Reportagen

Buchmesse Leipzig Tag 3 und 4

Am dritten Buchmesse-Tag wird die Messe laut Plan auch Nicht-Fachbesuchern geöffnet. Doch die Wirklichkeit ist immer anders. Bereits am Donnerstag und Freitag sah man Buchmesse-Touristen. Doch der Sonnabend bringt traditionell den größten Besucheransturm. Das Publikum wartete in der Halle bereits vor 10.00 Uhr auf den Einlass in die Messehallen.

Im Laufe des Tages kamen tausende Jugendliche in z.T. aufwändig hergestellten Kostümen ihrer Comic-Lieblingsfiguren, um sich in der Öffentlichkeit zu zeigen. Der Fußgängerverkehr durch die schmalen Röhrengänge zwischen den Hallen kam zeitweise nicht nur ins »Stocken«, teilweise mussten einzelne Richtungen sogar gesperrt werden. Wer zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Messestand sein wollte, der hatte es an diesem Tag schwer.

Am Nachmittag verflüssigten sich die allgegenwärtigen Staus wenigstens etwas. Um 16.30 Uhr trat Gudrun Wendler im Leipzig-Liest-Forum der Halle 5 vor das Publikum. Birgit Eichler vom Mironde-Verlag stellte den Zuhörern die Autorin und deren Buch »Aug um Ohr« vor. Gudrun Wendler studierte in Städten wie Paris, Tel Aviv und Los Angeles. Sie schreibt stark verdichtete lyrische Texte. Dabei geht sie von unserer Gang-und-Gäbe-Sprache aus, klopft und rüttelt, bis die Worte »freiwillig« einen tieferen Sinn offenbaren.

Dem Vortrag der Autorin, von starker Lakonie geprägt, keinerlei Pathos, konnte sich das Publikum nicht entziehen. Im Messetrubel zog Gudrun Wendlers zauberhafte Stimme selbst vorbeigehende Besucher in ihren Bann. Überflüssig zu sagen, dass Gudrun Wendler im handgebundenen Buch auch eigene Grafik , Malerei und Collagen vorstellt. Man kann es fast bedauern, dass dieses Buch nur in einer limitierten Auflage von 99 Exemplaren erschienen ist.

Nach der Lesung suchten einzelne Gäste der Buchvorstellung das Gespräch mit Gudrun Wendler am Stand des Mironde-Verlages. Man plauderte angenehm. Und schon war dieser dritte Messetag zu Ende. Den Besuchern, die bis 18.00 Uhr durchhielten, schenkte der Himmel für die Heimfahrt einen Vollmond, der wie eine überdimensionale Laterne die Straßen erleuchtete.

Der Vierte Tag begann verhalten. Dem Anschein nach ließen sich potenzielle Besucher von Radio-Messe-Stau-Meldungen und Stillstand-der-Masse-Fernsehbildern vom Vortage abschrecken. So wurde der Sonntag wahrscheinlich der ruhigste Messetag.
Um 14.30 Uhr erklomm Wolfgang Eckert das Podium im Leipzig-Liest-Forum Halle 5, um seinen autobiographischen Text »Das ferne Leuchten der Kindheit« vorzustellen. Das Buch ist eine Liebeserklärung an seine Geburtsstadt Meerane und seine Eltern. Eckert beschrieb seine Heimat in vielen Büchern, so erinnern sich manche an den Roman »Familienfoto«. Für seine Distanz zu sich selbst spricht, dass er seinerzeit im Vorwort den Eindruck erweckte, er habe den Roman nur geschrieben, weil er immer gefragt wurde, ob er auch ein Roman-Autor sei. Eine Biographie von Erich Knauf, eines anderen Meeraner Sohnes, veröffentlichte Eckert im Chemnitzer Verlag unter dem Titel »Heimat deine Sterne«.
Nun las er mit sonorer Stimme selbst aus einem autobiographischen Text, den er anlässlich seines 75. Geburtstages im Vorjahr vorlegte, und erzeugte sofort eine Atmosphäre, in der man sich an eine Zeit erinnerte, in der die sächsischen Kleinstädte noch vom Rhythmus der Industrie geprägt wurden, in der Fabrikschornsteine in den Himmel ragten und morgens tausende Menschen zu Fuß in die Fabriken liefen oder mit dem Fahrrad fuhren. Eckerts Erzählstil ist unprätentiös, frei von eitlem Gehabe und Selbstbeweihräucherungen. Hier redet einer, der wirklich etwas zu erzählen hat.

