Reportagen

Nietzsche in Naumburg 2012

Die rührigen Organisatoren der Friedrich-Nietzsche-Stiftung um Dr. Ralf Eichberg hatten für die Tage vom 11. bis 14. Oktober 2012 zu einer Konferenz mit dem Titel »Ohnmacht des Subjekts – Macht der Persönlichkeit« nach Naumburg eingeladen. Der Bezugsrahmen für die Themenstellung ist hier das Werk Friedrich Nietzsches (1844–1900).

Unmittelbar an der ehemaligen Stadtmauer liegt das Haus, in dem der in Röcken geborene Friedrich Nietzsche in Naumburg wohnte.

Im Nachbargrundstück wurde in den letzten Jahren ein neues Gebäude errichtet, welches das Nietzsche-Dokumentationszentrum aufnahm.

Im Saal des neuen Gebäudes fand auch die Konferenz statt.

Im Programm waren Gäste aus London, Swansea (Vereinigtes Königreich), Kopenhagen, Odensee, Dansweiler (Dänemark), New York, Chicago, Stanford, Hampden Sidney  (USA), Klosterneuburg, Graz (Österreich), St. Catharines (Kannada), Genf, Basel (Schweiz), Lecce, Salento, Pisa, Verona (Italien), Novi Sad (Serbien), Curitiba, Uberlándia (Brasilien), Leuven (Belgien), Madrid (Spanien), Pécs (Ungarn), Istanbul, Corum (Türkei), Berlin, Göttingen, Lüneburg, Tübingen, Leipzig, Karlsruhe, Essen, Dresden, Greifswald, Freiburg i. Br., Bonn, Halle, Würzburg, Bielefeld, Heidelberg und München angekündigt.

Am 12. Oktober sprach Prof. Rüdiger Görner vor dem versammelten Plenum. Der Literaturwissenschaftler leitet ein Universitätsinstitut in London. Vom Moderator wurde er dem Publikum recht ausführlich vorgestellt. Allein aus der Publikationsliste Görners der letzte Jahren wurde deutlich, dass er zur europäischen Literatur vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart arbeitet und dabei auch die Philosophie der Zeit einbezieht. Zugleich gilt seine Zuneigung auch großen Musikern dieser Epoche.

Seinen Vortrag hatte Rüdiger Görner unter den Titel »Ich, niemand und der Wille zur Selbstverstellung. Zu Nietzsches ästhetischer Psychologie und Subjektkritik.« gestellt.

Görner fragte, ob nicht unsere eigene Selbstverstellung ein Kunstwerk sei. Er erinnerte an die Fragestellung von Descartes und dessen Begründungsversuch des Selbstbewusstseins, an Johann Gottlob Fichtes und Friedrich Hölderlins Fragen: wie kann ich »Ich« sagen?

An dieser Stelle zitierte er aus Johann Georg Hamanns Vorrede zu »Sokratische Denkwürdigkeiten«, mit dem Titel »An das Publicum, oder niemand, den Kundbaren.« um zu Nietzsches Versuchen der Selbstinszenierung überzuleiten. Dieser habe sich auf die Antike und die Renaissance gestützt, wobei er die Renaissance in die »Geschichte der Gegenbewegungen« einordnete.

In seiner Spätphase habe Nietzsche an einer neuerlichen Auseinandersetzung mit dem Darwinismus gearbeitet. In der »modernen Gesellschaft« setzten sich seiner Meinung nach jedoch nicht die Stärkeren, sondern die Mittelmäßigen durch.

In der Kunst habe Nietzsche quasiereligiöse Eigenschaften und eine Art Subjekt gesehen. Die Kunst sei transformierter Wille (Schopenhauer).

Mit dem Begriff von Kunst habe sich für Nietzsche immer der Name »Richard Wagner« verbunden, den er als großen Schauspieler betrachtete, dem gegenüber die Kritik ohnmächtig wird. Letztlich wäre Nietzsche gern selbst so geworden wie Wagner.

Dieser verstünde es poetisch zu verzaubern und gleichzeitig wieder zu entzaubern, teilte sich nie in Gedanken mit, sondern in Zeichen. Um sich gegenüber Wagner dennoch zu behaupten, monierte er, Wagner wäre zu wenig von Goethe beeinflusst.

Kommunikation habe Nietzsche als Bewegung zu anderen hin betrachtet und Kunst als subjektzentrierte Gegenkultur. Höhepunkt der Mitteilsamkeit sei eine Art ästhetischer Zustand. Dieser sei für Nietzsche auch die Quelle der Sprache gewesen (Ton-, Blick- und Gebärdensprache). Dagegen sei die Wahrnehmung für ihn nur eine Frage der Muskeln und Sinne.

