Biologie ist die »Degeneration« die Zerstörung oder Auflösung von Lebensprozessen. Unter »Regeneration« versteht man hingegen die Wiederherstellung von Lebensprozessen. Lebewesen benötigen ein offenes Umweltsystem, um sich regenerieren zu können. Die notwendige Wiedereinordnung der Menschheit in den Naturkreislauf ist nur über die Regeneration möglich. Was das genau bedeutet, welche Beispiele es dafür gibt und welche Erfahrungen damit gesammelt wurden – darüber wollen wir am 13./14. November in der Stadthalle von Limbach-Oberfrohna diskutieren, und zwar mit Praktikern und mit Wissenschaftlern. Alle Interessenten sind herzlich willkommen. Die Teilnahme ist kostenlos. Anmeldeportal und Tagungsprogramm finden sich am Ende dieses Berichtes und auf unserer Internetseite.

Am 5. November besuchte eine weitere Delegation aus Israel die Pyrolyse-Anlage
Haben Sie strikte Vorgaben und Regeln für eine regenerative Landwirtschaft im Sinn?
Dr. Heinrich: Nein, es geht nicht darum, jemandem Regeln aufzubürden, sondern uns für verschiedene Ansätze zu öffnen und Zusammenhänge zu erkennen. Natürlich gibt es auch Grundsätze, die beachtet werden sollten. Papst Franziskus hat das sehr treffend formuliert: »Wenn wir die Komplexität der ökologischen Krise und ihrer vielfältigen Ursachen berücksichtigen, müssen wir zugeben, dass die Lösung nicht über einen einzigen Weg, die Wirklichkeit zu interpretieren und zu verwandeln, erreicht werden kann. Es ist auch notwendig, auf die verschiedenen kulturellen Reichtümer der Völker, auf Kunst und Poesie, auf das innerliche Leben und auf die Spiritualität zurückzugreifen. Wenn wir wirklich eine Ökologie aufbauen wollen, die uns gestattet, all das zu sanieren, was wir zerstört haben, dann darf kein Wissenschaftszweig und keine Form der Weisheit beiseitegelassen werden, auch nicht die religiöse mit ihrer eigenen Sprache.« (Papst Franziskus: Enzyklika Laudato Si’. Sorgen über das gemeinsame Haus, Rom 2015, S. 47.)
Sehr geehrter Dr. Heinrich, vielen Dank für das Gespräch.
Clara Schwarzenwald
Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

