Karl Stülpner
Reportagen

KARL STÜLPNER ALS LITERAT

Der 8. März war im erzgebirgischen Schneeberg ein Sonntag, „wie er im Buche steht“. Die Stadtbibliothek hatte in das Kulturzentrum „Goldne Sonne“ zum „Bücherfrühling“ eingeladen. Regionale Verlage präsentierten dem Publikum ihre aktuellen Programme. Die Mitarbeiterinnen der Stadtbibliothek hatten alles liebevoll vorbereitet. Selbst die Gastronomie war im Ausstellungssaal vertreten. In dieser überschaubaren Umgebung und der angenehmen Atmosphäre standen die literarischen Inhalte im Mittelpunkt.

Karl Stülpner

Unter den Ausstellern war auch der Mironde-Verlag. Birgit Eichler und Maxi Weber von der Stadtbibliothek treffen hier gerade letzte organisatorische Absprachen.

Um 11 Uhr trat Andreas Eichler vom Mironde-Verlag mit einer Vorstellung des Buchprojektes „Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland“ im Kleinen Saal auf. Nach der Formulierung der Rahmenbedingungen für die Entstehung der mittelhochdeutschen Sprache in Mitteldeutschland, der Sprachlandschaft zwischen Braunschweig und Görlitz, zwischen 11. und 13. Jahrhundert, ging Eichler auch auf die regionalen Helden Karl Stülpner, Karl May, Anton Günther, Kurt Arnold Findeisen und Edgar Hahnewald ein. Eichler beendete seinen Vortrag mit dem Hinweis darauf, dass das Erzählen von Geschichten zu unserem Menschsein gehört. Das Hören und Lesen von Geschichten erhält uns lebendig. Die mündliche Erzählfähigkeit ist die Grundlage aller Literatur.

Karl Stülpner

Porträt Karl Stülpner (Hans Fincke, 1835)

Karl Stülpner (1762–1841) wurde mitten im „Siebenjährigen Krieg“ (1756–1763) in ärmsten Verhältnissen geboren. Durch die Kriegsfolgen und damit einhergehende Missernten verschlechterten sich die Lebensbedingungen der einfachen Menschen am Ende des 18. Jahrhunderts dramatisch. Stülpner musste eine Försterlehre abbrechen, um seine verwitwete Mutter zu unterstützen. Er verdingte sich bereits mit 16 Jahren, wie viele Jugendliche aus dem Erzgebirge, als Soldat, um sich als Mensch emanzipieren zu können. 1834 war er jedoch in seinem Leben vollständig gescheitert. Seine ausgesprochene Begnadigung wegen Desertion hatte keine Wirksamkeit, seine Frau war bei der Geburt eines Kindes verstorben, alle Gastwirtschafts-Existenzgründungen waren gescheitert und er fast erblindet. Über sein Leben hatten mehrere Sensationshascher und Moralapostel Bücher veröffentlicht. In dieser Situation wurde ihm die Möglichkeit eröffnet, seine Lebenserinnerungen zu veröffentlichen. Als Herausgeber fungierte Carl Heinrich Wilhelm Schönberg (1805–1865), ein ehemaliger Jura-Student ohne Abschluss, der als Hilfslehrer in einer Fabrikschule tätig war. Eichler machte keinen Hehl daraus, dass er die Unterstützung Schönbergs durch den Grundherren, August Graf von Einsiedel (1754–1837) annimmt. Dessen Onkel hatte bereits 1795 eine Begnadigung Stülpners in Dresden erreicht.

Karl Stülpner

Der große Kurt Arnold Findeisen titelte seinen Stülpner-Roman mit „Der Sohn der Wälder“. (Verlag der Nation, Berlin 1954)

Einsiedel war einer der engsten Freunde und Mitarbeiter Johann Gottfried Herders in Weimar gewesen. Er hatte in Göttingen und Freiberg studiert, war als Offizier mit seinem Regiment in niederländische Dienste „verliehen“ worden, gehörte der Redaktion der Jahrhundertzeitschrift „Adrastea“ an, verfasste philosophische Texte und engagierte sich als Demokrat. Eichler ging davon aus, dass Einsiedel bei der Umwandlung der mündlichen Erinnerungen Stülpners in einen sehr gut lesbaren Text eingriff. Jedenfalls gab die Zensur des Annaberger Stadtrates das Manuskript frei, das Buch wurde in der Druckerei Eduard Hasper in Annaberg gedruckt und von einer Zschopauer Verlagsbuchhandlung verlegt. 