In diesem Prozess verschwinde der Autor und werde zu einem Unzeitgemäßen.

Über Bezüge zu Alexander Herzen und Giacomo Meyerbeer kam Görner zur Feststellung, für Nietzsche sei die Kausalitätsvorstellung seiner Zeit kritikwürdig gewesen. Der Name »Wagner« sei für Nietzsche Wirkung um der Wirkung willen verbunden gewesen.

Hier ging er auf Nietzsches Psychologie der Erkenntnis ein. So habe es für Nietzsche keine »kausale Verbindung« zweier Gedanken geben können, vielmehr seien Zwischenräume und Modifikationen nötig. Für Nietzsche sei das Denken eine Glaubensfrage gewesen. Im Denken gehe man eine Art »Fiktionsvertrag« (Umberto Eco) ein. In der Folge sah Nietzsche bei den Philosophen aus der falschen Selbstbeobachtung die falsche Problembeschreibung hervorgehen. Sie misstrauten den Sinnen. Nach Nietzsches Auffassung täuschten uns die Sinne gerade nicht.

In der Zeit nach dem »Zarathustra« habe Nietzsche die Theorie des Subjekts als Katalysator verstanden. Das Problem sei nicht die Moral, sondern die »Unaufrichtigkeit des Schauspielers«. Hier habe er wieder Wagner im Auge gehabt. Der Schauspieler sei auf dem Gebiet des Erkennens tätig. Es gehe aber nicht um eine »Selbstberauschung«, sondern um eine neue Nüchternheit des Erkennenden (Stendhal). Mit dem Bezug auf Stendhal und Fjodor Dostojewski habe sich Nietzsche versucht von Wagner zu befreien. Das Kunstideal Nietzsches sei dennoch weder Stendhal noch Dostojewski gewesen, sondern Lyrik und Musik.

 

An dieser Stelle zitiert Rüdiger Görner eine Nietzsche-Textstelle (»Eine Musik, die von Gut und Böse nichts mehr wüsste [ … und] von ferne her die Farben einer untergehenden, fast unverständlich gewordenen moralischen Welt zu sich flüchten sähe«) und konstatierte, dass Ferruccio Busoni diese Stelle auch zitierte. Zudem falle die völlige Ich-Losigkeit des Textes auf. Ein Aufgehen in der Landschaft. Doch Nietzsche habe diese Position nicht durchhalten können.

In der Polemik als einer Art Gerichtsverfahren (Der Fall Wagner) habe Nietzsche versucht, die Lösung zu finden. Dabei habe es für ihn keine Rolle gespielt, dass Wagner zu dem Zeitpunkt bereits verstorben war. Nietzsche habe eine Diagnose der »modernen Seele« versucht. In Wagners Methode habe er eine »Tonsemiotik« konstatiert. Selbst in der Selbstdarstellung sei Wagner nicht authentisch gewesen.

An diesem Punkt sah Görner auch Nietzsches »Willen zur Macht« verortet. Nicht als »Selbstermächtigung«, sondern als Verfahren, einen Sinn in den Willen zu legen.

Der Unzeitgemäße, der Künstler vereine den Widerspruch in sich. (In eine Welt ohne Sinn einen Sinn zu legen?) Nietzsche stärke das Individuum, sich seiner Ohnmacht bewusst zu werden. So gehöre es zur Größe eines Menschen, dass er aus großen Persönlichkeiten keinen Nutzen ziehe. In Goethe sah er Größe und Genie vereinigt. Ein Genie gehe aus seiner Zeit hervor. Aber es müsse lange vorher auf ein Genie hin »gespart«, »gesammelt« werden.

Abschließend konstatierte Rüdiger Görner, dass Nietzsches Werk das einer Persönlichkeit werden konnte, weil er seine Zeitdiagnose als Persona non grata gedacht habe.

In der Diskussion verwies Prof. Stegmaier zunächst darauf, dass Nietzsche an keiner Stelle in seinem Werk Goethe als »Persönlichkeit« bezeichnet habe.

Görner antwortete, dass Goethe für Nietzsche eine solche Einordnung nicht nötig hatte. Goethe stand für Nietzsche jenseits solcher Erwartungen.

Zudem sei zu Nietzsches Lebzeiten der Schiller-Kult dominierend gewesen, nicht der um Goethe.

Ein Zuhörerin ergänzte einige Bemerkungen zum Verhältnis Wagner Meyerbeer.

Rüdiger Görner dankte für die Hinweise.

Nach einer weiteren Anmerkung, Meyerbeer sei im 19. Jahrhundert eine kulturelle Macht gewesen, wollte Prof. Sommer wissen, ob die »Gerichtsverhandlung« zum Fall Wagner der Versuch gewesen sei, die Personalität des Autors zu sichern.