Information
1. Sächsische Humustage in der Stadthalle von Limbach-Oberfrohna
Tagesordnung Donnerstag, 13. November
09.00 Uhr Gerd Härtig (OB/ ZVF-Verbandsvorsitzender) Begrüßung
09.10 Uhr Thomas Schmidt (Staatsminister i.R.) Grußwort
09.15 Uhr Steffen Heinrich (ZVF): Moderation
09.20 Uhr Udo Schäfer (Wolsier) Was ist Humus?
09.40 Uhr Christina Wolff (Wolsier) Wunderwerk Pflanze
10.00 Uhr Andrej Schindhelm (Resonanzkreis e.V. Lippe) Wissenschaft heute
10.20 Uhr Fragen und Diskussion
10.30 Uhr Pause
10.50 Uhr Steffen Heinrich (ZVF): HUMASAT in der Praxis (Erfahrungen mit der bodenbezogenen Anwen dung von aus kommunalem Klärschlamm erzeugter Biokohle
11.10 Uhr Rainer Sagawe (Hameln): Das Koroni-Modell (Vitalisierung von Einzelbäumen und Baumplantagen)
11.30 Uhr Kai Dech (Hohenauen): Dynamische Landwirtschaft. Zusammenspiel von Ackerbau und Viehzucht.
11.50 Uhr Oliver Leipacher (Jahnatal): Regenerative Landwirtschaft. Erfahrungen mit dem regenerativen Gar ten- und Landbau.
12.10 Uhr Benedikt Bösel (Alt Madlitz): Multifunktionale Landwirtschaft. Farm-Rebellion. Vom Boden aus denken.
12.30 Uhr Fragen und Diskussion
12.45 Uhr Mittagspause
13.15 Uhr Anika Zacher (Uni Rostock): Alternative Wege der Phosphordüngung im Pflanzenbau
13.35 Uhr Bruno Glaser (Uni Halle): Schlüsseltechnologie für Zirkularökonomie. Stand der Forschung zur Klärschlamm-Pyrolyse.
13.55 Uhr Steffen Heinrich (ZVF)/Anika Zacher (Uni Rostock): Bodenfruchtbarkeit. Klärschlamm-Biokohle als alternativer P-Dünger: Wirksamkeitsprüfung im Feldversuch
14.15 Uhr Petra Hausschild (FH Nordhausen): Wiedernutzbarmachung – Rekultivierungsversuche auf Kalirückstandshalden
14.35 Uhr Robert Wagner (FU Berlin/Fa. AnyChar): Urbane Kohlenstoffwirtschaft. Kompostierung mit Karbo nisaten aus städtischen Bioabfällen.
14.55 Uhr Fragen und Diskussion
15.25 Uhr Pause
15.45 Uhr Zusammenfassung der wesentlichen Erkenntnisse des Tages
Podiumsdiskussion, Kommentare, Meinungen, Kurzdiskussion, Schlussworte
16.20 Uhr Abfahrt zur Exkursion: Besichtigung der Klärschlammveredlungsanlage auf dem ZKA Niederfrohna
Tagesordnung Freitag, 14. November
09.00 Uhr Steffen Heinrich (ZVF): Moderation
09.05 Uhr Katharina Müller (Fa. Finizio): Der Schlüssel liegt in der Schüssel. Nährstoffrecycling aus Trocken toiletten
09.25 Uhr Alfons Krieger (LELF Brandenburg): Düngemittelrecht. Mögliche Einordnung von neuartigen Re zyklaten.
09.45 Uhr Karin Heinrich (BHT Berlin): Faktor Wasser. Thermodynamischer Zusammenhang zwischen Bo denbeschaffenheit, Luftfeuchte, Temperatur, Klima, Befeuchtung und Bodenfruchtbarkeit
10.05 Uhr Philipp Hagemann (IB Hagemann): Problematik der Pyrolyse. Warum findet die Pyrolyse von Stof fen so schwer Verbreitung?
10.25 Uhr Enrico Putzke (Steinbeis Plauen /nMat): Handhabung von C-Quellen. Flexible Systemlösungen für die Wirtschaftsdüngerlogistik
10.45 Uhr Ulrich Suer (Fa. BIOMACON): Mehr Nutzen-Technik. Heizen + Kohle gewinnen, damit THG binden und den Boden verbessern
12.05 Uhr Fragen und Diskussion
12.20 Uhr Pause
12.40 Uhr Podiumsdiskussion. Kommentare, Meinungen, Kurzdiskussion. Schlussworte
13.00 Uhr Ende der Veranstaltung
Anmeldung zur Tagung erforderlich
Das Anmeldeverfahren für die Teilnahme an der Tagung ist auf der Internetseite https://buergerbeteiligung.sachsen.de/portal/zvfrohnbach/beteiligung/themen/1052440?vorschaucode=hBaffStK freigeschaltet.
Das Regionalfernsehen Chemnitzer Land führte in Vorbereitung der Tagung ein Interview mit Dr. Steffen Heinrich: https://www.youtube.com/watch?v=FBNQjn10O3s

Das Making-of des Pyrolyse-Verfahrens
Karin Heinrich/Steffen Heinrich: Vom Abfall zum Gartengold – Klärschlammveredlung mit Pyrolyse.
Fester Einband, 23,4 × 0,5 cm, 400 Seiten, Fadenheftung, Lesebändchen, 226 farbige Fotos, 3 Karten, 56 Abbildungen, 43 Tabellen und Diagramme, Anhang mit digitalisierten ergänzenden Materialien (Filmaufnahmen, Dokumente, Versuchs-, Untersuchungs- und Labor-Prüfprotokolle).
VP 128,00 €
ISBN 978-3-96063-017-3
Das Buch ist in jeder Buchhandlung oder direkt beim Verlag erhältlich: https://buchversand.mironde.com/p/karin-heinrich-steffen-heinrich-vom-abfall-zum-gartengold-klaerschlammveredlung-mit-pyrolyse