Das Sujet Eckerts bringt es mit sich, dass er vor allem Menschen aus seiner Generation anspricht. Die Groß-Strukturen des heutigen Buchhandels bringen es mit sich, dass Eckerts Buch vor allem in seiner Heimatstadt gekauft wird, weil man ihn hier persönlich kennt. Andererseits blieben an diesem Sonntagnachmittag Menschen stehen und setzten sich, die ihn wahrscheinlich noch nie gehört oder gelesen hatten. Eckert nahm es bescheiden lächelnd zur Kenntnis. Es war aber durchaus ein hart erkämpfter Erfolg.

Kommentar
Getragen wird die Buchmesse von den Ausstellern und den Besuchern. Insofern müssten beide über den wieder erreichten »Besucherrekord« jubeln. Doch im Gespräch mit Vertretern kleiner Verlage fiel die Bilanz gemischt aus. Gewiss habe man bewährte Kontakte gepflegt und neue geknüpft, aber das Fachpublikum sei dem Anschein nach auf dem Rückzug. Mancher klagte gar, dass er noch nie so wenig Buchhändler auf der Messe gesehen habe, wie in diesem Jahr. Dieses Urteil mag emotional dominiert sein, doch ganz von der Hand zu weisen ist der Trend nicht. Dahinter steckt vielleicht eine wesentlichere Diskrepanz. Das Streben nach Sofort-Buch-Erfolgen bringt zur Zeit jährlich etwa 140.000 Neuerscheinungen im deutschsprachigen Raum hervor. Dieses Volumen können nicht einmal mehr Fachleute überblicken. Gleichzeitig wächst die Zahl der funktionalen Analphabeten im Land, ein Viertel der Achtjährigen beherrscht keinen Mindestwortschatz mehr.
Vielleicht bedingen sich diese gegensätzlichen Züge doch mehr als selbst Fachleute glauben? Vielleicht reicht es nicht, irgendetwas als Buch zu veröffentlichen? Vielleicht ging und geht es um nachhaltige Texte und Bücher?


Ein Beleg für diese These, und das spricht für die Leipziger Buchmesse, war praktisch auch in Halle 3 zu finden: hier hatten die Antiquare ihre Messestände aufgeschlagen.
Wer die schönsten Bücher der Messe sucht, der kann diese bei den Antiquaren finden.
Diese Bücher müssen es uns nicht beweisen, dass sie schön sind. Allein ihre Existenz beweist ihre nachhaltige Schönheit. Allerdings haben diese Kostbarkeiten auch ihren Preis. Selbst ein Herder-Kritiker wie ich wurde beinahe schwach, als er in den Regalen des Antiquars, nein, nicht »W. K. Buchstaub«, sondern Professor Bernd Wirkus, eine Erstausgabe der »Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft« von 1799 erblickte. Aber wie gesagt, nur beinahe … die »reine Vernunft«, die es nach Herder gar nicht gibt, rettete meinen ehelichen Frieden …
Johannes Eichenthal

Information
Gudrun Wendler: Aug um Ohr. Malerei und Poesie.
68 Seiten. Limitierte Auflage-
ISBN 978-3-937654-56-0

Wolfgang Eckert: Das ferne Leuchten der Kindheit. 164 S.
ISBN 978-3-937654-40-9

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