Das Königlich-Sächsische Ministerium des Innern beschlagnahmte jedoch die gesamte Auflage und forderte in eidesstattliche Erklärungen von allen Beteiligten die Bescheinigung der Vollständigkeit der Beschlagnahmung. Der Herausgeber blieb auf seinen Druckkosten sitzen. Der beabsichtigte Mehrerlös war zudem als Unterstützung für den verarmten Stülpner gedacht gewesen. Schönberg legte Anfang Oktober 1835 Widerspruch beim Königlich-Sächsischen Ministerium des Innern ein. Die Behörde antwortete am 27. Oktober 1835 abschlägig: … Da jedoch diese Schrift vermöge des Tons, in welchem sie gehalten ist, besonders auf die minder gebildeten Volksklassen nur einen gemeinschädlichen Eindruck machen kann, so kann das Ministerium des Innern … deren nachmalige Verbreitung nicht geschehen lassen.

Die Beschlagnahmung, so dass Ministerium, erfolgte „zum Schutz der minder gebildeten Volksklassen“. Das ist ein bis heute gern benutztes Argumentationsmuster.

Karl Stülpner

In der Sternwarte des Zeiss-Planetariums Drebach wurde am 29. Dezember 1998 der Planetoid 1998  YH27 entdeckt und nach Karl Stülpner benannt. Die amtliche Bezeichnung ist (13816) Stülpner.

Der Zwickauer Bürgermeister und Zensor Friedrich Wilhelm Meyer hatte 1835, trotz des Verdikts des Innenministeriums, den Abdruck eines ersten Teiles von Stülp­ners Lebenserinnerungen im sogenannten „Dampfkalender“ von 1836 genehmigt. Der neue Zensor der Stadt Zwickau, Stadtrat Martin Gotthard Oberländer (1801–1868), genehmigte 1836 sogar den Abdruck des zweiten Teiles von Stülpners Lebenserinnerungen im „Dampfkalender“ von 1837. Schönberg schickte am 2. August 1837 eine Petition an die Sächsische Ständeversammlung ab. Die IV. Deputation der II. Kammer gab am 11. November 1837 dem Antrag Schönbergs statt und zwang das Königlich-Sächsische Innenministerium zur Rücknahme seine Verdiktes und zu einer Entschädigung der durch die Beschlagnahmung entstandenen Verluste. Im Begründungsschreiben der II. Kammer heißt es:  Der eigentliche Grund (der Petition) ist … ein den verehrten Mitgliedern der Kammer dem Namen nach wahrscheinlich nicht unbekannter, ja seiner Zeit ziemlich berüchtigt gewesener Wildschütz, Carl Stülpner aus Scharfenstein, der im letzten Winter vorigen, zeitweise auch noch zu Anfang des jetzigen Jahrhunderts im Erzgebirge … sein Unwesen trieb, wegen vieler daneben verübter liebenswerther Handlungen aber und weil sich mehrere angesehene Personen für ihn verwendeten, zuletzt begnadigt wurde und von dieser Zeit an einen ruhigen Lebenswandel führte …

Damit wurde deutlich, dass die Beschlagnahmung der Auflage nicht rechtskonform gewesen war. Das Schreiben der Kammer deutet auf eine vollumfängliche Rehabilitierung Stülpners hin. Das Ministerium wurde zum Schadensersatz gezwungen und zahlte 118 Taler an Schönberg. Damit war auch die geplante Unterstützung Stülpners möglich.

Besonders interessant war im Schreiben der Kammer der Hinweis, dass sich „mehrere angesehene Personen“ für Stülpner eingesetzt haben. Das Handeln des Königlich-Sächsischen Innenministeriums ist dem Anschein nach durch die Dominanz des reaktionären Geistes Metternichs erklärbar. Aber gerade dieser Politik führte letztlich zu den Aufständen des Jahres 1848. Interessant auch hier, dass der ehemalige Zensor der Stadt Zwickau, Martin Gotthard Oberländer, der mutig den Druck von Stülpners Lebenserinnerungen genehmigt hatte, 1848/49 zum sächsischen Innenminister ernannt wurde. Insofern kann man in der Bestätigung der Rechtmäßigkeit des Erscheinens der Lebenserinnerungen Karl Stülpners bereits einen Vorzeichen der bürgerlich-demokratischen Revolution sehen.

Karl Stülpner

Titel der Reprint-Auflage von Stülpners Lebenserinnerungen. Die Gestaltung wurde von Prof. Werner Klemke übernommen.