Rüdiger Görner bejahte, und fügte an, dass hier um Person im doppelten Sinne ging, da es die Verhandlung über einen Künstler sein sollte.

Prof. Bloch fragte, warum Görner das Wort »Medialität« nicht gebraucht habe.

Görner antwortet, dass der Sachverhalt im Briefwechsel deutlich werde, in dem Maße, wie Nietzsche auf andere Menschen zugehe oder auch nicht. Dies gehöre sicher in den Bereich der Medialität.

Eine Zuhörerin monierte, dass Nietzsches Stendhal-Bild nicht korrekt gewesen sei.

Görner stimmte ihr zu, Nietzsche hebe nur die Ambivalenz hervor, deshalb sei für ihn die zynische Lesart die naheliegendste gewesen.

Frau Prof. Georg merkte an, dass Nietzsche in den Briefen an ihn selbst Dinge überlesen habe, die ihn nicht interessierten. Seine eigenen Briefe dagegen seien oft Monologe.

Görner antwortete, dass Wagner für Nietzsche das große Kunstereignis gewesen sei. Aber seine öffentlichen Äußerungen orientierten sich an strategischen Interessen.

An dieser Stelle beendete der Moderator die Diskussion.

Nach der Mittagspause schlossen sich weitere Vorträge an. Das setzte sich am 14. Oktober fort. Erst am Sonntagmorgen endete diese Konferenz mit einem Vortrag von Professor Christian Benne »Zeit des Erwachens. Versuch über den Schluss von Zarathustra«. Ein sehr gut gewählter Titel für den Sonntagmorgen, denn Naumburg liegt in Sachsen-Anhalt, dem »Land der Frühaufsteher«!?

 

Kommentar

Man muss der Friedrich-Nietzsche-Stiftung für ihre Arbeit danken. Die Anreise von Wissenschaftlern aus der ganzen Welt ist wahrscheinlich die wichtigste Anerkennung für die Organisatoren.

Der Vortrag Rüdiger Görners war für uns von besonderem Interesse, weil dieser eine weite Auffassung von Literatur vertritt, nicht an engen Disziplingrenzen klebt. Dieser Vortrag könnte Ausgangspunkt für weitere Arbeiten sein.

Einerseits wurde deutlich, wie nahe Nietzsches Versuche der Selbstvergewisserung an dem Phänomen liegen, welches wir heute »Performance« nennen. Die einst radikalen Emanzipationsversuche Nietzsches haben gewissermaßen »Baumarktqualität« erreicht. Jeder, der etwas auf sich hält, bastelt sich heute eine Künstler-Rolle, oder spielt eine Rolle eine Rolle zu spielen usw., eine »Performance« eben. Aber solche »Befreiungsversuche« führen oft zu »Burn-out-Erkrankungen«.

Hier böte sich ein Zitat aus dem 1805 im Peniger Dienemann-Verlag erschienen Büchlein »Nachtwachen« an. Ein ehemals erfolgloser Poet plaudert aus dem Nähkästchen: »Ich hab’s auf alle Weise versucht mich fortzubringen, aber immer vergeblich; bis ich endlich fand ich habe Kants Nase, Goethes Augen, Lessings Stirn, Schillers Mund und den Hintern mehrere berühmter Männer; ich machte darauf aufmerksam und fand Eingang, jemand fing an mich zu bewundern. Jetzt trieb ich’s weiter, ich schrieb an große Geister um alten abgelegten Trödel, und das Glück wollte mir so wohl, daß ich jetzt in Schuhen einherschreite in denen einst Kant eigenfüßig ging, am Tag Goethes Hut auf Lessings Perücke setzte, und zu Abend Schillers Schlafmütze trage, ja ich ging noch weiter, ich lernte weinen wie Kotzebue und niesen wie Tieck, und Er glaubt nicht, welchen Eindruck ich oft dadurch zuwege bringe, die Kreatur wohnt nun einmal im Leibe, und hat es mit diesem lieber zu tun, als mit dem Geiste; es ist keine Spiegelfechterei, wenn ich Ihm erzähle, daß jemand, vor dem ich einst wie Goethe mit verkehrt gesetztem Hute und in die Rockfalten verborgenen Händen einherwandelte, mir die Versicherung gab, das amüsiere ihn mehr, als Goethes neueste Schriften. – Man zieht mich seitdem an die vornehmsten Tafeln und ich befinde mich wohl dabei. –«