Eichler hob hervor, dass Karl Stülpners Leben erst mit der Veröffentlichung der Erinnerungen wieder einen Sinn bekam. Dank der Mitwirkung Schönbergs/Einsiedels entstand ein wichtiges zeitgenössisches literarisches Zeugnis. Stülp­ner war ein ausgezeichneter mündlicher Erzähler gewesen. Das Motto allen Erzählens lautet: Es hätte so gewesen sein können. Durch sein Soldatenleben hatte Stülpner auch etwas zu erzählen. Er musste 1792 an der Schlacht von Valmy teilnehmen, in der die französische Armee zum ersten Mal den Interventen standhielt. (Johann Wolfgang von Goethe befand sich mit dem Weimarer Herzog im Stab der Interventionsarmee und musste die Offiziere trösten: Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus. Ihr könnt sagen, Ihr seid dabei gewesen!) In seinen Erinnerungen an Valmy erzählte Stülpner auch, dass die preußische Armee Dörfer umstellte und mit Mensch und Vieh niederbrannte. Stülpner musste an der Schlacht von Kaiserslautern teilnehmen, in der die französische Armee bereits militärisch dominierte. Stülpner wurde auch 1806 noch einmal in der Doppelschlacht in Jena-Auerstedt von 1806 eingesetzt, in der Preußen  und seine Verbündeten eine epochale Niederlage erlitten. Das kann man alles in Stülpners Lebenserinnerungen finden. Allerdings muss man literarische Text auch lesen können. „Wenn ein Esel in die Bibel blickt“, so Georg Christoph Lichtenberg, „dann schaut ihm auch kein Apostel entgegen“. 

1973 machte das Zentralantiquariat der DDR in Leipzig die Lebenserinnerungen Karl Stülpners erstmals seit ihrem Verbot wieder der Öffentlichkeit zugänglich. Man wählte die Form eines Reprints des Originaltextes. Die Titelgestaltung stammt vom legendären Professor Werner Klemke. Das Nachwort des Literaturwissenschaftlers Klaus Hoffmann ist bis heute Standard. Wer wissen will, wer Karl Stülpner war, dem sei dieser Originaltext in der Fassung von 1973 empfohlen.  

Karl Stülpner

Titel des ersten Bandes von Karl Mays Erzählung „Winnetou“.

Eichler verwies auf die Wirkung der Stülpner-Legenden auf große Geister. Der 1842 in ärmsten Verhältnissen geborene Karl May, der in seiner Kindheit zeitweise erblindete, wurde durch die Erzählungen seiner Ernstthaler Großmutter gebildet. Man kann mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass die Großmutter auch von Karl Stülp­ner erzählte. Wie Stülpner verband May sein Emanzipationsstreben mit dem Streben nach Gerechtigkeit. In der Kindheit wollte er nach Spanien reisen, um gerechte Räuber zu holen, die sich für die armen Ernstthaler Weber engagieren sollten. Er kam bei diesem Versuch zunächst nur bis Mülsen, setzte aber das Bestreben auf andere Weise fort. Sein Held Old Shatterhand ähnelt in manchen Dingen Karl Stülpner. Notfalls setzte er auch Gerechtigkeit mit seinem „Stutzen“ durch. Karl May alias Old Shatterhand formuliert in der Vorrede zu „Winnetou I“, dass er seinem getöteten Freund Winnetou, der wie sein Volk unterging, ein literarisches Denkmal setzen wolle, um die Erinnerung an ihn zu bewahren.

Karl Stülpner

Karl-Stülpner-Gedenkstein in der Gemeinde Scharfenstein mit einem abgewandelten Kurt Arnold Findeisen-Zitat: „Dem Sohn unserer Wälder“.

Auf unserer Heimfahrt ging uns der Tag noch einmal durch den Kopf. Der Teil der Bevölkerung, der die Kulturtechnik des Bücherlesens noch beherrscht, war beglückt von der Fülle der Informationen in Schneeberg. Aber bei diesen Menschen handelt es sich inzwischen um eine Minderheit. Es gibt immer weniger Menschen, die noch auf der Suche nach neuen Horizonten sind. Aber gerade diese Offenheit ist notwendig, um sich selbst zum ernsthaften, selbstbestimmten Lesen zu motivieren.

Zudem leben wir in einer paradoxen Welt. Selbst die Auswahl der Literatur ist ein Problem. Niemand überblickt mehr die 90.000 Neuerscheinungen pro Jahr. Wird aus der Flut dieser Texte überhaupt etwas bleiben?

Zuletzt, doch nicht zu vergessen: Die mündliche Erzählfähigkeit ist die Grundlage des Lesens. Aber gerade diese Grundlage wird heute von der Unterhaltungsindustrie bedroht. Man sieht schweigende Tischgesellschaften, bei denen alle Personen auf ein kleines Gerät starren. Das wäre zur Zeit Karl Stülpners oder Anton Günthers undenkbar gewesen. Diese Unfähigkeit zur menschlichen Kommunikation ist die Anfangsursache für das Verschwinden der Fähigkeit ernsthafte Texte zu lesen. Roda Roda formulierte bereits vor 100 Jahren: „Seit die Menschen sich nichts mehr zu sagen haben, telefonieren sie.“  Und heute?

Clara Schwarzenwald

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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Information

Stadtbibliothek Schneeberg: https://www.bergstadt-schneeberg.de/seite/444321/stadtbibliothek.html

Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland

Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Sprache und Eigensinn 3. Von Thomas Mann bis Gundermann: https://buchversand.mironde.com/p/andreas-eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-t-3-von-thomas-mann-bis-gundermann

Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland: Teil 1 bis 3: https://buchversand.mironde.com/p/eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-teil-1-3

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