Interessant war auch der Verweis Görners auf Johann Georg Hamann. Wer kennt heute schon noch diesen großen Königsberger? Man hätte sich neben dem Verweis auf den Titel der Vorrede zu einer Schrift, die sich gegen »rationalizistische« Bekehrungsversuche durch Johann Christoph Berens und Immanuel Kant richtete, noch einen weiteren Bezug gewünscht. Hamann und sein Schüler und Freund Johann Gottfried Herder hatten im Anschluss an Gottfried Wilhelm Leibniz um 1770 bereits eine schlüssige Auffassung entwickelt, die die Sinneserkenntnis hochschätzte und Verstand/Vernunft/Sprache als inneren Zusammenhang der Sinneswahrnehmungen fasste. Bei Hamann kann man solche Sätze wie »Vernunft ist Sprache« finden. Er fragte Kant, ob es einen »Purismus« der Vernunft überhaupt geben könne. Für Herder war Literaturkritik immer Sprachkritik. Man lese seinen, von der Berliner Akademie der Wissenschaften preisgekrönten Essay über den »Ursprung der Sprache«.

Es war also nicht immer so, dass die Philosophen nur ein »reines« Denken, eine »reine« Vernunft und einen »absoluten« Geist kennen, und deshalb die Sprache und die sinnliche Erkenntnis gering schätzen. Für Hamann und Herder konstituieren wir uns als Menschen nicht in einem »Ich- oder Selbstbewusstsein«, sondern in Sprache. Nietzsches lebenslanges Ringen mit der Sprache deutet darauf hin, dass er auf der Spur war, die schon einmal gegangen, aber vom Wind des Jahrhunderts verweht wurde.

Johannes Eichenthal

 

Information

www.nietzsche-portal.eu

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One thought on “Nietzsche in Naumburg 2012

  1. Lieber, sehr verehrter Prof. Eichenthal,
    wieder einmal lassen Sie uns (anderenorts Beschäftigten), und damit am unmittelbaren Erleben einer so be-deutsamen, wie erfolgreichen Versammlung von Koryphären aus aller Welt durch Ihren eindrucksvollen Be-richt teilhaben. Danke! Zählt es doch zu den Genüssen höherer Art, Signale zu empfangen, die unserem be-scheidenen Tun bisweilen auch Recht geben. Sie wissen, verehrter Freund, dass ich mich mit „Stimme und
    Sprache“ etwas näher beschäftigt habe und dieses auch bemüht bin, weiterhin voran zu treiben.
    Die fundamentale Erkenntnis Nietzsches, (im Bezug auf das gesprochene Wort), dass es gar nicht die „Sprache an sich“ ist, sondern „ihr Klang, ihre Musik, ihr Temperament, hinter denen die Kraft der Begeisterung, die Leidenschaft und hinter dieser wiederum die Persönlichkeit“ als Ganzes stehe – finde ich auch im Briefwechsel von Bettina von Arnim von Brentano mit Karoline von Günderrode in vielfältiger Weise benannt. Hocherfreut konstatieren die beiden Damen, dass ihre geschriebenen Worte wie Musik „klingen“. Heißt das nicht gleichzeitig, dass aus ihren Worten mehr spricht als das Gesagte? So verstehe ich Nietzsche und vermittle meinen Schülern, (zum Verhältnis von Semantik und Pragmatik des gesprochenen Wortes), dass sie mit dem Klang des gesprochenen Wortes, einen Teil des eigenen „Ichs“ mit auf dem Weg geben, die einzigartige Wirkung, was und wie sie über das Gesagte denken, was sie dabei fühlen und vielleicht auch erahnen – und das wiederum assoziiert jenen unnachahmlichen eigenen Reichtum, der hinter dem Gesagten steht. So verstehe ich auch das emphatische Kompliment: „Ach, ich könnte Ihnen studenlang zuhören“.
    So kam es, dass wir bei der Erarbeitung der „Trilogie der Leidenschaft“ und zwar aus der Erörterung der zeit- und individualgeschichtlichen Zusammenhänge zu dem Schluß kamen, das sich Goethe selbst, auch in diesem genialen Alterswerk „in Poesie verwandelt“ hat – sein eigenes Schicksal (in diesem besonderen Zusammenhang) zum Kunstwerk mutierte, welches wir zurecht, um seinen eigenen Begriff zu gebrauchen „Weltliteratur“ nennen.

    Schönste Grüße und einen goldenen Herbst wünscht
    Siegfried Arlt

    Unser Leser D. M. Müller schickte uns per Post folgende Anmerkung zu diesem Kommentar:
    „Sein, das v e r s t a n d e n werden kann, ist Sprache.“ (Gadamer) Demnach ist Sprache nicht subjekzentrtiertes Klingen, sondern weithin objekt-zentrierter Inhalt. Vernunft und Verstand bleiben Konstitution, Sprache wird Verfasstheit.

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